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Standard (S5:Ep10)

von | 2021 | 27. Juli | Die Serie, Staffel 5 - How does it feel?

Kurz vorm nächsten Vielleicht-Gewitter
verabschieden sich die Leute in der Stadt,
das Abendbrot wartet.
Hier vor dem Fenster, also in der Hölle,
auch gerne mal Mittfünfziger,
die sich im Punisher-Muskelshirt
auf‘s Mountainbike (ohne E) schwingen.
Über Kopfsteinpflaster rollt es sich besonders nostalgisch.
Die Restaurants sind voll.
In den Straßen hört man dieser Tage
auffallend viel niederländisch.
Die Führungen sind gut besucht,
es wird gelacht, es gibt Applaus.
Inzidenzwert im Harzkreis momentan:
Eins komma Neun. In Ziffern: 1,9.
Das klingt inzwischen wie:
26°C, leicht bewölkt, ganz leichter Wind,
in der Nacht vielleicht Regen.
Spitzen-Wetter.

Das Klima allerdings sieht momentan so aus:
Nach einundeinhalb Jahren sind offiziell
200.000.000 Infektionen nachgewiesen.
Es gibt 4.200.000 Tote im Zusammenhang mit dem Virus.
Immer noch 10.000 weitere pro Tag.
Dagegen stehen
4.000.000.000 verabreichte Impfdosen.
Dazu schreibt die New York Times:
„84 Prozent der weltweit verimpften Dosen
wurden in den reichsten und
in überdurchschnittlich reichen Ländern verabreicht.
Und nur 0.3 Prozent in den Ländern
mit niedrigen Einkommen.“
Da können die erstgenannten
so viel mit Spenden angeben, wie sie wollen,
das ist offensichtlich unverschämt ungerecht.

Ob darüber, und über die längst überfällige Freigabe der Patente
auf der heute endlich für in zwei Wochen angekündigten,
nächsten Bund-Länder-Runde geredet wird,
ist unwahrscheinlich.
Obwohl es ein top Move von Angela Merkel wäre,
dazu, kurz vorm Ende,
noch ihr grünes Licht zu geben.
So scheint sie aber ganz cool durchzuregieren
und macht nebenher
noch Boris Reitschuster auf der BPK platt.
Natürlich stehen wieder Schicksalsentscheidungen an.
Wie wird der Vierten Welle begegnet?
Was ist mit den Schulen und Kindergärten?
Nehmen wir uns den UK zum Beispiel,
wo jetzt einfach ein Haken dran gemacht wird?
Oder bleiben wir vorsichtig genug?
Oder machen wir lieber Wahlkampf?
Noch zwei Wochen Vorstöße und Ideen.
Wählermeinungen abtasten,
Spindoktoren rotieren lassen.
Und dann entscheiden,
worüber man dann später entscheiden könnte.
Also höchste Zeit für Pseudomacher in der Opposition:
Christian Lindner, zum Beispiel.
Der weiß, was jetzt gerade wichtig ist.
„Inhalte sind wichtig.“
Is klar, Christian.

Fakt ist:
die Hälfte der Bevölkerung
ist inzwischen voll durchgeimpft.
Christian, der andere Christian, also Drosten
und Karl Lauterbach atmen auf,
lassen die Zeigefinger aber weiter in der Luft.
Und Fakt ist auch:
Dank dem Kanzleramtschef Helge Braun
und dem schwäbischen Landesvater Winfried Kretschmann
haben wir endlich noch eine offene Debatte;
die es allerdings schon seit einem Jahr gibt,
und da gab es den Gegenstand der Debatte noch gar nicht:
Die Impfpflicht.
Dieses Mal ist es aber keine herbeiphantasierte Debatte,
mit der Querschenker im Internet Panik machen,
sondern es wird zunehmend ernst.
Links von uns (in Frankreich)
haben alle Mitarbeiter des Gesundheitswesens
bis zum Herbst Zeit,
ansonsten können sie nicht mehr
in ihrem Beruf arbeiten.
Rechts von uns (in Polen)
setzt man weiter auf Freiwilligkeit
und hilft ein bisschen nach:
In den Bergregionen missioniert die katholische Kirche,
für die Städter gibt es eine ansehnliche Lotterie.
In den USA spielen jetzt sogar Fox News mit
und rufen in ihren Abendshows zum Impfen auf.

