Gegenwartsliteratur.
Live.
Nur im Internet.
Aus der Provinz.

# Startseite / Die Kurzgeschichten / This is Q-Town not L.A.

Lesen

This is Q-Town not L.A.

von | 2023 | 18. Dezember | Die Kurzgeschichten, Staffel 9a - Little Oblivions, Thalenser Kurzgeschichten

 

„Ich glaub’ an das,
was uns verbindet.
Nenn mich ruhig
nen hoffnungslosen Optimist.
Ich trag’ den Punk
in meinem Herzen;
der rote Faden,
der sich durch mein Leben zieht.“

(Isolated. 2013)

 

 

Teil 1 – Leise rieselte der Schnee

 

Am Abend des zweiten Advents saß der Brillenträger an der geöffneten Balkontür am Küchentisch bei einer Tasse Süßholz-Fenchel-Thymian Tee (mit Honig) und einer Zigarette vor seinem Notebook. Die Jahresrückblicke hatten bereits begonnen, die aktuellen Meldungen zu verdrängen. Nach den letzten zwölf Monaten hatten alle wieder noch ein paar Tage eher die Schnauze voll von diesem Jahr. Der Brillenträger hingegen war frohen Mutes; was so ein bisschen ernstgemeinte Musik und ein paar nette Worte alles anrichten konnten.

Auf der Rückfahrt vom dritten (Vor)Weihnachtskonzert der Saison bestaunten sie einen riesigen Regenbogen, der sich von Neinstedt, über die durchnässten Felder und Wälder um Weddersleben bis nach Quedlinburg gespannt hatte. Seine Chorleiterin plauderte ausgelassen und furchtlos wie eh und je, ihre 80+ Jahre waren ihr nur sehr, sehr selten anzumerken, sie machten sogar Scherze über ihre hoffentlich noch ferne Zukunft. Die Konzerte waren allesamt sehr gut verlaufen, das Publikum bei jedem mal größer geworden. Die Entscheidung, gestern gleich das erste Konzert ihrer Tour aufzunehmen, hatte sich ebenfalls als richtig herausgestellt, trotz aller Bedenken, die ein Kammerchor in einer Kirche haben kann, denn die katholische Kirche in Ballenstedt verfügt über eine unerwartet schöne Akustik; der Aufnahmeleiter war schon beim Einsingen sehr zufrieden. Und so sang der Brillenträger seine Soli auch voll aus, der Widerhall eines kirchlichen Liedes in einer Kirche bleibt unübertroffen. Gänsehaut bis zu den Fußsohlen.
Nachdem sie dann am Morgen des zweiten Advents vor den Bewohner*innen des Haus Claudius in Neinstedt das E-Piano aufgebaut hatten, fand auch dieses eher öffentliche Einsingen genug Anklang für ein gemeinsames Singen. Den Brillenträger erschlugen die Erinnerungen an seine Oma beinahe, die ihre letzten Jahre ebenfalls an einem ähnlichen Wohnort verbracht hatte und die ihn aus so vielen Gesichtern ansah, dankbar, erschöpft, unendlich weise und ganz selten sogar mal zufrieden. Natürlich sang er diese Konzerte auch immer für sie.
Das dritte Konzert begann nur eine halbe Stunde später und kaum einen Kilometer entfernt auf dem Kirchberg in Neinstedt. Die kleine St. Katharinen Kirche war beinahe voll besetzt. Am Ende des (absichtlich zu kurzen) Konzertes war es die Mutter des verdientesten Sängers des Chors, die es nicht auf der Bank hielt, die anderen Zuhörer*innen folgten ihr nicht unwillentlich. Ein bisschen ernstgemeinte Musik in einer leider viel zu ernsten Zeit. Die Kollekte fiel überraschend hoch aus, und der Brillenträger nahm sich vor, beim anstehenden gemeinsamen Geldverprassen in Gesellschaft (Essen und Trinken) zu fragen, ob da nicht noch sogar eine Spende abfallen würde. Die drei Geister der Weihnacht hatten ihren Dienst für’s erste getan.

