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Water under the bridge (S4:Ep15)

von | 2021 | 28. Februar | Die Serie, Staffel 4 - The times they are a changing

Die ganze Woche schon
bin ich auf der Suche
nach dem passenden Wort
für die aktuelle Situation.
Viel ist mir nicht eingefallen:
Paradox erscheint irgendwie
nur halb richtig.
Schizophren ist sie auch
nicht so ganz.
Das beste, das mir bis jetzt
eingefallen ist, ist:
Hä?

Die Zahlen dürften bekannt sein,
aber wegen chron(olog)ischen
Gründen und überhaupt,
hier kurz der Blick zurück
ins letzte Jahr,
ebenfalls Ende Februar:
Noch keine zwei Wochen alt
waren die Meldungen
über den ersten großen Ausbruch
(Wuhan, 13. Februar, 15.000 Infektionen).
Anfang März dann Bergamo.
Mitte März hatte die Pandemie
die Alpen überrannt,
am Freitag, 13. März:
Lockdown Nummer 1.
Im April hatten wir es geschafft,
die Welle bei 7.000 Neuinfektionen täglich
zu brechen, der Sommer war ok.
Lockdown Nummer 2, light Version,
war dann Mitte Oktober
unvermeidbar.
Bis Weihnachten waren
wir bei 20.000 täglich,
die zeitweise 1.000 Todesopfer
nicht zu vergessen.
Lockdown Nummer 2,
inzwischen nicht mehr ganz so light,
soll (momentan) Mitte März
irgendwie vielleicht gelockert werden.
Momentan stehen wir bei 10.000.
Besser als im Januar,
aber immer noch
3.000 mehr,
plus Mutante,
als bei Lockdown Nummer 1.
Tja, und am Montag
machen auch hierzulande
die Schulen wieder auf.

Mir ist bewusst,
dass die Diskussion
breiter geführt werden muss.
Dass wir ja alle dazugelernt hätten,
was geht, und was nicht.
Hm.
Sieht nur irgendwie nicht danach aus.
Oder ich hab schlecht aufgepasst.
Oder wir brauchen es
einfach auf die harte Tour,
so wie die Kapputtniks in den USA,
wo auch erst eine halbe Million Menschen
vorzeitig sterben musste,
damit da mal ein bisschen
Vernunft einkehrt,
und über den Zustand des Gesundheitssystems
lieber nicht berichtet wird.
Bis das alles
wirklich ausgestanden ist,
wird also noch
eine ganze Menge mehr
Wasser die Bode runter fließen.

Und die sieht auch gerade so aus,
als ob die Talsperre
den geschmolzenen Schnee
aus dem kompletten Oberharz ablässt:
Das wenige, noch vorhandene Eis,
das Zögern des Winters,
wird einfach überspült.
Unter den Brücken sind die Fluten
zum Greifen nahe.
Der ganze Schlamm wird weggespült.
Sollen die an der Saale,
oder dann Elbe und Nordsee,
Atlantik, egal, Hauptsache weit weg,
sollen die sich doch drum kümmern.
Auf der Kleerswiese liegt immer noch
genug Schnee von gestern.
Der muss noch weg,
bevor die Flohmärkte dann …
Na, wir wollen mal nicht zu früh
alte Debatten wieder auftauen.

So mancher Schnee von vorgestern allerdings
ist einfach nicht kleinzukriegen.
Ja, ich spreche von Attila Hildmann.
Noch so ein Freak,
über den ich nicht mehr schreiben wollte.
Aber, sorry, gäbe es eine Liste mit Menschen,
die sich für mein literarisches Waterboarding
qualifiziert haben,
dann stünde der auf ganz oben,
gleich neben Nicolai Nerling,
aber zu dem später noch mehr.
Der Küchenchef des Führerbunkers
taucht jedenfalls schneller unter
und wieder auf,
als der Kleine Maulwurf,
wenn er mit dem Gärtner
Hasch mich spielt.
Kaum kriegt er Wind vom Haftbefehl,
taucht er unter,
kriegt das erste Mal Panik.
Dann taucht er wieder auf,
meldet sich per Selfie
von einem geheimen Ort,
an dem es offenbar sehr warm ist.
Keine 48 Stunden später:
Es brauchte nur eine Handvoll Menschen,
die wissen, wie man Bilder
bei Google zurückverfolgt.
Attila ringt schon wieder nach Luft,
taucht wieder ab.
Ob er wieder auftauchen wird?
Ich behalte das mal im Auge.

