Gegenwartsliteratur.
Live.
Nur im Internet.
Aus der Provinz.

# Startseite / Chronicle / Schattenreich (Chronicle 16)

Lesen

Schattenreich (Chronicle 16)

von | 2023 | 18. Oktober | Chronicle

 

„Till Schneider war inzwischen fast zufrieden mit dem Zustand der Zeit. Endlich entwickelte sich die Geschichte in seiner Welt wieder in die richtige Richtung, und die menschliche Natur kam langsam von neuem zu sich selbst. Krieg. Alle gegen alle. Jederzeit. Für alle Zeit. Seit zehn Tagen leuchteten seine Augen noch blauer hinter seiner zu kleinen Brille, wenn er die Nachrichtenseiten überflog. Die Massaker der Hamas und des islamistischen Jihad gerieten schon wieder in Vergessenheit, und sogar die westliche, wenn auch nicht die deutsche Presse, fragte bereits, ob der jüdische Staat nicht gerade einen Genozid verüben würde; der allgemeine, in seinen Augen nur natürliche Antisemitismus war endlich wieder zur Normalität geworden. Zu seiner Freude verschärfte sich gleichzeitig auch der Hass gegen die anderen Semiten, die den Alltags-Terror wieder auf die Tagesordnung hievten; Till Schneider schlug das Herz noch höher, als er die Meldungen aus Brüssel las. Bald, sehr bald, würde seine Stunde schlagen. Ihre Stunde. Die Stunde derer, die schon immer richtig gelegen und sich nicht durch die (zugegeben meisterhaften) Wahrheitsverdrehungen des auserwählten Volkes verwirren lassen hatten. Die bereit gewesen waren, ihre Menschlichkeit zu verleugnen, nur um die Menschheit zu retten und die Welt zu säubern von diesem räuberischen Krebs, der überall hineinwucherte, in die Regierungen, die Medien, die anderen Religionen und selbst in die Schulen. Bald, sehr bald aber, würde Till Schneider sein selbstgewähltes Versteck hinter den Schwarzen Spiegeln verlassen können und an der Erschaffung des wahren Himmelsreiches teilhaben.“

 

Der Brillenträger setzte seine Brille ab, rieb sich die Augen, setzte die Brille wieder auf und las den letzten Absatz ein weiteres Mal. Sein Antagonist war soweit gut getroffen, aber die Erzählperspektive bereitete ihm noch Probleme. Einen glühenden Antisemiten so zu beschreiben, dass sein selektiver Humanismus unverkennbar zu Tage tritt, ohne sich am Vokabular die Seele zu versengen, stellte sich schnell als unmöglich heraus. Und genau deswegen musste er es trotzdem versuchen. Er kramte nach seinen Notizen für die Hintergrundgeschichte von Till Schneider, der nichts anderes als eine Schlüsselfigur in seinen kommenden Kurzgeschichten werden sollte, wechselte zur Ich-Perspektive, mit aller Verachtung die er nur aufbringen konnte, und verfasste einen fiktionalen Lebenslauf, wie ihn Till sicherlich auf seiner Homepage veröffentlichen würde; nachdem er aus dem Schatten getreten war.

 

