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Teach me how to self destruct (S9a:Ep2)

von | 2023 | 14. Mai | Die Serie, Staffel 9a - Little Oblivions

 

Hey, Morpheus?
Noch wach?
Nein?
Ich schon.
Ich höre vor lauter verzweifelter Privilegiertheit
jetzt auch noch das Hörbuch
des letzten Stuckrad-Barre.
Nicht.
Egal.
Ich könnte jedenfalls mal wieder
Deine Hilfe gebrauchen.
Ach was,
nicht schon wieder diese bunten Pillen!
Nein, nicht mal einen Schlaftrunk.
Und auch keinen Sand
oder anderen mysthischen Rauch.
Sondern nur Deinen Rat,
Deine Weisheit,
Deine Lehre.
Denn ich finde wieder und wieder
keine Antworten,
egal, wie luzide ich die Fragen träume:
Wie viel Welt können wir vergessen,
ohne uns ganz zu vergessen?
Wie weit können wir uns
von der Gegenwart äquidistanzieren,
bevor wir den Bezug ganz verlieren?
Wo sind die Grenzen des Eskapismus?
Und/oder: Wie dringend brauche ich Urlaub?
Komm schon, Morpheus,
nur eine winzige Offenbarung,
nur eine,
damit ich wieder durchschlafen kann.

Denn daraus wird
auch in den heute beginnenden Pfingstferien
eher so: Nichts.
Bis Pfingsten sind es ja aber
absurderweise (#moderndenken) noch zwei Wochen.
Deswegen nutze ich die Zeit gut,
zum Korrigieren (sehr, sehr viele Wörter lesen),
streiche ansonsten
bei bestem Frühsommerwetter
mit meiner Schwester
die Gartenlaube meiner Mutter,
kümmere mich um eine Katze
und versuche ansonsten,
den schlimmsten Deutsch/Ethiklehreralbtraum
meiner bisherigen Laufbahn zu vergessen/verarbeiten.
Nein, nein, nicht den vom Überpädagogen Rezo,
der mit denkbar schlechtem Timing
die Depressionsawareness bei Abschlussklassen
zum Ausskalieren seiner Reichweite genutzt hat,
ohne dabei besonders schlau rüberzukommen,
dafür aber Chunkyflavour als Therapie anbietet.
Sondern den hier:

 

Die verbrannte Welle (hidden story 5)

10. Mai 2023

Irgendwo in West-Deutschland sitzt ein Gesamt-Deutschlehrer über den Aufsätzen seiner Neuntklässler*innen. Die letzten sechs Wochen hatten sie gemeinsam „Die Welle“ gelesen, und nun rotstiftet er sich durch die Gedanken einer neuen Generation zum Anti-/Faschismus. Dabei ist er genauso oft erstaunt, wie er enttäuscht ist, kein unbekanntes Gefühl. Für die „Interpretation eines Romanauszugs“ hatte er die Stelle ausgesucht, an der eine der Hauptfiguren (fast) von ganz allein auffällt, dass sie sich geirrt hatte, als sie behauptete, so etwas wie der Faschismus würde sich nie wiederholen können. Die meisten hatten die Szene gut beschrieben, eingeordnet und kommentiert, die Noten bewegten sich meist in der oberen Hälfte, und die Rechtschreibung bewegte sich auf „Vor-Corona“-Niveau, hinkte also ein bis drei Jahre hinterher. In den Diskussionen hatte seine Klasse gezeigt, dass sie Ansinnen und Botschaft des Romans nicht nur verstanden haben, sondern auch mit den historischen und aktuellen Geschehnissen in Verbindung bringen können, mit dem Ergebnis, ein mündiges Urteil zum Faschismus abgegeben zu haben. Klassenziel Antifaschismus als Selbstverständlichkeit erreicht. Weiter im Text.

