„Give me a day or two
To think of something clever
To write myself a letter
To tell me what to do.“
(Billie Eilish: Happier than ever. 2021)
Der Brillenträger hatte sich schon am frühen Sonntagmorgen an den Schreibtisch setzen müssen, was er inzwischen aber mit einem großen Glas Wasser gleich neben dem ersten Kaffee tat. Dehydrierung war etwas leicht beherrschbares, man musste nur daran denken. Zu schnell laufen die Synapsen heiß, wenn man „Kopfarbeiter“ ist. Bevor er zu den anderen gehen konnte, musste er jetzt noch was schaffen. Notwendige Vorbereitungen. Das Schuljahr war in vollem Gang. Leben und Lernen mit dem Virus. Den Computer schaltete er genau deswegen auch nicht an. Stift und Papier locken eben nicht mit dem aktuellsten viralen Hit, der ihn nur wieder vom Wesentlichen ablenken würde. Nach einer Stunde war er überraschend schnell fertig, beziehungsweise konnte er sich selbst schon erfolgreich genug davon überzeugen. Abiturvorbereitung „Lyrik“ – check. Prüfungsvorbereitung „Mittlere Reife“ – check. Ethik für die „Gen-Z“ – check. Nur eine halbe Stunde im Internet hätte gereicht, um Material für Wochen zusammen zu suchen. Mit Büchern dauerte das eben eine halbe Stunde länger. Morgenstund mit reichlich Stoff im Mund.
Als der zweite Kaffee auf dem Herd köchelte, schaltete er kurz das Küchenradio ein. Bei mdr-Kultur wurde nüchtern berichtet: „Die Mediennutzung ist laut einer neuen Studie inzwischen die Hauptbeschäftigung der Deutschen.“ Mehr Zeit als vor den schwarzen Endgeräten verbrachten sie also mit gar nichts mehr. Und nicht wenige sprachen dann, wenn sie ohne besonderen Anlass mit anderen sprachen, darüber, was sie in welchem Medium gelesen, gesehen und gehört hatten. Immer auch bemüht darum, dabei bloß keinen Streit zu riskieren. Allen merkte man an, dass genau das zunehmend komplizierter zu werden schien, weswegen es sich bei diesen Gesprächen immer öfter nur noch um völlig neutrale gegenseitige Berichte handelte: höchstens viellecht mit einem „Hast Du schon gelesen/gehört/gesehen, dass …“ eingeleitet. Dann wurde genickt, ergänzt und sich vielleicht irgendwie vorsichtig empört. Und dann, ganz schnell: Nächstes Thema. Solange, bis das vermeintliche Gespräch durch das wirkliche Leben unterbrochen oder beendet wurde. So waren alle immer halbwegs über alles informiert, und sorgten darüber hinaus dafür, dass das auch so blieb. Wenn sie schon nicht wirklich etwas ändern konnten, dachten sie, mussten sie doch wenigstens Bescheid wissen. Ein (un)unterbrochener Uhrenvergleich. Friedlich, aber bar jeder Leidenschaft. Ein ewiges Spiel mit Themenkarten. Der verschwiegene Lähmungseffekt des Informationszeitalters.
Kein Wunder also, dass gerade Typen wie Claus Weselsky zu den wenigen Helden dieser Tage gehörten. Ein Gewerkschaftsführer war kurz vor der Bundestagswahl zum erfolgreichsten und zeitgleich gehasstesten echten Macher geworden. Nach Monaten des harten Arbeitskampfes. Kein Heititei am Verhandlungstisch, überhaupt: Wochenlang nicht mal am Verhandlungstisch! Sympathisch sollten doch bitte andere rüberkommen! Hier ging es um die Sache! Freundlichkeiten gab es erst wieder, als endlich Frieden geschlossen wurde. Und wie lange dieser halten würde, darüber waren sich die Kommentatoren bereits schon wieder uneins.
Der Brillenträger hatte aber auch diese halbwegs gute Nachricht nicht zu einer weiteren Kurzgeschichte für sein Internetexperiment aufhübschen können. Genauso wenig wie die beschämende Regierungsbildung in Magdeburg, wo seit dieser Woche die erste „Deutschlandkoalition“ der nächsten Berliner Republik ihre Arbeit aufnehmen sollte. Denn erstens hatte er einfach nicht genügend Zeit (Schule), zweitens war er (wie immer) verliebt , und drittens hatte er momentan nicht einmal genug Bock auf Ungeschriebene Episoden oder metareflexive Autorenselbstkritik. Bloß nicht noch ein verdurstender Rufer in der Wüste! Alles schon zig mal gedacht; zu irrelevant und überflüssig, um wirklich vom ausbleibenden Echo enttäuscht sein zu können. Die beinahe Nichtexistenz von Feedback zehrte dennoch weiter an seiner Motivation. Denn nur der weiterhin eingebildete Ruhm der Nachwelt und einige warme Worte vom Buchträger oder Karoline reichten zur Zeit kaum noch als Durchhaltemittel. Seine Schriftstellerei diente in erster Linie immer noch der selbstverschuldet autonomen Beschäftigungstherapie (in Zeiten der Pandemie): Eloquente Prokrastination. Im besten Falle noch Understatement. Alles zu wenig irgendwie.
