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The only way out is through (S3:Ep1)

von | 2020 | 12. August | Die Serie, Staffel 3 - Cope

In der wärmsten Woche des Jahres,
zum Höhepunkt der Sommerferien,
mitten in der Pandemie
macht man im besten Falle was?
Im Schatten lesen,
irgendwie baden
und möglichst apathisch sein:

„Etwa um diese Zeit gab es auch eine Zunahme an Bränden, vor allem in den Vergnügungsvierteln an den Westtoren der Stadt. Erkundigungen ergaben, dass es sich um aus der Quarantäne zurück-gekehrte Menschen handelte, die vor Trauer und Unglück den Verstand verloren hatten und mit der Illusion, so die Pest umzubringen, ihr Haus anzündeten. Es kostete große Mühe, diese Übergriffe zu bekämpfen, deren Häufigkeit wegen des heftigen Windes ganze Stadtviertel ständig gefährdete. Nachdem man vergeblich dargelegt hatte, dass die von den Behörden vorgenommene Desinfizierung der Häuser genügte, um jede Ansteckungsgefahr zu beseitigen, mussten gegen diese unschuldigen Brandstifter sehr strenge Strafen festgesetzt werden. Und wahrscheinlich war es nicht der Gedanke an das Gefängnis, der jene Unglücklichen damals abschreckte, sondern die allen Einwohnern gemeinsame Gewissheit, dass eine Gefängnisstrafe infolge der extrem hohen Sterblichkeitsziffer im städtischen Kerker einem Todesurteil gleichkam.“

(Albert Camus: Die Pest. 1947.)

 

Zugegeben, erst Mitte 2020 Camus zu lesen
ist nicht besonders originell,
aber deswegen ja nicht verkehrt.
Manchmal sind die Schilderungen im Roman
beklemmend wirklich,
da man so viele Beispiele
aus seinem Alltag zu kennen meint;
nur sterben die Menschen im Buch
eben wirklich wie die Fliegen.
Ein Hauptgrund ist die Isolation
der algerischen Küstenstadt Oran selbst.
Die Pest kann nicht weiter,
also wütet sie unerbittlich
innerhalb der Stadtmauern.

Würde der Roman heute spielen,
wäre die chinesische Provinz Xinjiang
sicher einer der interessantesten Schauplätze.
Sie ist ähnlich unabhängig von China wie Tibet,
und verfügt über die größten Menschenlager
seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die muslimischen Uiguren,
die dort die Mehrheit der Bevölkerung stellen,
werden aggressiv umgeschult.
Und wer gar nicht spuren will,
darf das dann in Umerziehungslagern nachholen.
Dass dem Frisurensohn das gefällt,
überrascht also gar nicht.
Und damit da nicht nur gelernt wird den ganzen Tag,
dürfen die Umzuerziehenden auch arbeiten.
Billig und schnell produziert werden muss immer irgendwas,
Atemschutzmasken zum Beispiel.
Der Bericht einer Arbeiterin in einer solchen Fabrik,
über den letzten Infektionsausbruch,
die neuesten Quarantäneverordnungen,
die Wohnverhältnisse in den Blocks,
die verhaltenen Gespräche,
das stupide Nähen und Verpacken,
das trotzige Festhalten am Gebet,
das Exil,
wäre ein Schwarzlicht
auf dem verdreckten Laken
des chinesischen „Kommunismus“.

Die Geschichte ließe sich aber auch
auf Rykers Island erzählen.
Die berühmte Korrekturanstalt
mitten im East River von New York
meldete Anfang August
einen dramatischen Anstieg der Infektionszahlen.
Wie das wohl ein Insasse,
der dort seit 50 Jahren auf den Tod wartet,
wahrnimmt?

Oder wie wäre es mit einer Reportage
einer Schülerin
der North Paulding Highschool in Georgia,
die suspendiert wurde,
nachdem sie ein Foto
von völlig verstopften Schulfluren
online stellte.
Neun Tage später
wurde die Schule zeitweise geschlossen;
es gab Infektionen bei Schülern und Lehrern.