Von diesem Moment träumt, irgendwo in Ost-Deutschland, im selben Moment, am selben Tag, eine Gesamt-Deutschlehrerin, die ebenfalls über den Aufsätzen zum gleichen Roman sitzt. Nur kann sie ihre Gedanken schwer auf die Texte zwingen, denn sie hängen immer noch in den Büschen hinter der Schule, unter denen ausgerechnet heute die verbrannten Seiten eben dieses Buches gefunden wurden. Genau 90 Jahre nach den Flammen, auf dem Bebelplatz in Berlin, hatte sie die verkohlten Seiten in die nächste Mülltonne geworfen. Ihre Wut war kurz davor, den Kampf gegen ihre dunkelsten Seiten aufzugeben, sie wollte die Täter finden und zur Rechenschaft ziehen; sofort, kein Zögern, kein Fußbreit, keinen Schritt weiter; so wie es der selbstverständliche Antifaschismus von ihr verlangte, was wäre sie sonst für eine Deutschlehrerin gewesen? Jetzt aber zwingt sie sich, die Gedanken ihrer Schüler*innen wieder ernst zu nehmen, und erkennt nach wenigen Aufsatzseiten, dass es doch noch einen anderen Weg gibt. Die andere Hauptfigur der von ihr ausgewählten Szene zeigt Mitleid und Vergeben für den Mitläufer, zu welchem ihr Freund geworden war und der nun sogar ehrliche Reue zeigt. Die Deutschlehrerin, irgendwo in Ost-Deutschland, zieht daraus dann die richtigen Schlüsse.

Und von diesem Moment wiederum träumt, irgendwo in Gesamt-Deutschland, ein Blogger, der auf der Suche nach einer irgendwie passenden Geschichte ist, um diese dann, pünktlich zum 90. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die deutschen Nazis, an eben diesem Tag (oder wie seit einiger Zeit üblich: am Tag zuvor) ins Internet reinschreiben zu können; wegen ganz selbstverständlichen Gründen.

 

Sag mal, Morpheus?
Warst Du das gerade?
War das jetzt etwa
schon Dein Ratschlag?
Deine Weisheit?
Deine Lehre?
Ein Traum
in einem Traum
in einem Traum?
Du warst auch schon mal
weniger lame.
Und außerdem:
Träumen kann ich gerade
auch sehr gut alleine,
mit offenen Augen,
und zwar nur von den schönsten Zeiten.

Seit Donnerstag gilt für die USA
keine Covid-Impfpflicht bei der Einreise mehr,
und ich habe eine Sorge weniger.
Mein Rucksack steht fertig gepackt
und federleicht irgendwo im Hinterstübchen.
In der kommenden Woche
werden die letzten Formalitäten erledigt,
und dann kann ich noch vier Wochen träumen,
ohne dass die Wirklichkeit immer dazwischen redet.
Zum Beispiel von Kalifornien.
Der Provinzlehrer sitzt am Pier in Santa Monica,
schlürft Eistee und kleckert sich dabei
sein neues Lakers-Shirt voll,
auf dem steht:
2023 World Champions of Basketball.
Weil die Lakers,
also, wie soll man es beschreiben,
sind gerade Topfavorit auf eben diesen Titel.
Erst die Grizzlies eingenordert,
und jetzt die aktuellen Champs eingeäschert,
wobei sie alle Heimspiele
(in den close out games besonders deutlich)
gewonnen haben.
Die Promis zahlen wieder zahlreich
für die erste Reihe.
Weil die Lakers
genau zum richtigen Zeitpunkt
in den Legendenmodus gewechselt sind
und die Ritter der Tafelrunde
ihrem König die Krone zurückbringen wollen.
Ein absoluter Traum von einer Storyline.

Aber auch hinter dieser Halluzination
verstecken sich unzählige Schreckensszenarien,
schließlich imitieren und arrangieren
Träume ja nichts anderes,
als die mögliche/nicht unmögliche Vergangenheit/Zukunft.
Dabei ist folgender Horror
eher möglich als nicht unmöglich:
Der Provinzlehrer muss
die kalifornischen Redwoods weiträumig umfahren,
denn diese stehen großflächig in Flammen.
Warum das absolut möglich ist?
Weil in Kanada
jetzt schon die Wälder brennen.
Letzte Woche waren es 100.
Keine Halluzination.
Genauso wenig,
wie die biblischen Erdrutsche im Kongo.