Und so hatte der Brillenträger auch wieder einmal nur kurz über aggressiveres Marketing nachgedacht. Darüber, wie er sich doch noch einen späten Ruf als literarischer Geheimtipp im Internet erarbeiten konnte. Vom nerdigen Nobody zur ungekrönten Chronisten-Legende in nur zehn Jahren. Dann Abtritt. Und später, posthum dann mit Preisen nur so zugeschissen. Aber alle ihm bekannten und halbwegs authentischen Möglichkeiten hatte er bereits ausgeschöpft, der ganze verbleibende Rest wäre nur noch peinlich, also eben nicht möglich. Trotzdem, nachdenken konnte er ja mal: Was zog denn heute so? Virtuellen Beef mit Influencern anfangen? Politisch über den Durst provozieren? Humoristisches Bashing von irgendwelchen nervigen Leerdenkern? Memes jenseits der Tabus? Cringe Tik-Tok Tänze? Noch cringere Nudes? Oder vielleicht doch noch Werbung schalten? Vielleicht sogar ganz old school? Im Radio? Erneut stellte er fest, dass diese ganzen Ideen nicht nur blöd waren, sondern auch Zeit und Kreativität erfordern würden, die er doch lieber in die Texte stecken sollte. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass verkannte Genies nur bedingt als Leitmotiv für einen postmodernen Klassiker herhalten können. Zu viel Selbstmitleid macht hässlich. Also nix für wahre Belletristik.
Da knisterte es ganz kurz im Lautsprecher neben dem Toaster. Für einige Momente klang es, als überlagerten sich die Frequenzen. Im Rauschen war Musik zu hören, ein Jazzstück vielleicht. Dann Stimmen, Fetzen eines Gesprächs in schlechter Tonqualität. Dann wieder die monotonen Kulturnachrichten. Alles doch sehr ungewöhnlich, zumindest für ein Digitalradio. Der Brillenträger bemerkte diese Störung aber nicht, denn er war bereits im Flur, um sich die Schuhe anzuziehen. Ohne noch einmal in die Küche zurückzukehren, verließ er die Wohnung. Er war spät dran. Sein Radio lief ungestört weiter bis zum Abend. Nachrichten, Musik, Nachrichten, Interview, Musik, Hörspiel, Nachrichten, Musik, Nachrichten. Die Kirchturmglocke des Marktplatzes erklang zu jeder Stunde synchron zum Zeitsignal aus dem Lautsprecher. Als letztes Lied vor den neun Uhr Nachrichten wurde schnell noch etwas langweiliges gespielt, dessen Text der Brillenträger eh fast auswendig konnte:
„I’d like to watch.
I’d like to read.
I’d like a part.
I’d like the lead.
But I’ve got nothing to say.“
(The Strokes: Ask me anything. 2005)
Während der Sommermonate hatten sich die Treffen der beiden Freunde mit Karoline Salthusser zu einer festen, privaten Salongesellschaft entwickelt. Schnell waren sie zum allgemeinen Du übergangen. Und während die Menschen in Quedlinburg entweder Gassi oder zur Kirche gingen, trafen sie sich auf Kaffee, Gespräch, leise Musik und manchmal ein zweites Frühstück. Es hatte bereits einige Anfragen von gemeinsamen Bekannten gegeben, noch aber hielten sie den Kreis geschlossen. Darauf hatte Karoline bestanden, alles andere sei noch zu gefährlich. Zwar hatte es in letzter Zeit keine Auftritte von gefährlichen Nazi-Gestalten auf Motorrädern, oder Besuche von unheimlichen Kunden mehr gegeben, aber die drei wussten nur zu gut: Das konnte sich jederzeit ändern.
Pünktlich um Neun betrat der Brillenträger den Laden durch die wieder unverschlossene Vordertür. Aus dem hinteren Teil, aus dem Fake-Grammophon klang noch undeutlich die Melodie von Billie Eilishs „Getting older“.