Zurück zum Wesentlichen:
Die Öffnungshektik.
Wieder ein Wunderwerk
aus der Sprachschmiede an der Isar.
Dabei war es Söder selbst,
der den Stein ins Rollen brachte.

Kaum war klar,
dass die Friseurinnen und Barbiere
wieder ran dürfen,
schlägt der Schattenkanzler vor,
doch auch die Blumenläden
schon wieder zu öffnen.
Der künftige Absatz von Trauerkränzen
wäre damit zumindest gut gesichert.
Sachsen-Anhalt ist auch weiter
vorne mit dabei:
Während Sachsen und Thüringen
schon wieder Schulen schließen muss,
kommt nächste Woche
der Sachsen-Anhalt Plan!
Abgenickt von allen,
bis auf den Chef, der zögert noch,
nimmt das Papier aber mit
zum Bundestreffen nächste Woche.

Über Luftreiniger in Klassenzimmern
müssen wir ja jetzt auch nicht mehr reden.
Lüften muss reichen,
wird schon werden.
Außerdem stehen die Teile
in den Tankstellen
auch bloß unbenutzt rum. (true story)

Wenn also mal wieder
alles den Bach runter geht,
dann können wir ja auch einfach mal
kurz durchscrollen,
und die Meldungen
danach im Stream wegswipen:
In Belgien werden wie selbstverständlich
große Frühlingspartys gefeiert,
die junge Hipstergeneration
zeigt sich von ihrer besten Seite.
Derweil gibt es in Düsseldorf
Verweilverbotszonen.
Stehenbleiben, Hinlegen, Sitzen?
Is‘ nich.
Was aber is‘,
sind offene Grenzen:
Die Schweiz stellt ja schon länger unter Beweis,
dass sie kein Sozialstaat ist.
Auch in Tschechien sind Triagen
immer noch ganz normal,
Hauptsache, das Bier muss nicht
in die Moldau gekippt werden.
Und ganz unten,
am Grund der Absurdität,
locken dann die Modeboutiquen:

Bald kann man hier
ganz exklusiv shoppen gehen,
nämlich mit Terminvergabe.

Im Angesicht der 3. Welle
fällt mir zu all dem heute nichts mehr ein.
Und außerdem ist Wochenende,
also wieder genug Zeit
für verzweifelte Hoffnung.
So als ob man ein Papierboot
auf die Bode setzt,
und hofft,
dass es sogar
den Ärmelkanal durchquert.

„Ey dritte Welle,
ey Mutante!
Musst du uns hier im Weg rumsteh‘n?
Du bist bloß wie ne schlechte Pointe,
wir haben dich längst kommen seh‘n.
Du bist nich‘ mal originell,
wir kennen deine beiden Schwestern.
Der selbe Witz, drei mal erzählt,
super lustig, doch von gestern.
Was immer du erreichen willst,
die Ewigkeit wird niemals dein.
Auch wenn du bei Frisören chillst,
wirst nie ne Dauerwelle sein.“

(Sarah Bosetti. 2021.)

