Auf der Rückfahrt konnte das Schwesterherz mehrere Mal nicht umhin, von ihrem liebsten Augenblick der vergangenen vierundzwanzig Stunden zu schwärmen. Auf dem Beifahrersitz, den Blick von den Lichtern des Gegenverkehrs abgewandt, beschrieb sie immer wieder aufs Neue den Moment, als sie die Tür geöffnet hatten und auf hundert Metern Höhe dem Fernsehturm gegenüber standen, hinter blitzblanken Glasscheiben, die von der Decke bis an den Boden reichten. Seine Mutter nickte müde und zufrieden im Rückspiegel.
Gestern Abend waren sie eine gute Stunde vor Aufführungsbeginn im Parkdeck direkt unter der Staatsoper Unter den Linden angekommen. Der Brillenträger kletterte vom Beifahrersitz und holte seine Kleider aus dem Kofferraum.
Nach nur wenigen Minuten gemeinsam mit den anderen Besucher*innen, war er sich sicher, weder over- noch underdressed zu sein und überrascht davon, wie unerwartet gemischt die Outfits Operngänger*innen waren: Old Money, Late Gen Z, viele offene Hemdskragen, Jeans und Pulli, Neue Langeweile, post-ironische Krawatten. Die Crémant-Gläser für die Pause standen bereits auf nummerierten Tischen in den Foyers der einzelnen Ränge, an der Garderobe herrschte entspannte Betriebsamkeit, und auf den Balkonen posierten die Menschen für Selfies vor der noch schwarzen Bühne, das Orchester spielte sich warm.
„La Traviata“ beginnt und endet nicht nur mit der Gegenwart des Todes, der Tod ist allgegenwärtig. Die Berliner Aufführung gibt ihm für die gesamten 150 Minuten einen erschreckenden Raum. Den permanenten Mittelpunkt der Bühne bildet ein seltsam organisch geformter, natürlich gebrochener Spiegel, hinter dem sich ein weiterer Raum verbirgt, in dem immer wieder kalkweiß gekleidete Tänzer*innen auftauchen und einen übermenschlich großen Totenkopf bilden. Zum Finale sind es diese Tänzer, die Violetta wie in Zeitlupe einkreisen, um sie dann endlich mit durch einen der Risse im Spiegel zu nehmen.
Der Brillenträger war durchweg schockiert darüber, wie sicher Menschen ihre Gesangsstimme benutzen können, auch wenn er bald bemerkte, dass sich demnächst wohl noch keine Verdi-Opern in seiner Sammlung befinden würden. Immer wieder steigerten sich die Arien zu einer Kunstfertigkeit, die allen den Atem verschlug; die Bravorufe setzten bereits im ersten Bild ein, der tosende Abschlussapplaus dauerte bald zehn Minuten. In der Pause belauschten sie unauffällig die anderen Gäste und bemühten sich, nicht zu viel und wenn, dann nicht zu auffällig zu lästern. Bei dem Paar jedoch, dass sich an der Balkonbrüstung vor ihnen aufgestellt hatte, um allerwelt zu zeigen, wie beglückt ein Paar doch sein kann, konnten sie sich nicht lange beherrschen. Und nachdem die Lichter ein zweites Mal erloschen waren, hing der Brillenträger seinen Gedanken nach, während Alfredo und Violetta endlos von ihrer tragischen Liebe sangen. Einer Liebe, für die sie sich gegen alle Vernunft entschieden hatten, die vom ersten Moment an nach Verzweiflung klang und bis zur letzten Note dem unausweichlichen Tod mit Liebe trotzen wollte. Wie eine Blume, die ihre wahre Bedeutung erst dann erhält, wenn sie, zum Sterben bestimmt, in der Vase eines geliebten Menschen steht. Und vielleicht war der Spiegel auf der Bühne gar kein Spiegel, sondern eine gebrochene Vase, und die übergroße Kamelie, die darin stand, auch nur ein überdeutliches Symbol für die uns so mürbe machende Vergänglichkeit des Lebens.
