„And if I don‘t stop now
will it follow me down?
I guess I have to try.
It‘s the art of getting by.“
(Chvrches: Asking for a friend. 2021.)
Applaus! Applaus!
Vor meinem Wohnzimmerfenster
ist die Hölle los.
Aber nicht etwa,
weil die fünfte Staffel von #DieDoppeltenZwanziger
endlich ins Ziel kommt,
sondern da ist wortwörtlich die „Hölle“ los.
Vom eigentlichen Namen des,
ja was ist das eigentlich?
(Ein Halbtriathlon?),
ist man inzwischen abgerückt.
Nicht mehr „Hölle von Q.“,
einfach nur noch Hölle.
Zum inzwischen bereits x-ten Male
leiden sich beeindruckende Athlet*innen
durch die enge Gasse vor meiner Haustür,
um nur ein paar Meter weiter
endlich im Ziel anzugelangen.
Das gehört zum Quedlinburger Spätsommer
inzwischen genauso dazu
wie die Landpartie,
ein gemeinschaftlicher Fahrradausflug,
der das Aus-der-Zeit-gefallen-sein
am nächsten Wochenende
bereits zum zehnten Male feierlich beradeln wird;
quasi das anachronistische Gegenstück
zur freiwilligen Tortur der Leistungsgesellschaft,
die hier am frühen Nachmittag zu Ende geht.
Bei bestem Halbtriathlonwetter,
kurz unter 20°C
und unter strahlend blauem Himmel.
Gewinner*in des Events,
also zumindest für mich,
ist aber die kleine Meute,
die hier unten an der Ecke steht
und seit Stunden jede*n einzelne*n Läufer*in anfeuert,
als wäre es die/der beste Freund*in:
Hölle!
Hölle!
Hölle!
So,
und ironischer kann ich jetzt nicht mehr
zum Inhalt der letzten Episode dieser Staffel überleiten,
die sich unter ihrem Titel ja seit Ostern fragt,
wie es sich denn nun anfühlt,
nicht mehr bestreitbarer Zeitzeuge
des Weltuntergangs (aka Neue Normalität) zu sein,
der sich unwiderruflich
und in Zeitlupe
vor unseren Augen
und reflektiert in Milliarden
von Schwarzen Spiegeln
Tag für Tag beschleunigt.
Natürlich habe ich keine wirkliche Antwort,
nur viele Versuche.
Am besten trifft es immer noch „dynamisch“,
auch wenn das natürlich kein Gefühl ist,
höchstens, vielleicht
in metaphysischen Möchtegerndiskursen,
aber für die hat diese Chronik,
ganz chronisch,
ganz, ganz wenig Zeit.
Die provinzielle Perspektive
hilft dabei objektiv betrachtet sicher ganz gut.
Denn vor Ort ist außer der Hölle
immer noch sehr, sehr wenig Weltuntergang.
Ein wohliger Kokon aus Sorglosigkeit
bei gleichzeitiger Totalinformiertheit.
Woanders ist immer mehr Dynamik.
Weswegen die Tagesschau
inzwischen immer mindestens
zwei Live-Blogs unterhält.
Doppelt hält besser.
Neben dem Dauerbrenner (Klimakatastrophe),
selbstverständlich immer aktuell:
Die Pandemie.
Und mit diesen beiden
beginnt heute auch der Blick
über den Mittags-Tellerrand.
Zuerst das kaputte Wetter,
damit es auch mal
nicht erst zum Schluss dran ist.
In dieser Woche stand
die New Yorker U-Bahn
unter Wasser.
Hurrikan Ida,
nach seinem blitzartigen Besuch
in Louisiana,
für die bis gerade eben noch
unbekannten „Flash Floods“ verantwortlich,
ist bis jetzt das Highlight der Saison;
gab‘s so auch noch nich‘.
Fühlt sich aber
schon ganz normal an,
jedenfalls für Nicht-New Yorker.
Genauso wie die
(wieder) normal gewordenen
und dynamisch Haken schlagenden
Entwicklungen im „Kampf gegen Corona“.