Apropos Dauerwelle:
Der Golfstrom schwächt sich messbar ab.
Genau, dieses Szenario kommt uns bekannt vor,
allerdings bis jetzt nur aus einem Film:
„The day after tomorrow“, Roland Emmerich,
fast 20 Jahre alt, 5/10.
Einen kleinen Vorgeschmack
gab es ja dieses Jahr schon.
So könnte also
das Wetter der Zukunft aussehen:
Extremer.
Kältere Winter, trockenere Sommer.
Ja, ein alter Hut, ich weiß,
aber das ist nun mal noch so ein Thema,
das wir leider nicht einfach so
hinter uns lassen können,
wie die News von gestern.
Weil es noch vor uns liegt,
beziehungsweise ja schon stattfindet.
Jüngstes Beispiel?
In der Antarktis
bricht ein Eisberg
in der Größe von London ab.
Stellt Euch mal vor,
London würde einfach so abbrech…
Sorry, wenn man vom Teufel spricht:
„Hello again! …
You are back? …
Was? …
Wann? …
Am 21. Juni geht‘s wieder los? …
Wirklich? Sagt wer? …
Ach so. …
Sagt Johnson denn auch was dazu,
wie und wer zuerst? …
Ja? …
Nein? …
Wird noch entschieden, ok. …
Ja, ich habe gelesen,
dass in englischen Zeitungen steht,
dass die Deutschen die Briten
jetzt sogar beneiden würden.
Ich habe mich nur gefragt, worum? …
Ja, sorry nochmal.
Wir fangen auch bald an,
Euren Impfstoff zu verabreichen. …
Ja, den kriegen jetzt einfach
alle die wollen. …
London? … Sagt mal, stimmt das,
dass das Reading und Leeds Festival
dieses Jahr stattfinden soll? …
Wirklich? …
Und weiß man schon, wie das gehen soll? …
Ach so, verstehe. …
Ja, nee, wir haben uns das hier
für dieses Jahr schon abgeschminkt. …
Ja, viel Erfolg dann noch. …
Ach wo, ihr kriegt keine vierte Welle! …
Ja, danke, hoffe ich auch. …
Ja, bis bald, ja, …
ja, … ja, bye dann, ne? …
ja, … bye.“

Ich sag mal so viel:
Über die Brücke gehe ich
noch nicht.

Unter den Brücken hier vor Ort
trägt die Bode nun
schon länger kein Eis mehr,
da wird es Zeit,
auch mal nach vorne zu schauen:
Das eigentliche In-Gewässer
ist nämlich schon lange
der Mühlgraben.

In Zukunft wird er noch mehr
im Rampenlicht stehen,
denn:
Die Bauarbeiten haben begonnen!
Nach jahrelangem Zerren,
nach Skandalen um Grundstücksspekulationen
und Protesten gegen Baumfällungen,
kann sich die Weltkulturerbestadt
noch mal mehr auf „nach Corona“ freuen.
Neben dem Brühl endlich
ein richtiges Naherholungsgebiet,
sprich ökonomisch erschlossen!
Mit Schwimmbad und Golfplatz
und allem Firlefanz.
Und mittendrin:
Der Mühlgraben.
Fließt da einfach weiter rum.
Als ob nichts wäre.
Wäre das alles schon fertig,
und wäre alles nicht so wie es ist,
dann könnte man vielleicht dort
im Naherholungsgebiet am Mühlgraben,
auf einer Bank,
auf einer neuen Brücke,
die Zeitung lesen,
und sie dann in den Papierkorb werfen,
oder für den nächsten Leser liegenlassen.
Wenn der davor durchblättern würde,
könnte er da alles mögliche lesen,
um danach wieder seiner Wege zu gehen.

Heute auf Seite vier, zum Beispiel,
dass die Linke eine neue Doppelspitze hat.
Einfach so. Ohne viel Tam Tam.
Blumenwerfen könnte bald zum Trend werden,
denn Trendsetterin Henning-Wellsow
hat jetzt richtig was zu sagen.
Im Außenpolitikressort
sind die USA als Militärmacht wieder da,
und nur der trottelige Kommentar
in der Seitenspalte
wundert sich noch darüber,
dass die USA iranische Milizen
in Syrien angreifen.
Auf den Gesundheitsseiten
dann auch ganz nebenbei:
Die Grippe ist beinah ausgerottet!
Daneben aber, viel spannender:
In Kalifornien ist eine neue
Mutante entdeckt worden!!
Der Politikteil ist vollgepumpt
mit Impfdebatten:
Kommt der grüne Pass auch hier?
Sollte Astra Zeneca für alle freigegeben werden?
Lässt Angela Merkel sich öffentlich damit impfen,
wenn er für über 65jährige freigegeben wird?
Wird sie sich danach erst recht
dafür aussprechen,
Impfprivilegien als Druckmittel
für die Unvernünftigen zu nutzen?
Hatten die Schwurbler also doch Recht?
(Spoiler: ähm, fast…)
Breaking News der Titelseite, links unten:
Tschechien geht dann doch
wieder in den nächsten Lockdwon,
bestellt dafür aber bei den Russen Sputnik V,
der in Europa immer noch nicht zugelassen ist.
Auf der Witzeseite
eine Karikatur von Bolsonaro,
der immer noch das Gerücht verbreitet,
dass Masken schädlich für Kinder seien,
und auch von Impfungen nicht so viel hält.

Auf der imaginären Bank am Mühlgraben
würde es vielleicht langsam schattig,
für das Kleingedruckte reicht das Licht nicht mehr,
die Laternen sind noch nicht an.
Nur die Titel könnte man noch gut erkennen:
Oppositionsvernichtung in der Türkei.
Erste Verurteilung wegen Kriegsverbrechen in Syrien.
Der saudische Kronprinz wird
des organisierten Mordes für schuldig befunden.
Alles nicht wirklich Neuigkeiten.
Doch, hier:
Myanmar: 18 Tote an 6 verschiedenen Orten.
Der Bürgerkrieg ist noch nicht abgewendet,
im Gegenteil.
Oder hier:
Neues vom russischen Mediendarling.
Amnesty International distanziert sich
von Alexei Nawalny.
Ist der also keine Meldung mehr wert.
Aber keine Sorge,
die Transatlantiker haben noch
ein paar olle Kamellen im Regal:
Spionageskandal um Grundrisse vom Bundestag,
von 2017.

Auf der letzten Seite
dann das letzte:
Neues aus Berlin-Moabit:
Der ehemalige „Volkslehrer“,
jetzt Vollzeitspendennazi,
schändet kurz nach dem ersten Jahrestag
das Gedenken an Hanau,
in dem er Plakate vor seiner Cam zerreißt,
die er kurz vorher in seinem Kiez
abgerissen hat.
Das Netz reagiert:
Demnächst wird sein Kiez
wohl nur so zugesch*ssen mit neuen Plakaten.
Parole?
Gegenparole!

Wäre ich dieser Zeitungsleser
da auf der Bank am Mühlgraben,
ich würde die Zeitung heute
natürlich hektisch
zu einem Papierboot zusammenfalten,
grob mit Edding #DieDoppeltenZwanziger
draufschreiben,
und sie frustriert ins Wasser setzen.
Nach uns die Sinnflut.

„Unser‘ Omma war die letzte ganz patente.
Wir haben nur noch transparente Transparente.
Voller Angstzustände, Toleranz am Ende.
Das Karmakonto ist im Soll, Kanzlerrente.
Die fest entschlossene Verdrossenheit,
solang man auf die nächste Sprosse steigt.
Ja, der Blogger bloggt, die Gosse schweigt
Keine Botschaft außer:
Wer ist hier der Boss zurzeit?
Über den Dingen und der Obrigkeit
Die Ironie ist hundert Pro nicht weit
Kein Konzept, kein Curriculum
Ohne graden roten Faden
nur durch dick und dumm
Großes Wort, aber nüscht dahinter.
Doch wir zahlen Steuern
und wir haben hübsche Kinder.
Wir fühlen uns mit uns eigentlich ganz wohl.
Wir wollen keine Statements, keine Parolen.“

(Dendemann. 2019.)

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