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Akzeptanzprobleme (S3:Ep15)

von | 2020 | 14. Oktober | Die Serie, Staffel 3 - Cope

„Und das Chaos sei willkommen;
denn die Ordnung hat versagt.“

(Karl Kraus, 1909.)

Eine „erweiterte Maskenpflicht“
und eine „Sperrstunde“ in Hotspots,
das ist also der historische Beschluss
zu genau der Dynamik,
die schon vor über einem halben Jahr
vorausgesagt wurde.
Prof. Drosten beißt
entkräftet in sein Bundesverdienstkreuz.
Da kann der Möchtegern-Schattenkanzler
rumsödern wie er will,
und der Gesundheitsminister
im schlimmsten Technokratendeutsch
mit „Akzeptanzproblemen“
dagegen halten:
Solange Pendler ohne Einschränkungen
hin und her können,
aber Urlauber nicht,
sind Akzeptanzprobleme
einfach nur Ausdruck
für fassungsloses Kopfschütteln
über dieses Chaos.

Herbstwind und Regen
bringen dieses übrigens
alljährlich in die Schulen.
Wenn in einer Schulwoche
schon am Mittwoch
die ersten Vandalen
auf den Plan treten
(Toilettenpapierrollen rumschmeißen,
Kastanien rumschmeißen,
Türklinken verbiegen,
Nasse Fußbälle ins Gesicht bekommen,
Tränen vergießen und Tränen trocknen)
und die ersten ernsthaften Streitereien ausbrechen,
dann kann man sich sicher sein:
Nächste Woche sind Herbstferien.
Und danach wird‘s dann bloß noch bunter.
Wann, wie oft, wie lange soll denn nun gelüftet werden?
Ab wie vielen Krankmeldungen wegen Erkältung
haben wir de facto bereits wieder nur halbe Klassen?
Und wie soll man mit Fäustlingen schreiben?
Ganz ehrlich,
da erscheint mir die Idee
mit den verlängerten Weihnachtsferien
gar nicht mal so unvernünftig.
Aber bis jetzt sind solche Ideen
erst noch nur Geraune des Herbstwindes.
Der wird im Osterzgebirge
und im Eichsfeld
bestimmt auch schon mitverantwortlich gemacht:
Diese beiden eh schon
berühmt-berüchtigten Landkreise
sind also die ersten im Osten,
die die 7-Tages-Inzidenz gerissen haben.
Aber hey, sollte die Theorie
mit den Neandertalergenen stimmen,
nach welcher Träger dieser
besonders gut vor Covid-19 geschützt sein sollen,
dann braucht man sich da ja
keine allzu großen Sorgen machen.

Aber auch die Nazis haben immer mehr
mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen.
Ösifascho H.C. Strache kämpfte am Wochenende
mit seiner Gefolgschaft
bei den Wiener Stadtratswahlen
erfreulich erfolglos
um sein Recht auf Meinung.
Dafür kündigt eine deutsche Faschopartei (III. Weg)
den Kampf um die Straßen von Dessau an,
wo sie bald „Nationale Streifen“ laufen will.
Und das bei bestem Wetter.
In der Türkei ticken die Uhren
da schon ganz anders:
„Mein Kampf“ geht weg wie frische Semmeln.
Keinerlei Akzeptanzprobleme.

Und so richtig chaotisch
geht es mal wieder in Portland zu.
Da sind inzwischen alle so woke,
dass gar nichts mehr Sinn ergibt.
Am Columbus Day werden dort erneut
Statuen von ihren Sockeln geholt.
Neben dem erwartbaren Columbus selbst
aber auch eine von Abraham Lincoln,
genau, der der die Sklaverei beendet hat.
Das ist so blöd, dass es ganz leicht fällt,
das Ganze als false flag der Proud Boys
zu erklären,
aber mehr als noch mehr Chaos
würde das nicht schaffen.

Eine Kosebezeichnung
für Notfallkrankenhäuser
im Norden Englands
ist es dann,
die etwas Romantik zurückbringt
in diese Jahrhundertpandemie:
„Nightingale Hospitals“
müssen und werden
versuchen, dass schlimmste zu verhindern.
„Seuchenlazarett“ fällt bitte
bei der Suche nach einer deutschen Entsprechung
gleich in der ersten Runde durch,
auch wenn die Technokraten da bestimmt
den Vorteil einer „klaren Sprache“
ins Feld führen würden.

Es fühlt sich also alles schon wieder
fast so chaotisch wie im Frühling an.
Nur dass jetzt eben nicht der Sommer kommt,
sondern der Winter.
Der März war nur der Knacks,
die Blätter konnten noch mal sprießen.
Nachdem sie jetzt gefallen sind,
hört man das Knirschen im gesamten Geäst.
Also haltet Euch fest an Eurer Liebe fest,
der Winter wird vielleicht
nicht mehr sehr kalt,
dafür wird dieser aber
ziemlich dunkel.

Als Abschluss würde jetzt
natürlich Rilkes „Herbsttag“ perfekt passen,
aber das wäre ein bisschen too much
„letzte Stunde vor den Ferien“.
Deswegen hier eines
seiner unzähligen
Echos in der Poesie:

„I know you stay true
when my world is false
Everything around’s
breaking down to chaos
I always see you
when my sight is lost
Everything around’s
breaking down to chaos.“

(Muthemath: Chaos. 2006.)

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