„Come a little bit closer.
Hear what I have to say.
Just like children sleepin‘
we could dream this night away.
But there’s a full moon risin‘.
Let’s go dancin‘ in the light.
We know where the music’s playin‘.
Let’s go out and feel the night.“
(Neil Young: Harvest Moon. 1992)
So.
Wie so oft
muss ich die passendsten Allegorien und Symboliken
überhaupt nicht weiter suchen:
Der Ernte-Vollmond
steht in dieser Woche
in feuerorange
über dem Bierzelt auf der Kleerswiese,
in dem seit vorgestern
an zwei Wochenenden in Folge
um die Wette gesoffen
und davor verschämt gekotzt wird.
Sinnbild genug?
Nein?
Kein Problem:
Vor meinem Wohnzimmerfenster
stehen in diesem Herbst
schon gegen halb zehn (vormittags)
die Touris zuhauf in der Hölle rum
und lachen dabei viel zu laut
noch über die flachsten Witze.
Und damit also direkt
zum wöchentlichen Ernst der Lage.
Der noch nicht ganz rechts außen
angekommene Teil (Ost-)Deutschlands
kann zur Abwechslung erstmal durchatmen:
In Nordhausen wurde Jörg Prophet (sic)
dann doch nicht Oberbürgermeister,
obwohl die Sektkorken bei Höcke und Weidel
schon viel zu locker saßen.
Stattdessen hat es ein Parteiloser gemacht,
mit einem viel besseren Nachnamen:
Buchmann.
Das hält den männlichen Bundes-Co-Chef der Nazis
zwar nicht davon ab,
sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen komplett zu entblöden
und bei „X“ noch einen drauf zu setzen
(„Nordstream2 – Niemals Vergessen!“),
aber wenigstens können wir das alles
kurz mal wieder
mit Humor nehmen.
Denn als nächstes
wird die rechtsextreme „Artgemeinschaft“ verboten,
sogar flankiert mit echten Hausdurchsuchungen.
Große Teile des militanten Rechtsextremismus
reagieren unerwartet schnell:
In wenigen Tagen
werden gleich vier weitere Kampfverbände „selbstaufgelöst“,
die „Arische Bruderschaft“,
die „Brigade 12“,
die „Kameradschaft Northeim“
und die „Brothers of Honour“.
Aber, Bella, ich weiß einfach nicht,
ob ich lachen oder weinen soll,
denn all das macht nichts besser.
Und das weiß wohl kaum einer besser
als Götz Kubitschek,
der die Eröffnungsrede
der „Sommerakademie“ seines „Instituts für Staatspolitik“
(am letzten Wochenende,
hier in Sachsen-Anhalt)
mit den folgenden Worten beendete:
„Lasst uns Krieg führen.“
Und ich brauche also nicht
extra mehr darauf hinweisen,
welchem Planeten
der Vollmond gerade am nächsten steht.
Klar, der meint natürlich
nur den „Kulturkrieg“,
aber es werden schon die richtigen Köpfe verstanden haben,
was er ganz sicher auch gemeint hat:
Der Bürgerkrieg ums Deutschsein
geht in die nächste Runde;
alle Tricks erlaubt.
Also, was soll’s?
Ein Prosit der Ungemütlichkeit!
Die „Quedlinburger Wies’n“
feiert ihr Stelldichein!
Völlig begleitspektakelbefreit
steht mitten im Weltkulturerbe,
immerhin auf einer Wiese,
ein 1.500 Menschen Platz auf Holzbänken bietendes Zelt.
Der Eintritt zu einem Abend
gemeinschaftlichen Besäufnis
kostet 24€,
will man vorne an der Bühne sitzen,
dann noch etwas mehr.
Die Maß überrascht bei (ab) 8€,
auf dem Original in München
kriegt man dafür mal gerade so die Hälfte.
Und da die Inflationsrate
gerade eben erst auf 4,5% abgestürzt ist,
sitzt das Geld bestimmt locker,
zumal die Anreisekosten gering ausfallen,
was bei den Spritpreisen in der Gegend
(Sachsen-Anhalt steht mit an der bundesweiten Spitze)
nur noch ein Grund mehr ist,
sich im Bierzelt druckzubetanken.
Und bestimmt auch hier
auf die Grünen zu schimpfen,
während die Coverband „Layla“ zum besten gibt.
Volksfest eben.
Wie gerade überall,
als ob es irgendwas zu feiern gäbe.
Das Zelt in Wernigerode
soll noch größer sein.
Wie auch der Grünenhass.
In der Konkurrenzstadt unter dem Brocken
gibt es aktuell ein sogenanntes Volksbegehren:
Robert Habeck,
der bald zu Besuch kommen will,
soll sich nicht ins Goldene Buch eintragen dürfen.
90(!1!11)% sind dagegen!!1
Was ich mich bei sowas
immer öfter frage:
Warum verfängt die Hetze
gegen links-grün eigentlich immer noch?
Mal ehrlich,
mehr Scheitern geht doch kaum noch.
Die Linke löst sich gerade in Luft auf
und die Grünen haben vor lauter Krötenschlucken
schon ganz dicke Backen.
Das muss dieses Faschoding sein:
Wenn der Gegner am Boden liegt,
dann geht die Dresche erst richtig los.
Mal ganz abgesehen davon,
dass sich im Schatten
dieses molekularen Pseudo-Bürgerkriegs
der Neoliberalismus
inzwischen einfach bei allem durchsetzt
(die geplante „Industriestrompreisbremse“ belohnt Klimasünder,
und Lindner stoppt die Entwicklung
eines Programms zur Verfolgung von Verbrechen
bei Finanztransaktionen),
kann ein Land,
ein Kontinent,
doch gar nicht mehr schneller
auf den rechten Rand zulaufen,
oder?
Nun ja,
lest selbst:
Innenministerin wieder Willen
(geht man nach ihrem Gesichtsausdruck),
Nancy Faeser (SPD!),
fordert „stationäre Grenzkontrollen“.
Die sind laut Polizei zwar nicht effektiv,
aber egal,
die kommen trotzdem
(und zwar „flexibel“).
Bundeskanzler Olaf Scholz (auch SPD)
verkündet, Deutschland wird
eine EU-Verschärfung des Asylrechts
nicht (mehr) blockieren.
Oppositionsführer Friedrich Merz
talkt mit der Welt:
„Die (Asylanten) sitzen beim Arzt
und lassen sich die Zähne neu machen,
und die deutschen Bürger nebendran
kriegen keine Termine.“
Wo ist der Kotzhügel,
wenn man ihn wirklich mal braucht?
In Magdeburg schon mal nicht,
denn da hat sich Merz vorgestern,
beim CDU-Landesparteitag
vom Landesvater anhimmeln lassen.
Und, oh Wunder,
der aktuelle Deutschlandtrend verrät:
Auf einmal machen sich
viel mehr Leute
Sorgen um die „Migration“;
Deutscher Herbst,
Folge 88.
Das kriegt inzwischen
auch der letzte Hirni mit:
Elon Musk mischt per X ein.
Die Bundesregierung
sei „wohl stolz darauf“
(Geflüchtete aufzunehmen),
und fordert direkt
eine Umfrage zu dem Thema,
ohne zu vergessen,
vorher seinen Tipp abzugeben:
„Ich bezweifle,
dass die Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit
dies befürwortet.“
Was für Kotzbrocken.
Aber auch der weiß,
dass das „Thema“ aktuell
nun mal geil abtriggert.
Denn auch auf die USA
kommt die nächste „Flüchtlingskrise“ zu.
Costa Rica steht vor dem Ausnahmezustand,
die weiter wachsenden Flüchtlingstracks
sollen in die USA gebracht werden,
in Mittelamerika
ist tatsächlich nicht Platz genug.
Und außerdem haben die USA
wie immer erstmal ihre eigenen Probleme:
Heute Nacht ist das nächste Shutdown-Drama
zu Ende gegangen.
Speaker of the House, McCarthy,
benennt das Problem,
das die Republikaner mit dem neuen Haushalt haben:
„Sie (die Regierung) stellen die Ukraine
über die USA“,
und man solle doch lieber
mehr gegen Einwanderer vorgehen.
Zu diesem reaktionären Scheiß
kommt dann auch noch Streit unter den Republikanern selbst.
Warum?
Weil’s geht.
Also geht es tatsächlich erstmal
ohne neue Ukrainehilfen weiter,
eine Krise im Öffentlichen Dienst,
die wollen nicht mal die Demokraten gerade riskieren.
Zumindest nicht bis in 45 Tagen,
denn dann geht das Stück weiter.
Nur dass es dann etwas wichtiger wird:
Klimarettung oder Kriegsführung?
Bis dahin wird aber erstmal weiter gefeiert!
Trump ist bei der zweiten
(inhaltsleeren) Debatte
der republikanischen Präsidentschaftskandidat*innen
weiter „missing in action“ (Doug Christie).
Denn der steht ab morgen wirklich endlich vor einem Gericht
und erwartet in New York das erste Strafurteil (Immobilienschwindel),
das er dann für seinen Wahlkampf ausschlachten kann.
Genau so,
wie es die Kommentatoren der Fernsehnation
jetzt auch endlich wieder machen können:
Der Autor*innenstreik ist nach fünf Monaten beendet,
endlich können wieder Witze
zur Stabilisierung des Systems
geschrieben werden.
John Oliver
habe ich aber wirklich ein bisschen vermisst.
Vielleicht tut er uns ja den Gefallen
und startet in die neue Saison,
indem er keine selbstherrliche Nummer bringt,
sondern, wie gewohnt, über etwas wichtiges aufklärt.
Zum Beispiel über Bergkarabach,
das es seit dieser Woche nicht mehr gibt.
Am Montag fliegt noch ein Öl-Depot in die Luft,
seit dem ist Ruhe.
100.000 Menschen sind inzwischen nach Armenien geflohen.
Und Anfang des nächsten Jahres
werden nur noch Karten gedruckt,
auf denen der Schwarze Garten
nur noch eine Erinnerung ist;
Krieg ist nicht mal gut,
wenn er vorbei ist.
Womit wir gleich
bei meiner Hass-Rubrik angekommen wären,
aber vorher sei gleich noch
der nächste angekündigt:
Die USA sorgen sich nämlich
um einen „beispiellosen“ Truppenaufmarsch Serbiens,
die Situation im Nordkosovo
steht kurz vor der Eskalation,
Serben greifen bereits offen Polizeikräfte an.
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 82.
Kriegsherbst, der zweite von vielen. Montag: Der Verkehr auf dem Moskauer Flughafen ist wieder eingeschränkt, zu viele Drohnen in der Nähe. Odessa steht wieder unter verstärktem Beschuss, die Hafeninfrastruktur wird massiv beschädigt, 1.000 Tonnen Getreide gehen in Flammen auf. Beim Besuch Selenskyjs in Kanada wurde ein ehemaliger ukrainischer SS-Soldat geehrt, unter tosendem Applaus, der seit langem in Kanada lebt; immerhin wird sich ein paar Tage später dafür entschuldigt. In der Ukraine sind die ersten Abrams-Panzer eingetroffen. Die russische Justiz hat weitere Richter und ranghohe Beamte des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) zur Fahndung ausgeschrieben. Die russische Luftwaffe fliegt Angriffe auf die Südukraine. Beim jüngsten Angriff auf die Krim sind laut Ukraine 34 ranghohe Matrosen gestorben, darunter auch der Flottenadmiral. In Sewatopol kommt es am Nachmittag zu weiteren „kontrollierten Sprengungen“. Kurz vor der russischen Grenze explodiert ein Munitionsdepot. Polen bekommt einen Milliardenkredit von den USA, für die Militärmodernisierung. Über der Krim werden die nächsten Raketen abgefangen. Dienstag: Drohnenangriffe und Stromausfälle auf allen Seiten. Russland zeigt ein Live-Video des angeblich getöteten Flottenandmirals. Kiew will seine Informationen noch mal prüfen. Rumänien kauft Kampfjets im Wert von 8.000.000.000 von den USA. Selenskyj will verstärkt gegen den russischen militärisch-industriellen Komplex vorgehen. Mittwoch: Klitschko erklärt Markus Lanz, warum man nicht aus einer Position der Schwäche heraus mit Russland verhandeln darf. Der Admiral der Schwarzmeerflotte taucht erneut im russischen Fernsehen auf. Moskau behauptet, London und Washington waren an der Attacke auf die Krim beteiligt. Cherson steht weiter unter schwerem Beschuss. Donnerstag: Die Kämpfe in Donezk bleiben „schwierig“, dutzende Drohnen werden abgeschossen. Das Bundeskartellamt stimmt einem deutsch-ukrainischen Rüstungsunternehmen zu. Stoltenberg besucht Kiew zum zweiten Mal. Putin empfängt Kadyrow im Kreml. Polnische Flugzeuge dringen in den belarussischen Luftraum ein. Freitag: Selenskyj erklärt Stoltenberg, die Ukraine habe sich die Mitgliedschaft in der Nato wohl redlich verdient. An Ost- und Westfront sterben weiter Zivilisten nach russischem Beschuss. In Kursk wird die Energieversorgung eines Krankenhauses unterbrochen. Ex-Wagner-Kämpfer sind zurück in der Schlacht um Bachmut. Der erste Jahrestag der Annexion der vier besetzten Oblaste wird gefeiert. Samstag: Die Infrastruktur in der West-Ukraine wird attackiert, Teile des Gebietes werden evakuiert. Agnes Strack-Zimmermann diktiert dem Hamburger Abendblatt: „Waffensysteme retten Menschenleben.“ In Kiew wird eine neue Allianz von Waffenherstellern gegründet; die Ukraine soll zum „größten Waffenproduzenten der Welt“ werden (Selenskyj). Medwedew auf Telegram: „Die militärische Spezialoperation wird bis zur vollständigen Zerstörung des Nazi-Regimes in Kiew fortgesetzt.“ Im Westen der Ukraine explodiert eine Öl-Pipeline. Sonntag: Die Pipeline brennt immer noch. Die neue Regierung der Slowakei (Smer-SD) will die Militärhilfen für die Ukraine einstellen. Die russische Luftwaffe schaltet landesweit in den nächst höheren Gang. In Russland werden 100.000 Männer zum Wehrdienst eingezogen. London weiß: Russland plant für mehrere Jahre Krieg. Über der Krim werden weiter Raketen abgeschossen.
Und ja,
wir bleiben noch beim Krieg,
nur eben wieder etwas bürgerlicher:
In Schweden eskaliert die „Bandengewalt“.
12 Tote in einem Monat gab es auch noch nicht.
Beim Kampf gegen die „Migranten“
hilft neuerdings sogar das Militär,
und die erstarkte Rechte jubelt gen Walhalla.
Wenigstens in Polen
geht es (noch) zivilisierter zu:
Eine Million Menschen
versammeln sich in Warschau!
Gegen die Regierung.
Und wallah,
in Ankara explodieren
just heute morgen
vor dem Parlament Autobomben,
dann fallen Schüsse,
die PKK ist wieder da.
Und, Bella?,
reicht für heute,
oder?
Ab morgen steht der Mond
auch erstmal nicht mehr voll
im Haus des Mars.
Außerdem und überhaupt:
Winter is coming
no more!
Die Klimakatastrophe
schenkt uns inzwischen verlässlich
goldene Herbstfeste.
In Wien gab es in diesem September
zwanzig volle Sommertage,
mehr als vier mal so viel
wie im Durchschnitt.
Die Schweizer Gletscher
haben in diesem Jahr so viel Eis verloren,
wie in den 30 Jahren davor zusammen.
Und auf der Kleerswiese in Quedlinburg
ist es am Sonntag Morgen nach dem Fest
so sauber und aufgeräumt,
dass man glatt denken könnte,
hier habe niemand gar nicht gefeiert.

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