Der Buchträger hatte seit fast zwei Monaten, entgegen des Rates des Brillenträgers tatsächlich keine Nachrichten mehr gelesen. Die Zeitungen nur aus dem Kasten genommen, das Handy nur zum Telefonieren benutzt, das Internet weitestgehend gemieden. Lediglich geschäftliche E-Mails erledigte er noch. Es erstaunte ihn noch mehr, als er erwartet hatte, wie viel freie Zeit er plötzlich gehabt hatte. Die Wochentage verbrachte er im Laden, die Wochenenden im Garten der Familie. Die ersten Tage waren schwer, die Schlagzeilen auf den gelieferten Zeitungen unmöglich zu ignorieren, aber nach der ersten Woche nahm er sie schon nur noch aus dem Augenwinkel wahr, beim Einkaufen machte er einen Bogen um die Auslagen, bei Gesprächen gab er sich jedes mal teilnahmslos, wenn es um die letzten Impfdiskussionen oder das Grauen in Indien ging und versuchte oft erfolglos das Thema zu wechseln. Die Dauerempörung, genauso wie die Empörung über die Dauerempörung waren zu einem Rauschen geworden, das er immer besser ausblenden konnte. Dachte er. Immerhin hatte er aber wieder zu lesen begonnen. Für Romane hatte er zwar immer noch nicht genügend Muße, aber dieses Schicksal teilte er mit fast allen Leuten, die er kannte. Bei jedem Buch, das über die Ladentheke ging, glaubte er sich im Recht, wenn er dachte, dass auch dieses wieder nur angefangen und dann ins Regal gestellt oder weiterverschenkt wurde. Der Brillenträger hatte ihm ungefragt den Tipp gegeben, es doch auch mal mit Karl Kraus zu versuchen, der lasse sämtliche Empörung von heute als das dastehen, was sie eigentlich ist: nach außen gekehrter Widerstand, der nur dem Gefühl der eigenen Selbstwirksamkeit dient und gar nichts ändern will; das sinnlose Aufbegehren des Egos, das sich seiner erlebten Machtlosigkeit erwehren will.
„Gott, wer darf sagen:
Schlimmer kanns nicht werden?
Es ist schlimmer nun, als je.
Und kann noch schlimmer gehen;
Es ist nicht das Schlimmste,
solang‘ man sagen kann:
dies ist das Schlimmste.“
(William Shakespeare. Zitiert aus: Karl Kraus:
Dritte Walpurgisnacht. 1934/1952.)
Da auch die Aufregung um den Doppelgänger und das geheimnisvolle Manuskript erneut gebremst worden waren (der Doppelgänger hatte sich seit seiner letzten Mail nicht wieder gemeldet), hatte auch der Brillenträger wenig neues zu berichten, wenn er im Laden vorbeikam. Mitte März hatten sie sich darauf geeinigt, auch über die Pandemie nur zu sprechen, wenn diese sie irgendwie direkt betraf, und waren stillschweigend froh über jeden weiteren Tag, an dem das nicht so war. Seit einigen Wochen aber spürte der Buchträger bei seinem Freund allerdings wieder eine wachsende Unruhe, wollte aber nicht fragen, zu gut ging es ihm mit seiner Unwissenheit. Der Brillenträger hatte damals für Anfang Mai den Höhepunkt der Dritten Welle prophezeit, wenn nicht endlich gehandelt würde. Davon hatte der Buchträger auf den Titelseiten der Zeitungen aber bis heute nichts gelesen, immer ging es nur darum, wer, wann, mit was geimpft werden könne oder was, wann, wo und wie geöffnet und wieder geschlossen wurde. Seit einer Woche war dann überall von Schauspielern und anderen Künstlern die Rede, die irgendwie nicht ganz dicht, oder auf Schicht, oder dann doch nicht waren. So schlimm konnte die Dritte Welle also noch nicht sein.