Bevor hier die Breaking News kommen,
oder das, was sie vor einem Jahr noch gewesen wären,
erst mal eine (nur gefühlt) zynische Prognose:
Alle Macher und Entscheider
scheinen sich gerade darin einig zu sein,
dass die Pandemie
im nächsten Frühjahr
wirklich
zu Ende geht.
Zumindest für den Westen ist das
bei der derzeitigen Dynamik
tatsächlich sehr wahrscheinlich.
Denn wenn keine Lockdowns mehr kommen,
und die Schulen offen bleiben,
dann sind im nächsten Mai
alle
entweder
2-G
oder tot.
Die „Pandemie der Ungeimpften“
hat eine wesentlich höhere Mortalität.
Runter gehen die Zahlen
kaum noch irgendwo,
im Gegenteil:
Vorzeigestaaten,
wie Israel, Australien und Neuseeland,
vermelden neue Infektionsrekorde.
Die Angst vor den nächsten Triagen
geht bereits von Intensivstation zu Intensivstation,
ganz aktuell auf Hawaii (sic) oder in Texas.
Da werden momentan ganze Schulbezirke
in Quarantäne geschickt,
an einer Schule sind innerhalb der letzten Woche
zwei Lehrer*innen gestorben.
Die Mu-Variante ist
in mindestens einem Land (Kolumbien)
schon dominanter als Delta.
Italien teasert da gleich mal
eine Impfpflicht für alle an.
Die Auslastung der deutschen Intensivbetten
ist bereits wieder auf dem Niveau vom letzten Oktober,
als nach zu langem Gehadere
der Lockdown light verhängt wurde.
Ein Jahr später
wird aber nur noch
um eine Impfauskunftspflicht gestritten,
der Rest solle sich doch bitte, bitte impfen lassen.
Also außer den Kindern,
aber hey, die meisten werden schon durchkommen!
Dann bleibt auch genug Impfe über,
für Boostershots.
Womit wir bei der skurrilsten Story der Woche wären,
und auch am Ende des obligatorischen „Corona“-Blocks.
Aus Sao Paolo wurde in dieser Woche
eine Impfquote von 104% gemeldet,
vollständig geimpft sogar.
Doctor Strange ist aber mal
sowas von neidisch.
Im Laufe dieser Staffel
haben sich die Kernthemen
also zusehends verfestigt:
Dauerrelevanter Content
der Doppelzwanziger
in Deutschland
sind (bis jetzt):
Klima,
Pandemie,
Demokratieversagen.
Das Ende der Welt also,
wie wir sie kennen.
Was für die Boomer
die jüngste Nazivergangenheit,
Studentenrevolten
und die Wende waren,
sind für uns Millenials
eben CO2-Sünden,
Querdenker
und Muttis manchmal kluge Entscheidungen.
Von denen gibt es wohl
nur noch eine Handvoll,
dann wird abgestillt,
und ein Papi sagt wieder,
wo‘s lang geht.
Im Schatten der links-grün-versifften Euphorie,
hinter dem Streit
um das Natobekenntnis von Rot-Grün-Rot,
neben dem fulminant schlechten „Team Laschet“
und seinem Traum von einer Deutschlandkoalition,
macht die AfD derweil einfach stumpf weiter.
Wer länger durchhält, gewinnt.
Vor lauter Reiben
sind die Hände
der zukünftigen Parlamentarier
schon ganz taub.
Endlich kommt die große Bruderpartei
zurück in die Opposition!
Die Glocken werden bereits poliert,
die zur (Wieder-)Versöhnung
des Sozialen mit dem Nationalen
läuten sollen.
Selbst die unfassbarsten Provokationen
verschwinden im Taumel der Zeitenwende,
die blind macht für die Zukunft,
weil sie die Vergangenheit vergessen lässt:
An den Laternenpfählen auf dem Parkplatz
des ehemaligen Lagergeländes in Buchenwald
hing einige Tage deren Top-Hit:
„Mut zur Wahrheit“.
Fatalster Geschichtsrevisionimus
versteckt in einer Parole der Aufklärung.