Und auf seinem Notebook klickte sich der Brillenträger dann nochmal zu den guten Nachrichten zurück, bevor er früh zu Bett gehen wollte, denn die nächste Woche würde die vergangene noch übertreffen wollen. Er blieb bei den roten Gewerkschaftsfahnen hängen, die vor wenigen Tagen auch für ihn mehr Lohn erstritten hatten. Und einen Inflationsausgleich. Aber alles erst viel später, im nächsten Jahr vielleicht. Vor ihm lagen bis dahin zunächst noch drei weitere Konzerte. Nach den Erfolgen dieses Wochenendes machte ihn nur das mittlere davon etwas nervös. Und das lag daran, dass er selbst dabei gar nicht singen musste, sondern im Publikum stehen würde. Wenn sich in der schon seit Wochen ausverkauften Reiche die letzten Punklegenden des Weltkulturerbes für immer verabschieden würden, wäre es seine einzige Aufgabe, den Abend so zu überstehen, dass er sein eigenes Abschlusskonzert am folgenden dritten Advent noch singen konnte. 300+ Menschen. Auf engstem Raum. Bei einem Finale der lokalen Gitarrenmusikgeschichte. Mitte Dezember, drei Jahre nach dem ersten Pandemiewinter. Punk ist Weitermachen. Sick of it all und Spaß dabei. Auch (und erst recht) in der Provinz.

 

 

 

Teil 2 – Still und starr ruhte der See

 

Am Abend nach dem vierten Konzert fiel der Regen in schweren Tropfen auf die Dächer der Stadt. Im Kopfsteinpflaster der Gassen spiegelte sich das orangene Licht der Laternen, und um jede Ecke drängelten sich die murmelnden Massen. Der Brillenträger musste den diesjährigen Adventstouriwellen zugestehen, tatsächlich weniger aufdringlich (laut) zu sein, von vereinzelten Whoo-Boys-and-Girls abgesehen, doch die gehörten ja auch irgendwie dazu. Selbst peinlicher Kopfschmuck blieb auf eine aushaltbare Menge begrenzt, und dessen Träger*innen schienen dem Anschein nach auch eher peinlich berührt, trotzdem aber zu stolz, das bunt blinkende Geweih abzunehmen, funkelte es doch so schön mit den Lichtern über ihnen allen um die Wette.

Nur wenige Stunden zuvor, ganz oben auf dem Münzenberg, bereitete sich der Chor in aller Seelen Ruhe auf sein nächstes Gastspiel vor, während über ihnen die ersten Sterne der aufziehenden Nacht bereits wieder hinter den Wolken verschwanden. Im geziegelten Erdgeschoss der Sternwarte hatten es sich die ersten Gäste der Weihnachtsfeier des Gästeführer*innenvereins zu Quedlinburg gemütlich gemacht, bei Plätzchen, Kaffee, Tee und Kaffee. Das Buffet stand gegen 17 Uhr noch leer, die Bierkästen und Weingläser hingegen standen sichtbar bereit.
Das niedrige Rundbogengewölbe hat eine unerbittliche Akustik, jeder verrutschte Ton schien bis in die hintersten Winkel zu dringen. Aber der Chor war in Form und in Übung. Da die meisten Gäste von dem sich steigernden Anspruch des kurzen Programms überrascht schienen, gab es am Ende sogar ernstgemeinte Zugaberufe. Der Brillenträger übernahm es dann selbst, seinem Lieblingsstadtführer, und gleichzeitig seinem (was ist das Gegenteil von „Lieblings-“-)Nachbarn eine Aufnahme aus dem letzten Jahr zu verkaufen. Da sage noch einer, Musik könne keine Grenzen mehr überwinden; aber das sagte ja wohl hoffentlich niemand.
Bei der Abschiedszigarette waren sie mit den Gedanken schon beim Abschiedskonzert in wenigen Tagen. Hoffentlich wurde nicht noch jemand krank, heute hatten sie im Grunde bereits in Minimalbesetzung gesungen. Bis Sonntag also! „Viel Tee trinken, weniger rauchen, Stimme schonen.“

In der Schule versuchte der Brillenträger die letzte volle Woche vor Weihnachten ebenfalls ruhig zu bleiben. Auch wenn die Umstände denen der letzten Jahre in nichts nachstanden, erinnerte er sich (und andere) des Öfteren daran, was Vorbilder alles leisten müssen, gerade in Zeiten wie diesen. Nur ruhig bleiben, das gelang ihm dabei nicht durchgängig, von wegen Vorbild. Am Ende der Woche waren wohl die allermeisten froh, dass weitere Eskalationen ausgeblieben waren, als die bereits stattfindenden.
Der Bunthaarige und er fuhren auch deshalb am nächsten Abend ins Kino nach Halberstadt, Joaquin Phoenix dabei bestaunen, wie er Napoleon ein fragwürdiges Leben einhaucht. Nach dem Film waren sie sich einig, dass die Schlacht um Austerlitz die grausamste gewesen war. Tausenden Soldaten wurden auf der Flucht riesige Löcher in das Eis der zugefrorenen Teiche unter ihren Füßen an den Rändern des Schlachtfeldes geschossen, in denen sie im eiskalten Wasser ertranken. Krieg in Europa, im Winter 1805.

