So, endlich
Sommerschlussverkauf bei den Episodentiteln,
die Ladenhüter müssen raus.
Da pack ich sogar gleich noch
das stimmungsgebende Zitat mit drauf.
Ist das was?
„The time to hesitate is through.
No time to wallow in the mire.
Try now we can only lose.
And our love become a funeral pyre.“
„Pyre“ musste ich auch nachschlagen,
und was soll ich sagen?
Krasse Metapher, Mr. Morrison!
Am Ende der Zeit
wird die Liebe
zu den Flammen des Scheiterhaufens
einer Feuerbestattung.
Dass mit diesem Scheiterhaufen mal wirklich
die ganze Welt gemeint sein könnte,
hätte in den letzten 60ern
selbst der Dichterfürst unter den Junkies
nicht vorausahnen können (oder doch?).
Ende Juli war schon wieder Erdüberlastungstag.
Der Tag an dem wir daran erinnert werden sollen,
dass die Hütte brennt.
Gewöhnlich wird das mit
noch mehr Öl im Feuer begangen.
In diesem Jahr verbrauchen wir die Erde
also 1,74 mal.
Die Folgen sind inzwischen bekannt,
und nicht mehr umkehrbar:
An den Küsten Grönlands
sind innerhalb der letzten Woche
22 Gigatonnen Eis abgeschmolzen.
Nach enormen Erdrutschen in Myanmar
mussten 10.000 Rohingya evakuiert werden.
Die nördlichen und östlichen Küsten des Mittelmeeres
brennen großflächig,
in Sibirien sind es über 100 Wälder.
Obendrauf gibt es noch
ein 8.2 Erdbeben in Alaska,
was für den gesamten Nordpazifik
Tsunamiwarnungen bedeutet.
Steht den Menschen das Wasser nicht bis zum Hals,
sind es die Flammen, die bereits am Kinn kitzeln.
Natürlich nicht hier.
Wenn die Welt eine Kleinstadt wäre,
sagen wir ruhig mal Quedlinburg,
dann sähe das Ganze ungefähr so aus:
Im Brühl wäre zwischen Bode und Bodeufer
kaum noch Platz,
der Platz des Friedens
stünde am Rande der Evakuierung.
Der südliche Stadtwald,
sowie alles nördlich des Gröpern
und große Teile der „Weinberge“
würden brennen,
und der Abbruch einiger Felsen unter dem Schloss
hätte in der Wassertorstraße
Autos und Häuser beschädigt.
Und das alles innerhalb eines Tages.
Aber zum Glück
ist diese Kleinstadt
nicht die Welt.
Hier ist der Klimawandel ein Thema,
über das sich höchstens die Touristen
beim verregneten Frühstück auf dem Markt unterhalten.
Hier brennt höchstens mal ein Supermarkt.
Nachts.
Und zwar kontrolliert.
Die 100 Meter Luftlinie zwischen Feuerwache
und Brandstelle hatten nicht gereicht,
um die Zerstörung der Kaufhalle zu verhindern.
Seit dem ist das Gelände abgesperrt
und permanent von Security bewacht,
mitsamt kleinem Wärtercontainer.
Brandursache? Bislang unbekannt.
Der Ofen in der Bäckerei
steht bei den Verdächtigen in der ersten Reihe.
Ansonsten köchelt hier weiter alles auf kleiner Flamme,
auch die Pandemie ist so weit weg wie eh und je,
also noch weit genug,
also noch eine Weile.
Lüneburg und das Berchtesgardener Land
eröffnen hingegen die neue Coronasaison:
Es werden die ersten Ausgangssperren verkündet,
die nächsten Maßnahmen verschärft,
nächste Woche reißt Deutschland die 20er-Inzidenz.
In Sachsen-Anhalt wird schon überlegt,
wie und in welchen Impfzentren
die Kinder (ab 12) geimpft werden können.
Sachsen (Sachsen!) empfiehlt als eines der ersten Bundesländer,
alle ab 12 impfen zu lassen.
Für den Rest der Welt wären das noch die guten Nachrichten.
Denn überall geht alles wieder von vorne los,
oder nach kurzer Verschnaufpause einfach weiter.
In Italien kommt jetzt schon der Grüne Pass
für so gut wie alle öffentlichen Veranstaltungen.
Die Grenzkontrollen werden hochgefahren.
Japan erreicht einen neuen Höchststand nach dem anderen,
Australiens Olympia-Leichtathleten
sind komplett in Quarantäne.
In Sydney braucht es das Militär,
um die Ausgangssperren durchzusetzen.
Israel beginnt mit den Auffrischungsimpfungen für Risikogruppen.
In den USA gilt wieder vermehrt Maskenpflicht für alle.
Bei den Bundesbehörden und
bei Disney, Google, Facebook, Netflix und Twitter
sogar gleich allgemeine Impfpflicht.
Und was darf dabei natürlich nicht fehlen?
Genau, die Querdenker drehen auch wieder auf,
das mit der völkischen Hochwasserhilfe
ist ja eher so suboptimal gelaufen,
also zurück zum Kernthema:
„Frieden, Freiheit, keine Diktatur!“
Top Querbeschenkter Michael Ballweg
wird derweil als Reichsbürger entlarvt,
juckt aber keinen,
und trotz Demoverbots wird erneut versucht,
irgendwas in Berlin zu stürmen.
Für ein paar hektische Videos
auf den Spendenseiten
der unterdrückten Minderheit der Freien
hat das Katz- und Mausspiel mit der Berliner Polizei
wohl noch gereicht.
Gelb vor Neid wird also wieder nach Frankreich geschaut,
die zeigen mal wieder, wie Revolution geht.
Aber außer ein paar mehr Menschen,
die sich selber dabei filmen,
wie sie gegen die da oben aufbegehren,
passiert da auch nicht sooo viel mehr.
Egal: Vive la revolution!
Das Feuer der Veränderung
lodert auf den Schwarzen Spiegeln,
während man sich vom Sommerregen
den Kaffeeklatsch aka verlängertes Grillerchen
im Schrebergarten vermiesen lässt.
Das Feuerchen dann eben digital auf dem Flatscreen,
reicht doch.
Apropos hinreichende Schrebergartenidylle:
Wie jede Katastrophe
hat natürlich auch die in Leverkusen
ihre langfristigen Folgen.
Ganze Kleingartenanlagen
sind im Umfeld des Chemieparks
auf lange Zeit verseucht.
Die ersten Bungalows
haben schon Albträume vom Warmabriss.
Und auch im,
über Nacht berühmt gewordenen
Weingut-Landkreis Ahrweil
kommt unter den Schlammlawinen
langsam die bittere Wahrheit hervor:
Der Landrat hat offensichtlich
die rechtzeitigen Warnungen nicht ernst genommen,
deswegen auch nicht weitergeleitet
und somit mindestens den vermeidbaren Tod
einiger Menschen mitzuverantworten.
Was folgen wird,
ist jetzt schon absehbar:
Verfahrensverschleppung, Verjährung,
wieder eine ungegerbte Haut mehr.
Und Armin Laschet
lacht sich weiter offen eins in Fäustchen.
Das klingt alles nach nichts Besonderem mehr, ich weiß.
Und sogar diese Feststellung ist banal, weiß ich auch.
Und wahrscheinlich hab ich so was ähnliches
schon einmal geschrieben, wer weiß?
Wenn wir alles wissen können,
ist dann alles gleich (un)wichtig?
Und nur noch das wichtig,
was kein anderer weiß?
Kocht wirklich jeder
nur noch sein eigenes Süppchen?
Weil die Flamme nicht mehr groß genug ist,
für den großen Gruppeneintopf?
Und die Luft immer dünner wird,
je mehr man die Glut anfachen will?
Ihr seht
(an derbe verunglückten Metaphern wie eben),
#DieDoppeltenZwanziger stehen schon wieder
kurz vorm Burnout.
Die Akkuanzeige ist ein einziges,
rotes Ausrufezeichen.
Und deswegen ist jetzt,
hier in Sachsen-Anhalt, auch für Quedlinburger
endlich wirklich Urlaubszeit.
Früher völlig unterbewertet,
heute selbst für ausgemachte Lebenskünstler ein hohes Gut,
denn irgendwo muss die letzte Kraft ja herkommen.
Also schleppen sie sich mit allerletzter Kraft ins Ziel,
wo es dann heißt:
Nach dem (Weg-)Rennen ist
vor dem (Weg-)Rennen.
Denn 2021 ist und bleibt das noch viel krassere 2020,
ihr wisst schon, das Jahr als der Weltuntergang
für alle das erste Mal
so richtig sichtbar wurde.
Corona, Trump und Klimakatastrophe.
Alles nichts, was 2021 nicht noch toppen könnte.
Beispiele?
Joe Biden. China. Taliban.
Während sein Amtsvorgänger
von den braunen Streifen in seiner Unterhose
mit immer den gleichen Lügen versucht abzulenken,
zeigt der Demokrat,
warum viele lieber Bernie Sanders gehabt hätten.
Verschärfte Waffengesetze lassen auf sich warten.
Der Green New Deal
bleibt Verhandlungssache.
Die ins Haus stehende Wohnraumkrise
wurde sehenden Auges in Kauf genommen.
Und das schlechte, alte Säbelrasseln
soll jetzt anscheinend auch wieder cool sein
(Biden hat Putin beim letzten Gipfel,
wirklich wahr,
eine seiner stylischen Fliegersonnenbrillen geschenkt).
Hauptsache:
Alle sind gesund,
oder lächeln wenigstens so,
als seien sie es.
„America is back.“
Und dieses Mal vielleicht sogar mit echtem Krieg.
Das hat Joe Biden jedenfalls gesagt.
In Mikrofone.
„Echter Krieg.“
Mit wem?
Eigentlich egal,
Russland oder China.
Aber bitte nicht beide gleichzeitig.
Warum?
Wegen Cyberangriffen von allen Seiten.
Nur digital, ja,
aber mit echten Folgen.
Deswegen auch echte Kriegsdrohungen.
Die Falken im Pentagon
schielen schon mal nach den Streichhölzern.
Vielleicht wird‘s ja doch noch was
mit dem Dritten Weltkrieg.
Wenn eh alles den Bach runtergeht,
kann man doch auch noch
das richtig große Feuerwerk abfackeln,
für die Stärksten wird schon noch was übrigbleiben.
Bestens ausgerüstet dafür zeigte sich
dann gleich mal Vladimir Putin.
Gerade so den rechten Mundwinkel anhebend
präsentiert er die nächste Generation des Atomwaffenarsenals:
Multiple Sprengköpfe,
zu schnell für jede Abwehr,
Reichweite virtuell unbegrenzt.
Sagt er.
Glaub ich ihm.
In China reagiert man vorerst ein bisschen subtiler:
Während auch dort die Pandemie wieder normal wird,
wird sich mit den Taliban getroffen,
um irgendwas zu verhandeln.
Die Taliban! Kennt ihr die noch?
9/11, Maschinengewehre, Gräueltaten, Scharia, Afghanistan.
Da, wo jetzt kaum noch Friedenstruppen sind.
Also der Bürgerkrieg wieder voll ausgebrochen ist.
Zwanzig Jahre Zerstörung und Stillstand,
und nichts hat sich gebessert.
Im Gegenteil:
Die traurigste Geschichte für alle Geschichtenerzähler
kommt in dieser Woche nämlich aus Kandahar.
Dort wurde der allseits beliebte
Autor und Komiker Khasha Zwan hingerichtet,
für einige „die Stimme der Wahrheit.“
Und zwar Talibanstyle.
Mit Videos und Fotos für die sozialen Medien.
Den „Krieg gegen den Terror“ hat also,
Überraschung, niemand gewonnen.
Weswegen es jetzt eben wieder echten Krieg gibt:
Die Taliban bombardieren ungesühnt
sowohl Kandahar als auch eine Reihe anderer Städte.
Die Kapitulation der afghanischen Regierung
ist nur noch eine Frage der Zeit.
Warum nur könnten sich die Chinesen
gerade jetzt mit den Taliban getroffen haben?
Da wird es doch bestimmt auch scharfe Worte
aus der Bundesregierung gegeben haben?
Fast.
Denn auch wenn es in Afghanistan
ebenfalls eine Flutkatastrophe
mit genauso vielen Opfern wie im Rheinland gegeben hat,
hält selbst das den deutschen Innenminister nicht davon ab,
weiterhin unverhohlen nach Afghanistan abschieben zu lassen.
Nur weil jetzt mal so eine Woche ist,
ändert man doch nicht die Politik.
Der Ofen ist schließlich aus.
Draußen hat es inzwischen wieder aufgehört zu regnen,
der Himmel reißt langsam wieder auf,
gerade jetzt bricht die Sonne fast bis an mein Fenster durch,
im Hof schwatzen die Nachbarn bei einem Glas Wein.
Und nebendran sitzt
die Melancholie vor einer Weißen Wand.
Das Missverhältnis von erlebter, also gefühlter Realität,
wo Mücken noch das dringlichste Problem sind,
und „wirklicher“ Realität,
die uns in jeder Minute unsere Privilegiertheit vorzuwerfen scheint,
erstickt fast noch die letzte Glut des guten Gewissens.
Also nehmen sich #DieDoppeltenZwanziger
lieber zwei Wochen Urlaub.
Urlaub in der Pandemie von der Pandemie.
Urlaub von der Provinz.
Urlaub von den Schwarzen Spiegeln.
Durchatmen, Auftanken,
das Feuer neu entfachen.
„You know that it would be untrue.
You know that I would be a liar.
If I was to say to you,
Girl, we couldn’t get much higher.
Come on, baby, light my fire.
Come on, baby, light my fire.
Try to set the night on fire.“
(The Doors. 1967.)

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