Meinem humanistischen Reizdarm
könnten kaum schlimmere Qualen angetan werden.
So etwas in den nächsten vier Jahren
als auch irgendwie „normal“ hinzunehmen,
wäre alles, aber nicht normal.
Aber Normalität ist ja auch
nicht mehr das Thema.
Ein weiteres Thema,
das in den ersten Staffeln
noch einen viel zu großen Raum eingenommen hat,
ist glücklicherweise etwas weiter
vom Tellerrand weggerückt:
Die Machenschaften der US of A.
Warum eigentlich?
Ganz einfach:
Burnout.
Ich fühl‘s einfach nicht mehr.
Trumps entkräftender Niedergang
und Bidens letztendlich kraftloser Neuanfang
sind einfach zu viel des Frustes.
Und außerdem werde ich nicht drumherum kommen,
denn die Weltmacht
mag vielleicht immer weniger Weltmacht werden,
dafür aber ist sie aber auf dem Weg,
vom Weltpolizisten
zum Sorgenkind des aufgeklärten Westens,
was ja auch nicht uninteressant ist.
Dafür nur ein Beispiel,
um anzudeuten, wohin die Reise geht.
Ungefähr ein Jahr
nach der abgeschlossenen Neubesetzung
des Obersten Gerichtshofes,
zeigt dieser, wofür er angetreten ist.
Im Falle des sogenannten „Heartbeat Bill“,
haben die mehrheitlich republikanischen Geschworenen dem Staat Texas Recht gegeben,
wo ab jetzt Schwangerschaftsunterbrechungen
nach der sechsten Woche strafbar sind,
völlig unabhängig vom Grund der Unterbrechung.
Das Urteil darüber,
ob es Zufall ist,
dass diese Entscheidung
in der Staffelpause
der wichtigsten Anti-Patriarchats-Serie der Weltgeschichte
(„The Handmaid‘s Tale“)
getroffen wurde,
das überlasse ich
lieber einem Kunstgeschichtsseminar
im Jahre 2057, oder so.
Fakt ist:
Der Präzedenzfall Roe v. Wade
wird demnächst wieder aufgerollt,
und alte weiße Männer
lachen wieder kaltherzig
über Bodies und Choice.
Um so bittersüßer ist es mit anzusehen,
wenn Jen Psaki, die Pressesprecherin des Präsidenten,
mit einem Katholiken,
der mit gehässigen Nachfragen glänzt,
den Boden des Weißen Hauses aufwischt.
Denn wir wissen:
Über kurz oder lang
ist der Dreck wieder da.
Was uns abschließend
zum gefühlt nervigsten Kernthema
dieser Serie bringt:
Die ständige Wiederholung.
Nur mit neu angeordneten Bildern und Buchstaben.
Das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen,
obwohl doch alles geschmiert und geölt ist.
Das kopfschüttelnde Akzeptieren der Erkenntnis,
dass Nietzsche dann doch noch Recht gehabt hat.
Und Oswald Spengler.
Und Camus.
Und alle anderen Miesepeter.
Aber eben auch die unverfrorene Hoffnung,
dass auch wieder bessere Tage kommen.
Zwar auch nur eine Wiederholung,
denn schließlich steht die Welt
ja jeden Tag auf‘s neue am Abgrund,
aber auch nach Nietzsche, oder vor Camus,
hat doch wenigstens ab und an mal
die Sonne geschienen.
Grund genug,
weiter zu schreiben.
Am Ende der Staffel und dieser Episode,
bei also noch genug Zeit
bis zum nächsten apokalyptischen Schub,
heute mal noch ein bisschen Selbstauskunft.
Der Blog wartet sehnsüchtigst auf den Herbst.
Wenn wieder mehr gelesen wird,
und wenn auch nur ein bisschen.
Denn ich schreib mal so:
Wenn ich nicht so viel schreiben würde,
würde das wohl immer noch
kaum jemandem außer mir auffallen.
Diejenigen, die das gerade verneinen,
können sich, wie seit bald zwei Jahren,
meinem wirklichsten Dank sicher sein,
ich küsse Eure Augen.