Zur Walpurgisnacht hatten sich mehr Menschen als sonst in den Laden verlaufen, viele sahen wirklich aus wie Touristen, dabei war das Wetter mehr als ungemütlich und die üblichen Märkte und Feste in der Gegend allesamt abgesagt. Für den Abend hatte er eine Einladung zu einer kleinen Grillparty bekommen, höchstens zehn Leute, Ausgangssperre hin oder her. Aber die Aussicht, sich bei Nieselregen an einem Gartentisch über die letzten Entwicklungen im hiesigen Wahlkampf zu unterhalten, oder Pläne für den Herbst zu machen, während alle darauf achteten, sich nicht zu sehr zu betrinken, konnte ihn nicht so recht begeistern, also hatte er abgesagt und sich mit dem Brillenträger auf einen Feierabendtee im Laden verabredet, den er inzwischen seit Monaten schon um 17 Uhr abschloss. Eine halbe Stunde früher hatte er das letzte Buch an diesem Tag verkauft, einen Ladenhüter, der seit über fünf Jahren im Regal auf diese Leserin gewartet hatte. Und wenn sich der Buchträger richtig erinnerte, auch einer der letzten Romane, den er wirklich mit Hingabe gelesen hatte: Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann? Er lächelte freundlicher als sonst, als er das Wechselgeld zurückgab und glaubte auch unter dem blütenweißen Atemschutz der Leserin ein verschwörerisches Lächeln zu erkennen.
Pünktlich mit dem fünften Glockenschlag der Nikolaikirche betrat der Brillenträger den Laden. „N‘abend! Kocht das Wasser schon?“
„Der Tee zieht schon seit sieben Minuten. Kommst genau richtig.“
Der Brillenträger stellte seine Tasche vor der Theke ab. „Sehr gut.“
„Und wie war das Abi?“
„Hab ich dieses Jahr nichts mit zu tun. Aber die Themen waren okay, hab ich gehört. Schillers „Sehnsucht“ war wohl dabei, hat aber niemand genommen.“
„Ehrlich nicht?“ Der Brillenträger griff, ohne näher hinzuschauen in das kleine Regal zu seiner Rechten, blätterte in einem dünnen Band, überflog kurz eine Seite und seufzte dann übertrieben: „Kein Wunder.“
„Du mußt glauben, du mußt wagen,
Denn die Götter leihn kein Pfand,
Nur ein Wunder kann dich tragen
In das schöne Wunderland.“
„Ja, wäre mir auch zu kitschig gewesen. Und über halbreligiöse Todessehnsucht hätte ich ebenso wenig schreiben wollen. … Ich bin nur froh, dass der Korrekturstift dieses Jahr mal von jemand anderem gehalten wird.“ Er hob die Tasse und prostete dem Buchträger zu. „Sag mal, was machste eigentlich morgen?“
„Keine Ahnung, aber ich hab das Gefühl, du wirst es mir gleich sagen.“
„Richtig. Also, ich hab mir überlegt, wenn wir heute schon unsere Teufelshörner nicht auf dem Hexentanzplatz spazieren tragen können, dann fahren wir eben morgen nach Magdeburg und schwingen die rote Fahne.“
„Ist das denn erlaubt?“
„Klar, Demos sind immer erlaubt. Grundgesetz und so.“
„Hm. … Ich schau mal, ob ich meinen Ché Guevara Pulli noch finde.“
„Ehrlich? Du kommst mit?“
„Ich denke schon. … Wenigstens mal wieder ein paar vernünftige Leute sehen. Und Magdeburg ist ja nicht Berlin, da wird es schon ruhig bleiben.“
„Mit Sicherheit. Die Jugend fährt nach Kreuzberg oder Neukölln. Vor unserem Landtag treffen sich nur die Salonbolschewiken.“
Sie prosteten sich erneut zu, widmeten sich die nächste halbe Stunde den besten Gerüchten und konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als der Buchträger darüber plauderte, dass seine Mutter gehört hätte, der Bürgermeister würde die Plakate für den CDU-Landtagskandidaten höchstpersönlich an die Laternen hängen.