„Geboren wurde ich im Zwielicht des 28. Oktobers 1981 in Warschau, unweit des ehemaligen Judenghettos. Mein Vater verschwand noch vor der Zeit in die meine Erinnerungen zurückreichen. Im Alter von fünf Jahren zog meine Mutter mit mir zurück in den Burgenlandkreis, wo ich auf einem abgelegenen Hof mit ihr und meiner Großmutter aufwuchs. Das einzige Buch im Haus war eine unvollständige Bibel, die meine Großmutter auswendig kannte und mir immer wieder daraus vorlas. So lernte ich gerade genug Deutsch, um nach meiner Einschulung großen Eindruck auf meinen ersten Deutschlehrer zu machen. Ihm verdanke ich, dass ich früher als alle anderen die Wahrheit hinter der Wahrheit erkannte. Unsere Feinde würden ihn als untergetauchten „Nazi“ beschreiben, der sich hinter einem Lehrstuhl versteckte und weiter die Brunnen vergiftete. Bald erzählte er mir an den Nachmittagen nach der Schule von der Schwarzen Reichswehr, von der Holocaust-Lüge und der andauernden Besetzung unseres Reiches durch die jüdischen Bolschewiken im Osten und die „Israelfreunde“ im Westen. Ich begriff und lernte schnell. Vor allem, dass ich darüber nicht sprechen durfte, nicht solange die Zeit nicht gekommen sein würde. Nach der Wiedervereinigung und dem Wechsel auf ein Gymnasium blieben wir weiter in Kontakt, bis er 1994 überraschend starb. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber bereits gelernt, wie meine notwendige Tarnung auszusehen hatte, und meine Familie war wie geschaffen dafür: Stockkatholische Provinzler mit Heimatvertriebenen-hintergrund. Ich schrieb Aufsätze, die meine neue Deutschlehrerin beinahe zur Verzweiflung trieben, wenn sie erfolglos versuchte, mich demnach in die rechte Ecke zu stellen, was meine Klassenkameraden einzig als Schwäche interpretieren mussten. Ich fühlte das erste Mal, was wirkliche, natürliche Überlegenheit bedeutet. Und nicht nur das, bald gewann ich mit meinen Texten Preise. Christliche Stiftungen lobten meine Klarsicht und Unerschrockenheit. Mit 15 trat ich der Jungen Union bei und lernte, mich in besseren Kreisen zu bewegen. Mein Abitur schloss ich mit Auszeichnung ab, was mir wichtiger war, als jede angebliche Schulfreundschaft, denn ich hatte meine geistige Heimat schon so viel eher gefunden.
Während meiner vielfältigen Studien in Halle lernte ich dann nicht nur mich und den Feind besser kennen, sondern ging auch weitere wichtige Verbindungen ein. Burschenschaften mied ich dabei mit Sorgfalt, denn ihre Verwässerung stank damals noch bis zum Himmel. Am Ende meiner Studienzeit lernte ich dann bei einem Gottesdienst Götz Kubitschek kennen, der einige meiner Seminararbeiten gelesen hatte und mir anbot, für seine „Sezession“ zu schreiben, natürlich unter Pseudonym. Über die nächsten zehn Jahre arbeiteten wir dann an meinem „Image“: Anfangs noch wiederwillig trat ich in die neugegründete AfD ein, wusste aber um die taktische Notwendigkeit dieses Schrittes, denn das deutsche Volk musste langsam an die Wahrheit gewöhnt werden, und der Diskurs ließ sich in diesem Tempo auch weniger aufsehenerregend zurückverschieben.
Nun im Herbst 2023 ist der Tag des Erwachens zum Greifen nahe, die Welt öffnet erneut die Augen, und ich bin bereit, jedes notwendige Opfer zu bringen, um die Welt endgültig vom Joch des Juden zu befreien. Um endlich Frieden zu schaffen.“

 

Für den Moment hatte sich der Brillenträger genug in das Innere eines fanatischen Antisemiten versetzt und er verlegte seine (Tills) weitere Überlegungen in eine nicht all zu ferne Zukunft. Überlegungen zu den von ihm so zu nennenden „Boulevard-Nazis“, also weiten Teilen der AfD, die es nur gab, um von den wahrhaften, also ihm, abzulenken. Stattdessen verlor er sich in Gedanken über den Krieg im Nahen Osten. Wie der Terror den Krieg relativierte, legitimierte und normalisierte. Wie er den kommenden Faschismus immer mehr in den Schatten stellte, worüber dieser sich mehr als nur freute. Er konnte die Geheimgespräche zwischen Kubitschek und Schneider schon vor sich sehen. Wie sie sich darüber ereiferten, wie brillant sich alles fügte, wenn Olaf Scholz genau an dem Tag in Jerusalem feststellte, dass Israel jedes Recht hat, sich gegen den Terror zu wehren, und Benjamin Netanyahu den Kampf gegen die Barbarei ausrief, während die Hamas Bilder um die Welt schickte, die beweisen sollten, dass die israelische Luftwaffe ein Krankenhaus in Gaza-Stadt in eine Ruine verwandelt hatte, unter deren Trümmern hunderte tote Palästinenser*innen lagen. Der Weltkrieg war zum Greifen nahe, Schneider und Konsorten konnten es kaum erwarten, endlich wieder mitmischen zu dürfen, ohne vorgeworfen zu bekommen, sie hätten ihn begonnen. Den Terror hatten die Feinde übernommen, ihnen blieb einzig die Entschuldigung der Reaktion, wie damals, vor genau einhundert Jahren, als das Reich aus den Ruinen wieder auferstand. Den anderen Vorkrieg des Dritten hatte der Brillenträger dabei nicht vergessen, wunderte sich aber auch nicht weiter darüber, dass es den meisten anderen anders erging.

