Der Marktplatz in Quedlinburg war heute gegen dreiviertel Drei nur wenig belebt. „Hey, pass auf, dass Du nicht ins falsche Licht gerätst!“
Der Brillenträger musste grinsen, der freundliche Zuruf eines Bekannten erinnerte ihn daran, wie unheimlich es ist, zu wissen, dass sich auf einem kleinen Marktplatz gerade die gegensätzlichsten „Meinungen“ versammeln, und Menschen, die man zwar kennt, weil man denkt, etwas über sie zu wissen, aber dann doch auch nicht kennt, weil man noch nie wirklich mit ihnen gesprochen hat, – dass einige von denen gleich mit Nazis spazieren gehen werden.
Der da hinten zum Beispiel, aha, das ist doch […]. Da hab ich ja gehört, der würde […]. Und letzte Woche hat mir […] erzählt, dass bei ihr im […] der […] zu […] gesagt hätte; und ob ich mir das vorstellen könnte? Und so weiter.
Jedenfalls erwiderte der Brillenträger den Zuruf, indem er auf seine Kameratasche zeigte und rief: „Nee, nee, ich bin hier, um andere ins richtige Licht zu rücken.“ Die paar Fotos, die er dann machte, entstanden mit Gewissensbissen, und er wusste bereits, dass sie nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken würden.
Aber:
Vor dem Mac Geiz hatten sich also gegen 15 Uhr vielleicht 150 Menschen versammelt. Unter ihnen bekannte Gesichter aus der lokalen Kohorte der mehrfach einschlägig Vorbestraften und/oder Verurteilten.
Ist es gemein, bei der Beschreibung einer Querfront gleich mit denen anzufangen? (Nein.) Dann wären da noch ungefähr zehn Menschen gewesen, die sich in der Mitte des Marktes in einem großen Kreis auf ihren Yogamatten niedergelassen hatten (zu denen später mehr), um zu meditieren. In den Gassen an beiden Seiten des Rathauses standen jeweils drei Einsatzwagen der Polizei. Auf dem Markt selbst einer. Mehrere Polizisten begannen die Anwesenden auf die Einhaltung des Abstandsgebotes hinzuweisen und mit einigen der Organisatoren zu sprechen. Marschiert wird hier nicht, in Deutschland geht man seit einigen Jahren einfach nur gerne zusammen in Innenstädten spazieren.
Inzwischen hatte sich der Brillenträger an eine Hausecke auf der Westseite gestellt, die Kamera immer noch in der Hand.
Ein weiterer Bekannter kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Nur kurz zögerte er, fasste dann aber zu.
„Na, […], was machst du denn hier?“
Er wolle mitlaufen? Wisse er denn, mit wem er da mitlaufe? Ach, das wäre ihm erst mal egal, Hauptsache es macht mal jemand was. Gegen die Zustände. Er fragte dann auch noch mal nach, ob da wirklich Nazis dabei wären. Und ging dann seiner Wege.
Die Meditationsgruppe war inzwischen voll in ihrem Element, als der Brillenträger auf die Ostseite des Marktes wechselte, im Schatten wurde ihm langsam kalt. Hinter ihm kamen in diesem Augenblick drei laut knatternde Motorräder durch die Gasse gefahren, warteten kurz mit laufenden Motoren an der Sparkasse, bevor einer eine kleine Runde drehte, nur um dann ganz schnell wieder zu verschwinden.
Auf der Sonnenseite angekommen, dachte der Brillenträger wieder darüber nach, ob jetzt jemand der vielen bekannten Gesichter hier denken würde, dass auch er Bill Gates doof findet, oder so was. Aber er wusste, wodurch sich diese allgemein spürbare Verun-sicherung gleich aufheben würde.
Der Markt ist der Markt, hier sind erst mal alle nur Menschen auf einem Markt. Die sich gerade ein Eis geholt haben, oder auf jemanden warten. Die einfach mal fünf Minuten in der Sonne sitzen wollen oder mal mit dem Fahrrad drüber fahren. Jetzt allerdings setzte sich der Spaziergang in Bewegung, die Enttäuschung darüber, dass doch keine Kundgebung der „Patriotischen Bewegung Ostdeutschland“ stattgefunden hatte, war schnell verflogen und es wurde herzlich gelacht, über die Schilder in den Cafés, die bald wieder eröffnen sollten, auf denen um Abstand gebeten wurde. „Hahaha, ABstand, mit großem B. Damit es auch ja alle kapieren. Hahaha.“
Der Brillenträger trat einen Schritt zurück, als die ersten an ihm vorbei spazierten und ließ die Hand mit der Kamera gesenkt. Es waren zu viele, die er mindestens vom Sehen kannte, die er irgendwo einordnen konnte, von denen er glaubte, etwas über sie zu wissen. Zu viele. Die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln lief buchstäblich an ihm vorbei. Angeführt von Muskelbergen, die ihre besten Tage hinter sich hatten und deswegen von ihren großen Hunden an der Leine geführt wurden, spazierten sie los, rechts am Rathaus vorbei, in die Schatten der engen Gassen.
Der Brillenträger dachte, die einzigen, die hier gerade alles richtig gemacht haben, sind die Menschen auf ihren Yogamatten. Die haben mit niemandem gesprochen, haben niemanden fotografiert und sind mit niemandem mitgelaufen. Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr und verschwand durch die kleinste Gasse nach Hause.
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