So.
Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut,
wenigstens mal eine Episode in diesem Jahr
irgendwie so hier beginnen zu können,
wenigstens zum Jahresende:
Ganz ehrlich,
es gab auch schon mal schlimmere Wochen
in diesem Jahr,
also so weltgeschichtlich gesehen,
provinziell ja sowieso.
Ein bisschen Relativierung der Dramatik,
um wenigstens kurz
den Anschein von Harmonie zu erwecken,
oder wenigstens
die Erinnerung daran nicht völlig aufzugeben.
Aber dann:
Freitag Abend.
Die Bördemetropole (Magdeburg)
steht innerhalb von wenigen Minuten
im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit,
und es hebt eine mediale Kakophonie an,
die zur Stunde noch andauert
und alles andere übertönt.
Während ich nämlich
völlig erschöpft von der letzten Schulwoche
und einer wieder erstarkten Erkältung
auf der Couch liege
und Francis Ford Coppolas
letztes Meisterwerk („Megalopolis“)
über das dann doch irgendwie Gelingen
irgendeiner Utopie bewundere,
überblenden sich auf meinem Handy
die Pushnachrichten von der Tagesschau bis zum Guardian,
drei verschiedene Freund*innen
haben mir bereits Videoschnipsel geschickt,
immerhin eine davon mit einer Triggerwarnung versehen,
viele weitere folgen.
In den Whatsappgruppen und Statusmeldungen
leuchten unzählige schwarze Kerzen auf:
Pray for Magdeburg.
Was passiert ist?
Terror.
Anschlag.
Weihnachtsmarkt.
Stand heute:
Fünf Tote, darunter ein Kind,
200 Verletzte.
Aus den Magdeburger Krankenhäusern
werden alle entlassen,
die noch laufen können,
trotzdem reichen die Betten nicht.
Nur wenige Stunden nach dem Massaker
stellt sich der Täter,
indem er aus seinem schwarzen Miet-SUV steigt
und sich flach auf den Bauch legt.
Ein Dutzend Polizisten mit gezogenen Waffen
umstellt ihn und führt ihn ab,
ein Touristenbus hält direkt daneben,
die Touris machen Fotos vom Oberdeck.
Von wem?
Von einem Psychater,
der seit einigen Jahren
in der entsprechenden Klinik in Bernburg gearbeitet hat.
Seit 2016 genießt der gebürtige Saudi
in Deutschland Asyl
und ist bestens vernetzt.
Allerdings nicht mit dem IS oder ähnlichen Terrorfans,
sondern mit der Islamkritikergemeinschaft.
Bereits 2014 hat er der BBC
ein Fernsehinterview gegeben,
in dem er den Islam geißelt.
Er unterstützt die Migrationspolitik der AfD,
ist mit dem Zustand der Asylbwerber*innen in Europa unzufrieden,
kommentiert gerne auf „Nius“
und ist bekennender Naomi Seibt Fan
(zu der später noch mehr).
Ja, auch ich bin immer noch verwirrt.
Er hat also genau das geplant und gemacht,
was die AfD umgehend (und immerhin zu recht)
als „Wahnsinn“ bezeichnet,
um ein Zeichen gegen diesen Wahnsinn zu setzen?
Hat schon mal jemand
die Psychopharmakavorräte in Bernburg
überprüft?
Sorry,
aber bevor ich hier
in ganz schlechte Kompensationssatire abdrifte,
oder mich noch darin ergehe,
die Solidaritätswellen zu verunglimpfen,
die seit fast zwei Tagen durchs Netz rollen,
und die wie immer wenig anderes zeigen
als Hilflosigkeit,
Heuchelei und Opportunismus
(die allermeisten Vorweihnachtsaktivitäten
werden wegen Unangemessenheit abgesagt),
bleibe ich vorerst nur bei einer Frage:
Was ist eigentlich aus
„Wir lassen den Terror nicht gewinnen“
geworden?
Und weil #DieDoppeltenZwanziger
nun mal #DieDoppeltenZwanziger sind,
beantworten sie diese Frage auch gleich wieder selbst:
Was soll daraus geworden sein?
In Harmonie mit diesem Jahrzehnt zu sein,
davon haben sie sich ja bekanntlich schon
in der Pilotstaffel verabschiedet,
und deswegen bleibt es auch beim Weitermachen.
Einfach aufgeben
und ins verzweifelte Rumgeheule einstimmen?
Oder vielleicht noch
ins einfach so tun
als wäre nichts?
Nope.
Sorry,
not sorry.