Kurz nach Mitternacht kamen seine Mutter und sein Schwesterherz wieder zurück in die 37. Etage über dem Alexanderplatz. Der Brillenträger hatte in der Zwischenzeit während ihres Rundgangs weit unter ihm nur kurz die Nachrichten gelesen und festgestellt, dass ihm bei Youtube hier oben ganz andere Werbung angezeigt wurde als sonst (Lange & Söhne). Ansonsten hatte er den Ausblick über die Stadt bestaunt. Der Nebel, der sie am Nachmittag noch begrüßt hatte, war weit bis in den Himmel gestiegen, so konnte er alle Gebäude bis zum Potsdamer Platz erkennen, und noch dahinter leuchtete golden die Spitze der gigantischen Siegessäule über dem hell erstrahlten Großen Stern. Seine Schwester berichtete noch davon, dass sich unten in der Lobby nur noch angetrunkene Testosteronis auf die angebrochene Nacht einstimmten und spielte kurz mit dem Gedanken, mit dem Ausblick auf den Fernsehturm zu duschen, denn die Kabine hatte ebenfalls eine riesige blitzblanke Glasscheibe. Dann stand sie noch eine Weile am Fenster und beschrieb, was sich auf dem Alexanderplatz gerade abspielte: Blaulicht, Polizisten und ein paar Gangster. Ansonsten nur Lichter gegen die Dunkelheit der Nacht; der Brillenträger hatte sein Notebook da schon lange zugeklappt und blinzelte den Fernsehturm beim Einschlafen an. Edel geht die Welt zugrunde.
14. Januar
S10:Ep3(u) – … Shadows of War in Every Mirror
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 97.
Kein Geld mehr für Vergeltungsschläge. Montag: Die nächste Raketenangriffswelle überzieht die Ukraine. Belgorod ist teilweise evakuiert. Im Ural explodiert es in der Nähe eines Öldepots. Selenskyj kündigt Vergeltung für den heutigen Angriff an. Dienstag: Die Ukraine will erstmal keine Frauen einziehen. In Belgorod schlagen Raketen ein. Momentan sind in der Ukraine 1.000 Ortschaften ohne Strom. Selenskyj kündigt seine persönliche Teilnahme am Weltwirtschaftsforum an. Alle außer dem Kanzler machen Druck bei den Tauruslieferungen. Russland setzt Chodorkowski auf die Fahndungsliste (Falschinformationen). Am gesamten Frontverlauf werden heute 64 russische Sturmangriffe gemeldet. Mittwoch: In Charkiw wird die erste unterirdische Schule eingerichtet. Die NATO stellt weitere Milliardenhilfen in Aussicht. Donnerstag: Raketenbeschuss in Charkiw, Donezk und Dnipropetrowsk. Die Türkei, Bulgarien und Rumänien haben ein Abkommen zum Umgang mit Seeminen unterzeichnet. Selenskyj schließt weiterhin jede Waffenruhe aus und verspricht: „In diesem Jahr wird die Ukraine alles daran setzen, ein neues europäisches Waffenarsenal zu schaffen, um eine russische Aggression gegen Europa zu verhindern.“ Aus den USA kommt vorerst kein Geld mehr. Freitag: Richi Sunak bringt 2,9 Milliarden in Kiew vorbei, und ein Sicherheitsabkommen für die nächsten zehn Jahre. Am Abend fallen in Schytomyr (Westukraine) alle 21 Umspannwerke aus, die Ursache ist zunächst unklar. In der Gegend herrschen minus 10°C. Samstag: Wieder fliegen dutzende Raketen auf die Ukraine, immer weniger können abgeschossen werden. Sonntag: Selenskyj klagt über den Einsatz von Tränengas an der Front. In Davos beginnt die „Ukraine Konferenz“ (80 Staaten nehmen teil). Ein wegen Korruption verurteilter Ex-Bürgermeister der ostrussischen Großstadt Wladiwostok geht statt ins Gefängnis an die Front in der Ukraine. Cherson steht andauernd unter massivem Beschuss.
– Wahl in Thailand:
Status Quo, also alles bereit;
zumal die absolute Mehrheit im Parlament weg ist
– Hochwasserlage „entspannt sich“ (etwas)
– noch letzten Sonntag Abend: GDL ruft zum mehrtägigen Warnstreik auf, Bahn will gerichtlich … , Montag Abend schon abgeschmettert, Streikrecht kommt!, auf Schlichtung hat Weselsky schlichtweg keinen Bock
– wieder kalt geworden, wa?!
– letztes Jahr: 250 Milliarden Schaden durch Unwetter, so viele Gewitter wie nie zuvor
– El Nino in Australien (Hitze!)