Am 1. Mai trafen sie sich kurz vor Mittag am Bahnhof. Auf der Autofahrt in die Landeshauptstadt konnte der Brillenträger nicht umhin, den Buchträger dann doch nach seiner Mediendiät zu befragen: „Dir ist klar, dass du ne Menge verpasst, oder?“
„Ach ja? … Was denn? Dass immer noch nichts besser geworden ist?
„Ja, das auch. Aber immerhin wird es nicht schlimmer.“
„Na, das erzähl mal den Leuten, die die Ausgangssperre nicht verstehen können.“
„Vorsicht! Nicht, dass dir einer Querdenkertum andichten könnte. … Und die Story von Liefers und Konsorten hast du auch ignoriert?“
„Liefers? Wieso, hat er wieder irgendwas peinliches gemacht, weil morgen sein neuer Tatort läuft?“
„Tut er das? Na, das macht die Sache ja bloß noch pikanter.“
„Okay, erzähl schon. Aber mach‘s kurz, bitte.“
Der Buchträger betrachtete seinen Freund dabei, wie der sich innerhalb von wenigen Minuten in Rage redete, hörte Namen, die er auch vor seiner Mediendiät nicht gekannt hatte, staunte über Hintergrundnetzwerke, die sich von der ARD bis zur Splitterpartei „Die Basis“ erstreckten, und verlor schnell den Faden: „Sag mal, worüber regst du dich eigentlich auf? Sind doch alles nur Schauspieler.“
„Ja, das ist es ja. Ehrlich, am meisten ärgere ich mich, dass ich mich darüber aufrege.“
„Das merkt man. … Aber ja, hast schon recht. Liefers war schon 89 auf dem Alex der peinlichste von allen. Inszenierter Widerstand ist und bleibt nun mal lächerlich, solange er nicht auf einer Theaterbühne oder einer Leinwand stattfindet. … Pass auf, wir müssen hier gleich runter.“
Nur wenige Minuten vom Parkplatz entfernt hatten sich die Demonstranten zum Gedenken an den Kampftag der Arbeiterklasse versammelt. Die Stimmung war gewöhnlich. Hinter den Atemschutzmasken wurden die gleichen Parolen und Hoffnungen skandiert wie jedes Jahr, auch einige Transparente feierten hier anscheinend ihr soundsovieltes Jubiläum. Die Polizisten in der Nähe hatten ihre Ausrüstung nur zur Hälfte angelegt, einige spielten auf ihrem Handy. Alles wirkte geordnet und harmlos. Die Reden auf der kleinen Bühne klangen wie immer, nur noch etwas frustrierter. Dann wurde das Skandal-Wahlplakat der Linken debattiert („Nehmt den Wessis das Kommando!“) und für später noch eine Band angekündigt, während ein ganz neues Wahlplakat vorgestellt wurde („Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution!“), etwas abseits spielte jemand auf Bongotrommeln. Der Brillenträger fühlte sich an die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin vor über zwei Jahren erinnert, wo die Ermattung 100 Jahre nach der Ermordung der KPD-Führung auch allgegenwärtig schien. Der Buchträger sah ihm die Enttäuschung an: „Was haste denn erwartet?“
„Ja eben, genau das. … Lass uns runter an die Elbe gehen. Ich hab zwei Bierchen dabei. … Und ein paar Schnitten.“
„Gute Idee. … Ich kann ja dann was aus der Jungen Welt vorlesen“, er zeigte ihm das Titelblatt („Stabil bleiben!“), „mindestens das Interview mit Uthoff ist gut. Stichwort: Umverteilung.“
„Okay, wie du willst.“
Lange blieben sie nicht auf der Promenade sitzen, es war zu ungemütlich.