 

Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Wochen 91 und 92.
Winterschlaf wegen Kriegsmüdigkeit. Montag: Kevin Kühnert (SPD) weiß, dass die deutsche „Schuldenbremse“ nicht zuletzt wegen des Krieges ausgesetzt werden muss(te). Der ukrainische Rückzug aus Awdijiwka beginnt. Laut London sterben momentan 800 russische Soldaten pro Tag. Die USA halten Verhandlungen im Moment für „sinnlos“. An der finnischen Grenze sammeln sich weiter Gelüchtete. In der Zentralukraine schneidet ein Schneesturm 2.000 Siedlungen vom Stromnetz ab. Dienstag: Die ersten Menschen erfrieren. Stoltenberg ruft beim NATO-Treffen zur Standhaftigkeit auf, Scholz und Baerbock sekundieren. Finnland hat auch den letzten Grenzübergang zu Russland geschlossen. In mehreren ukrainischen Wohngebieten schlagen Granaten ein. Die Ukraine gibt im nächsten Jahr die Hälfte des Staatshaushalts für das Militär aus und verrät: Die Frau des Chefs des Inlandsgeheimdienstes wurde von Moskau vergiftet. Putin behauptet auf einem Konzil, Russland habe seine Position als Weltmacht zurückerobert. Mittwoch: Die russischen Luftangriffe werden unvermindert fortgesetzt. Der NAZO-Ukraine-Rat berät in Brüssel, Kuleba fordert alle zur weiteren Hochrüstung auf. ACAB: „Wir erleben, dass der Blick auf die Ukraine gerade aus der Öffentlichkeit verschwindet, und das ist fatal.“ Blinken sieht aber keine Ermüdung. Chromowe bei Bachmut wird durch die russische Armee besetzt. Laut London setzt das russische Militär erneut Streubomben ein. In Cherson sterben hochrangige russische Militärs bei einem ukrainischen Angriff. Selenskyj besucht ukrainische Truppen an der Südfront. Die Panzer warten auf den ersten Bodenfrost. Donnerstag: Die Drohnenangriffe kennen keine Pause, im Donbas schlagen russische Raketen ein. Selenskyj besucht Truppen in Charkiw und freut sich, sie auszeichnen zu dürfen. Die USA legen die nächste Winterhilfe auf. Die Ukraine kündigt umgehend die Verstärkung der Festungsanlagen an. Freitag: Wieder nächtlicher Luftalarm über der gesamten Ukraine, Drohnenteile fallen vom Himmel. Vor der Krim wird ein unbemanntes ukrainisches Marineschiff zerstört. London weiß, dass Russland unbemannte Kamikaze-Schiffe baut. Selenskyj sieht eine neue Phase des Krieges: „Es gibt nicht genug Kraft, um die gewünschten Ergebnisse schneller zu erreichen“, erklärte er. „Aber das bedeutet nicht, dass wir aufgeben sollten, dass wir kapitulieren müssen. Wir sind zuversichtlich, was unser Handeln angeht. Wir kämpfen für das, was uns gehört.“ Der SBU verübt Anschläge auf Tanklastzüge in Sibirien. Russland erweitert seine Streitkräfte um weitere 170.000 Soldaten. Die Ukraine reformiert das Einberufungssystem, da sonst die Front zusammenbrechen würde. Rheinmetall produziert schon ab nächstem Jahr in der Ukraine. Samstag: Stoltenberg gibt der ARD ein Exklusivinterview: „Die Lage ist kritisch.“ Deutschland liefert direkt Waffen (Panzerabwehr und Boden-Luftraketen), Scholz sagt: „Pflicht.