Bild: Reserviert/Intendanz. Thale. Mai 2025.
Gardening At Night
Ein Mitsommermärchen
»Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzt
über die Felder!
Nimm dich in acht!
Eh du erwacht,
holt dich die Mutter
heim in der Nacht!«
(Theodor Storm: Die Regentrude. 1863)
Bevor er nach Thale aufbrach, schaute der Brillenträger noch ein letztes Mal nach seinen Balkonpflanzen. Die Tipps, die ihm sein Schwesterherz und die Brillenträgerin, die seit einigen Wochen schon morgens eine Sonnenbrille trug, in den letzten Jahren gegeben hatten, zeigten erfreulich ihre Wirkung. Alles grünte und blühte so gut es konnte, auch der Lavendel schob schon Blütenknospen in die Höhe. Die Dürre, die seit drei Monaten im Weltkulturerbe herrschte, hatte seiner Privatfauna bislang nichts anhaben können. Er schaute in den Himmel, der noch makellos blau war und checkte seine Wetterapp: Erst für den Abend waren für hier und für Thale Schauer angesagt. Er konnte nur hoffen, dass diese sich nicht zu einem der Gewitter auswuchsen, von denen in der Gegend schon ängstlich geflüstert wurde, der Sommer versprach einer der schlimmsten der sowieso schon schlimmen letzten Sommer zu werden. Dürre oder Überschwemmungen, dazwischen sollte es nichts mehr geben.
Da er noch eine halbe Stunde hatte, bis er zum Bahnhof aufbrechen wollte, überflog er noch ein Mal die frisch gedruckten Programme für die „Sommer Festspiele“ auf den Bergen und verbot es sich, darüber ein Kurzdrama zu schreiben, in dem die Bühnen auf dem Hexentanzplatz und in Altenbrak ihren schon so lange bestehenden Streit um die gute Kultur zu neuen Höhepunkten trieb. Wirkliches Schaupiel würde es dabei deutlich mehr auf der kleineren Bühne zu sehen geben, wenn auch vermeintlich nur für Kinder: „Till Eulenspiegel“ und „Das Dschungelbuch“, inszeniert vom Theater der Tiefe. Daneben auch dort: Musical und Volksmusik. Mit „Laronja – Das Geheimnis der Himmelsscheibe“ und den „Wildecker Herzbuben“ sollte dabei der großen Schwester am Nordhang der Berge Paroli geboten werden. Ihre Chancen standen dabei jedoch denkbar schlecht. Denn heute Abend würde das Harzer Bergtheater Thale nach Jahren des Ausbaus und der Modernisierung feierlich wiedereröffnet werden, und in zwei Wochen dann mit der Uraufführung von „Walpurga“ in die erste Saison der neuen Ära starten. Immerhin ein Schauspiel würde es in die Multifunktionsarena schaffen, „Pippi Langstrumpf“ (Harztheater) würde zum x-ten Mal auf die Naturbühne zurückkehren. Das Thalenser Laientheater Fairytale (als solches auch durch das Nichtauszahlen von Gagen definiert) würde neben dem erhofften Publikumsmagneten um eine junge Hexe, die sich von einem Jäger jagen lässt und von einer alten Hexe ins Hexensein eingeführt wird (ein bisschen wie „Frozen“, aus „Let it Go“ wurde „Frei sein“), noch ein weiteres Musical vom Berghang schallen: „Die Schöne und das Biest“, „spannend wie komisch und mit einer guten Portion Gefühl“. Beide Unterhaltungsshows inszeniert vom Intendanten höchstpersönlich: Ronny Große musste unglaublich nervös sein. Der Rest der Sommer Spiele wurde als „Sonderveranstaltungen“ beworben: Karat 50, Lisa Eckhart, Schiller (das DJ-Team), Michael Schulte, Disney Classics mit Ventura Fox & Friends, Heinz Rudolf Kunze, das Dark-Festival „Unter dem Himmel“, Gregor Meyle, die größten Hits von Queen, Nicole, Chris de Burgh, Münchner Freiheit, Alex Christensen, eine Scottisch Music Parade, ein Pink Floyd Tribute, Phillip Poisel, die Kastelruther Spatzen und zum Saisonabschluss Suzi Quatro. Der Brillenträger klappte die Broschüre zu, ließ sie auf dem Schreibtisch liegen und schnappte sich in guter Hoffnung seine Regenjacke.