„Meinst du wirklich, heute Abend ist wenigstens in Berlin was los?“
„Nicht mehr als sonst. … Bisschen marschieren, bisschen skandieren, bisschen Pyro. Bisschen Barrikaden, bisschen brennende Mülltonnen. Und bisschen Klopperei.“
„Progressiv wie eh und je.“
Schweigend nickte der Brillenträger, dann sagte er tonlos: „Komm lass uns fahren, hier wird heute auch keine Revolution mehr übertragen“, er kickte einen Kiesel in die Elbe, „man, die hatten ja nicht mal Kameras aufgebaut.“
Gerade als sie ihre Rucksäcke geschultert hatten, summten ihre Handys gleichzeitig. Der Brillenträger war schneller: „Okay … Der Tag könnte doch noch spannend werden.“
„Hast du die gleiche Mail bekommen?“
„Jap: Doppelgänger.“
Beide setzten sich sofort wieder auf die Bank und begannen atemlos zu lesen: Hallo. Ich kann diese Mail nur sehr flüchtig schreiben. Momentan befinde ich mich noch im Grunewald, werde aber den nächsten Zug in Richtung Quedlinburg besteigen. Die Ereignisse haben mich endlich eingeholt, und ich hoffe, bei Ihnen Unterschlupf zu finden. Damit Sie meine Lage verstehen: Das Manuskript liegt nicht nur Ihnen am Herzen. Die beiden anderen haben mich offenbar ausfindig gemacht und mir folgendes Bild auf mein Handy geschickt. Der Brillenträger öffnete den Anhang, der Buchträger atmete ruckartig ein. Zu sehen war ein frisch ausgehobenes Grab, daneben eine Glock. Gezeichnet war die Nachricht mit „G. Rath“. Anhand der Bäume im Hintergrund tippe ich auf den Treptower Park. Ich werde meinen Laptop und mein Handy jetzt hier vergraben und hoffe, Sie heute Abend im Laden anzutreffen, denn ich weiß momentan nicht, wo es sicherer sein könnte. Selbstverständlich erhalten Sie dann das Manuskript, aber ich muss Sie eindringlich bitten, auch in nächster Zukunft niemandem davon zu erzählen, auch Ihr Leben wäre dann in Gefahr.
Brillen- und Buchträger starrten sich ungläubig an.
„Der verarscht uns.“
„Aber was, wenn nicht?“
„Dann … dann sollten wir wohl langsam mal zurück fahren.“
Im nächsten Moment summten ihre Handys erneut: Als Zeitvertreib, und weil es so schön zum heutigen Tag passt. Auf bald!
Angehängt war wieder eine .pdf-Datei, die selben verblichenen Papierseiten, die selbe Handschrift. „Das lese ich im Auto vor, los geht‘s.“
7. Mai 1921
Die Revolution hat überlebt (Babylon Münzenberg 68)
Ich frage mich,
warum ich bis heute
nichts über den 1. Mai vor einer Woche
geschrieben habe.
Dabei waren die Demonstrationen
hier in Berlin größer als erwartet,
bedenkt man, dass die Zentrumspartei
schon seit fast einem Jahr regiert.
Die sogenannte „Weimarer Koalition“ scheint zu halten,
vielleicht wird Wirth ja wirklich
der jüngste Kanzler aller Zeiten.
In den Zeitungen
wird schon eine „Erfüllungspolitik“ debattiert,
die USA bleiben knallharte Verhandlungspartner.
So viel arbeiten kann die Arbeiterklasse gar nicht,
um diesen Versailler Vertrag wirklich zu erfüllen.
Egal, wie man es dreht, es bleibt ernüchternd.
Aber alles besser als Krieg.
Die Menschen haben genug von Leid und Elend.
Und was aus Maidemonstrationen werden kann,
musste die Welt letzte Woche in Jaffa erleben.
Die Meldungen waren schrecklich.
Die Konterrevolution hat doch bis jetzt
immer die Oberhand behalten.
Vielleicht ist der demokratische Weg,
der langweilige und ereignisarme,
dann doch besser für dieses Land.