“ Sonntag: Ukrainische Soldaten und deren Familien fordern eine Frontpause oder eine Befristung des Frontdienstes. Montag: Weiterhin nächtlicher Drohnen- und Raketenalarm. Ukrainische Drohnen treffen in Luhansk ein Öllager. Rheinmetall verdient die nächsten 142.000.000 mit Granaten. In den USA wird um neue Kriegskredite gestritten. Awdijiwka wird von zwei weiteren Seiten angegriffen. Lula lädt Putin zum G20 im nächsten Jahr ein, über eine eventuelle Verhaftung entscheidet jedoch die Justiz. Dienstag: Cherson steht erneut unter russischem Beschuss. Marjinka ist so gut wie vollständig besetzt. Die Ukraine löst Israel als am stärksten militarisierter Staat der Welt ab. Selenskyjs Gespräch mit US-Senatoren wird kurzfristig und ohne Angabe von Gründen abgesagt. Pistorius entschuldigt sich dafür, dass die deutsche Rüstungsindustrie so langsam produziert. Mittwoch: US-Finanzministerin Yellen befürchtet, die USA könnten im Falle einer ukrainischen Niederlage mitverantwortlich gemacht werden, mit Schweden wird ein Verteidigungsabkommen unterzeichnet. Die Ukraine wird mit 50 iranischen Kamikazedrohnen angegriffen. Orban sperrt sich gegen die Aufnahme der Ukraine in die EU. Putin besucht die VAE und wird überraschenderweise nicht festgenommen. Selenskyj bleibt weiter optimistisch, „wir werden unser Ziel erreichen.“ Donnerstag: Sergej Naryschkin (russ. Auslandsgeheimdienst): „Die Ukraine wird zu einem ‚Schwarzen Loch‘ werden, das immer mehr Ressourcen und Menschen absorbiert.“ Auf einer Investorenkonferenz („Russia Calling“) verkündet Putin: „Heute ist das Bruttoinlandsprodukt bereits höher als vor dem Angriff der westlichen Sanktionen.“ Und der ukrainische Industrieminister darf vorstellen: „Wir haben Vereinbarungen mit zwei führenden amerikanischen Unternehmen, in der Ukraine gemeinsam Munition des Kalibers 155 zu produzieren.“ Ein frontnahes ukrainisches Kraftwerk wird von Raketen getroffen. Freitag: Die Luftangriffe auf Awdijiwka immer werden noch heftiger. Biden stellt die Vorteile der Militärhilfe für die US-Wirtschaft nach vorne. Charkiw wird von russischen Raketen getroffen. Putin stellt sich im nächsten Jahr erneut zur Wahl. Estland schraubt seinen Wehretat auf 3,2% des BIP hoch. Samstag: Olana Selenska sagt der BBC: „Um es in einfachen Worten zu sagen: Wir dürfen nicht müde werden in dieser Situation, denn wenn wir das tun, sterben wir. Und wenn die Welt müde wird, werden sie uns einfach sterben lassen.“ Der deutsche Generalinspekteur des Bundeswehr befürchtet, dass „wir vielleicht einmal einen Verteidigungskrieg führen müssen“. In der Ukraine selbst: Immer noch Nichts Neues. Sonntag: Selenskyj reist nach Argentinien, um der Amtseinführung von Milei beizuwohnen. In Charkiw und Cherson sterben Zivilisten nach russischem Beschuss. Der schwedische Oberbefehlshaber Bydén besucht die ukrainische Front und verhandelt über die Lieferung von Kampfjets. Selenskyj wird nach Washington, D.C. eingeladen.