Der Durchbruch zum Blog des Jahres
lässt aber weiter auf sich warten.
Rock‘n‘Roll sieht anders aus.
Ganz ehrlich?
Ich habe keine Ahnung,
ob, wie oft und wie viele hier
(noch, bald, wieder) mitlesen.
Anyway, ich lerne genug.
Zum Beispiel,
dass gute Übergänge wirklich das schwerste sind.
Oder, dass eine gute Standardepisode
circa sieben Seiten lang ist.
Oder, dass der Rest herrlich frei variiert.
Dass hier eben maximale Dynamik drin ist.
Denn wenn Steine
einmal ins Rollen gekommen sind,
dann rollen sie,
zumal wenn die Ebene auf der sie rollen,
immer schiefer wird.
„How does it feel,
ah how does it feel?
To be on your own,
with no direction home?
Like a complete unknown,
like a rolling stone.“
(Bob Dylan. 1965.)
Und wie immer gilt,
nach dem Finale ist vor dem Finale.
Und während auch die letzte Stimme mit Durchhalteparolen
vor meinem Fenster für dieses Jahr verstummt ist:
Das Gemurmel der Touristen
blubbert weiter durch die Gassen.
Und, klar,
die Planung beginnt.
Next up: Advent in den Höfen!
Ist zwar noch gute drei Monate hin,
aber muss dieses Jahr einfach was werden!
Was wäre Deutschlands schönste Kleinstadt
ohne sein alljährliches,
gesittetes und heimelig
funkelndes Massenbesäufnis im Stehen.
Was die Planung angeht,
wird gerade über die Möglichkeit
von stichprobenweisen 3-G Tests diskutiert.
Wahrscheinlicher ist:
2-G oder nix mit Bummeln.
Darüber schreibe ich aber erst,
wenn es so weit ist;
Vorfreude und so weiter.
Als allerletzter Text
dann also jetzt
die schönste Geschichte
zum Schluss:
Über ein Jahr
und zwei verschobene Hochzeitstermine
musste sich ein kleiner Kammerchor gedulden,
bis er heute zum ersten Mal wieder proben konnte.
Während zwischen den großen Kirchen der Altstadt
und dem Quedlinburger Dom auf dem Schloßberg
die Läufer*innen dem Teufel entkamen,
erklangen in der kleinen Johanneskapelle in der Süderstadt
zehn noch wacklige Stimmen.
Unter der Leitung der immer legendärer werdenden
und immer noch sehr lebendigen Legende Karin Bernhagen.
Und jede*r Chorsänger*in weiß,
was jetzt kommt:
Natürlich ein Kanon.
Denn ein Kanon geht immer.
Er lässt sich endlos wiederholen,
bis alle seine Melodie kennen.
Und einen Kanon gibt es,
der geht immer, aber auch wirklich immer,
weil die erste Voraussetzung für alles Gute
immer erst mal eines ist:
Frieden.
Erst dann kann alles andere wachsen.
Liebe vielleicht.
Dazu dann aber mehr in der nächsten Staffel,
deren Titel ich gerade verraten habe:
In zwei Wochen (spätestens)
sitzt die nächste Frage neben mir am Schreibtisch.
Liebe Doppelzwanziger,
was darf‘s sein?
Frieden oder Liebe?
Oder gar beides?
Überrascht uns doch mal!
Bis dahin, wie immer:
Danke für‘s Lesen.
Und bleibt gesund!
Edit:
Aha, kaum kokettiert man mit Halbwissen,
gibt‘s auch mal wertvolles Feedback:
Die Hölle ist natürlich kein Halbtriathlon,
so etwas gibt es nicht.
Die Hölle
ist ein Mitteldistanzthriatlon.
Daneben liegen jeweils
die Langdistanz
(3,5km Schwimmen, 180km Radfahren, 42,2km Laufen),
die Olympische Distanz (1km, 40km, 10km)
und der Sprint
(500m, 20km, 5km).
Danke an den Auskenner aus der Hölle!

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