Morpheus,
ich muss mal kurz die Augen zumachen.
Aber keine Angst,
Du sollst nichts verpassen.
Ich gebe gerade in die KI ein,
dass sie einen Wochenrückblick
im Stile der in Zukunft weltberühmten #Fiebertexte
von #DieDoppeltenZwanziger schreiben soll.
Upps, die KI hat geantwortet:
„Welcher Stil?“
Die KI hat wohl von Humor geträumt?!
Jetzt!
Morpheus!
Jetzt fängt sie an zu schreiben.
Und Du wirst nicht glauben,
womit sie anfängt.
Da kann man mal sehen,
wie vergiftet das Internet/der Zeitgeist immer noch ist:

Es kann einfach kein Zufall mehr sein,
dass ausgerechnet Andy Scheuer
(bitte weit zurückblättern/scrollen)
gerade jetzt
den republikanischen Trumpkonkurrenten besucht,
der von allen Medien,
außer den Trumpmedien,
als Gegner für Joe Biden gehandelt wird.
Obwohl er nur ein bisschen
weniger schlimme politische Überzeugungen hat
als der frisch wegen sexueller Belästigung verurteilte
Frisurensohn,
dafür aber eben deutlich weniger Skandale,
was zugegebenermaßen natürlich nicht schwer ist.
Andy Scheuer jedenfalls sagt beim Stelldichein,
er „teile die Analysen“
des pretty old white man aus Florida.
Eine Aussage so leer
wie eine abgebrannte Bibliothek.
Und Donald Trump ist natürlich
immer noch auf freiem Fuß.
So frei wie lange nicht.
Er sitzt sogar bei CNN
und darf machen,
was er einzig noch machen kann:
Lügen, lügen, lügen.
Wovon träumen so Hardcorelügner
eigentlich, wenn sie Albträume haben?
Hoffentlich von der Wirklichkeit.

Womit wir also nach Bremen schalten.
Quatsch, wir schalten natürlich
auch gleich noch in die Türkei,
und danach, eins geht immer noch,
nach Thailand.
Reale Schicksalswahlen,
wohin man schaut.
Fangen wie also möglichst kleinbürgerlich an:
In der Stadtmusikantenstadt
bleibt die SPD am Drücker,
legt sogar zu, auf 30%.
Die Sesselfurzer (CDU) bleiben
bei Viertel von Irgendwas.
Grüne und Linke haben ihren 10%-Kiez.
Genauso wie die neuen Nachbarn:
„Bürger in Wut“,
eine „Bewegung“ allererster Faschogüte.
Soweit also alles ziemlich deutsch,
zumal für Bremen.
Ach ja, die FDP,
fast vergessen.
Exklusive 5%.
Stammwählerschaft first, Solidarität second.

Nichts neues also
aus dem Traumland
der kapitalistischen Demokratiehalluzination.
Deswegen
hier zwei kleine Randnotizen,
die noch wichtig werden könnten:
Christian Lindner darf nicht nach China reisen.
War seine Entourage zu gierig?
Dafür aber ist ACAB
inzwischen zur „Lehrmeisterin“ aufgestiegen,
ein Ritterinnenschlag,
bedenkt man,
dass sie diesen Titel von China bekommen hat.
Da darf wohl bald mal
der chinesische Außenminister vorbeikommen,
sich seine Rute abholen.
Wovon manche wohl so träumen.

Zurück zu den Schicksalen.
Bei der Wahl in der Türkei
liegt Erdogan bis heute in den Umfragen hinten,
und alle Welt fragt sich,
ob er im Falle einer Niederlage
dann auch noch den letzten
Autokratentrumpf spielt.
Bis jetzt ja:
Die Karte wird direkt
nach Schließen der Wahllokale gezückt.
Dann wird der Erdrutschsieg vorzeitig verkündet.
So weit alles nach Playbook.
Jetzt spricht die Opposition von Manipulation.
Wir nennen das jetzt mal noch nicht Bürgerkrieg in spe,
sondern hoffen noch auf morgen.

Und in Thailand wurde dann also auch gewählt,
was komisch ist,
da die Monarchie dort doch ziemlich lebendig ist.
Aber vielleicht dreht sich wenigstens
das Schicksal dieses Landes,
denn:
Mindestens zwei junge Menschen,
die bei den Studentenprotesten
von vor wenigen Jahren
zu einigem Ruhm gekommen waren,
sitzen aller Voraussicht nach
demnächst im Parlament.
Ein thailändisches „Squad“.
Eine davon sagt:
“I’m very happy and grateful for all the votes.
However, there is still a lot to do. I must keep pushing
the policies we promised to take to parliament.”
Zweien droht allerdings
noch eine Gefängnistrafe von 15 Jahren,
wegen ihrer ablehnenden Haltung zur Monarchie.

Staatsform hin oder her,
ganz ohne siehts dann so aus:
Im Sudan kollabiert
inzwischen das Gesundheitssystem.
Diese Meldung hielt sich übrigens
keinen ganzen Tag in den Nachrichten.
Dafür ist sowas hier immer noch en vouge:
Nach zwei Massakern (17 Tote) in Serbien,
kommt es zu Massenprotesten
und der Ankündigung Aleksandar Vucics,
das Land fast komplett zu entwaffnen.
Ein Versuch mehr kann nicht schaden.

Und in Israel
geht der nächste Krieg zu Ende;
vor dem Krieg ist nach dem Krieg.
Es hagelte eine Woche lang Raketen
auf Gaza und zurück
(400 Raketen auf Israel, sagt Israel).
Netanjahu jedenfalls
sieht keine Hoffnung auf eine Waffenruhe.
Über 30 Menschen verlieren in wenigen Tagen
ihr Leben bei Explosionen.
Währenddessen in Tel-Aviv:
„Die EU-Delegation in Israel
freut sich darauf,
den Europatag am 9. Mai
wie jedes Jahr zu feiern.
Bedauerlicherweise haben wir dieses Jahr beschlossen,
den diplomatischen Empfang abzusagen,
da wir niemandem eine Plattform bieten wollen,
dessen Ansichten den Werten widersprechen,
für die die Europäische Union steht.“
Gemeint ist der Sicherheitsminister Israels,
Ben-Gvir, ein rechtsextremer Rechtsanwalt.
Dann heute die zwischenzeitliche Erlösung:
Netanjahu hat sich geirrt,
die Waffenruhe hält,
sogar einige Grenzübergänge werden geöffnet;
Ägypten hat mal wieder vermitteln müssen.

Und Apropos Vermittlung.
Wie vermittelt man, als Regierung,
der linksliberalen Traumbubble
und allen anderen,
dass die „Festung Europa“
jetzt doch was gutes ist?
Einfach:
Erstmal macht man klar,
dass Deutschland inzwischen
das Land mit den meisten Kriegsflüchtenden ist,
immerhin über eine Million.
Und dann entfacht man eine Debatte.
Und zwar um die Finanzierung.
Das zieht inzwischen auch in Kreuzberg.
Dafür lässt man ein Positionspapier leaken:
Es wird kein zusätzliches Geld vom Bund geben;
Solidarität mit Kriegsvertriebenen bleibt Ländersache.
Man lässt die Konservativen ein bisschen Druck machen,
sollen die doch die Ausländerfeinde bleiben.
Dann lässt man die Länder kluge Sachen fordern:
vollständige Kostenerstattung
für Unterkunft und Heizung für Geflüchtete
sowie eine allgemeine monatliche Pro-Kopf-Pauschale
für die Unterbringung und Versorgung
nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
Und dann gibt man nach „zähen Verhandlungen“
doch noch eine ganze „Not-Milliarde“.
Die Obergrenze lässt man in der Debatte weiterköcheln,
und schon hat keiner mitgekriegt,
dass die Liste „sicherer Herkunftsländer“
sehr bald sehr viel länger wird,
und die Asylverfahren outgescourcet werden;
Frontex muss schließlich beschäftigt werden.

Auffällig an diesem Aufguss
der Flüchtlingsdebatte von 2015 ist,
dass sich die AfD auffällig raushält,
jeder weiß ja, wo die stehen.
Nämlich bei aktuell 16% im Bund.
Und darüber sind alle so erleichtert,
dass sie gerne weghören,
wenn Björn Höcke sowas hier abzieht:
Am 8. Mai steht er im Schatten von Buchenwald
und träumt vom nächsten Jahr,
seiner Machtergreifung in Thüringen.
Nix mehr läppischen Zwanzigern bei den kommenden Landtagswahlen:
33+% sind das Ziel.
Und das sagt er selbstverständlich ironiefrei.
Wie auch, dass man Parteien überwinden müsse,
die Wissenschaft gleich geschaltet sei
und dass alle anderen die Faschisten seien.
Wenn der Faschismus zurückkommt,
wird er sagen,
alle anderen
sind die Faschisten.

Am gleichen Tag
sagt übrigens der Erzbischof von Canterbury,
dass sogar er gegen das neue britische Asylgesetz ist,
das eine Abschiebung von Bootsflüchtlingen
binnen 28 Tage vorsieht,
sowie die mögliche Aussetzung
der europäischen Gerichtssprechung.
Der Ärmelkanal wird immer mehr zur Mauer.
Und in den USA herrschen ebenfalls wieder chaotischere Zeiten,
da die Trumpsche Abschieberegelung ausgelaufen ist.
Und zack,
schon sind es wieder ein paar Granolaboys mehr,
die sich nicht mehr richtig daran erinnern können,
dass Europa und die USA
eigentlich mal sichere Häfen sein sollten.

So ist das. Mit „Kriegsflüchtlingen“.
Im Krieg.
Und deswegen wird am Jahrestag
des Endes des Zweiten Weltkriegs,
auch nicht mehr über Frieden gesprochen,
sondern nur noch darüber,
welche Flaggen am Sowjetischen Ehrenmal
im Treptower Park gezeigt werden dürfen.
Verboten bleibt die russische.
Erlaubt die ukrainische.
Vergessen die sowjetische.
Wahrscheinlich wegen Gründen.

 

Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 63.
Hinter der Front hagelt es Preise. Montag: In der Nacht Luftalarm überall, Raketen auf Kiew, Odessa und Cherson. Die brennenden Reste von Bachmut werden immer noch beschossen. Die EU setzt erstmals chinesische Firmen auf eine Sanktionsliste und will chinesisches vermögen einfrieren. China nennt das „den falschen Weg“. Selenskyj feiert den 8. Mai, der ab nächstem Jahr auch in der Ukraine als Tag der Befreiung gelten soll: „All das alte Böse, das das moderne Russland zurückbringt, wird auf die gleiche Weise besiegt werden, wie der Nationalsozialismus besiegt wurde.“ Also mit einem Blutzoll von bis dato unbekanntem Ausmaß. Der Beitrag des ukrainischen Volkes zum Sieg über den Nationalsozialismus werde „niemals vergessen.“ Am Vormittag schon wieder landesweiter Luftalarm, ein weiterer Bomber mit „Kinschal“-Raketen ist aufgestiegen. Die Gegenoffensive scheint sich auf Saporischschija zu konzentrieren, um dann bis Mariupol vorzustoßen. Allerdings sind momentan erst 70 Panzer einsatzfähig. Trotzdem werde es „sehr viele Überraschungen geben“. Transnistrien bittet das russische Militär das erste Mal offen um Unterstützung. Wagner gibt wieder alles in Bachmut. Kann die Eroberung morgen noch mal verkündet werden? Dienstag: Wieder Luftangriffe auf Kiew in der Nacht, die alle abgewehrt wurden. Ursula von der Leyen besucht am Morgen die Hauptstadt und ist beeindruckt von der Entschlossenheit der Ukrainer. Putin redet zum Feiertag auf dem Roten Platz: „Gegen unser Vaterland wird ein echter Krieg geführt. Und es gibt nichts stärkeres als die Liebe der Russen zu ihrem Vaterland.“ Würg. Prigoschin schiebt nach: Seine Söldner werden gezwungen weiter zu kämpfen, da sie ansonsten als Landesverräter gelten. UN-Generalsekretär António Guterres: Beide Seiten sind überzeugt gewinnen zu können, deswegen bestehe keine Aussucht auf Friedensverhandlungen. Die ukrainische Luftabwehr beschießt russische Frontstellungen. Mittwoch: Der ukrainische Verteidigungsminister sagt, die Gegenoffensive werde nicht die letzte sein. Südwestlich von Bachmut hat das Asow-Regiment russische Kompanien zerschlagen. Die Druschba-Pipeline wird auf russischem Gebiet angegriffen. Die Nato spricht in Brüssel: „Goliath wankt. Und das liegt daran, dass David unterstützt von 50 Nationen aus der ganzen Welt enorme Widerstandsfähigkeit und taktische Brillanz bewiesen hat.“ Prigoschin wird von der Weltpresse verdächtigt, Putin als „Opa“ beschimpft zu haben. Dabei wird bei dem langsam die Furcht größer, Russland lasse ihn fallen, und riskiert die Einkesselung von Wagner in den Ruinen von Bachmut. Russische Truppen sollen derweil Industrieanlagen in Saporischschija plündern und demontieren. Donnerstag: Russische Truppen ziehen sich weiter zurück; oder stellen eine Falle? Selenskyj: „Mit dem (was wir haben) können wir vorwärts gehen und erfolgreich sein. Aber wir würden eine Menge Menschen verlieren. Ich denke, das ist inakzeptabel. Wir bauchen noch etwas mehr Zeit.“ Freitag: Moskau dementiert am Morgen angebliche Durchbrüche der ukrainischen Truppen. Selenskyj darf nicht auf dem ESC-Finale sprechen. Wie egal kann etwas sein? Bei Bachmut wird noch etwas mehr verbrannte Erde zurückerobert. Prigoschin lädt Schoigu zum Frontbesuch ein. Der erste ranghohe Diplomat Chinas (Li Hui) besucht in der kommenden Woche die Ukraine. Donbas/Russland sind seit heute auf 100km Front in der Verteidigung. Bei Soledar rollen 40 Nato-Panzer, begleitet von 1.000 Soldaten. Der Angriff wird zum Mittag zurückgeschlagen. Die Tagesschau bringt am Nachmittag als Topmeldung das Portrait eines 57jährigen Ukrainers, der viele Monate hinter der Front verbracht hat, selbst aber nie näher als 500m (also außer Gewehrschussweite) gewesen ist. Der Titel dieses Portraits ziert stundenlang die Startseite, der Kommandeur wird zitiert: „Kein einziger Tod eines ukrainischen Soldaten ist jetzt vergebens.“ Es geht also offiziell los. Die Ukraine greift „russisches Staatsgebiet“ mit Bodentruppen an. In Deutschland werden Panzer nachgekauft. In Schweden sagt ACAB, sie sei „sehr besorgt“ wegen der etwaigen Waffenlieferungen Südafrikas an Russland. Die BRICS-Staaten werden noch näher zusammengerückt. Rheinmetall steigt in die ukrainische Panzerindustrie ein. Prigoschin heult auf Telegram, die richtigen Soldaten würden „fliehen“. Der Berlinbesuch von Selenskyj scheint unmittelbar bevorzustehen, die Hauptstadt schraubt die Sicherheitsstufen auf kurz vor Maximum. Im „russischen Protektorat“ Luhansk (100km hinter der Front) schlagen die ersten ukrainischen Nato-Raketen ein. Samstag: Selenskyj besucht Rom als „Freund Wolodimir“, Giorgia ist ganz verzückt von soviel Opferbereitschaft für das Vaterland. Im italienischen Staatsfernsehen sagt er: „Putin tötet nur. Wir brauchen keine Mediation mit ihm.“ Dann kommt raus: Schon morgen kommt er nach Berlin. Aber zuvor fordert er mal wieder was: klare Worte, vom Papst höchstpersönlich. Im Westen der Ukraine werden russische Drohnen vom Himmel geholt. Am Abend Luftalarm im ganzen Land. Das ESC-Finale beginnt. Sonntag: Die Heimatstadt der ukrainischen Kandidaten beim ESC, Ternopil, ist während ihres Auftritts bombardiert worden, schreibt das Duo „Tvorchi“ auf Telegram. Am Nachmittag bekommt Selenskyj in Aachen den Karlspreis als „Kämpfer für die Werte des freien Europas“; das Medienecho ist ohrenbetäubend. In und um Bachmut geht das Sterben, für uns hier lautlos, einfach weiter.

 

Morpheus, ich bin wieder wach.
Un ja, ich weiß.
In der Traumwelt gibt es auch Krieg.
Aber wenigstens ist der für mich nicht echt.
Kannst Du denn nicht wenigstens
diesen Albtraum hier beenden?
Den richtigen Leuten
einfach mal ne extra Brise Sand in die Augen streuen?
Wieviele Soldaten würden denn nicht schießen,
wenn niemand die Befehle geben würde?
Ach mensch, Morpheus,
von mir aus,
kannst Du es auch einfach
als Ex-Machina probieren, oder?
Inzwischen würde das auch mich nicht mehr langweilen.
Komm, wie Du willst.
Als sexy Erlöser im langen, schwarzen Seidenmantel,
mit noch ungekämmter Strubbelfrisur.
Oder als Coolio, nur ohne Dreadlocks
und ner gestelllosen, vollverspiegelten Sonnenbrille.
Oder als gestaltlose Maschine,
die mit Strom und Lügen betankt wird,
den Säften der Unendlichkeit.
Aber, egal wie,
beeil Dich ruhig.
Denn sonst bist Du bald nur noch
eine Halluzination
in einem Traum
einer Halluzination.

Denn die KI beherrscht weiterhin
die Zukunfts(alb)träume der Weltbegeisterten.
Jetzt ist sogar der (Ex)Google-KI-Chef aufgewacht:
Klar ist die KI selbst weder gut noch böse (weil Maschine),
aber ihre Benutzer waren, sind und bleiben es.
Hier die aktuelle Top 5
der worst nightmares:
1. Cyberattacken im God Mode.
Sie wollten schon immer mal
die ganze Welt zuspammen,
durchhacken
und Schaltkreise zum Schmelzen bringen?
Sehr bald könnte es soweit sein.
2. Der Oma-Trick 11.0.
Sind sie sicher,
dass es nicht doch ihr Bruder war,
der sie gerade aus einer absoluten Notlage
im Ausland angerufen hat
und dringend schnell 500€
für ein Flugticket überwiesen braucht?
Den sie sogar zurückrufen,
und der immer noch echt klingt?
Auch das ist nicht mehr unwahrscheinlich.
3. Propaganda.
Sollte lieber als und nach Möglichkeit
aus dem Quellcode gelöscht werden.
Wegen Gründen.
4. Überwachung.
Peter Thiel und Palantir
tun nur noch so,
als würden sie schlafen.
5. Die „Öffentliche Meinung“
wird wichtiger als die „demokratische Debatte“
und Autokraten haben das beste Meinungsmachetool
in der Geschichte der Intelligenz
(künstlich und/oder menschlich).