„Du weißt schon, dass die schon wieder nich mehr so in is‘, oder?“
„Und du sagst immer noch nicht Guten Morgen?“ Der Buchträger kam ihm mit einer roten Tasse in der Hand entgegen. „Karoline ist noch nicht da. Und nein, das weiß ich noch nicht. Ich denke, das liegt daran, dass das absoluter Quatsch ist! Wer sagt sowas?
„Die, die es wissen müssen.“
„Echt? Was ist denn jetzt schon wieder mit der Jugend von heute los?“
„Kein Plan? Chronisches ADS? Das müsstest doch sogar du als Boomer wissen.“
„Für dich immer noch: Dr. Millenial! … Aber, ich seh‘ schon. Die Schule hat wieder angefangen, was?“
Der Brillenträger nickte sachlich und ging am Buchträger vorbei, um sich auf seinen angestammten Platz zu setzten. Dabei stieg ihm heute kein Kaffeegeruch in die Nase. Auch der Sound der Bluetoothbox schien nicht besser zu werden. „Sag nicht, deine Angebermaschinen sind kaputt?“
„Doch. Sorry. Gestern erst passiert. Tee?“
Karoline Salthusser kam genau fünf Minuten zu spät. Das passierte ihr selten. Und wenn, lag es meistens daran, dass sie beim Zeitunglesen die Zeit vergessen hatte. Im Gegensatz zu ihren beiden neuen Bekanntschaften, hatte sie festgestellt, las sie wieder deutlich mehr darüber, was gerade in der Gegenwart zur Geschichte wurde. Sie zwang sich regelrecht, mehr als nur die verheerenden Überschriften wahrzunehmen. Sie suchte in den Folgetagen einer neuen Entwicklung nach den Anschlussmeldungen, die viel zu schnell wieder von den ersten Seiten verschwanden. Die von noch aktuelleren, und nicht selten krasseren Meldungen verdrängt wurden. Wie viele andere war sie geneigt, besonders den Endspurt im Jahrhundertwahlkampf nicht zu wichtig zu nehmen, wenngleich sie wusste, wie historisch auch das noch war. Mit dem Ergebnis mussten dann aber eh alle für die nächsten Jahre leben, noch genug Zeit also, um vielleicht später mit der geschichtlichen Verklärung zu beginnen.
Auch heute war sie erst auf Seite 5 hängengeblieben: Nachbetrachtungen zum vermeintlich vereitelten Anschlag auf die Synagoge in Hagen an Jom Kippur. Der 16jährige Tatverdächtige war inzwischen doch in Untersuchungshaft, obwohl es tags zuvor noch geheißen hatte, es lägen keine Beweise gegen ihn vor. Nur der Tipp eines ausländischen Geheimdienstes. Es wurde über alles mögliche spekuliert: Wirklich mal einer der wenigen Erfolge gegen den Terror? Gelungene Themensetzung für die Konservativen Sicherheitsapostel (also Laschets CDU in NRW) als letztes Mittel im Wahlkampf? Rassismus bei der Polizei? Wichtiger als alles das: Natürlich die Verurteilung des Antisemitismus, egal wodurch er begründet schien.
Karoline war unzufrieden. Das reichte nicht, das war zu lasch. Jude als Beleidigung zu benutzen, das war Antisemitismus. Ein Anschlag auf eine Synagoge war mindestens 33 bis 45 Spuren krasser. Das war er schon, der pure Faschismus. Arisch oder islamistisch? Völlig egal. Was dabei jedoch nicht betrachtet wurde, das war die Reaktion der rechten Bubble. Denn die hielt ihre Reflexe ungewöhnlich streng unter Kontrolle. Kaum noch „Haben wir Euch doch gesagt“-Botschaften, keine gehässigen Kommentare. Kein weiterer Antisemitismus. Vielleicht lag das ja auch daran, dass nicht zuletzt gerade erst wieder vorgestern, unter anderen Facebook die Regeln der „Meinungsfreiheit“ verschärft und über 150 „Querdenker“-Accounts gelöscht hatte; mal ein bisschen die Algorithmen entlasten. Aus vielen Ecken gab es dafür Applaus. „Gut so!“ – Nee, überhaupt nicht gut so! Karoline schnaubte, als sie am Ende der Seite angekommen war. Allenfalls war das zu wenig und zu spät. Die rechte Bubble hatte längst andere Kommunikationsfrequenzen gefunden und wechselte zwischen den Kanälen schneller hin und her, als irgendwer mit dem Löschen hinterher hätte kommen können. Aber immerhin gab es eine neue Bezeichnung für das deutsche Wörterbuch des nicht existenten Internetgrundgesetzes: Die koordinierte Störung des Sozialen Friedens. Darunter fiel dann so einiges: Trollen, Hetzen, Beleidigen, Aufruf zum Mord; alles eine Soße. Die Radikalisierung abseits der großen Plattformen war dabei bereits in voller Blüte, und Karoline wartete jede Woche mit Schrecken auf den nächsten politischen Mord, der auch bloß niemanden mehr wirklich aufschrecken würde. Das Protokoll dafür war eingeübt: Entsetzen, Analyse, Empörung, irgendwelche Forderungen, vielleicht ein Untersuchungsausschuss, Gedenkminuten. Weiterwurschteln.
Karoline hatte auf die Uhr gesehen und noch schnell umgeblättert. Auf Seite 6 ging es um den lächerlich kurzen Prozessauftakt gegen die Verantwortlichen des Virenkarussels in Ischgl. Genauso wegweisend, aber eben erst auf Seite 6.
Als Karoline nun im Laden angekommen war und auf ihrem Stammplatz saß, sahen die beiden anderen sie erwartungsvoll wie immer an. „Die Herren, sie sehen schon wieder so aus, als ob ich den ersten Teil des Vormittags zu bestreiten hätte.“ Brillen- und Buchträger nickten nur. „Gut. Heute aber mal nichts aus dem Manuskript. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit ein wenig Langeweile am Anfang der Goldenen Zwanziger?“
„So was gab‘s doch damals gar nich‘!“
„Oder?“
Karoline lachte, die ungebrochene Begeisterung der beiden amüsierte sie jedes Mal wieder. Sie entspannte sich, konnte ihre Brille in der Tasche lassen und begann einfach drauf los zu erzählen, keine Einordnung, keine Erklärungen und Deutungen, kein Kommentar. Die beiden auf dem Sofa sahen aus wie Schuljungs, die sich freuten, dass mal nichts weiter von ihnen verlangt wurde als zuzuhören.
Vor genau 100 Jahren war Karoline in einer ähnlichen Situation wie heute. Abseits der großen Geschichte hatte sie in der Provinz vorübergehend Frieden gefunden und wollte ihn nicht so schnell wieder gegen die Gefahren des Schattenkrieges eintauschen. Sie hatte zwei Männer näher kennengelernt und hätte stundenlang von stundenlangen Gesprächen und gemeinsamen Unternehmungen erzählen können. – Im September 1921 hatten die drei also einen Fahrradausflug zum Ritteranger unternommen. Das seit kurzem erst leerstehende Kriegsgefangenenlager war faszinierend widerlich. Völlig von Flöhen, Ratten, Pilzen und anderen ungesunden Dingen verseucht, hätte es komplett abgerissen gehört, stand aber unberührt in der Spätsommersonne herum. Die kürzlich entlassenen russischen Soldaten waren zum Westen übergelaufen, um dabei zu helfen, den nächsten Krieg schon mal vorzubereiten. Bei einem kleinen Picknick abseits des Lagers unterhielten sich die drei darüber, was sie in dieser Angelegenheit unternehmen könnten. In Berlin wurde die Welt umgekrempelt und hier verfaulte das Andenken an die Schrecken der letzten zehn Jahre. Letztlich hatten sie sich auf Brandstiftung geeinigt. Aber noch nicht zu bald. Es galt, noch viele Vorbereitungen zu treffen. Sie legten fest, dass die Aktion steigen sollte, wenn das Lager im nächsten Sommer immer noch stehe. – Karoline beendete ihre Geschichte, indem sie einen Zeitungsartikel aus ihrer Tasche holte, aus dem Sommer 1922. „Ritteranger in Flammen – Roter Terror?“ Karoline deutete ein Lächeln an, verstaute den Artikel wieder und genoß die verblüffte Stille.
Plötzlich schaltete sich die Bluetoothbox ein. Es rauschte wie aus einem Transistorradio und nach einigen Momenten hörten die drei die Melodie eines Rocksongs, den Karoline sofort erkannte:
„Flames gonna kiss my back.
I hope I can run faster than that.
Earth’s gonna set on fire.
But still I wait.“
(Slothrust: The next curse.
auf: Parallel Timeline. 2021)
Ohne weiteres Rauschen wechselte die Frequenz, die heutigen Abendnachrichten des mdr: „Bei einer Demonstration linker Aktivisten in Leipzig sind am Vorabend sieben Polizisten leicht verletzt worden. Polizeigebäude und einige Banken wurden mit Pyrotechnik und Farbe beworfen. Auf der Karl-Liebknecht-Straße flogen Flaschen und Steine.“ Dann wieder kurzes Rauschen. „Im der mit 34.000 Menschen ausverkauften Arena in Leipzig dominierte der FC Bayern die Gastgeber nach Belieben. Der Monopolmeister in überragender Frühform.“ Ein letztes kurzes Rauschen, und eine verzerrte Aufnahme eines Hardcore- oder Punkkonzertes war zu hören, das Publikum grölte den Text mit. Der Song war gerade zu Ende: „Danke Quedlinburg! Das war geil. Endlich wieder Pogo in der Reichenstraße!“
Karoline sah die anderen beiden genauso verstört an, wie sie von ihnen angestarrt wurde. Dann verstummte die Box wieder.
„Äh… strange?“
„Äh… ja? Wenn ich richtig aufgepasst habe, waren das die Nachrichten von heute Abend. … Es ist noch nicht mal elf.“ Der Buchträger schüttelte die Box, dass dabei fast der falsche Lautsprecher abbrach, drückte alle Knöpfe, aber nichts passierte mehr. Plötzlich fing der hintere Teil an zu rauchen und es knallte kurz.
„Ich bring das Teil mal lieber raus.“ Der Brillenträger wickelte die Box umständlich in seine Jacke und stolperte die wenigen Stufen bis zur Ladentür. Da begann es in Karolines Tasche leise zu summen. Erschreckt sah sie den Buchträger an: „Ich kenne dieses Geräusch!“ Sie kramte einen Augenblick und hielt ihm dann den Orb entgegen, der kaum sichtbar, und deswegen umso unheimlicher rot leuchtete. Nach einigen Momenten war aber auch dieser Spuk vorbei. Der Brillenträger kam zurück: „Das Ding ist hin. Da dürfte so ziemlich alles verbrutzelt sein.“ Er bemerkte den Orb in Karolines Hand.
„Sag nicht, der Metallball hat etwas damit zu tun!?“
„Ich fürchte doch.“
„Und uns hier irgendwas von langweiligen Geschichten erzählen wollen!“ Der Buchträger hatte sich als erstes wieder beruhigt. „Hat der das früher auch schon so gemacht?“
„Gab es früher Digitalradios und Bluetoothboxen?“ Karoline setzte sich auch wieder, den Orb immer noch in beiden Händen. „Meint ihr, das ist ein Zeichen, dass er wieder funktionieren könnte?“
„Wäre ein seltsamer Zufall, wenn nicht.“
„Aber warum gerade heute?“
„Das ist eine sehr gute Frage. Ich hab noch eine andere: Willst du nicht mal probieren, ob er wirklich wieder funktioniert?“
„Einfach so?“
„Klar, oder hat hier jemand heute noch was besseres vor, als in der Zeit zu reisen?“
Der Brillenträger überlegte kurz, Karoline schien zu allem bereit und der Buchträger war sich sicher: „Alles besser als diese Traurigkeit von diesem Kontinuum hier. Zum Mittag sind wir wieder zurück. Was sagt ihr?“
Karoline versicherte sich noch kurz beim Brillenträger, der zustimmend nickte, dann fragte sie: „100 Jahre zurück?“
„Na was denn sonst!“
„Gut. Dann machen sie sich bereit, ihr Sehnsuchtsjahrzehnt wirklich kennen zu lernen. Next Stop: Die Goldenen Zwanziger in Quedlinburg!“ Sie drehte die beiden Hälften der Kugel ein paar mal in unterschiedliche Richtungen, dann schien der Orb einzurasten und das rote Licht von eben war wieder da. Nur einhundert mal roter. Geräuschlos verschwanden alle drei. Auf dem Tisch, wo vorhin noch das Bluetooth-Grammophon gestanden hatte, schalteten sich alle drei Handys gleichzeitig ein und spielten das gleiche Lied, nur in unterschiedlichen Versionen: Auf dem Bildschirm des Handys vom Buchträger erschien ein grobkörniges Youtube-Video, original Liveaufnahme von 1992. Bei Karoline sprang iTunes an, die Coverversion von Tori Amos von 1993. Und beim Brillenträger, auf Spotify, eine Coverversion der Coverversion von 2019:
„with the lights out, it’s less dangerous
here we are now, entertain us!
I feel stupid and contagious
here we are now, entertain us!
a mulatto, an albino, a mosquito, my libido
a denial,
a denial,
a denial,
a denial,
a denial,
a denial,
a denial!“
(Nirvana: Smells like teen spirit. 1991.)

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