So, die ganz gewöhnlichen Nachrichten
sind dann auch wieder da:
Islamistischer Terror in Paris,
Flugzeugabsturz in der Ostukraine,
Riesen-Finanzskandal bei irgendeiner Firma,
Streiks in immer mehr Branchen,
Stellenabbau,
Bundesliga.
Da ist es nur folgerichtig,
dass Mister Tagesschau, Jan Hofer,
es gut sein lässt.
Sein Nachfolger, Ex-Koksnase Jens Riewa,
freut sich,
der kennt die Texte ja schon,
von vor ca. 5 Jahren.
Auch deswegen soll diese Episode
wieder mal ein wenig anders sein.
Nicht nur in Zeiten wie diesen
sehnen sich alle nach Ausgleich.
Nach einem Gegengewicht,
das dabei hilft,
nicht von der Schwere der Zeit
durch die Schwarzen Spiegel
in den Abgrund der Angst
gezogen zu werden.
Jeder hat da so seine Sachen,
seine Leidenschaften.
Eigene Zeiten,
in sich abgeschlossen
und ausbalanciert.
Zeiten, zu denen immer
das gleiche passiert,
aber nie das selbe.
Zeitminiaturen,
jede ein Unikat.
4 Stunden wandern,
laufen oder radfahren.
2 Stunden zeichnen.
45 Minuten Musik hören.
3 Stunden kochen.
8 Stunden tanzen (mit Pausen).
1 Stunde Yoga.
2 Stunden umgraben,
jäten und pflanzen.
1 Stunde spielen.
Oder:
4 mal 10 (bzw. 12) Minuten lang
versuchen,
den Halt nicht zu verlieren.
Keine Schrittfehler zu begehen,
die Linien nicht zu übertreten,
den richtigen Rhythmus zu finden,
alles im Blick zu haben,
richtige Entscheidungen zu treffen,
Erfolg, Misserfolg
und erst recht das Ego
auszubalancieren,
und eins
mit dem Spiel zu werden.
Außerhalb des Spielfeldes gibt es
nichts mehr,
das ganze Leben
ist in diesen Minuten
nur hier.
Die Sirene am Spielende
ist das grausamste Geräusch
im gesamten Kosmos.
Nicht etwa, weil danach
das normale Leben wieder weitergeht,
sondern nur,
weil das Spiel
schon wieder vorbei ist.
3,
2,
1,
… I love this game.
Mannschaftssportarten haben
eine doppelte Faszination.
Zum Einen kann man Spieler sein
und/oder Fan.
Und wenn man sich ein mal
in eine solche verliebt hat,
ist man automatisch beides,
nur eben meistens
auf sehr unterschiedlichen Niveaus
und in völlig entgegengesetzten
Seins-Zuständen:
Aktiv und Passiv.
Beides sind Zustände
höchster Konzentration.
Das liegt beim Basketball vor allem daran,
dass es ein unwahrscheinlich schnelles Spiel ist.
Ständig sitzt einem die Zeit im Nacken.
Es wird nicht nur gegeneinander gespielt,
sondern vor allem gegen die Uhr:
Spätestens alle 24 Sekunden
droht die Sirene.
Bei keiner anderen Ballsportart
bewegt sich der Ball schneller
(Spezies wissen: Er ist der schnellste Spieler).
Entscheidungen müssen
in Bruchteilen von Sekunden
getroffen werden.
Die Fehlerwahrscheinlichkeit
sucht ihres gleichen,
Erfolg und Frust
wechseln sich pausenlos ab.
Ohne Balance ist man
hoffnungslos verloren.
Wenn das keine Metapher
für das Leben ist,
was dann?
Es ist also klar,
dass sich da auch eine riesen Industrie
drumherum bauen lässt.
Der Slogan der US-Profiliga NBA
war in ihrem ersten goldenen Zeitalter,
den 90ern, (viele weitere sollten bis heute folgen)
für die meisten Fans genauso wahr,
wie er für die PR ein Segen war:
„I love this game“.
Dem war als Frischverliebten,
der stundenlang auf der Spielstraße
das Dribbeln übte,
absolut nichts mehr hinzuzufügen.
Ja, diese Liga ist eine einzige,
riesige Geldmaschine.
Ja, auch dort sind die Gehälter
der Spieler irrwitzig.
Ja, eigentlich kann man sich
keine Liveübertragung wirklich angucken,
ohne durch eine schizophrene
Werbeflut gefrustet zu sein.
Ja, man kann auch bei diesem Sport
auf wirklich alles wetten.
Ja, es gibt (gab) rassistische Clubbesitzer,
welche die Spieler nach Belieben
verkaufen und tauschen können.
Das sind viele gute Gründe,
das alles zu hassen.
Aber:
Die NBA ist momentan die Speerspitze
im Kampf um Gleichberechtigung.
Die meisten Spieler sind
sympathische und bescheidene
Mannschaftssportler,
anders als beim Fußball oder Handball.
Für Millionen Kinder und Jugendliche
sind sie mehr als akzeptable Vorbilder.
In der mit Abstand ältesten Basketballliga der Welt
wimmelt es nur so von faszinierenden Legenden.
Analyticsnerds kommen nirgendwo sonst
so auf ihre Kosten.
(Hermann Hesses „Glasperlenspiel“
ist dagegen mal wieder
bemitleidenswert oberflächlich.)
Jedes Spiel hat die Chance
in die Geschichte einzugehen,
durch den einen Spielzug,
den einen entscheidenden Wurf,
den einen Moment.
Mindestens alle 24 Sekunden passiert etwas,
das den Spielverlauf wieder verändert.
Da kann man
die Welt,
die Ungerechtigkeit,
das Chaos
schon mal gerne vergessen;
denn, wo die Liebe hinfällt…
„A love so deep
I gave you my all —
From my mind & body
To my spirit & soul.“
(Kobe Bryant: Dear Basketball. 2015.)
***
„Cause I can be hopeless
I can be brave
I can be everything
you need
But most
you hate
(You need balance,
not symmetry).“
(Biffy Clyro. 2017.)
Ja, sorry, da müssen wir jetzt durch,
beim Basketball gibt es keine halben Sachen
und erst recht kein Unentschieden,
Für das Zeitgeschehen ist der Kopf
erst nach dem Abpfiff wieder frei
(und es passieren weiterhin die dollsten Sachen…).
So buckle up:
Es folgen 27 Jahre im Zeitraffer:
27 Jahre mit jedem Spiel
ein bisschen besser werden.
In jedem Spiel wieder mindestens
eine richtige Scheißaktion.
In jedem Spiel die Chance,
der Held zu sein.
In den ersten ca. 10 Jahren
hatte ich die Chance nur ein mal:
Der USC Magdeburg
erinnert sich vielleicht an den,
bis dahin zweiten Backup
auf der Point Guard Position.
Immerhin der einzige Sieg
von Stahl Thale in der Landesliga, ever.
Dann kamen Band und Studium,
Körbewerfen war nur noch Entspannung
zwischen Hausarbeiten und Prüfungen.
Dass ich noch mal so richtig am
Spielbetrieb teilnehmen würde,
hatte ich selbst nicht gedacht,
bis in Aschersleben eine Rumpeltruppe
die Bezirksliga aufmischen sollte.
Und heute?
Ja, heute beginnt der letzte Teil der „Karriere“,
als Münzenberger (hallo Denny!),
bei der TSG GutsMuths,
für die Alte-Herren-Bezirksligamannschaft
der „Quedlinburg Panthers“.
Eine weitere Saison
auf der Jagd nach dem perfekten Spiel,
oder wenigstens
10 Assists (Korbvorlagen) in 40 Minuten.
Dankbar für jede Minute auf dem Feld,
immer zwischen Vergangenheit und Zukunft,
immer in der Gegenwart des Spiels.
Immer in Balance.
Und immer noch verliebt wie am ersten Tag.
„I can be glorious
I can be depraved
But all we need is a little
Balance, not symmetry.“
Letztes Viertel:
10 Punkte Rückstand.
Noch 10 Minuten.
Noch einige
kuriose Schiedsrichterentscheidungen.
10 letzte Chancen.
Das Momentum war gekippt,
insgesamt 16 Punkte aufgeholt.
Dann doch knapp
von der Freiwurflinie
verloren.
In der Bodelandhalle war heute
Midlife Crisis
gegen Teenage Angst.
Best-Ager
gegen Clerasil.
Berechtigte Angst vor Krämpfen
gegen Kondition für noch drei Spiele.
Erfahrung
gegen Talent.
Spaßtruppe
gegen Ambition,
Bier
gegen Fanta.
Die Quedlinburg Panthers (3.)
waren zu Besuch bei
den Quedlinburg Panthers (2.).
Saisoneröffnung.
Ein innerstädtisches Duell
hatte es noch nie gegeben.
Jetzt schon
lokale Basketballgeschichte.
Die gar nicht mal so wenigen Zuschauer bekamen,
wenn schon keinen schönen,
dann umso spannenderen Basketball serviert,
mit Fouls beim Dreier in der letzten Minute
und einer gelandeten Hail Mary
von der Mittellinie,
vor der Sirene.
Und ich bekam den härtesten Verteidiger
der gesamten gegnerischen Mannschaft
auf den Fuß gestellt.
Die ganze Zeit.
Mi-Mi-Mi-Mi-Midlife Crisis.
Das Rückspiel kommt,
Rache ist Blutwurst!
(herzundfaustundzwinkerzwinker)
Ich muss dann mal kurz
die Trikots auf den Boden hängen,
nächsten Sonntag geht‘s weiter.
Wer noch Bock hat,
liest weiter.
Außer Basketball
passiert ja noch so einiges
Bleiben Sie dran,
es lohnt sich.
(Game Over?)
Der Balanceakt,
den die Welt inzwischen
rund um die Uhr
und pausenlos vollzieht,
führt zu immer noch mehr Rissen.
Jüngstes Beispiel:
Bergkarabach.
Der „Schwarze Garten“ zwischen
Armenien und Aserbaidschan,
das Westjordanland des Kaspischen Meeres.
Seit dem achten Jahrhundert
liegen sich die Menschen dort im Klinsch.
Der letzte (erfolglose) Angriff liegt vier Jahre zurück,
heute morgen dann Generalmobilmachung
und Ausrufung des Kriegsrechtes.
Auch in Portland
liegt wieder Gewalt in der Luft,
die „Proud Boys“
mobilisieren mit Maschinengewehren.
Die Bürgerkriegsfarce läuft sich warm.
Keine Woche ist vergangen,
seit bei den Protesten gegen
die lächerliche Anklageschrift
im Fall Breonna Taylor,
zwei Polizisten
mit Schusswaffen verletzt wurden.
Komischerweise macht der Frisurensohn
da kein Fass auf,
aber der hat ja auch besseres zu tun:
Mit Amy Coney Barret als Kandidatin
für den Obersten Gerichtshof
erfüllen sich die Albträume des liberalen Amerikas.
Zum Glück ist Margret Atwood
(„The Handmaids Tale“)
noch sehr lebendig.
Eine Amtseinführung wäre einer der Gründe
für den heftigsten Backlash,
den die USA je hingelegt hätten.
Die „People of Praise“
(ohne Untertreibung eine religiöse Sekte,
zu denen Barret zählt)
sind „Gilead“
(der dystopische Staat in Atwoods Meisterwerk),
nur krasser,
weil banaler.
Zur Entspannung zurück nach Eurasien:
In Belgien ist man jetzt ganz schlau.
Um die leidende Gastronomie zu retten,
tun sich jetzt Schausteller
und Gastwirte zusammen
und rüsten Karussells
zu luftigen Speisetafeln um.
Nicht mehr ganz so spaßig
geht es dafür
auch in Belarus weiter:
Ohne viel Tam-Tam hat sich Lukaschenko
als Staatschef vereidigen lassen.
Die Festnahmen bei den Demonstrationen
werden von mal zu mal brutaler und mehr.
Und auch hier verabschiedet man sich
zusehens von der Demokratie:
Der Stadtrat von Gera
hat jetzt einen Mann mit besten Verbindungen
nach ganz rechts außen
zum Vorsitzenden.
CDU und FDP
haben die Zeiten von Kemmerich
längst überwunden.
Dafür ist die AfD-Fraktion
in Schleswig-Holstein baden gegangen.
Bleibt also wieder mal
der „rechte Osten“.
Jürgen Elsässer schreibt schon
die Reden für den Oktober.
Apropos Oktober,
-fest ist ja nicht dieses Jahr.
Dafür zeigt die ARD ein netflixesques
Historiendrama über das München um 1900.
Schickeria coming of age vom Fach.
Und zeitgleich titelt die „konkret“
zum deutsch-deutschen Jubiläum:
„30 Jahre sind genug“ (kein Ausrufezeichen).
Wann hält Frank-Walter Steinmeier
seine Riss-Rede?
„Wir müssen jetzt
an die Arbeit im Home-Office gehen.
Ich rufe auf zu mehr Selbstisolation.
Ich setze auf den Mut Verzweiflung.
Und ich vertraue auf unsere Versagenskraft.
Glauben wir wieder nur an uns selber.
Die besten Jahre liegen hinter uns.“
(Ja, das ist eine Parodie
auf die „Ruck-Rede“ von Roman Herzog, 1997.)
Und zum Ende dann noch der Blick
in den totalen Abgrund:
In China zählt man inzwischen 380 Lager.
Genau, diese permanenten
Menschenrechtsverbrechen.
Millionen Menschen sind dort interniert
und produzieren für Hungerlöhne
alles was die Welt so braucht.
Die massenhaften Zerstörungen von Moscheen
(Satellitenbilder sollen tausende(!) davon zeigen)
in der Provinz Xinjiang
stellen die „Reichskristallnacht“
weit in den Schatten.
Gibt es in China eigentlich eine Antifa?
Wenn nein, warum nicht?
Props an alle Leser,
die hier unten angekommen sind.
Das Ausbalancieren dauert nun mal
mindestens 4 mal 10 Minuten.
Bzw. 12, wie in der NBA,
wo die Lakers dieses Jahr
um ihren 17. Titel spielen.
LeBron James ist in seinem 17. Jahr
zum 10. Mal in den Finals.
Game Time!
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