Bevor ich versuchen werde,
der vergangenen Woche
aber doch noch
das Hoffnungsvolle abzuringen,
bekommt sie allerdings erst den Text,
den sie verdient hat;
wie bereits angeklungen,
war sie bis Freitag
fast schon unterdurchschnittlich katastrophal.
Beginnen wir am besten hier in der Provinz,
Harmonie kommt ja nicht von irgendwo her.
Im Weltkulturerbe
wird in der Mitte der Woche
ein großes Bürgerfest gefeiert.
Der Anlass
sind 30 Jahre
eben dieses Weltkulturerbe,
also die offizielle Aufnahme in dieses.
Die Hochzeitsperlen
kullern nur so
über das Kopfsteinpflaster.
In der Welt erscheint
ein regelrecht lokalpropagandistischer Artikel,
der Quedlinburg
als „innerdeutsches Auswanderungsziel“
missbraucht.
Wessis werden zitiert:
„Genau wie bei uns,
nur vor 30 Jahren.“
Als ob denen nicht eh schon
gefühlt die halbe Innenstadt gehören würde.
Und als Krönung der Selbstkränkung
darf ein Schmierfink
eine Hymne am Guts-Muths Denkmal verlesen,
das er stilecht
als „Quedlinburger Stadtes Herz“ besingt.
Eingeweiht wurde dabei auch
eine kalligraphisch verzierte
steinerne Bank
(gemeißelt hat die Jugendbauhütte).
„Wir können stolz
auf diese Jugendlichen sein,
die das Stadtbild verzieren
und nicht beschmieren!“
Oberbürgermeister Ruch guckt so
als ob auch ihm
der Schwarze Poet
irgendwie langsam unheimlich wird.
Nur ein paar Kilometer weiter
wird währenddessen
schon weiter fleißig
an den nächsten 30 Jahren Weltkultur gefeilt:
Die PR-Abteilung des Thalenser Bergtheaters
dropt eine Bombe nach der anderen:
Die ersten Starbesetzungen für „Walpurga“
werden verkündet.
Eine „Grande Dame“ des deutschen Musicals,
Angelika Milster,
darf die erste Welle eröffnen.
Zielgruppe Eins
(DDR-Boomer mit normalem Musikgeschmack)
frohlockt schonmal.
Senta-Sofia Delliponti
wird die Walpurga geben.
Zielgruppe Zwei
(Nachwende-Millenials mit weniger Musikgeschmack)
frohlockt ebenfalls.
Zeitgleich wird eine Spendenaktion gestartet,
Fans sollen also zwei mal bezahlen.
Langfristig zeichnet sich ebenfalls großes ab:
Die neue Veranstaltungshalle,
die bis zum Ende des Jahrzehnts
auf der Brockenkuppe stehen soll,
schreit ja geradezu
nach einem „Walpurga“-Marathon
zu ihrer Eröffnung.
Unterdessen
droht in Syrien
eine humanitäre Katastrophe,
sagen die Vereinten Nationen.
„Drohen“ kann dabei nur
ein Tipp-Fehler in der Erklärung gewesen sein.
Ursual von der Leyen verhandelt da schon wieder,
in Ankara.
Eis gibt neues Geld für Gesundheit und Schulen
in der Türkei.
ACAB fordert die Kurden auf,
die Waffen niederzulegen.
Die selben Waffen mit denen die sie sich seit 13 Jahren
gegen die selben Dschihadisten wehren,
die jetzt die Macht in Syrien für sich beanspruchen.
Deren Chef, al-Scharaa,
fordert etwas geschickter
eine staatliche Waffenkontrolle,
was ja schon fast westliche Werte sind.
Unterdessen
bricht an einer Schule in NRW
das erste Mal in Deutschland
Mpox aus.
Und in den USA ist die Vogelgrippe
nur noch ein paar wenige Mutationen davon entfernt,
sich von Mensch zu Mensch übertragen zu lassen.
Unterdessen
hat der Kanzler
die Misstrauensfrage gestellt:
Am Montag um halb Fünf am Nachmittag
sind die 717 abgegebenen Stimmen ausgezählt.
207 vertrauen ihm,
394 vertrauen ihm nicht,
116 (Grüne) enthalten sich.
Und ich hab jetzt schon
so überhaupt gar keinen Bock auf Merz.
Für Februar werden zwei Fernsehduelle
zwischen ihm und Herausforderer Scholz angekündigt.
Eine Vize-Duell
zwischen Habeck und Weidel
sagen beide
wegen unterschiedlichen Gründen ab.
Unterdessen
sollte die AfD in Brandenburg
eigentlich noch auf „erwiesen rechtsextrem“ hochgestuft werden,
aber dann kam der Bundestagswahlkampf.
Bei dem Welt TV inzwischen
den Propagandapart übernommen hat.
Immerhin wird in Sachsen
Kretschmer (CDU) mit Linken-Stimmen
zum Ministerpräsidenten gewählt.
Unterdessen
findet Carsten Linnemann (CDU)
in einem Autohaus
sowas wie Trump 2.0
„richtig gute Politik“,
die er inhaltlich aber nicht bewerten will.
Wahrscheinlich weil Politik
nur dann richtig gut ist,
wenn sie inhaltslos ist.
Unterdessen
fällt Trumps Kabinett
dieses Mal schon vor der Bildung zusammen.
Die Demokraten kündigen an,
die Amtseinführung zu boykottieren.
Also schlagen der Frisurensohn
und der mächtigste Mann der Welt
schon mal vorbeugend zu
und mischen sich in die
heißgelaufene US-Haushaltsdebatte ein;
ein Shutdown zu Weihnachten
wäre doch eine passende Botschaft.
Republikanern,
die sich dem widersetzen,
wird schonmal mit nächstmöglicher Abwahl gedroht.
Der Shutdown bleibt
aber überraschenderweise aus.
Und während jetzt auch Mark Zuckerberg
an die Trumpkampagne spendet
(wobei eine Million
auch als Ohrfeige gelesen werden können),
spendet Elon Musk
demnächst auch an Nigel Farage (UK, Arschloch),
was die beiden bei Steak und Koks
in Florida besprechen.
Am Freitag gibt Elon
dann auch noch seinen Senf dazu
und repostet,
nach dem Anschlag in Magdeburg,
einen Post von Naomi Seibt,
kommentiert mit:
„Only the AfD can save Germany!“,
was dann auch noch von Alexander Dugin
repostet wird.
Das neue Hakenkreuz
ist offensichtlich ein X.
Dass Christian Lindner
ihn jetzt noch zur FDP bekehren will,
das kann auch falsch verstanden werden.
Im (Handels-)Krieg
sind eben auch
alle Tricks erlaubt.
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 145.
Das dritte Kriegschristkind steht vor der Tür. Montag: Der ukrainische Armeeverband „Madjar“ verkündet schwere Verluste unter den nordkoreanischen Soldaten in Kursk. Schewtschenko und Jeljisawjetiwka (Donezk) sind „befreit“. Unweit entfernt wird ein russisches Munitionsdepot zerstört. Donald Trump findet Bidens Freigabe von Langstreckenwaffen „dumm“ und fordert, schnellstmöglich, einen „Deal“ zu machen. Dienstag: In Moskau wird der General für ABC-Waffen mit einem Sprengsatz vor seinem Haus getötet. Wenig später bekennt sich der SBU zu diesem Terroranschlag. Die USA haben von nichts gewusst. In Kursk wird immer schwerer gekämpft. Die Joint Expeditionary Force (JEF) spricht sich für Selenskyjs „Siegesplan“ aus, dazu gehören Großbritannien, Niederlande, Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland, Island, Estland, Lettland und Litauen. In Wiesbaden nimmt das NSATU (NATO Security Assistance and Training for Ukraine) seine Arbeit auf. Mittwoch: Der Attentäter von gestern ist festgenommen, ein Uzbeke, der im Auftrag des SBU gehandelt hat. Stari Terny und Trudowe (Kurachowe) sind „befreit“. Strack-Zimmermann fordert in Brüssel erneut die Erhöhung des Wehretats. Beim Nato-Sondertreffen warnt Scholz vor einem „Diktatfrieden“. Donnerstag: In Krywyi Rih zerstört ein Raketenangriff große Teile des Stromnetzes und ein Krankenhaus. Putin schlägt den USA ein „Raketenduell“ auf neutralem Boden vor, signalisiert gleichzeitig Kompromissbereitschaft bei künftigen Verhandlungen vor und sieht Selenskyj dabei aber nicht als legitimen Verhandlungspartner. In Charkiw werden ein gutes dutzend Wohnhäuser bei einem Raketenangriff beschädigt. Sarak Wagenknecht hält Putin bei Lanz für einen Verbrecher. Freitag: Scholz telefoniert mit Trump und ist verstörend zuversichtlich. In Deutschland steigt die Zahl der Kriegsdienstverweigerer weiter deutlich. Cherson und Kiew sind Ziele von massiven Raketenangriffen, zwei Zivilsten sterben. Uspeniwka und Nowopustynka (Donezk) sind „befreit“. In Kursk schlagen Himars-Raketen ein, sechs Zivilisten sterben. Samstag: Kostjantynopolske (Donezk) ist „befreit“. Der frühere ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, soll neuer Vertreter seines Landes bei den Vereinten Nationen in New York werden. Sonntag: Anstelle eines Tagesschau-Live-Tickers gibt es am vierten Advent ein Video: Ukrainische Kinder singen Weihnachtslieder. Trotz allem.
Unterdessen
haben die deutschen Rüstungsexporte
schon wieder einen neuen Rekordwert erreicht:
Im Wert von 13,2 Milliarden Euro
(im abgelaufenen Jahr)
morden deutsche Waffen
weiter mit in aller Welt.
Da macht es bald nichts mehr,
dass VW bis 2030
35.000 Arbeitsplätze abbauen will,
denn böse Zungen behaupten,
dass dann eben neue Arbeitsplätze
geschaffen werden können,
denn die Werke bleiben ausdrücklich alle erhalten.
Kriegswirtschaft braucht Produktionsstätten.
Unterdessen
gehen in Frankreich zwei Jahrhundertprozesse zu Ende.
Der Pelicot-Vergewaltigungsprozess
„ändert“ laut taz „alles“.
Schön wär’s.
Dafür muss Frankreichs ehemaliger Präsident
Nicolas Sarkozy
jetzt ein Jahr lang eine elektronische Fußfessel tragen.
Der möchte aber noch
den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen.
Madame Pelicot hat so unendlich viel mehr Würde.
Unterdessen
ist der weltweit größte Eisberg (A23a)
endlich unterwegs,
um sich in den erhitzenden Weltmeeren
aufzulösen.
Unterdessen
erfindet Oreo
mit Hilfe von AI
neue Geschmacksrichtungen.
Und unter
all diesen
zeitgeistigen Dissonanzen
haben wir heute also
unser letztes Weihnachtskonzert gesungen.
In der St. Elisabeth Kirche (katholisch) in Ballenstedt
waren, im Gegensatz zum letzten Jahr,
alle Plätze besetzt.
Über unser „Statement“
zum Anschlag in Magdeburg
hatte ich mich gestern noch,
telefonisch, während des Weihnachtsshoppings
in der Mall of Berlin,
mit unserer Leiterin verständigt.
Große Worte
waren nach nicht mal 48 Stunden
bereits schon so viele gesprochen worden,
unsere Weihnachts-Botschaft
würde für sich selbst klingen.
Sopran,
Alt,
Tenor,
Bass.
Wann, wenn nicht jetzt?
Zu Beginn der Woche
hatte ich eigentlich
einen kleinen Rückblick geplant,
unsere kleine Tour
zählte bereits zwei Konzerte
in Thale und in Quedlinburg,
wir sollten noch in Gernrode singen
und haben es eben heute in Ballenstedt getan.
Ich wollte eigentlich
über die Mehrzahl von Applaus sinnieren
und das weite Feld der Klatschintensitäten besingen.
Ich wollte eigentlich
über die herzzerreissende Herzlichkeit
„verrissener“ Konzerte schreiben.
Ich wollte eigentlich
wieder darüber nachdenken,
was wir mit den Spendeneininnahmen anstellen sollten.
Und eigentlich
darüber,
wie berührend
berührte Zuhörer*innen
aussehen können.
Oder eigentlich darüber,
was für ein Glück es ist,
wenn das Kleinkind in der ersten Reihe
nach dem zweiten Lied
friedlich im Arm seiner Mutter schlummert.
Stattdessen
erschrecke ich mich darüber,
Angst davor haben zu müssen,
dass vielleicht schon nächstes Jahr
Anschläge auf Weihnachtsmärkte
auch nicht mehr krass genug sein werden,
dann,
wenn das erste Weihnachtskonzert
in einer Kirche
angegriffen wird.
In Magdeburg kommt es momentan
bereits den zweiten Abend in Folge
zu Hetzjagden auf „Ausländer“,
der Kern der gesamtostdeutschen Neonaziszene
„demonstriert“ faschistisches Brauchtum.
Morgen will Alice Weidel
in der Landeshauptstadt sprechen.
Wahnsinn.
Anyways,
in der „Ruinenromantik“
ist morgen noch mal „abhotten“;
und auf Facebook
wird zur großen Weihnachtsparty
im „Kaiserhof“ eingeladen.
Beides keine 200 Meter
vom Schreibtisch entfernt.
Für die nächsten Weihnachtskonzerte
habe ich heute ein neues Stück
für das Repertoire angemeldet.
Als Satz für vier Stimmen:
„What can I give Him,
poor as I am?
If I were a shepherd
I would bring a lamb,
if I were a wise man
I would do my part,
yet what I can give Him —
Give my heart.“
(Christina Rosetti: In the Bleak Midwinter. 1872)

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