Gegenwartsliteratur.
Live.
Nur im Internet.
Aus der Provinz.

# Startseite / Die Serie / Staffel 4 - The times they are a changing / Speaker for the dead (S4:Ep6)

Lesen

Speaker for the dead (S4:Ep6)

von | 2020 | 13. Dezember | Die Serie, Staffel 4 - The times they are a changing

So,
und jetzt nehmen mal alle
die Hände hoch,
für die
Ausgangssperren
bis jetzt
nur Gegenstand des Erlebens
anderer waren oder sind.
Willkommen
im „Hygiene-Faschismus“!

Nebenbei streite ich mich grade
mit scheinbar normalen Menschen
darüber, ob
es ok ist,
andere Menschen
als „Bodensatz der Gesellschaft“
zu bezeichnen,
was es,
zumindest in meinem
Wörterbuch des Antifaschismus,
definitiv nicht ist.

Zugegeben,
der Typ
um den es dabei geht,
hat, alles im Video dokumentiert,
öffentlich einem Polizisten
den Tod
an den Hals gewünscht.
Ja, dagegen ist
die Sozialdarwinismusmetapher
bei meinem Streit
vergleichsweise nett.
Wenn also schon alles andere
am besten steril sein sollte,
dann lassen wir eben
auf der sprachlichen Ebene
die Sau raus.
Irgendwo muss der Frust ja hin.
Sogar Feuerwerk wird verboten!
Und dabei hätte dieses Jahr
ja wohl so einen
richtigen
A*schtritt verdient.
Spoiler:
Nächstes Silvester
wird es auch nicht
viel zu feiern geben.

Zurück zum „Hygiene-Faschismus“:
Die bis jetzt tödlichste Woche
der Pandemie geht zu Ende.
In den letzten 4 Tagen sind
allein in Deutschland
knapp 2000 Menschen
an Covid-19 gestorben,
während der Einzelhandel
nach jahrzehntelangen Rekordgewinnen
über 20% Verlust
während des Weihnachtsgeschäfts klagt.
In die Jahre gekommene Whoo-Mädchen
können nur noch kleine
Glühweinsparziergänge machen.
In den nächsten 3 Tagen
werden alle Schulen und Kitas
erneut geschlossen;
wann sie wieder geöffnet werden,
darauf möchte sich gerade keiner
so richtig festlegen.
Ein Glück.

Dann muss ich mich erstmal nicht mehr
am Telefon von Vätern
darüber aufklären lassen,
dass ich doch wisse,
was „das hier alles für ne Freakshow is“
(true story).

Allein in den nächsten 10 Tagen
werden über 5000 weitere Menschen,
nicht mehr die Chance bekommen,
das Weihnachtsfest zu erleben,
weltweit über 100.000.
Es wäre also schlicht falsch,
gerade heute
irgendwie auch mal was schönes,
oder wenigstens lustiges
zu schreiben.
Und das obwohl
ich das gerne tun würde,
schon seit Monaten.
Klar, es passieren schöne Sachen,
unzählige, jeden Tag.
Wäre das hier ein privates Tagebuch,
es wäre tausende Seiten lang,
voll von kleinen Lachern,
guten Momenten.
Eine endlose Aneinanderreihung
von echtem Leben,
das jenseits des schwarzen Spiegels
unbeirrbar weitergeht.

Darin wäre auch
der Irrwitz vermerkt,
dass nach diesem Jahr
über tausend neue Wörter
in den Duden wollen.
Wie ihr euch aber denken könnt,
allesamt eher so mittelcool.
Oder dieser lustige Quatsch
mit diesen Monolithen,
die gerade überall
auf der Welt auftauchen –
so absurd, dass es
bereits wieder sinnstiftend ist.
(In Bayern gibt es die
sogar in Gestalt von
riesigen Holzpenissen.)
Sogar die Pandemie
hätte Platz in diesem
nicht existierenden Tagebuch,
denn es geht ja auch voran!

Margaret Keenan, eine Britin,
ist die erste westeuropäische Zivilistin,
die gegen Covid-19 geimpft wurde,
ihr Lächeln konnte man nur
wegen dem Atemschutz nicht sehen.
Und natürlich müsste ich auch
den Namen des zweiten
geimpften Menschen nennen,
zu symbolträchtig,
um nicht dokumentiert zu werden:
William Shakespeare,
ebenfalls Brite.

Aber das hier sind
#DieDoppeltenZwanziger,
und deswegen
wird hier nicht gebiedermeiert.
So schön die Bilder
von erleichterten Großeltern
auch sind,
die Pandemie
ist momentan in vollem Schwung,
und noch gibt es viel mehr
tote als geimpfte Großeltern.