 

Bereits die ganze Woche über summte der Brillenträger in jeder stillen Minute Weihnachtslieder vor sich hin und stellte jedes Mal eine beruhigender werdende Wirkung fest. Am Freitag Abend jedoch, nur wenige Stunden nach dem seit Monaten schönsten Lächeln der Brillenträgerin, die ihre Brille früher weniger gern aufgesetzt hatte, fuhr ihm noch einmal kurz der Schrecken durch die Glieder: Das Ladekabel seines Notebooks war in der Schule geblieben. Sein Ersatzadapter stellte sich als ladefaul heraus, aber es gelang ihm noch, die letzten Hiobsbotschaften des nächsten Konzertes, dem in der Reiche, aufzuschnappen. Von den insgesamt neun angekündigten Bands hatten bereits zwei krankheitsbedingt abgesagt, und gerade erst begann der erste Abend der doppelten Farewellshow. Punk ist Durchziehen. No matter what.

 

 

 

Teil 3 – Weihnachtlich glänzte der Wald

 

Bereits am Abend vor ihrem Auftritt in der Sternwarte, vor diesem doch recht hübsch beleuchteten Baum, hatten sich die Brillenträger in ihren Küchen vor ihren Schwarzen Spiegeln gegenüber gesessen. Deepeste Konversation, das dreißigste Vorweihnachten in Folge. Der andere Brillenträger hatte gerade die ersten Schritte in den nächsten größeren Lebensabschnitt gemeistert, so jedenfalls nahm es der Brillenträger wahr, und sie konnten sich ausnahmsweise auch mal über berufliches unterhalten und mal so richtig aus dem Nähkästchen plaudern, ihre Geschichten funkelten wie Blitzlichter aus einem anderen Leben und waren an Selbstironie nur selten noch zu überbieten. Es war kurz nach Mitternacht, als sie ihre Notebooks zuklappten und sich erneut ärgerten, das Gespräch nicht doch mal aufgezeichnet zu haben. Man wusste nie, ob man schon genug Content auf Halde hat.

Am Samstag vor dem dritten Advent schickte der Brillenträger dem anderen Brillenträger dann folgenden realsatirischen Overkill: Ein Foto der künstlichen Weihnachtstanne in der Mädler Passage in Leipzig, auf dem die Spuren des gestrigen Anschlags der Letzten Generation noch deutlich zu sehen waren. Die Feuerlöscher des Klimaschutzes hatten wieder zugeschlagen. Der Brillenträger wollte noch eine ironische Bemerkung dazuschreiben, dokumentierte dann aber einfach nur, was er vor Ort sah: Dem Baum direkt gegenüber saß ein mittelaltes Paar an einem Tisch neben einer Austernbar. Durch die Lautstärke ihrer Kommentare über die vorbeilaufenden Menschen, hauptsächlich durch den kahlköpfigen Mann, versicherten sie ihrem Publikum aus Bayern zu sein. Zwischendrin schlürften sie Austern und nippten am Sekt. Der andere Brillenträger wartete nicht mit einer Antwort: „Krass einfach“.
Bevor dann am Abend ein anderer Freund seit dreißig Jahren zunächst nur kurz auf seiner Couch saß, schrieb er seiner Familie noch einen Dank für die gelungenen Weihnachtseinkäufe, der Tag war unerwartet leicht gewesen. Eine halbe Stunde später schlenderten sie schon über den heftig gefüllten Weihnachtsmarkt des Weltkulturerbes. Auf der Suche nach einem Abendbrot entschieden sie sich für das Handbrot von unter der Pyramide, der Brillenträger konnte nicht widerstehen und entschied sich für American Style, also mit extra viel Käse. Die sich daran anschließende ebenfalls sehr deepe Konversation holte Einsichten aus vielen Jahren nach und streifte die tränenreichen Gegenden ihrer Vergangenheit und Gegenwart gerade genug, um die Zeit nicht aus den Augen zu verlieren. Als sie sich die Schuhe anzogen, schaute der Brillenträger noch ein letztes Mal auf seinen Schwarzen Spiegel, bevor er ihn auf dem Küchentisch liegenließ: Der Pokal für die Ü-35 Landesmeisterschaft im Basketball in Sachsen-Anhalt war heute wieder nach Quedlinburg zurückgekehrt. Graue Panther indeed.