 

Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 84.
Weltkrieg reloaded (again). Montag: Selenskyj fordert von der UN, sich gemeinsam gegen „Terrororganisationen“ (Hamas) und „Terrorstaaten“ (Russland) zu stellen. In einem Nebensatz kritisiert er die US-Republikaner, dies wäre nicht der Zeitpunkt zu schweigen. In Lyman und Torske werden ukrainische Angriffe abgewehrt. Polen behauptet, das Hamas-Pogrom würde Russland nutzen. Medwedew ruft die US-Amerikaner zum Bürgerkrieg auf. Der Zugverkehr zwischen Russland und Nord-Korea hat dramatisch zugenommen. Dienstag: Die Ukraine schießt wieder dutzende Drohnen ab. Selenskyj auf X: „Wir haben Daten, die klar beweisen, dass Russland daran interessiert ist, im Nahen Osten einen Krieg loszutreten, so dass eine neue Quelle von Schmerz und Leid die Einheit der Welt untergräbt.“ Dann reist er nach Rumänien und kriegt weitere Militärhilfe versprochen. Die Infrastruktur in Odessa und Charkiw wird getroffen. Awdijiwka wird zunehmend umzingelt. Mittwoch: 2025 (übernächstes Jahr) will Belgien F-16 Kampfjets liefern, Selenskyj bedankt sich vor Ort in Brüssel. Mit drei Bataillonen rückt die russische Armee auf Awdijiwka vor. Selenskyj kündigt an, nach dem Krieg nicht wieder zur Wahl anzutreten. Russland baut seine Öltankerflotte aus. Deutschland beschließt eine eine Milliarde neue Militärhilfe. Vor der finnischen Küste explodiert eine Pipeline. Donnerstag: Drohnentrümmer töten drei Menschen in Belgorod. Deutschland kündigt an, 35.000 Soldaten in „hoher Bereitschaft“ zu halten, für die Nato, die für die nächste Woche ihre alljährliche Atomwaffenübung ankündigt. Awdijiwka wird weiter schwer umkämpft. Freitag: Awdijiwka steht vor der Einkesselung. Auch in der Nähe gehen Raketen nieder. Immer mehr ukrainische Männer fliehen nach Deutschland. Der Europarat stuft Russland als „de facto Diktatur“ ein. Samstag: „Awdijiwka steht völlig in Flammen.“ Die „Gegenoffensive“ wird für beendet erklärt, die russischen Truppen sind an der gesamten Front wieder in der Offensive, zum Beispiel bei Kupjansk. Die Ukraine beklagt „Kriegsmüdigkeit“ der Geldgeber. Sonntag: Weiter nichts Neues.

 

Die Frage danach, ob es überhaupt noch so etwas wie ernstgemeinte Friedensbemühungen auf der Welt gab, oder ob der Geschichte jetzt einfach nur noch ihr Lauf gelassen wurde, konnte der Brillenträger in den Herbstferien zeitweise erfolgreich an die Ränder seines Bewusstseins verdrängen: Er presste literweise Saft aus geretteten Granatäpfeln aus Südeuropa, die er sich für einen lächerlichen Preis hatte schicken lassen. Er lauschte den Kranichen, die von Norden über die Ostprovinz nach Süden flogen. Dann freute er sich über Bilder von am Strand tollenden Hunden, die ihn von Hiddensee erreichten, oder über die aus dem Prenzlberg, wo es seit neuestem ein überdimensionales Murial gab, das Austin Reaves in Aktion zeigte. Er las mit immer weiter wachsender Begeisterung einen Roman, der immer noch, aber auch schon wieder nicht mehr den Zeitgeist eingefangen hatte („Die Privilegierten“) und hatte sich zu guter Letzt doch noch dazu durchgerungen, „Babylon Berlin“ zu bingen; die hanebüchenen Parallelen konnten ihm ja wohl kaum noch schlechtere Träume bereiten. Als „Die Anstalt“ dann auch noch mehr unverhohlen als nicht vor einem Millionenpublikum ein Verbot der AfD forderte, unterschrieb er sogar die dazu passende Petition und konnte für einige Tage darauf hoffen, dass das Schattenreich vorerst doch noch im Keller ausharren musste. Dann aber kündigten Rammstein ihr Comeback im nächsten Jahr an und die unzähligen Ticketvorbestellungen holten ihn schnell wieder in die Realität zurück.

Irgendwann, nachdem er sich im zeitlosen Verstreichen der strukturlosen Tage eingerichtet hatte, erinnerte ihn Karoline per Nachricht daran, dass sie, Marie, der Buchträger und die Mädchen schon seit Wochen nichts von ihm gehört hatten und er die ersten Gehversuche der beiden verpassen würde, wenn er sich nicht bald nach Thale aufmachen würde. Er brauchte gar nicht erst damit beginnen, die Arbeit oder gar die Schwere der Welt vorzuschieben, sie erwarteten ihn am zweiten Ferienwochenende zu einem ausgiebigen Spaziergang durchs vorwinterliche Bodetal. Nach Quedlinburg wollte niemand kommen, wenn es sich nicht gerade um den Laden drehte, dazu war die Stadt im Schatten der Berge viel zu idyllisch und sicher; ein Himmelreich, wie Karoline mit Großbuchstaben betonte. Sie wusste wovon sie schrieb.

 

18. Oktober 1923

Die Rückkehr des Reiches
(Babylon Münzenberg 253)

Heute Abend gehe ich ins Kino!
Nach so langer Zeit!
Ich schreibe auf dem Weg nach Berlin!
Marie kommt natürlich auch mit!
Ein bisschen mulmig ist mir aber schon,
die schattigen Häuserschluchten
sind dieser Tage
hart umkämpft.
„Der Deutsche Oktober“
ist ausgerufen!
Straßenschlachten garantiert.
Das Abenteuer ruft.

Nur das Chronieren
ist mir lang verloren gegangen,
dennoch schreibe ich weiter,
solange ich mir noch Farbbänder
und Papier leisten kann.
Es ist verrückt,
aber wir tauschen im Laden
unbedrucktes Papier
gegen buntes Papier,
auf dem inzwischen Zahlen stehen,
die sich niemand mehr vorstellen kann;
Geld ist wortwörtlich wertlos geworden.
Das Pfund Butter kostete gestern
noch 2,3 Milliarden Mark,
heute sind es bereits 2,9.
Im Laden tauschen wir deswegen
lieber Bücher gegen Lebensmittel
und Dinge des alltäglichen Gebrauchs.
Und die Menschen lesen
sehr viel
im Moment;
besonders das,
was es nur unter der Theke gibt.

Da kann diese SA
so viel von einem „Linksputsch“ faseln
wie sie möchte!
Und der Hitler
soll doch diesen Lumpenverein von „Partei“ anführen!
Unsere Planungen für den 9. November
laufen auch ohne
dass sie sie ernst nehmen.
Ich kann nur hoffen,
die Genossen beschließen
am Wochenende das einzig richtige,
und Chemnitz
wird in naher Zukunft
Karl-Marx-Stadt heißen.
Die Regierungsbeteiligung der Genossen
in Thüringen und Sachsen
ist ja auch nur das Vorspiel gewesen,
wie wir vorgestern erlebt haben,
als Weimar endlich
seine Arbeiterregierung erstritten hat.
Ausnahmezustand und Ermächtigungsgesetz
hin oder her,
die Internationale steht bereit!
Wollen wir doch mal sehen,
wer zuerst in Berlin ist!

Aber ach,
wie gerne
würde ich die letzten Zeilen
ernst gemeint haben.
Nur bleibt es eben
nur eine schöne,
eine aufregende Halluziation.
Denn der Putschversuch,
der sich in München
unter Hitler anbahnt
(solange diese Gerüchte
nicht nur zur Ablenkung gestreut wurden),
könnte verheerende Folgen haben,
auch wenn er scheitern sollte.
Denn der Hitler
hat die Opferrolle ja geradezu erfunden,
wobei ihm seine äußere Erscheinung
auch sehr entgegen kommt.
Wenn der die Gelegenheit bekommt,
sich zum Märtyrer hochzuspielen,
und vielleicht noch ein Buch zu schreiben,
dann fürchte ich mich
vor dem Volk,
das ihm folgt.
Da hilft wahrscheinlich wirklich
nur noch ein Parteiverbot.

Und auch aus Kreisen der Reichswehr,
die sich immer noch so nennen darf,
hört man nichts gutes.
Angeblich gibt es schon Pläne
für die Besetzung von Weimar,
wenn die Arbeiterregierung nicht freiwillig abtritt.
Und danach ist ein Parteiverbot
für die KPD auch mehr als wahrscheinlich.
Der neue Reichskanzler
wird schon gesagt bekommen,
was zu tun ist.

Die Revolution
ist also an ihrem Ende angekommen,
die Konterrevolution
holt sich ihr Reich zurück.
Und was das
zuerst für die Juden bedeutet,
das will ich mir nicht mal vorstellen müssen.
Der Deutsche Faschismus
hat seine Feinde längst gefunden.

Ich muss und will für heute schließen,
gerade fährt der Zug in die Hauptstadt ein.
Das Pflaster glüht im Abendschein.
Und wir sehen gleich
die großartige Weyher
in ihrem neuesten Film;
dessen Titel kein anderer sein kann:
„Schatten – eine nächtlich Halluzination“

 

Der Brillenträger schrieb Karoline erst am nächsten Tag zurück, nach einer weiteren Nacht unruhiger Träume: Guten Morgen, schön, dass ihr Euch um mich sorgt, aber mir geht es soweit gut. Ist nur der Weltschmerz, meine Dramatik; für andere: nicht gut. Ich würde trotzdem gerne mit Euch spazieren gehen, aber ich habe vor zu verreisen. Nicht so lang. Und mit dem Zug. Davon berichte ich dann hoffentlich nur Positives. Küsse und Umarmungen der Familie!
Dann griff er zur Zigarette und machte sich daran, die Schreibarbeit für heute zu beenden, ein anderer Brillenträger aus Berlin wollte später noch anrufen. Als er die neuesten Nachrichten erschöpft überflogen hatte und gerade das Notebook schließen wollte, erreichte ihn eine E-Mail, deren Absender er zunächst für eine Halluzination hielt. Der Brillenträger rückte seine Brille zurecht: Till Schneider?

Gott zum Gruße!
Den heutigen Tag nehme ich zum Anlass, Ihnen erstmalig zu schreiben. Gerade habe ich zum wiederholten Male im Manuskript eines Ihnen sehr vertrauten Buches gelesen. Sie werden sich jetzt auch gleich noch darüber wundern, welcher Text mir dabei besonders aufgefallen ist. Natürlich der von vor genau einhundert Jahren. Genau, der den auch Sie heute irgendwann gelesen haben müssen, ist er doch einer der schlüsselhaftesten des ganzen Werkes…
Ich nehme an, ich muss mich Ihnen nicht weiter vorstellen, schließlich haben sie mich in den letzten Tagen erdacht. Und nein, ich bin auch kein schlechter KI-Witz von ihren Freunden aus dem Münchhausen-Verlag. Da ich selbst also erst seit einigen Tagen existiere, verschaffe ich mir gerade noch einen Überblick über meine Rolle in ihrer Welt. Als erstes werde ich natürlich von nun an eigenständige Schritte unternehmen, Sie können ja gerne versuchen, mich mit dem Schreiben einzuholen. Als Antagonist dürfte ich Ihnen aber noch eine Weile voraus sein. Vielleicht warte ich ja am Ende des Jahrzehnts auf Sie? Und bleibe bis dahin weiter hinter den Schwarzen Spiegeln, so dass Sie mich immer sehen müssen, aber einfach nicht zu fassen kriegen? Und von dort vergifte ich weiter Ihre Texte? Was meinen Sie?
Sie könnten ja auch einfach aufgeben, schon wäre ich nur wieder ein Phantom. Aber das können Sie nicht, nicht? Denn Sie jagen ja nun mal den Zeitgeist, und den kriegen Sie eben nicht ohne seinen Schatten. Unser Wille geschehe, unser Reich komme! Der Brandanschlag heute in Berlin war nur eine winzige Kostprobe! Dieses Mal wird die Reinigung wirklich endgültig sein! Ich freue mich bereits auf die Texte, die Sie darüber schreiben werden müssen. Auf bald, vielleicht.

 

Der Brillenträger konnte seinen Blick nicht vom Bildschirm lösen, bis er das Notebook zuschlug, dann sah er in seinem Augenwinkel, weiter hinten auf seinem Schreibtisch, etwas leuchten. Ein blaues Schimmern umgab den Orb. Jemand musste ihn aktiviert haben. Von der anderen Seite.

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert