Tatort Chorin
(Hidden Story)
Am Ostersonntag saßen Captain Cardinal und Captain Canary zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zusammen in großen Holzsesseln auf einer Frontterrasse. Im Aschenbecher qualmte eine einzelne Zigarette, beide hatten ihr zweites Bier geöffnet und vor ihnen auf dem Bildschirm lief ein deutscher Krimi mit Untertiteln. Beide hatten die Handlung bis hierher mit professionellem Interesse und der Gelassenheit eines freien Abends verfolgt und waren sich bereits seit einer halben Stunde darüber einig, wer wann warum wen wahrscheinlich umgebracht hatte. Die beiden Kommissare auf dem Bildschirm waren gerade dabei in den letzten Akt einzutreten: Im frei liegenden Kreuzgang eines Brandenburger Zisterzienserklosters sichern die Kollegen mit dem Schwarzlicht in diesem Moment die wichtigste Spur bisher: eine kleine Plastetüte mit Resten von Lakritzkonfekt, die erkennbar blutverschmiert sind. Die beiden deutschen Kommissare werfen sich nur einen vielsagenden Blick zu: „Typischer Ostermarkt in der Uckermark.“ Die Laboranalyse des Blutes brauchen sie allerdings nicht abzuwarten, denn im nächsten Moment klingeln ihre Telefone gleichzeitig. Die dritte Leiche in diesem Fall ist identifiziert. Außerdem sind Spuren von Lakritzkonfekt am schwer beschädigten Kiefer des Opfers gefunden worden. Das selbe Lakritzkonfekt, das die beiden deutschen Kommissare auch beim Hauptverdächtigten gesehen hatten: Veilchenaroma, sehr salzig. Die letzten Minuten verfolgten Captain Canary und Captain Cardinal nur noch mit halbem Auge und halbem Ohr. Großfahndung, Rettung des vierten Opfers in letzter Minute, dramatischer Selbstmord des vermeintlichen Täters (für ihren Geschmack etwas zu unblutig), große Erleichterung, endlich Schlaf, die Gerechtigkeit obsiegt. In der letzten Szene sitzen die beiden deutschen Kommissare das erste Mal seit langer Zeit gemeinsam auf zwei kleinen Couchen in einem kleinen Bungalow im Barnimer Land. Im Aschenbecher vor der Tür qualmt eine einzelne Zigarette, beide knabbern gerade einem Schokoosterhasen die Ohren ab und vor ihnen auf dem Bildschirm laufen die letzten Minuten des ersten Teils des diesjährigen Ostertatorts: Zwei Kommissare und ihr letzter Fall. Menschenhandel, Coptagon-Mafia, Serienkiller, der Ruhestand noch sechs oder sieben Tage entfernt, das rote Porsche Cabrio trotzdem schon mal gekauft, die letzte Verfolgungsjagd durch Potsdam oder Berlin oder Rom oder Aleppo kann – und Recht wird – kommen. Auf der Frontterasse, vor dem Bildschirm, auf dem zwei Kommissare vor einem Bildschirm sitzen, saßen Captain Canary und Captain Cardinal noch bis spät in die Nacht, freuten sich über den lauen Frühlingsabend und redeten über alles und nichts, nur nicht über den Krieg.
Die ganze Episode
spätestens Sonntag Abend.
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