Auf dem Weg in die Reiche schwelgten sie natürlich in gemeinsamen Erinnerungen an ernstgemeinte Musik, an gemeinsame Shows vor zwanzig Jahren. Als es die Band, die gleich um die Ecke ihren Abschied gab, bereits seit zehn Jahren gegeben hatte und an die sie ihren damaligen Rhythmusgitarristen verloren hatten, wobei ihre Band kurz mal schon hinter dem Aus gestanden hatte, Isolated aber bereits eine ansehnliche Karriere hatten: Die wahren Local Heroes. DIY. East-Side-Hardcore. Nicht ganz Los Angeles, aber schon ziemlich nah dran. Den Gesichtern am Einlass nach waren sie anscheinend wirklich die letzten, die ihre Karten ein erstes Mal vorzeigten, um dann ihr grell orangenes Bändchen umgelegt zu bekommen, das Isolated Wochenende dauerte nur noch gute zwei Stunden. Der Saal der Reiche hätte nicht voller sein können, selbst der Pfad vom Eingang unter dem kleinen Balkon darüber bis zur Bar war schmaler denn je. Sie schafften es gerade noch so, jeder ein Bier zu ergattern, bevor Isolated begannen selbst aufzubauen. Die großen Saalfenster zur Straße waren mit Bühnenbannern aus drei Jahrzehnten zugehängt. Die Discokugel drehte sich unauffällig. Alt war von den Anwesenden hier noch niemand. Noch zwei Stunden lang.
Fuchsers Engl-Verstärker wollte auch nach halb Elf noch ein bisschen die letzte Ruhe vor dem letzten Sturm genießen und somit verzögerte sich der Beginn des Abschlusskonzertes, soweit alles schon mal live. Als auch der Eröffnungseinspieler hackte, schiss die Band einfach drauf und fing an. Ein einziges Punkbrett bis dreiviertel Zwölf. Durchgängig Mosh- und Circlepits unter dem peitschenden Takt der Snare und begrölt von Borstel, ganz so als ob es kein Morgen mehr geben würde. Auf dem Weg zum zweiten Bier erfuhr der Brillenträger in einem kurzen, aber unerwartet liebevollen Gespräch, dass ihr damaliger Rhythmusgitarrist heute nicht hier war, dafür aber gestern. Der Brillenträger sah in ein sorgenvolles Gesicht, und hatte sowas schon geahnt.
Vor den letzten drei Liedern erzählten Fuchser und Borstel die einzige längere Story der letzten dreißig Jahre und verwiesen darüber hinaus auf einen möglichen Podcast; Ironie zaubert die schönsten Lächeln auf kluge Gesichter. Das schöne an der Geschichte war ihre Aussage, denn es war eine Geschichte über den Moment, in dem ein entscheidender Teil der Band endlich entschieden hatte, das ganze wirklich und entschieden ernst zu nehmen. Punk ist eben viel mehr als No Future.
Und dann brachen sämtliche Dämme. Die Bühne war übervoll mit langjährigen Freunden, jeder kannte die Texte seit vielen Jahren und improvisierte die Melodien. Borstel ging schon nach wenigen Takten unter Tränen zu Boden, nur um zum Beginn von „East Side Hardcore“ wieder in der Menge zu baden, sich zum Balkon über dem Eingang tragen zu lassen, hinaufzuklettern und sich ein letztes Mal in den Saal der Reiche fallen zu lassen. Das Tränenmeer trug ihn zurück zur Bühne und dort sang, weinte und lachte er mit allen anderen bis ans Ende des letzten Songs. Mission accomplished.

Gegen halb Eins waren sie am Bahnhof angekommen, der letzte Zug nach Thale war vor wenigen Minuten ausgefallen. Sie verabschiedeten sich auf bald, und das Taxi verschwand in den dritten Advent. Der Brillenträger ging unter den hunderten Lichtern der Bahnhofsstraße nach Hause, und da niemand mehr unterwegs war, testete er kurz seine Stimme. Ein kurzes „God Rest You Merry Gentlemen“ hallte über die Bode.

 

„Ich geh meinen Weg.
Geh du nur deinen!“

(Isolated: Geh deinen Weg. 2013)

 

 

 

 

Teil 4 – Freuje dich trodzdehm, ’s Chris’kin’ komm’ bal-t

 

Punk war es dann also eher nicht geworden für den Brillenträger, zumindest nicht, wenn er es auf seine eigene Musikerlaufbahn bezog. Denn die hieß für ihn seit dreißig Jahren (ergänzt seit zwanzig Jahren durch eine Band, für die es inzwischen schon lange zu spät war, um sich noch aufzulösen (wofür er unbeschreiblich dankbar war): Chorsänger. Weihnachtslieder, internationale Volkslieder, Gospel. Ab der fünften Klasse hatte er alle Stimmen durchlaufen; „Der kleine Sandmann“ (Sopran), „Loch Lomond“ (Alt), „Put Vejini“ (Tenor), „Carol of the Bells“ (Bass); hatte zwei europäische Länder bereist und ein Dutzend Abiturfeiern und Weihnachtskonzerte gesungen. Ein zum Sänger erzogener Unruheherd, der jetzt, dreißig Jahre später, die Ansagen machen und die Gänsehautsoli singen durfte. Vor Menschen, denen erst nach einigen Liedern wieder einfiel, wie ernstgemeint Musik sein konnte.
Und war Punk nicht auch immer, einen Fick drauf zu geben, ob es für andere auch nach Punk aussieht oder klingt? Trug man den Punk denn nicht einzig und allein nur in seinem Herzen? War Punk denn nicht das eigentliche Synonym für den „eigenen Weg“? – Ohne etwas über diese Gedanken des Brillenträgers zu wissen, hatte ihm seine Chorleiterin noch vor dem ersten Konzert gesteckt, was sie geantwortet hatte, als ihr Enkel sie gefragt hatte, warum der Brillenträger denn nicht eigentlich Sänger geworden wäre. Der Brillenträger konnte nur nickend zustimmen: „Na weil er lieber Lehrer geworden ist.“ Einer von denen, die wissen, wie man rote Fäden spinnt.