Und genau über die
redet kein Mensch.
Die Opfer sind reine Zahlen,
die sofort als „Panikmache“
in der öffentlichen Meinung
denunziert werden können.
Und wenn dann mal
einer den Versuch unternimmt,
das ganze als das zu bezeichnen,
was es ist,
nämlich eine ethische Kapitulation
(jup, das hat Markus Söder gesagt),
dann wird lieber schnell wieder über
Böllerverbote und Schulschließungen
diskutiert.
Weil wir uns einfach
nicht eingestehen wollen,
was wir gerade
an ethischen Werten alles wegschmeißen.
Jedes Mal,
wenn an den digitalen Stammtischen
die Verhältnismäßigkeit erwähnt wird,
versagt die Lunge
eines weiteren Menschen.
Nirgendwo sieht man
Bilder der Verstorbenen,
liest auch nur eine Geschichte.

Aber immerhin gibt es einen
Sammel-Gedenktag:
Heute.
Jeden Sonntag,
bis die Pandemie
vorbei ist,
oder der „Hygiene-Faschismus“
endlich überwunden.

Nur ab und an schafft es mal ein Bericht
raus aus dem Mediendschungel,
darüber wie es ist,
was die meisten von uns
nur aus der Ferne erahnen.
Zum Beispiel:

Österreich, Anfang Dezember:

„Ich schreibe das, weil ich mir nichts mehr wünsche, als dass die Menschen, die noch immer fröhlich shoppen gehen und einfach nicht SPÜREN was los ist, mehr Informationen bekommen. Ich mache niemandem einen Vorwurf, ich glaube, es wird viel zu abstrakt kommuniziert. Die Zahlen erreichen die Menschen nicht mehr, gegen die sind sie schon abgestumpft. Wenn ich aus dem Krankenhaus komme und das fröhliche Treiben draußen sehe, weiß ich nicht, ob ich verrückt bin, oder die anderen. Die Katastrophe, die wir im März alle erwartet haben und die wir zu Recht gefürchtet haben, ist jetzt eingetreten. Nur jetzt scheint dies die Menschen „draußen“ nicht mehr zu berühren. Nicht mehr zu ängstigen.“

Oder:
Berlin, Anfang Dezember:

„Ich sah Patienten, denen es zu Beginn meiner Schicht noch recht gut ging, sie hatten leicht erhöhte Temperaturen, die Sauerstoffsättigung im Blut war okay und sie benötigten keine O2-Gabe. Innerhalb von zwei bis drei Stunden sackten sie ab, Sättigung bei 70%, zunächst gab es zwei, dann vier Liter Sauerstoff pro Minute, die Körpertemperatur stieg binnen kurzer Zeit auf 39,4°, sie rangen nach Luft. Selbst bei 12 Litern pro Minute kamen sie kaum über 85% Sättigung. Verlegung auf die Intensivstation, und zu meinem nächsten Dienst waren sie tot.“

Oder:
Kärnten:

„Auch auf die Versorgung in den Pflegeheimen wirke sich die Pandemie aus. Unter normalen Umständen kommt dort bei jedem lebensbedrohlichen Fall ein Notarzt. Aktuell werde bei Covid-Kranken in Pflegeheimen der Notarzt nicht einmal angefordert, „weil man gesagt hat, die Krankheit endet wahrscheinlich letal – das kann man natürlich schon als Triage bezeichnen“. Auch im Krankenhaus habe die Frage, ob ein Patient Covid-positiv oder negativ ist, einen „sehr großen Stellenwert“, wenn über die Behandlung von Patienten entschieden wird.“

Oder doch
lieber wieder
etwas abstrakter?
In Saint-Léonard (Schweiz)
ist eine Eislaufbahn zur Leichenhalle
umfunktioniert worden,
weil die Krematorien überfüllt sind.
In den Krankenhäusern in Pakistan
geht der Sauerstoff aus,
die Beatmungsgeräte werden
gar nicht erst angeschaltet.

Ein weiterer Beleg
für diesen ethischen Absturz
sind auch die Schulen.
Während immer noch nicht
im Ansatz geklärt ist,
welche Rolle sie
bei der Verbreitung spielen,
machen erste Studien die Runde,
nach denen sehr wohl auch bei Kindern
Mikrothrombosen und Nierenschädigungen
nachgewiesen wurden.
Bei 40% der positiv getesteten.
Bei 20% der asymptomatischen Verläufe.
Also bei jedem 3. Kind,
das sich infiziert hat.
Bis die Folgen davon sichtbar werden,
können Jahre vergehen.

Dieses unerträgliche Hadern ist es,
dieses Abwarten.
Lieber noch zwei Tage,
vielleicht eine Woche.
Erst wenn es 1000 Opfer täglich
zu werden drohen.
Wenn die Kliniken aufgeben müssen.
Also zu Weihnachten.
Wenn wir anderen
mal denken aufatmen zu können.
Dann fällt uns kurz mal auf,
was wir angerichtet haben.
Was wir hätten verhindern können,
wenn dieser verdammte
„Hygiene-Faschismus“
nur etwas konsequenter gewesen wäre.

In diesem Sinne,
die nächste Episode
hat dann wieder
den Untertitel „Lockdown“.
Danke für‘s Lesen.
Bleibt gesund!

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert