„The most important thing in life is,
if you have a dream,
I mean a real good one,
follow it.“
(Evel Knievel)
Wenn ich bis jetzt
jeden Tag so viel gefahren wäre
wie heute,
wäre ich schon lange am anderen Ende des Kontinents.
Inklusive mindestens dreier Extrarunden
(Mensch, hier war ich doch schon mal…)
waren das dann mal knapp 400 Meilen.
Bestes Ergebnis bis jetzt:
Hier auf dem RV-Park
(direkt neben dem Highway)
hat es gerade 67°F,
also gute 30 weniger als vor 24 Stunden.
Dazu beigetragen haben muss auch
der heftige Regensturm
durch den ich vor einer Stunde
im Dreieck gefahren bin,
irgendwo in Missouri, Nebraska, Iowa.
Wahrscheinlich sieht die Gegend
aber auch bei Sonnenschein
überall gleich aus,
denn der Mythos ist wahr:
Die letzten drei Stunden des Tages
bin ich ausschließlich an Feldern
(Mais und Soja),
den dazugehörenden Mühlen
und Rastplätzen vorbeigefahren,
mehr oder weniger tatsächlich nur geradeaus.
Und die lange Gerade (Nordnebraska, 300 Meilen)
hatte ich mir erst für morgen ausgedacht.
Meine Taufe ist nun also
vollumfänglich abgeschlossen:
Pool in DC,
Schweißbad in den Ozarks,
Thunderstorm im Mittleren Westen.
Das ist mehr als so mancher von hier behaupten kann.
Zu Beginn des Tages durfte ich
aber noch einmal eine Stunde lang
die Straßen Südmissouris genießen,
jetzt schon eine der schönsten Erinnerungen dieser Reise.
Dann wurden die Straßen aber schnell
deutlich ebener,
auch die Autos auffallend kleiner;
für den mittleren Westen reicht ein SUV.
In Kansas City, Missouri, wachen die Menschen
gerade erst auf.
Es ist der erste Tag
des langen 4th of July Wochenendes
(mit Brückentag 4 Tage frei!
+ Parade, Barbecue und Feuerwerk!).
Die Stadt ist im Vergleich
zu allen anderen der letzten Woche
obszön groß.
Und wirkt trotz der frühen Stunde
irgendwie auch bloß halbverwaist.
Es ist kaum jemand auf den Straßen,
nicht einmal in Autos.
Viele der Geschäfte und Lokale
werden auch später am Wochenende nicht öffnen.
Kann das wirklich nur der amerikanische Sommer sein?
Oder ist das alles wirklich schon
so postapokalyptisch wie es aussieht?
Selbst die beiden Flüsse der Stadt
(der Kansas mündet hier in den Missouri)
führen vielleicht die Hälfte ihres Wassers.
Verschwinden die Städte mit den Flüssen?
Verschwindet dann das Innere Amerikas,
das an Flüssen entlang besiedelt wurde?
Richtet die schiefen Strommasten
hier bald niemand wieder auf?
Je öfter ich mich
in Suburbs, Industriegebieten und Dörfern verfahre,
desto deutlicher fällt mir auf,
dass hier einfach liegengelassen wird.
Es ist ja nicht so,
dass alles verfallen ist.
Es gibt auch schöne Ecken,
viele Häuser sind top in Schuss.
Aber direkt daneben sieht es aus,
als ob seit dreißig Jahren
keiner mehr nach dem rechten gesehen hat.
Dazwischen häufen sich inzwischen die Autofriedhöfe.
Auf dem Highway werden die Abstände
in Richtung Norden immer länger.
Und auch im Autoradio
hat die Independence Party schon begonnen.
Der lokale Alternative Rocksender von Kansas City
hat ein 90er Special aufgelegt,
die „Naughties“ sind also Mainstream.
Der DJ spielt die Akustikversion von Everlong voll aus
und ordnet sie dann als transzendental ein.
Musikgeschmack kennt keine Entfernungen.
Am Straßenrand zwinkert mich eine Warntafel an:
„Don’t drive star spangeld hammered!“
Eine der ersten Städte,
die unverrückbar auf meiner Traumroute standen,
ist Topeka,
die Hauptstadt von Kansas.
Und zwar aus zwei sehr gegensätzlichen Gründen.
Zur Erklärung nehme ich Euch mit
auf zwei Rundgänge.
Einen Rundgang in einem kleinen Haus
und einen Rundgang um ein sehr großes Haus.
Wie weit zwei Idole eigentlich auseinander liegen können,
dürfte dann schnell klar werden.
Ich verrate so viel:
Eines der Idole
ist für meinen Vater wahrscheinlich das,
was das andere für mich ist.
I
Das Evel Knievel Museum
ist an einen Harley Davidson Shop angegliedert,
denn Evel Knievel selbst
hat bei seinen waghalsigen Stunts
immer auf einer solchen gesessen,
oder ist eben davon runter gefallen.
Der berühmteste aller amerikanischen Stuntmen
(nach Colt Sievers),
der sich jeden seiner Knochen
mindestens einmal gebrochen haben will,
hat mit Topeka eine besondere Verbindung:
Hier hat der junge Evel das erste Mal erlebt,
was es heißt, ein Stuntman zu sein:
Keine Angst zu haben,
vor gar nichts.
Das Museum selbst ist überraschend gut kuratiert.
Ein bisschen gequetscht vielleicht
wirken die Bilder,
die Infotafeln, die Monitore und Vitrinen.
In jeder der vielen künstlichen Ecken des Rundgangs
stehen Maschinen und daneben die Anzüge,
die Evel bei seinen legendären Motorradsprüngen getragen hat.
Sogar seinen Tourtruck haben sie aufgestellt,
und einen seiner spektakulärsten Sprünge
kann man in VR erleben (5 Dollar extra).
Stuntman.
Ostdeutsch: Kaskadeur.
In wen hätte ausgerechnet meine Mutter
sich denn sonst verlieben sollen?
II
In Topeka gibt es kein Ben Lerner Museum.
Warum wohl nicht?
Etwa weil der zukünftige Literaturnobelpreisträger
und Starliteraturprofessor
in seinem bis heute besten Roman
kein gutes Haar am amerikanischen Schulsystem gelassen
und als Schauplatz seine eigene High School gewählt hat?
Je später der Ruhm,
desto redlicher verdient.
Seine einstige High School jedenfalls,
die Topeka High,
ist etwas ganz anderes
als ich bis jetzt hier an Schulen gesehen habe,
die sich im Grunde
nur durch ihre Größe unterscheiden,
neutralste Flachbauten.
Das riesige Backsteingebäude aber,
nur ein paar Steinwürfe vom Capitol Building entfernt,
mit gotischem Glockenturm und Fenstern aufpoliert,
wirkt eigentlich deplatziert.
Es schreit Elite
in einer Neighborhood,
die genauso halbtrostlos aussieht wie der Rest der Stadt:
Die Trojans, wie sich die Students nennen dürfen,
werden von einer beeindruckenden Bronzestatue begrüßt.
Über dem Eingang der Schulbibliothek
steht in Stein gemeißelt:
Books are the windows
through which the soul looks out.
Ach nee.
Auf dem topgepflegten Rasen
informiert ein Plasteschild,
dass das Schulessen,
für die die es nötig haben,
auch in den Ferien umsonst ist.
Auf einer elektronischen Anzeige
werden neue Lehrer*innen gesucht.
Die Schulglocke
ist von der USS Topeka gestiftet.
Das Pausenläuten ertönt,
auch wenn seit Wochen Ferien sind.
– Not my academy.
Gut.
Genug der Selbstverklärung für heute.
Das muss dieser ehrliche Herzschmerz sein,
den ich mit dem Mittleren Westen verbinde,
oder jedenfalls mit seiner Musik.
Momentan höre ich vor dem Fenster
aber vor allem zwei Dinge:
Sehr laute Bahnsignale
und das Explodieren von Feuerwerk,
das verdächtig nach Salutschüssen klingt.
Dass ich heute nicht doch
irgendwo in Iowa gelandet bin,
liegt daran,
dass der erste Ort,
den ich dort erreicht habe (Hamburg)
sehr wenig gastfreundlich wirkte,
als ob Gilbert Grape
ihn damals, in den 90ern,
wirklich für immer verlassen hätte.
Zum Abschluss für heute
noch eine inzwischen gesicherte Erkenntnis
über Campingplätze:
Sie sind wie Neighborhoods,
nur dass man seine Neighbors nicht kennt,
weswegen man auch nicht
unnötig freundlich zueinander sein muss.
Sehr sympathisch.
Und Welten entfernt von dem,
was ich über Amerikaner*innen gedacht habe.

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