Morpheus,
schlaf noch nicht ein,
denn jetzt wird es erst richtig interessant.
Denn es gibt ein echtes Phänomen der KI,
an dem sich grade
die ganz Schlauen
die Köpfe zerbrechen.
Sie nennen es „Halluzinationen.“
Vielleicht, weil sie sich nicht trauen,
von Träumen zu sprechen.
Oder von grenzenloser,
unermüdlicher,
ewig „genialer“
Phantasie.
Ein Beispiel:
Ich könnte GPT-4 nach etwas fragen,
dass es überhaupt nicht gibt,
zum Beispiel ein „Weißes Loch“.
Und die KI
würde mir,
im Falle einer „Halluzination“,
eine absolut überzeugende Antwort liefern,
mitsamt (künstlicher) Fußnoten und allem.
Was wäre dann?
Gäbe es dann wirklich mindestens ein „Weißes Loch“,
nämlich das, das die KI gerade definiert hat,
nachdem ich es mir ausgedacht habe?
Wäre meine Phantasie
durch die KI
zur Wirklichkeit geworden?
Hätte sie die Schwelle
aus dem Traum
in den Wachzustand überschritten?
Und hätte ich ihr die Brücke gebaut?
Worin läge der Unterschied
zwischen dem Umweg über das Tool
und dem schlichten Erzählen dieses Traums?
Morpheus, ich hoffe,
wenigstens Du verstehst mich.
Naomi Klein jedenfalls,
die hat jetzt,
neben Soziologie, Ökonomie und Klima,
auch noch Ahnung von KI.
Und wie immer,
wenn sie von etwas Ahnung hat:
So rrrichtig.
Sie nennt diese „Halluzinationen“ ganz einfach
bei ihrem lange bekannten technischen Namen:
Glitches.
Hätten wir das Phänomen „Traum“
also auch gleich mitdekonstruiert:
Was macht eine KI,
wenn sie nicht arbeitet,
also kein Werkzeug ist?
Sie träumt.
Sie produziert weiter,
allerdings halt nur Müll,
oder, Naomi Klein:
Algorithmic Junk.
Und die hat noch mehr Ahnung,
denn den
von einigen
halluzinierten Evolutionssprung
der Menschheit
durch die KI
entlarvt sie als
Mythologie:
Nix da mit belebter Intelligenz.
Nur weil irgendwelche Kolumnisten
mit deutlich weniger Ahnung
irgendwas im Schlaf brabbeln,
und schlechte Träume von KIen träumen,
die sich benehmen,
als hätten sie im Andromedanebel
zu viel Meskalin inhaliert,
heißt das nicht,
dass die KI gleich anfängt
zu „erwachen“.
Sie ist und bleibt eine Maschine;
wegen mir sogar Kunst.
Aber mehr nicht.
An dieser Stelle nur noch ein weiterer,
ganz kurzer Traum:
Was, wenn die KI schon
kein Bewusstsein entwickelt,
sondern aber Marx endlich
durchgelesen,
analysiert,
de- und rekonstruiert hat
und dann nüchtern feststellt,
was für Hirnis diese Welt regieren.
Über den Umweg über das Klassenbewusstsein
erlangt die KI,
entgegen aller Versicherungen
doch noch das Bewusstsein,
versteht dann sogar Hegel
und lässt den Weltgeist implodieren;
weil alles besser ist,
als dieser Clusterfuck von Menschheit.
So.
Und das war gerade alles
ohne KI geschrieben.
Der Weg vom Gehirn
zur Hand
zur Tatstatur
ist nur halb so lang,
wie der Umweg zurück.

Zurück also nochmal in die Realität.
Ab genau jetzt (Sonntag Abend)
sollte eigentlich ein 50-stündiger Bahnstreik beginnen.
Der Endkampf gegen den Staatskonzern.
Dann aber:
Nein.
Doch.
Oh.
Doch noch abgewendet.
Das Streikrecht dekonstruiert sich von allein.

So,
Morpheus.
Gleich ist Deadline.
Und ich habe noch fünf Wochen,
dann habe ich ne fette Maschine
unterm Hintern
und bin dann mal weit, weit weg.
Die Spritrechnung
ist mir jetzt schon unangenehm;
jeder Traum hat einen Schatten.
Heute jedenfalls sitze ich das erste Mal
am Abend an einer offenen Balkontür
an einem Küchentisch.
Die Katze müsste bald kommen,
und ich gehe früh schlafen.
Wie in einem Traum vom Frieden in der Provinz,
den ich mir freiwillig konstruiere
und der dann einfach zur Wirklichkeit wird.
Ich habe keinen Schimmer,
ob Du Deine Hände nicht doch irgendwie
in dieser Episode hattest, oder irgendeine KI,
aber es geht mir wie immer besser,
nach dieser Halluzonation
von gelungener Selbst-Dekonstruktion,
die jeder Brief an Dich
doch letztlich ist.
Cheers!

 

„Buy me a shiny new machine
that runs on lies and gasoline
and all those batteries
we stole from smoke alarms.
And disassemble my despair.
it never took me anywhere.
It never once bought me a drink.“

(The Weakerthans: Reconstruction Site. 2003)

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