Am kommenden Samstag Abend
findet ja dieses Testkonzert statt, ne?
Ausgerechnet der
für seine Hochkontakt-Moshpits
bekannte Tim Bendzko tritt auf,
vor 4.000 Menschen
in der Leipziger Arena.
Drei mal darf er dabei
jeweils einen Song spielen,
die Besucher tragen alle Maske und Tracker,
und Forscher der Uni Halle
erstellen dann Bewegungs- und Kontaktmuster.
Alle sollen sich ganz normal verhalten,
einfach als ob nichts wäre,
außer halt eine Großveranstaltung
mit Maskenpflicht.
Wird bestimmt ganz super,
also vor allem das musikalische Erlebnis.
Die Kartennachfrage lässt
keine Fragen mehr offen:
Mehr als die Hälfte der Tickets
liegt noch rum.
Auf „nur mal kurz“ dabei zu helfen,
die „Welt“ zu „retten“,
haben anscheinend gar nicht
mal so viele Leute Bock,
zumal die Karten natürlich
auch umsonst sind.
Wenn dagegen aber in Glasgow
die in jeder Hinsicht atemberaubendste
(weil bis jetzt einzige)
Rockshow des Jahres
abgezogen wird,
dann kaufen sogar
20.000 Menschen online-Tickets für‘n Zwanni
und kommen aus dem Verzücktsein
für eine Stunde gar nicht mehr raus.
Ganz save im Wohnzimmer, oder im Garten.
So geht Kultur(support) 2020.
Hierzulande gibt es auch Autokinokonzerte
und einen Haufen Kleinveranstaltungen,
schön, aber eben nicht das gleiche
wie 10.000+ Menschen
vor einer Bühne.
Hört man dann heute im Radio
von 40.000 Pauschalurlaubern auf Mallorca,
dann ist es doch letztendlich nur das,
worauf hier momentan wirklich
verzichtet werden muss:
Großveranstaltungen.
Immerhin startet inzwischen wohl wirklich
der Vorverkauf für das nächste Experiment:
Sarah Connor, Bryan Adams und so,
in Düsseldorf, 13.000 Besucher.
Läuft wohl ähnlich gut wie bei Bendzko.
Fußball läuft auch weiter,
noch ohne Fans im Stadion.
Championsleague Endrunde.
Die Medien haben zu tun,
Schlagzeilen schreiben sich
nicht von alleine.
Die Fans diskutieren wieder:
Mensch, 8:2 gegen Barcelona,
das ist ja fast wie damals gegen Brasilien.
In den USA spielen die Basketballer
als einzige tapfer in ihrer Bubble weiter,
mit Black Lives Matter
in Großbuchstaben auf dem Parkett
und Botschaften auf den Trikots:
Peace, Equality, How Many More, Say Her Name,
I can‘t breathe und I am a man
(der Slogan der Arbeiterstreiks des Jahres 1968).
Noch zu Beginn dieser Saison
war so etwas unvorstellbar,
machen die aber einfach.
Der #Frisurensohn twittert,
er würde das dann nicht mehr schauen.
Die Spieler twittern zurück: Wayne?
Großveranstaltungen sind also nicht weg,
sie sind nur seltener,
und deswegen bedeutender, intensiver.
Die einen nutzen das,
die anderen gehen lieber weiter
gegen die Einschränkung der Freiheit spazieren
und suchen krampfhaft was zum sich Aufregen.
Wie gestern in Ingelheim:
Ein paar Dutzend Qanons haben eine Demo angemeldet,
die Antifa mobilisiert dagegen.
Das Ende vom Lied:
Über 100 Verletzte auf der Gegendemo.
Und wer war‘s?
Die anwesenden Hundertschaften der Polizei.
Und zwar gleich am Bahnhof.
Aber wo ist schon Ingelheim?
(Rheinland-Pfalz, an der Grenze zu Hessen)
Oder dieses Belarus,
von dem jetzt alle andauernd reden.
Die Junge Welt titelt dazu nur:
„Minikrise in Minsk“.
In dem osteuropäischen Land,
mit einem Durchschnittseinkommen von ca. 300 Euro
(Deutschland: knapp über 2000 Euro, netto),
kriegt einer der letzten lupenreinen Diktatoren
gerade Stress mit seiner Bevölkerung:
Nach einem ziemlich
unglaubwürdigen Wahlergebnis
sammeln sich die Menschen auf den Straßen
und werden brutal zurückgeschlagen.
Am nächsten Tag
formieren sich reine Frauenproteste,
und erstaunlich viele Arbeiter
legen ihre Arbeit nieder.
Die Oppositionsführerin ruft aus dem Exil
zum Widerstand auf.
Wäre nicht 2020,
das wäre das defintive Ende
des Sommerloches gewesen,
besonders nachdem Lukaschenko
bei seinem Buddy in Moskau
um Hilfe gebeten,
und der erst mal nicht nein gesagt hat.
Man könnte fast meinen,
der revolutionäre Wind,
der den Herbst bestimmen wird,
erhebt sich bereits.
Sogar in Thailand
machen sich die Monarchiegegner
nichts mehr daraus,
dass es unter Strafandrohung verboten ist,
die Hand in der Öffentlichkeit
zum Solidaritätsgruß zu heben.
(Fun Fact 1:
Es ist der selbe Gruß,
den der Widerstand in
„Die Tribute von Panem“ verwendet:
Der Daumen der rechten Hand
hält den gebeugten kleinen Finger
über der Handinnenfläche,
Zeige-, Mittel- und Ringfinger
sind grade durchgestreckt.
Fun Fact 2:
Die amerikanischen Boyscouts (Pfadfinder)
grüßen sich ebenso.)
Und sowohl dort,
als auch in Minsk,
in Portland,
oder Chicago,
sogar in Ingelheim gilt:
Durchatmen,
Luft anhalten,
Maske auf
und das Tränengas aushalten.
Wer möchte, kann das gerne
auch metaphorisch verstehen.
… sorry, falls die Episode etwas atemlos war,
es ist furchtbar schwül,
eigentlich kein Wetter für Fingerübungen
und Kopfzerbrechen, aber:
„I read somewhere
the trick is to keep breathing,
make out it‘s not unnatural at all.
They say it comes with practice.“
(Janice Galloway: The trick is to keep breathing, 1989.)
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