Auf dem Querdenkerboulevard
der sozialen Medien
macht sich derweil Nena beliebt.
Ja, die Nena.
99 Luftballons, Kalter Krieg, NDW.
Inspiriert durch Helge Schneider,
der sein letztes Konzert vorzeitig abgebrochen hatte,
angeblich, weil ihm die Leute zu weit weg gewesen wären,
der aber im Gegensatz zu Nena
keine Politiknummer draus gemacht hat.
Nena hat also die Schnauze voll?
So was traut die sich zu sagen?
Die Nena, „eine von uns“ (Xavier Naidoo).
Der Veranstalter ihres nächsten (Strandkorb-)Konzertes in Wetzlar,
sagt direkt ab.
Schade ist das nicht.
Die richtigen Nazis treffen sich unterdes fast unbeobachtet:
Beatrix von Storch besucht allen Ernstes
den brasilianischen Noch-Präsidenten Bolsonaro.
Trump war wohl schon ausgebucht.

Heute dann, rumms,
mal wieder was ganz anderes.
Kein Klima, keine Pandemie, kein Terror.
Vermutlich einfach nur ein Unfall
in einem Chemiepark in Leverkusen.
Lösungsmitteltanks waren explodiert.
Dicke schwarze Rauchsäulen,
viele Verletzte, einige Tote.
Einen halben Tag lang geschlossene Türen und Fenster,
schlimmeres verhindert,
die Feuerwehren auf zack.
In Kalifornien und Griechenland
arbeitet diese schon wieder
an der Belastungsgrenze
und darüber hinaus.
Ohne Pause
verlieren Menschen ihre Häuser.
Der Bericht des Weltklimarates in zwei Wochen
ist jetzt schon in aller Munde,
auch Deutschland ist unverändert weit davon entfernt,
das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen.

Auch Revolutionen sind weiterhin im Gange,
beziehungsweise werden sie beendet.
Während die Kubaner erneut ihren Unmut auf die Straße tragen,
damit weltweite Diskussionen auslösen
und selbst die kubanische Botschaft in Paris
mit Brandsätzen beworfen wird,
ist man sich in Tunesien noch nicht ganz einig,
ob die Parlamentsauflösung
und die Militärpräsenz in den Städten
nicht schon ein Putsch sind
und die Revolution nach zehn Jahren
erst mal wieder aufgibt.

Die guten Nachrichten gibt es also nur wieder beim Sport.
Obwohl gut ist bei Olympia dieses Jahr nur wenig.
Die Athleten wirken verloren ohne Publikum,
die Infektionszahlen in Tokio sind hoch,
alles wirkt steril und wenig freudlos.
Klar, dass die deutschen Dressurreiter*innen
da souverän Gold holen.
Nicht so klar war hingegen
der Ausstieg der besten aktiven Turnerin der Welt (Simone Biles, USA),
aus dem Mannschaftsmehrkampf
aufgrund von, nach einem Bruch, gerade erst geheilten Zehen,
mit denen es sich
nach mehreren Salti und Schrauben
eben nicht so toll landet.
Der ARD-Reporter weiß noch etwas
über eine „mentale Sache“,
kann sich aber keinen Reim darauf machen,
wodurch die denn nur hervorgerufen sein könnte.
Dass sie damit mannschaftsdienlich wie nur was geturnt hat,
nämlich gar nicht, da es einfache fittere Turnerinnen im Team gibt,
lässt er unerwähnt.
Enttäuschung ist das neue Verständnis.
Es gibt sie aber die schönen Geschichten:
Zwei dreizehnjährige Mädchen
gewinnen beim Skateboarden,
das endlich olympisch ist.
Und Luca Doncic bricht gleich
in seinem ersten Olympiaspiel
fast den über dreißig Jahre alten Punkterekord
des Brasilianers Oscar Schmidt.
Kurz hochgerechnet
hat er also noch gut zwanzig Versuche.
Dürfte zu schaffen sein.

Hier vor Ort, beim Basketball,
trainiert die Jugend sogar in den Ferien.
Seit heute mit einer ehemaligen Profispielerin aus dem Iran.
Anstatt kopfüber in Badeseen zu springen,
gibt es Liniensprints,
Dribblingdrills,
Criss-Cross,
und erst ganz am Ende noch ein kleines Spiel.
Training eben.
Bei 38°C
und auf knirschendem Hallenboden.

„Don’t you want the truth?
Ignore reality!
See I love that feeling too.
Nobody’s gonna stop right now.“

(The Strokes: Eternal Summer. 2020.)

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