Reden können die Deutschen doch gut,
warum also lieber zu den Waffen greifen?
Die Wehrpflicht scheint vorerst jedenfalls
nicht wieder eingeführt zu werden,
das ist nicht nichts.
Da hat die Bourgeoisie
sogar schon wieder Zeit
für einen Theaterskandal,
das wäre vor ein paar Jahren noch
völlig undenkbar gewesen:
Der Berliner Polizeipräsident
hatte vor einigen Wochen
das Proletarische Theater geschlossen.
Der blutjunge Intendant Piscator
war wohl mit der letzten Premiere
zu weit gegangen:
„Wie lange noch, du Hure bürgerliche Gerechtigkeit?“
scheint wohl nicht von der Kunstfreiheit gedeckt zu sein.
Dass die Kopien des Manuskripts
jetzt unter allen Ladentheken liegen,
ist also keine Überraschung.
Das Bürgertum trauert derweil
um Auguste Viktoria.
Die Frau vom letzten Kaiser
wurde vor zwei Wochen in Potsdam beigesetzt.
Ludendorff und Hindenburg
waren selbstverständlich anwesend.
Das Kaiserreich zuckt immer noch,
und die Getreuen formieren sich neu.
In Tirol hat sich die Bevölkerung
bei einer Volksabstimmung
mit 132.000 zu 1.700
für einen Anschluss an Deutschland ausgesprochen.
Nur von diesem Hitler
liest man momentan nichts,
und der erste Mai
scheint für seine Arbeiterpartei
auch irgendwie nicht interessant zu sein.
Vielleicht fürchten sie aber auch nur ein Parteiverbot,
aber das dafür nötige Republiksschutzgesetz
braucht wohl erst einen politischen Mord,
um auch von den Zentristen anerkannt zu werden.
Demokratie kann wirklich frustrierend sein.
Ich freue mich,
bald wieder zurück in die Provinz zu dürfen,
nur noch ein paar Treffen,
dann muss der Widerstand
auch in Quedlinburg wieder an Fahrt aufnehmen.
Vielleicht schlage ich den Schauspielern
ja eine Geheimaufführung
von Franz Jungs Stück vor,
noch haben wir ja kein richtiges Theater,
das geschlossen werden könnte.
Im Auto herrschte bis kurz vor Ankunft konzentrierte Ruhe. Der Buchträger googelte eine Information nach der anderen und beide stellten erneut fest, dass sich ihr Wissen über die Goldenen Zwanziger noch viel zu sehr aus Geschichten aus dem Moka Efti und verstaubtem Lehrbuchwissen zusammensetzte. Vor dem Laden angekommen, stieg der Buchträger aus und der Brillenträger ließ das Auto im Halteverbot stehen.
„Ich bereite mal die Mansarde vor. Klingt so, als ob unser Gast untertauchen müsste. … Du behältst die Straße im Auge.“ Zehn Minuten später setzte er sich neben den Brillenträger auf den Bürgersteig. „Was meinst du, so in einer Stunde vielleicht, oder?“
„Wenn nicht irgendwelche Gleise blockiert werden, am ersten Mai muss man mit allem rechnen.“ Der Brillenträger holte seine Zigaretten aus der Tasche und zündete beiden eine an. Sie verfielen schnell in ein Gespräch über den Ausgang von Revolutionen, über das, was geschah, wenn die herrschende Klasse gestürzt war, und sich eine neue aufschwang. Sie waren sich schnell einig, dass Orwells Farm der Tiere immer noch das ehrlichste Buch über dieses Phänomen und die Friedliche Revolution die letzte halbwegs ernstzunehmende gewesen war, je nachdem wie man es betrachtete. Sie gingen in den Laden, die Straße blieb leer. Drinnen standen sie vor dem Regal, das am oberen Ende die Aufschrift Zeitgeschichte trug. Hier fanden sie Revolutionen in Hülle und Fülle: Revolution für das Leben. Die Philosophie der neuen Protestformen., Die Revolution ist fällig. Aber sie ist verboten. und Der Mythos der Revolutionen.
„Hier, das klingt doch gut: Die stille Revolution von Generation X, darüber wie die Erfinder des Internets die Welt verändert haben.“ Der Buchträger besah sich das dünne Buch. „Keine Ahnung, wer das bestellt hat. … Tolle Revolution.“ Sie sahen sich wissend an. In Zeiten der Hypertransparenz wurden schon Bücher über Revolutionen geschrieben, die noch gar nicht abgeschlossen waren. Jeglicher Widerstand wurde in Narrative gequetscht, konsumierbar aufbereitet und der öffentlichen Meinung im Internet zur Belustigung aufgetischt, die internationale Solidarität in den Chroniken eines Kängurus zur Einschlafhilfe degradiert. Jeglicher offen und ernsthaft geäußerte Widerstand war verdächtig geworden, die Revolution hatte sich in die digitalen Salons zurückgezogen und wartete dort auf bessere, beziehungsweise schlechtere Zeiten. Selbst in den Ländern, die vor Monaten und Wochen noch aufbegehrt hatten, gegen Diktatur (Belarus) und Militärherrschaft (Myanmar), machte das Wort vom Inneren Widerstand die Runde. Durchhalten, Aushalten, Weitermachen, das waren die wirklich sozialistischen Parolen des 21. Jahrhunderts. Irgendwann würde die Stunde schlagen, und dann wären alle bereit, oder inzwischen zu angepasst und satt genug, um noch an den Verhältnissen rütteln zu wollen. Bis dahin behalf man sich mit hinter Ironie versteckter Systemkritik und wetterte gegen Nestbeschmutzer, die sich an die verbliebenen revolutionären Kräfte im Widerstand gegen die Hygienediktatur ranschleimten. Stabil bleiben wurde das genannt. Der Krieg um die Köpfe konnte nur mit Geduld und Humor gewonnen werden. Das hatten die Satiriker vor hundert Jahren ja auch schon so erfolgreich wahr gemacht. Sie stellten die Bücher wieder ins Regal, inzwischen ging es auf sechs Uhr zu.
Da klopfte es leise an die Ladentür. Der Buchträger stolperte fast über die Teppichkante, als er auf die Klinke zustürzte und kam mit einem kleinen Hüpfer an der Tür an. Als er sie öffnete, schaute ihn unter einer Kapuze eine Frau an. „Ja bitte? Wir haben heute geschlossen, Feiertag.“
„Feiertag? Also so nennt man das heute. … Ich bin angemeldet. Sie sind der Buchhändler? Und das hinter ihnen der Herr, der so großes Interesse an meinem Manuskript hat?“ Es vergingen einige Momente, bis die beiden begriffen und doch nicht begriffen. „Wollen sie mich hereinbitten?“ Der Brillenträger nickte dem Buchträger mit offenem Mund zu, der die Tür hinter der Frau abschloss. „Am besten ich beginne gleich, sie werden mir zunächst sowieso kein Wort glauben. … Ein Tee wäre schön. … Ach, und könnten sie ihre Handys ausschalten? Da bin ich gerade ein bisschen paranoid. … Also, mein Name ist Karoline Saltusser. Sie kennen mich wahrscheinlich unter meinem Alias Orlando Wolff, nicht sehr originell für ein Pseudonym, das ein Geschlecht verschleiern soll, ich weiß.“ Sie sah die beiden fast mütterlich an. „Hören sie mich an, und entscheiden sie dann, ob sie mir glauben wollen oder nicht. … Bis zum 1. Mai 1929 war ich stummes Mitglied des revolutionären Widerstandes hier in Quedlinburg und auch in Berlin. Incognito, versteht sich, oder als Schläferin, wenn sie so wollen. Meine Aufgabe bestand darin, die Aktionen hier vor Ort in enger Absprache mit dem kommunistischen Untergrund in Berlin zu koordinieren. Das waren vielleicht entbehrungsreiche Jahre, kann ich ihnen sagen. Aber die örtliche Leserschaft war dankbar. Hinter dem Rücken meines Chefs versorgte ich die ansässigen Sympathisanten mit dem neuesten Stoff, die Fahne musste zwar nicht hoch, aber auch nicht eingemottet werden.