Sein Schwesterherz wartete mit ihrer Oma an der Hand am Eingang des Bodetals und zeigte auf die Seilbahn über ihnen. Die Kabinen standen still und wiegten sich leicht im starken Wind. „Werden wir wohl laufen müssen. Oma sagt, sie bleibt lieber unten und wartet auf uns, wir sollen ihr dann später alles erzählen.“ Der Brillenträger gab seiner Oma einen Kuss auf die linke Wange und folgte dann seinem Schwesterherz, das bereits ein paar Meter über ihm den linken Rand des Bodetals hinaufgelaufen war. Er tastete in seinem Beutel nach der Taschenlampe, die sie auf dem Rückweg brauchen würden. Nach kaum zwanzig Minuten erreichten sie den rechten Hang des Steinbachtals auf halber Höhe, guckten kurz zum Ramberg rüber und entschieden sich dann gegen den beschwerlicheren Weg durch die Mausefalle, auch weil sie nicht wussten, ob der Geheimweg nicht doch in eine Sackgasse führen würde. Mit ihrer Familie auf dem Rücken stiegen sie die letzten Serpentinen bis zum unteren Seiteneingang des Theaters nach oben. Sie teilten sich ihre Kräfte dabei so gut ein, dass sie sich ausgelassen Theatergeschichten erzählen konnten, bis zur Eröffnung war noch ausreichend Zeit.
„Zum Glück hat Neo Rauch nicht auch noch die Kulissen für Walpurga gemalt!“
„Hätte mich auch nicht weiter gewundert. Man munkelt, der nimmt jetzt einfach noch alles mit, was irgendwie Geld bringt.“
„Wie zeitgeistig er doch immer noch ist. … Wie war’s eigentlich mit Virginia?“
„Woolf? Ach, wenn sie doch sowas mal auf den Berg bringen würden. Für das Publikum da wäre der Skandal wohl noch größer als 1962. Aber keine Angst, es war sehr gut. Arnold Hofheinz und Julia Siebenschuh spielen das wirklich herausragend.“
„Prima. Und was wird aus euren Theaterplänen im Herbst?“
„Glaubst du nicht! In San Francisco soll doch tatsächlich ein Musical über Luigi Mangione gespielt werden. Wenn wir dafür Karten kriegen können …“
Sein Schwesterherz blieb in diesem Moment vor einem massiven großen Holzzaun stehen, der Vorplatz des Bergtheaters war nur noch von oben aus zu betreten. Also schlugen sie den kleinen Bogen an der Walpurgishalle entlang, über die Reste des Sachsenwalls, vorbei an der Talstation, dem Ponyreitplatz und der Pommesbude, um sich dann am Ende in einer hundert Meter langen Menschenschlange einzureihen, der Himmel über ihnen hatte sich inzwischen zugezogen, aber der Regen wartete noch auf den richtigen Moment. Auf dem Vorplatz wartete nur wenige Minuten später ausnahmslos das Who is Who des Harzkreises, alle in ihrem jeweils besten Sonntagsstaat, die wichtigsten VIPs warteten hinter dem noch geschlossenen Tor. Sie grüßten viele bekannte Gesichter mit Blickkontakt, Zunicken oder gar Händeschütteln, alle waren aber doch zu gespannt, um sich längeren Gesprächen hinzugeben. Nur der Intendant, der Bürgermeister und der CDU-Landtagsabgeordnete mit dem rechten Ruf standen einträchtig in der Menge. Eine viertel Stunde später als geplant ertönte dann das erste Mal die Stimme der Moderatorin des Abends, einer Frau Brandt, die sinnigerweise auf dem Rücken ihrer Designerlederjacke das Symbol einer Flamme trug. Kaum hatte sie die ersten Begrüßungsworte gesprochen, begannen die Tropfen endlich vom Himmel zu fallen. Ungeduldig strömten die Massen gleich nach der Enthüllung des Eingangsportals in den Innenraum, einer der Hauptsponsoren, die Harzsparkasse, ließ rote Plasteponchos verteilen. Der Brillenträger und sein Schwesterherz suchten sich schnell ihre angestammten Plätze in der siebenten Reihe links und ließen zwischen sich Platz für Oma und Opa. Etwas weiter unten stand der Kulturstaatssekretär und Autor mit beiden Beinen auf der Sitzbank und unterhielt sich auffallend freundlich mit dem rechten Landtagsabgeordneten. Dann wurde es ruhiger, von der großen Videoleinwand hinter der unangenehm großen Extrabühne auf der Hauptbühne begrüßte der Intendant die Gäste und führte sie virtuell durch alle Bereiche der Bühne, die sie gerade nicht sehen konnten. Nur wenige Meter von ihnen entfernt, auf der wenig restaurierten Nebenbühne, die immer noch an eine kleine Burgruine erinnerte, begann kurz darauf der Eröffnungstalk, der Kulturstaatssekretär stand neben dem Landrat, der neben der Stadtratsvorsitzenden stand, die neben dem Intendanten stand. Und gemeinsam machten sie auch weiter keinen Hehl darum, warum hier geschehen war, was in den letzten Jahren geschehen war: Tourismus und Wirtschaft weiter ankurblen! Betten auslasten! Neue Betten schaffen! Das Geld der Touris! Erst der Harz, dann Deutschland, dann Europa, und dann auch noch der Rest der Welt! Ambitionen größer als die Aussicht von hier oben. Noch immer regnete es.
Als der erste Superstar des Abends die große Bühne betrat, überlegten es sich Wolken noch einmal und blieben wo sie waren. Angelika Milster versetzte das Publikum zu viele Lieder lang in einen wahren Fiebertraum, die Tontechnik musste ihr allerbestes geben: „Memories“, „I am what I am“, „What a feeling“, alles auf deutsch, und zum Schluss fühlten sich die meisten zum Stehen und Tanzen genötigt genug. Als endlich kam, worauf alle nicht gewartet hatten, schauten sich der Brillenträger und sein Schwesterherz nur halbbetroffen an: „Walpurga“ versprach nach diesen drei Kostproben genau das kulturindustrielle Produkt zu werden, von dem sich die Macher den neuen Ruhm der Bühne versprechen mussten; jedes Großprojekt braucht ein „Alleinstellungsmerkmal“, egal wie egal sein kultureller Wert ist. Sogar der Schwarze Poet, den der Brillenträger rechts oben auf der steilen Treppe stehen sah, hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, Regen tropfte von seiner Krempe auf den Beton.
In der Pause vor dem groß angekündigten Stargast schlichen sich die beiden zurück in den Wald unter dem Theater und blieben erst stehen, als sie die verzerrten Klänge aus den modernen Boxen nicht mehr vom Rauschen des Regens in den Bäumen unterscheiden konnten.
Kurz waren sie ganz still, als sie eine halbe Stunde vor Mitternacht am Grab ihrer Großeltern standen. Sie gratulierten ihrer Oma zum 106. Geburtstag, summten leise „Der Mond ist aufgegangen“ und plauderten dann munter drauflos: „Oma, Opa das Wetter hat perfekt mitgespielt, ihr könnt aufhören euch umzudrehen.“
„Ja, als die Vorband noch gespielt hat, und alle ihre Plätze so langsam fanden, … “
„Wir haben natürlich auf eurer Bank gesessen … “
„ … da kam die Sonne das erste Mal wieder raus. Die hätten sogar euch gefallen, glaube ich. Wir fanden sie jedenfalls richtig gut. Und angemessen. „Summertime“ und „Riders on the Storm“, und ihre letzten drei Lieder waren „Personal Jesus“, „Folsom Prison Blues“ und „Dancing in the Dark“, was man ruhig mal so machen kann, oder?“
„Es haben alle mitgeklatscht, und das auch noch im richtigen Takt. Das klang fast international.“
„Und, ihr werdet es nicht glauben, aber die Opernsparte durfte Kostproben aus dem „Freischütz“ und dem „Bettelstudenten“ geben.“
„Victoria! … doch nur auf die Schulter geküsst!“
„Und dabei sind die Wolken dann wirklich mal aufgerissen!“
„Und, Oma, weißt du, was der schönste Moment war? … Erinnerst du dich an Bettina Pierags? Und weißt du noch, wie sehr ich als kleiner Junge in sie verliebt gewesen bin? Und sie als der Sitznachbar von Pippi in der Schule immer angehimmelt habe? Oder vor ihren Heldentaten mitten auf der Bühne in gespielte Ohmacht gefallen bin?“
„Ach, die hat früher auch schon die Pippi gespielt?“
„Hm. Und als Blues Brother gefällt sie mir heute noch viiiiel besser.“
„Also ja, insgesamt war es okay. Aber wirklich was verpasst habt ihr auch nicht.“ Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. „Sollen wir noch mal gießen?“
Er schaute nach oben, konnte aber keine Sterne mehr sehen. Dann bemerkte er einen Tropfen auf seiner Brille. „Ich denke, das könnte reichen.“ Sie gingen schweigend vorbei an den vielen vertrauten Grabstätten, der Regen fiel auf die frischen Blätter der uralten Bäume, und vom Berg drang leise ein Echo zu ihnen, ein Gemisch aus Pop-Musik, Feuerwerk und betrunken wogenden Schwaden von Applaus.
„We echoed up the garbage sound,
but they were busy in the rows.
We fell up not to see the sun,
gardening at night
just didn’t grow.“
(R.E.M. 1982)

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