– Megaflut im Kongo
– 2023: 1,48°C über dem Schnitt der zweiten Hälfte des 19. Jh.,
das Ziel (für 2100) also fast schon erreicht
– Letzte Generation blockiert Fußgängerüberweg in LE:
„Wir dürfen das, wir haben einen Trecker“
– Windkraft kommt wieder besser voran (in D)
– Milei streicht sämtliche Unterstützung für Menschen mit Behinderung (wg. „Unproduktivität“)
– Live Geiselnahme bei einem Fernsehsender in Ecuador, neue „Narco Wars“
– Martin Sellner hat mit AfD-(und CDU-)Politikern einen „Masterplan“ zur Remigration besprochen („Düsseldorfer Forum“), wofür die jeweils 5k gespendet haben (mit dabei: S-A Fraktionsvorsitzender Siegmund („als Privatperson“) und Weidels Referent) – AfD-Verbotsdebatte flammt wieder auf, Scholz wird mal etwas deutlicher
– Compact bringt den Höcke-Taler raus, Silber, im Wert von 10 Euro, für 70 Euro
– hunderte Faschogrüße bei einem Schwarzhemden-Aufmarsch in Rom, Meloni schweigt
– halbwegs klare Kante gegen die AfD und Werteunion von Merz bei der Vorstellung des neuen CDU-Grundsatzprogramms
– 2.500 Antifas vs. 500 Faschos in Göttingen (Samstag)
– Sahra W. gründet eine Partei, der Name bleibt (Mutter kann’s verstehen),
am ersten Tag des Baueraufstands:
2 weibliche Parteivorsitzende, 1 Bauunternehmer und Professor (Bauingeniuer, Iraner, Querseinsteiger) als stellv. Parteivorsitzender, 1 Fabio di Masi und 1 Thomas Geisel (ex SPD) als EU-Kandidaten, Forderung nach Konzernbesteuerung!, Hauptgegner: Olaf Scholz
– Krach in Polen: Duda und Tusk rasseln wegen der Verhaftung zweier PiSer aneinander, Zehntausende protestieren pro Faschos
– neuer Ministerpräsident in Paris (Gabriel Attal, zarte 34, a child of paris elite circles, boyfriend von EU-Kandidat für Macrons Partei, „ehemaliger Sozialist“, gerade eben noch Bildungsminister)
– Chris Christie drops out (Nikki gets some more boost)
– Der „Kaiser“ ist tot
– Adam Silver überredet Draymond Greene nicht zurückzutreten
– Kaufhof schon wieder pleite (Signa)
– ACAB zeigt ebenfalls Kante im Westjordanland, ohne Ergebnisse
– Blinken in Ramallah: Zwei Staaten Lösung?!
– USA/UK greifen Huthis im Jemen an, EU will Kriegsschiffe entsenden
(alles an den Parlamenten vorbei)
– Netanyahu zur Klage in Den Haag: „Was für eine verdrehte Welt, unsere Armee, die moralischste der Welt, die alles tut, um Unbeteiligten nicht zu schaden, wird angeklagt – von den Repräsentanten der Monster des Völkermords. Die Heuchelei Südafrikas ist grenzenlos.“
– Spanien führt die Maskenpflicht wieder ein (im Gesundheitswesen)
– Lauterbauch skippt Globuli
– Hausärztegipfel: Lauterbach verspricht Reformen
(mehr finanzielle Freiräume, keine Obergrenze beim Behandlungsbudget, alles kann und wird abgerechnet, gilt nicht für Fachärzte → „Proteste müssen weitergehen“)
– Kekule darf endgültig nicht mehr an der MLU arbeiten
Bauernrevolte revisited:
„ ‚Bauern‘ gibt es kaum noch in der industriellen Landwirtschaft. Es handelt sich zumeist um agrarische Kleinkapitalisten, die derzeit den rechten Aufstand suchen, um ihr hoch-subventioniertes, ökologisch ruinöses Geschäftsmodell zu verteidigen. Und die Kleinbourgeoisie bildete schon immer eine Brutstätte des Faschismus.“
– je länger der Spuk dauert, desto mehr sickert im Netz über die „schwierige Lage“ der Bauern durch (ins Knie geschossen?) – die coolen machen nämlich einfach weiter und fahren nich mit’m Trecker in der Gegend rum…
– neue deutsche Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit den Bauernprotesten?
– Landkreis positioniert sich schmerzhaft deutlich
(Blockaden der A36 sind mit der Polizei abgesprochen (Auffahrten zu, Abfahrten frei))
– „Kinderdemo“
– Misthaufen werden auf Landstraßen gekippt
– 16+ Ermittlungsverfahren
– auch Beispiele für vernünftige Bauern (in RLP)
– Rant über Ekelhaftigkeit dieser Kaperung, einer Sabotage der freien demokratischen Meinungsbildung, gegen die man fast wehrlos ist?
– generalstreiken als nächstes die Spediteure? Oder die Handwerker?
„Doch wie sieht sie eigentlich aus, die tolle spätkapitalistische Nahrungsmittelproduktion, für die unsere braun anlaufenden ‚Bauern‘ auf die Barrikaden ziehen? Hier ein kleiner Einblick: ‚Wir bekommen von der Lebensmittelindustrie somit einen bunt verpackten, genetisch homogenisierten Einheitsfraß vorgesetzt, der aus gefolterten Nachkommen von überzüchteten Inzesttieren und genetisch modifizierten Pflanzen zusammengebraut wird. Hinzu kommt noch der übliche Cocktail aus Antibiotika und Chemie, der dieses widerwärtige System überhaupt noch funktionsfähig erhält.‘ “
(Tomas Konicz: Agrarkapitalisten in autoritärer Revolte. 2024)
Das Frühstücksbuffet des Hotels war am nächsten Morgen reichlich gedeckt, bei den Eiern stand bereits früh eine lange Schlange aus hauptsächlich Männern im besten Alter. Der Brillenträger wartete nicht auf ein Spiegelei und stibitzte sich stattdessen ein hartgekochtes. Sie ließen sich auf den bequemen Sofaecken bald eine Stunde Zeit; vor den Fenstern wartete nur dicke Suppe, die im November nicht einladender hätte sein können.
Nach einer Runde auf dem Ground Floor des Alexas bestanden sein Schwesterherz und seine Mutter auf jeweils eine Kugel Eis, während sie Menschen in seltsamsten Wintergarderoben beim Flanieren beobachteten. Der Brillenträger hatte nach nur kurzem Suchen auch die Nelken bereits gekauft. Dann liefen sie durch Wind und Regen zurück zur Tiefgarage unter dem Alexanderplatz, um sich im Auto aufzuwärmen und sich danach vom Navi nach Friedrichsfelde leiten zu lassen.
Der Friedhof war so gut wie leer, erst morgen würde hier das rote Blumenmeer aufschäumen. Während also Jeremy Corbyn zeitgleich auf der Luxemburg Konferenz seinen Job machte, legten sie ihre Nelken nieder. Nur wenige frische Blumen bedeckten bereits die Grabplatten von Rosa und Karl und Walter. Ein eisiger Wind umfasste sie und geleitete sie zurück durch das weit geöffnete Friedhofstor.
Erst nach Sonnenuntergang verließen sie Berlin, und verfuhren sich wie erwartet am Funkturm (das Abfahrtsschild nach Magdeburg steht eindeutig schlecht). Nach einem missglückten Versuch, die Fahrbahnseite auf einer Kreuzung zu wechseln, wurden sie von einer Polizeistreife angehalten. „Na, sie haben es ja nicht geschafft, sonst hätte ich sie rausgezogen.“ Der Brillenträger und sein Schwesterherz gaben sich ehrlich und kooperativ, ihre Mutter belächelte die Situation von der Rückbank aus; sie durften weiterfahren.
Kurz nach der letzten Pause des Tages passierten sie auf der A14 vor Magdeburg ein weithin sichtbares Feuer unweit einer Auffahrt. Sie verdrehten nur die Augen, und seine Mutter bat den Brillenträger mal ordentlich zu hupen, was er auch tat, während er sich darüber freute, dass seine Mutter wusste, was es bedeutete, jemanden zu trollen. „Die mit ihre Treckärs! Sind echt weit vom Wege abgekommen.“
In Quedlinburg angekommen verabschiedeten sie sich am Ende des Mummentals, waren heilfroh, den Ausflug gemacht zu haben, und der Brillenträger trug seine Taschen zurück durch die Hölle.
Lange blieb er an diesem Abend nicht mehr wach, er wollte, wie alle anderen auch, die Zweite Dunkelheit des Winters am liebsten verschlafen und war sich wieder einmal unsicher, welche Hälfte der Zeiten des ab- und wieder zunehmenden Lichts er deprimierender fand. Dann las er aber, dass in Montana momentan minus 40°F (auch minus 40°C) herrschten, und freute sich nur umso mehr, dass er dahin schon sehr bald wieder reisen konnte, ganz bequem vom Sofa aus, denn Netflix hatte kurz nach Weihnachten bereits den Start von „Yellowstone“ angekündigt. Sollte die Sonne also erst im Mai wieder auftauchen, wäre wenigstens eine andere Sehnsucht gestillt. Kill one giant at a time.

0 Kommentare