“ Sie nahm den Tee dankend entgegen. „Können sie mir noch folgen?“ Beide nickten und schüttelten gleichzeitig mit dem Kopf. „Wir werden genug Zeit haben, damit ich ihnen alles in Ruhe erzählen kann. Aber ich denke, ich habe sie noch nicht genügend überzeugt.“ Aus ihrer großen Reisetasche holte sie eine kleine Reiseschreibmaschine hervor. Der Buchträger musste ungewollt auflachen: Eine Corona, Baujahr 1920. „Ja, ein toller Treppenwitz, oder? Die habe ich hier gleich um die Ecke vor über 100 Jahren erworben. Und auf ihr habe ich den größten Teil meines Manuskriptes abgetippt.“ Sie holte zwei große Kartons aus der Tasche und zeigte den immer noch sprachlosen eine Unmenge von altem Papier, eng beschrieben. „Ich denke, sie wissen, was sie vor sich haben, können sich aber keinen Reim darauf machen, wie das alles möglich sein soll.“ Ein letztes mal kramte sie in der Tasche. „Das hier ist ein Orb. Jedenfalls haben sie es damals so genannt.“ Sie überreichte dem Brillenträger eine faustgroße, metallische Kugel.
„Ich habe das so genannt? Wie meinen sie das?“
„Als sie mir den Orb im April 1929 gegeben hatten. Sie können sich daran nicht erinnern, weil es innerhalb ihres Kontinuums erst noch passieren wird. … Jedenfalls hat er mich gerettet, und ich gehörte nicht zu den 33 Opfern der Polizei am 1. Mai in Neukölln, dem Blutmai, wie er seitdem genannt wird, denn ich war bereits am Nachmittag, noch bevor die ersten Barrikaden errichtet worden waren, geflohen. Und zwar in ihr Kontinuum. Tja, und hier bin ich nun. Schön, sie endlich kennen zu lernen.“ Sie hielt erst dem Buch- und dann dem Brillenträger die Hand hin, die sie beide gleichzeitig entgeistert ergriffen. „Allerdings scheint der Orb bei diesem Sprung beschädigt worden zu sein, weswegen ich seit dem 27. Dezember 2019, dem Tag meiner Ankunft in ihrem Kontinuum feststecke. … Nachdem ich sie nun endlich ausfindig gemacht hatte, hoffte ich, dass sie mir helfen können, den Orb zu reparieren. … Oder die Revolution eben in ihrem Kontinuum wach zu halten.“ Sie trank seelenruhig einen weiteren Schluck und wartete auf eine Reaktion. Der Buchträger fand als erstes die Fassung wieder: „Sie erzählen uns, dass sie in der Zeit gesprungen sind? … Und dass der Brillenträger ihnen dabei geholfen hat?“
„So ist es.“
„Ich hole mal was anderes zu trinken. Sie haben recht, ich glaube ihnen kein Wort. … Aber irgendwas sagt mir, dass diese Geschichte interessanter werden könnte, als alles was hier sonst so los ist.“
„Und das scheint ja auch alles andere als glaubhaft zu sein, zumindest wenn man die Nachrichten so liest.“ Sie legte ihren Mantel ab, der Brillenträger führte sie in den hinteren Bereich des Ladens, und als der Buchträger mit einer Flasche Whisky und drei Tassen zurückkam, begann sie erneut zu erzählen. Bis spät in die Nacht sprang ihr Blick zwischen den verblüfften Gesichtern der Freunde hin und her.
Aiaiai, das ja mal spannend.