Unterbrochen werden könnte einer dieser Berichte
dann noch von den Darstellungen eines Motoradfahrers,
der momentan mit seiner Maschine
zusammen mit 200.000 anderen Maschinen
und ihren Haltern
in Sturgis, South Dakota
ordentlich Dampf ablässt.
Ausgangspunkt einer jeden Erzählung
könnte dann noch die Meldung
über die Impfung von Putins Tochter sein.
Für Kafka, Baudrillard, Lyotard
und Schlingensief
würde die Welt auf einmal Sinn ergeben.

Das Gute an „Die Pest“ allerdings ist,
dass sie zu Ende geht.
Das Schwerste und Leichteste bis dahin
ist das Warten.
Aber Camus wäre nicht Camus,
wenn nicht:

„Während Rieux den Freudenschreien lauschte, erinnerte er sich nämlich daran, dass diese Freude immer bedroht war. Denn er wusste, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in Büchern lesen kann, dass nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

(ebenda.)

Ja sorry, die Sommerpause
hatte ich mir auch länger gewünscht,
aber es ist nun mal 2020.
Genau,
das Sche*ßjahr mit dem geilen Sommer.
Vielleicht hätte ich mir
ein anderes Jahr aussuchen sollen,
um mit dem Chronikschreiben anzufangen?
Im Januar war das Jahr doch schon fertig:

1. Die Klimakrise wurde wenigstens mal etwas ernster genommen
2. Der Trumpismus trat in seine Endphase ein
3. Im Nahen Osten nur der normale Wahnsinn
4. Deutschland wollte Abschied von Mutti nehmen
Dazu noch ne EM, Olympia, Freiluftkonzerte –
zack, fertig: 2020.
Reichte ja auch.
Aber dann wurden alle diese Dinge überlagert,
und nichts konnte mehr
ohne die Pandemie gedacht werden.
Unter dieser Decke verschwinden
die Hierarchien der Relevanz.
Aber was so eine richtige Chronik sein will,
muss weitermachen,
ansonsten verkommt sie
zu selbstgefälligem Kommentar
zu der immer gleichen Sache.*
Also,
denn die Welt steht immer noch in Flammen:

„Das ist jedoch nur eine Facette in diesem Sommer der Brände (gemeint ist: 2017). Als er sich dem Ende zuneigte, standen weite Teile des amerikanischen Westens in Flammen. Der Brand in Los Angeles war der größte, der jemals innerhalb der Stadtgrenzen verzeichnet worden war.“

(Naomi Klein: Der Sommer der Brände. 2019.)

Seit zwei Tagen
steht die künftige Vize-Präsidentin der USA fest.
Kamala Harris,
Senatorin aus eben diesem brennenden Los Angeles,
steht bestimmt nicht
für einen Linksruck,
aber ein Green New Deal
als Antwort auf den Klimawandel
sollte schon drin sein.
Und in den nächsten vier Jahren
dürfte die junge Basis der Demokraten (aka „The Squad“)
schon noch für ordentlich Wirbel sorgen.
Zum Frisurensohn gibt es im Grunde
dann auch nichts mehr groß zu schreiben,
zumindest nicht bis er die Wahl sabotiert.
Die anderen Projekte sind interessanter:
Das „Lincoln Project“ zum Beispiel.
Eigentlich nichts weiter
als eine Stiftung von Republikanern,
die krasse Anti-Trump Clips produziert,
aber das ist ja paradox genug.
Sinnvoller ist da schon das
1619 Project,
eine landesweite Bildungsinitiative der New York Times,
die folgenden Eröffnungstext
auf ihrer Webseite lesen lässt:

„Im August 1619 erschien am Horizont des Hafens von Point Comfort (Virginia) ein Schiff. Es trug mehr als 20 versklavte Menschen aus Afrika, die an die Kolonisten verkauft werden sollten. Kein Aspekt des Landes, welches hier entstand, würde unberührt bleiben von den Jahren der Sklaverei die folgten. Zum 400. Jahrestag dieses schicksalshaften Momentes ist es endlich Zeit, unsere Geschichte wahrheitsgemäß zu erzählen.“

Es wird also nicht nur randaliert und gesprechchort,
sondern die Bürgerrechtsbewegung ist so lebendig wie nie.
Und sogar der NRA (Waffenlobby)
soll jetzt ernsthaft an die Kolben!
Die Plünderungen in Chicago der letzten Nächte
helfen dabei sicher nicht,
bei der Französischen Revolution
hat sich darüber aber noch nie jemand beschwert.
Joe Biden und Kamala Harris können also
auf ein dankbares Wahlvolk setzen,
wenn sie den angekündigten Bürgerkrieg
gegen die Alt-Right dann gewonnen haben.

Szenenwechsel:
Der ehemalige Hafen von Beirut.
Die Explosion im Libanon
konnte sprichwörtlich
auf der ganzen Welt gehört werden
(also zumindest bis Zypern hat‘s gereicht).
Nach allen Umdeutungsversuchen war klar:
Eine unvorstellbar große Menge Dünger,
die seit Jahren niemand abgeholt hatte,
ist durch Feuerwerkskörper entzündet worden,
die sicherheitshalber
in dem selben Kontor gelagert waren.
Keine Woche später
ist die gesamte Regierung zurückgetreten
und die Menschen in Beirut
räumen erst mal selber auf.
Und auch hier die Frage:
Was ist relevanter?
Ein schneller Wiederaufbau
oder Infektionsschutz?
Im besten Falle beides:
Die Welt (besonders Macron)
zeigt sich solidarisch und spendabel.
Nichts, was sie nicht schon überstanden hätte.
Noch, denn wenn sich der Staub gelegt hat,
werden die Folgen für das „Pulverfass“
erst wirklich sichtbar.

Und hier so?
Nix weiter.
Alles schön gemütlich,
wird schon werden.
Muss ja.
Olaf Scholz‘ Kanzlerkandidatur
ist da nur folgerichtig.
Was werden das wieder
für spannende Debatten bei Anne Will,
wenn bekannt gegeben wird,
dass eine Große Koalition
mal wieder nicht fortgesetzt werden soll
und feststeht,
welchen Gegenkandidaten
er mit seiner Eloquenz und Leidenschaft
übertrumpfen kann.
Bis dahin lässt sich erst mal noch
herrlich über Maskenpflicht im Unterricht diskutieren,
da haben ja alle eine Meinung zu.
Ich auch, aber die heb‘ ich mir
für den Ernstfall auf.

Zurück zum Wichtigsten:
dem Wetter, nein, Klima.
Während in Österreich und Kanada
die Gletscher und Eisschilde brechen
und die ersten Superstürme der Saison
auf Land getroffen sind,
wird erst vor einigen Tagen bekannt,
dass bereits vor über zwei Wochen
ein riesiger Öltanker vor Mauritius
auf ein Riff aufgelaufen ist
und Leck geschlagen hat.
Von den dreieinhalb tausend Tonnen Rohöl
sind bereits über tausend ausgetreten;
das Paradies mit den blauen Lagunen
steht also vor der Zerstörung.
Und was machen die Mauritianer?
Sie sammeln so viele Haare wie sie können,
die ihrer Tiere, ihre eigenen,
und machen daraus Ölschwämme
(Öl steht nämlich total auf Haare),
um das Schlimmste zu verhindern.
Sie stehen nicht rum und jammern
oder demonstrieren gegen diese Sauerei,
sie fangen an und machen weiter.

Und letztendlich ist das
auch die beste Waffe
gegen alles andere,
Brecht und Drosten
können nicht falsch gelegen haben.
Jetzt haben ein mal alle angefangen
mit „flatten the curve“.
Wäre ja dumm, jetzt damit aufzuhören,
nur weil die Zahlen erwartbarerweise wieder steigen.
Jetzt wissen alle wie es geht,
die Kurve steigt,
wie steil,
das liegt an uns.

„My tendency to want to do away
feels natural
and my urgency to dream of softer places
feels understandable
The only way out is through
The faster we’re in the better“

(Alanis Morissette. 2004.)

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