An den drei kurzen Ansagen für das Abschlusskonzert hatte der Brillenträger noch Stunden vor dem Konzert letzte Aktualisierungen vorgenommen, das Weihnachtsgedicht von Mascha Kaléko passte gerade noch so, auch wenn der Frost sich schon vor mehr als einer Woche wieder nur in den Nächten bemerkbar machte.
In der Quedlinburger Johannis Kapelle waren die Glocken gerade verklungen, als der Gemeindesprecher auch die stehenden Gäste begrüßte, die froh waren, dass wenigstens die anderen auf beheizten Bänken sitzen konnten. Seine Worte schwebten wie Nebel durch die letzten Sonnenstrahlen des dritten Advents, die noch durch die Fenster der Kapelle brachen. Allen war also, schon vor dem ersten Ton, unfassbar weihnachtlich zumute. Der Brillenträger allein hoffte, dass sich die Nachwirkungen des gestrigen Abends nicht allzu deutlich hören lassen würden. Und aufgeregt war er sowieso, wie immer, wenn er es ernst meinte. Vor ihnen saßen Mütter und Schwestern, Väter und Brüder, da saßen Freunde, da saßen Fremde; da saß eine Gemeinde, und war sie auch noch so kurzweilig. Jedes der Lieder hatten sie in der letzten Woche schon mal besser gesungen. Und nie waren alle andächtiger. Frieden ist, wenn Fehler (ein immer noch zu weiches „t“ am Wortende von „Weihnacht“) liebend vergeben werden. Weihnachten?, das hatte in diesem Jahr für alle in der Johannis Kapelle schon heute begonnen; und die drei Geister warteten bereits vor der Tür.

 

Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 93.
Beitrittsverhandlungen aber keine Friedensverhandlungen. Montag: Selenskyj bespricht sich in Argentinien auch mit Orban. Kiew wird am frühen Morgen erneut aus der Luft angegriffen. Die nächste russische Präsidentenwahl wird auch in den annektierten Oblasten abgehalten. Selenskyj ist bereits in den USA, Austin verspricht: „Die Verpflichtungen Amerikas müssen eingehalten werden. Die Sicherheit Amerikas muss verteidigt werden. Und Amerika muss sein Wort halten.“ Dienstag: An der Südfront mordet sich die russische Armee weiter voran, im Oblast Saporischija erleiden die Ukrainer*innen „bedeutende Verluste“. Polens neuer Chef sagt: „Wir werden laut und entschieden die volle Mobilisierung der freien westlichen Welt für die Unterstützung der Ukraine in diesem Krieg verlangen.“ Selenskyj warnt im US-Kongress vor einem „Fiasko“, sollten weitere Militärhilfen ausbleiben. Die US-Geheimdienste verkünden 315.000 tote russische Soldaten seit Kriegsbeginn. Der Frost verhilft den russischen Truppen zu neuen „Erfolgen“ bei Awdijiwka. Mittwoch: Kiew wird in der Nacht mit Raketen angegriffen, dutzende Zivilisten werden verletzt. Auch Odessa wird attackiert. Olaf Scholz weiß: „Putin ist nach wie vor fest entschlossen, die Ukraine militärisch in die Knie zu zwingen. Die Gefahr, dass dieses Kalkül aufgehen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen.“ Und auch Friedrich Merz ist sich sicher: „Sie (Russland) wissen, dass unter den gegebenen Umständen dieses Land überhaupt keine Chance hat, diesen Krieg zu gewinnen.“ Und Ramsan Kadyrow kann somit das Ende des Krieges vorhersagen: „Etwa im Juni oder Juli. Wenn ich die Entscheidungsgewalt hätte, wären wir in drei Monaten fertig.“ Das Netz des größten ukrainischen Mobilfunkanbieters ist 30 Stunden lang außer Betrieb. Donnerstag: Die Ukraine fliegt weiter „erfolglose“ Drohnenangriffe auf Moskau. Russland antwortet mit „erfolgreichen“ Angriffen auf Odessa und setzt den ukrainischen Geheimdienstchef auf die Fahndungsliste. Das Mobolfunknetz in der Ukraine funktioniert nur noch für wenige. Putin bleibt bei der „Bürgerfragerunde“ eiskalt bei den Kriegszielen. In der Westukraine trifft eine russische Hyperschallrakete einen Militärflughafen. Die EU eröffnet die Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine, Orban war bei der Entscheidung nicht im Raum, was Olaf Scholz’ Idee war. Kurz zuvor wurden 10 Milliarden Finanzhilfe für Ungarn frei gegeben, man munkelt von der größten Schmiergeldzahlung der Geschichte. Im US-Kongress ist immer noch keine Einigung auf die weitere Unterstützung in Sicht. Freitag: Der US-Senat verschiebt extra seine Weihnachtspause, um weiter zu verhandeln. Orban blockiert dann doch einfach die 50 Milliarden Hilfszahlungen für die Ukraine und erpresst die Union weiter, in dem er die Freigabe aller Mittel fordert; den Kreml freut das. Marjinka ist inzwischen fast ausgelöscht. Über der Krim werden 26 ukrainische Drohnen zerstört. Samstag: Kiew wird wieder von Explosionen erschüttert. Der russische Patriarch Kirill wird auf die ukrainische Fahndungsliste gesetzt. Die ukrainische orthodoxe Kirche hält Weihnachtsgottesdienste an der Front ab. Die russischen Truppen rücken unerbittlich weiter vor. Sonntag: Olaf Scholz Kaffeepausentrick mit Victor Orban wird laut Kuleba „als ein Akt deutscher Führung im Interesse Europas in die Geschichte eingehen.“ Über der Südukraine werden Raketen und Drohnen abgeschossen. Russland kündigt mehr Militär an der Grenze zu Finnland an. Selenskyj feiert nach seiner Weltreise und den aufgenommenen Beitrittsverhandlungen eine „historische Woche“.

 

Am Montagmorgen konnte der Brillenträger seine Beschwingtheit sogar noch mit in die Schule nehmen, was sich angesichts der letzten drei Tage vor Weihnachten als sehr gut herausstellte. Punk blieb Weitermachen, in Q-Town, Thale, Neinstedt, L.A. oder Berlin. Der andere Brillenträger hatte ihm gegen Mittag geschrieben, dass seine ersten veröffentlichten Worte dann am kommenden Wochenende erscheinen würden, in der Welt am Heiligen Abend. Es war nie zu spät für das richtige Timing. Nachmittags besorgte der Brillenträger dann ein erstes Mal Geschenkpapier und begann endlich mit seinen eigenen Weihnachtsvorbereitungen, die drei Bücher hatte er in neuer Rekordzeit eingepackt, die Karten schrieben sich wie von selbst. Für den Rest hatte er noch Abende genug.
Zu seinem Balkon drangen beliebige Partylieder vom Markt, der inzwischen auch auf dem letzten Loch pfiff. Der Brillenträger verwarf schleunigst eine Kurzgeschichte (über einen Touri aus München, der es mit dem Glühweinpass übertrieben hatte, woraufhin er den peinlichen „I(Herz)Q“-Aufsteller auf dem Neumarkt anzündete, dann die semiprofessionellen Bühnenmusiker vor dem Rathaus als Hurensöhne beleidigte, bevor er laut schreiend den gesamten Markt nach einem „Lumumba“ absuchte, um dann von den hiesigen Antifa-Punks aus dem Weltkulturerbe gepogt zu werden), nach solchen Geschichten stand ihm einfach nicht der Sinn.
Und außerdem war er in Gedanken auch schon wieder in der näheren Zukunft. Der Zeitgeist hatte ihm bereits die ersten Zeilen für die nächste Staffel seiner Chronik diktiert, der Staffeltitel stand ebenfalls bereits fest. Punk ist Machen, egal ob wer mitmacht. Trotzdem war der Brillenträger erstmal froh, dass er nur noch über die Zwanziger schreiben musste/konnte/durfte, und nicht über eines der beiden danach kommenden Jahrzehnte, in denen das Christkind wieder mal endgültig zum Feindbild geworden war. Und dementsprechend be(un)ruhigt setzte er hinter die letzten, bereits geschriebenen Zeilen des kommenden Jahres einen Punk-t.

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert