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Und Nietzsche weinte (Teil 1 – Endless Summer) (S5:Ep12)

von | 2021 | 8. August | Die Serie, Staffel 5 - How does it feel?

„Das Siegel der erreichten Freiheit:
Sich nicht mehr vor sich selbst schämen.“

(Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. 1878.)

 

Die Großrucksäcke und Kraxen
in den Nahverkehrszügen
in Richtung Meer
nehmen den Zusteigenden die Plätze weg.
Den Betrieb von Klimaanlagen
hat die Deutsche Bahn auf ein Minimum gesenkt,
Fenster lassen sich nicht öffnen.
Und doch lächeln die meisten
hinter den Masken:
Urlaub.
Ein paar Tage weg.
Ein paar Tage die Nachrichten
nur so wahrnehmen,
als gingen sie einen nichts an.
Und das auch noch ohne schlechtes Gewissen.
Nur für ein paar Tage.
Freiheit ist,
wenn niemand irgendwas
irgendwie finden muss.

Am Strand von Neuendorf
im Süden von Hiddensee,
da wo es kaum Tagestouristen gibt,
sondern ausschließlich Urlauber,
wird Freiheit gelebt,
als wäre sie normal.
Die Freikörperkultur ist lebendiger denn je:
Kein Kult mehr, nichts verruchtes,
einfach nur Körper in allen Formen
und allen Farben
von weiß,
zu noch weißer (Sonnencreme),
zu trotzdem rot,
zu zu rot (aua),
zu braun.

Das war‘s dann aber auch schon mit der Wokeness,
denn der immer-noch-Geheimtipp neben Rügen,
das zukünftig bessere Sylt,
zeigt sich auch immer noch
als das Weiße Hiddensee.
Sehnsuchtsort für jegliche Kartoffeln,
egal ob aus einem Kloster-,
einem Vor-, oder einem Schrebergarten,
aus dem urban Gardening,
der modernen Landwirtschaft,
oder direkt von Demeter im Bioladen:
Hier können sie alle ungestört
in der Sonne rumliegen.
Sogar für die roten
ist hier noch ein Platz
für ein paar Tage am Meer.

In den Schaukästen an den Bushaltestellen,
neben der Ankündigung eines Karussel-Konzertes,
anlässlich des einhundertelfzigsten (111!!!) Geburtstags
des Hotels Hithim am Hafen von Kloster,
wird in die dortige Kirche eingeladen:
„Corona und der liebe Gott – eine schwierige Beziehung“.
Die Gastronomie auf der Insel
scheint jedenfalls keine
sehr schwierige Beziehung zu „Corona“ zu haben:
Ab halb Fünf sind quasi alle Tische
auf Tage reserviert,
die Preise schmecken bereist ziemlich syltig.
Spätestens im vorgelagerten Foyer
des Gerhart-Hauptmann-Hauses
(enter through the gift shop)
schließt sich dann
schon wieder mal
der Kreis:
Auf dem ersten Ausstellungstisch,
gleich gegenüber des Eingangs,
steht, ganz zu oben auf,
ein schwarzes Buch.
Auf der Rückseite steht folgendes:

„Am 22. März 2020 beschließen Bund und Länder »Kontaktbeschränkungen« – die neue Wirklichkeit der Pandemie greift ein in unsere psychische, soziale, politische Verfassung. Am Tag darauf beginnt Carolin Emcke mit ihrem »Journal«. Sie notiert nächtliche Albträume oder die unmöglichen Abschiede von geliebten Menschen, so wie sie die nationalistischen Reflexe Europas und die autoritäre Verführung des Virus analysiert. Es sind subjektive, philosophische Notizen, die dieser historischen Zäsur nachspüren. Immer wieder widersetzt sich Carolin Emcke der Neigung, nur die eigene Stadt oder Region zu betrachten, immer wieder weitet sie den Fokus, reflektiert die Pandemie als globale Konstellation. Es ist die schonungs- und schutzlose Chronik eines Ausnahmezustands, von dem niemand weiß, wann er zu Ende sein und wie er uns verändert haben wird.“

 

Eine „Corona“-Chronik!
Mit ganz vielen Zitaten!
Als Buch!
Wokes Kartoffelherz,
was willst du mehr?
Vielleicht mehr als eine „Corona“-Chronik?
Aber auch mit ganz vielen Zitaten?
Aber vielleicht lieber als Blog?
Für die Schwarzen Spiegel?
You‘re Welcome!

#DieDoppeltenZwanziger
wollen also offensichtlich nicht zur Ruhe kommen.
Die Konkurrenz schläft nicht.
Und Hoffnung bleibt mehr als ein Geschäft
(beschriebenes Buch kostet stilecht 21 Euro).
Also, was gibt‘s neues?
Gar nicht mal so viel.
Vor allem aber inzwischen Gewohntes, schon Altbekanntes.
Immer noch die gleiche Hoffnungslosigkeit.
Immerhin jetzt aber mit „Impfevents“:
Je nach Geschmack
mit Bratwurst, Freibier oder Gratisparty.
Alles aber immer auch mit bitterstem Beigeschmack
und der Erkenntnis,
dass es wohl wirklich besser nicht mehr wird,
Hoffnung hin oder her.
Denn wo die Sonne für die einen
höchstens Sonnenbrand nach sich zieht
(hier im Weißen Norden nämlich),
da ist sie für die anderen
(nur zum Beispiel
im Weniger Weißen Süden)
ein „Großes Unheil“ und
eine „Biblische Katastrophe“.
Aber weil die brennenden Mittelmeerküsten
und die brennenden und/
oder überschwemmten Pazifikküsten
noch nicht genug sind,
wird jetzt auch noch das baldige,
wirkliche Versiegen des Golfstroms vermeldet.
Und dass die Taliban
inzwischen selbst Kundus erobert haben,
Afghanistan also nach zwanzig Jahren
wirklich ohne weitere Kämpfe aufgegeben wurde,
scheint nur mehr der nächste Beweis zu sein,
dass Hoffnung höchstens noch was
für unbelehrbare Romantiker ist.

„ ‚Hoffnung? Hoffnung ist das übelste der Übel!‘ Nietzsche erhob seine Stimme: ‚In meinem Buche ‚Menschliches, Allzumenschnliches‘ behaupte ich folgendes: Als Pandora das Fass öffnete und die Übel, welche Zeus hinein gelegt hatte, in die Welt der Menschen ausgeflogen waren, blieb, von allen unbemerkt, ein letztes Übel zurück – die Hoffnung. Seit dieser Zeit betrachten die Menschen das Fass und seinen Inhalt, die Hoffnung, irrigerweise als Schatz, als größtes Glücksgut. Dabei haben wir vergessen, dass Zeus den Menschen wünschte, sie möchten sich weiterhin quälen lassen. Die Hoffnung ist das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.‘ “

(Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte. 1992.)

 

Alles aber immer noch kein Grund zum Weinen.
Denn, Friedrich, was soll ich schreiben?
Vor einigen Wochen hatte ich die leise Hoffnung,
dass ein Kurzurlaub im Sommer 2021
in allen Bedeutungen der Worte
wunderschön und friedlich werden könnte.
Ich schreib nur so viel:
Wer sich das Chaos wünscht,
nur um Sterne tanzen zu sehen,
der hat sie noch nicht erlebt,
wenn sie vor Liebe erzittern.

 

… to be continued

2 Kommentare
  1. n'Rico

    Obwohl du treffend formulierst: „Freiheit ist, wenn niemand irgendwas irgendwie finden muss.“, will ich dennoch mit einer Reaktion antworten. Denn: den Text finde ich sehr schön! Und ich bin froh, eine sehr praktische und angenehme Form gefunden zu haben, deine Texte zu lesen. Dabei handelt es sich um die sog. App „Pocket“, die es auch als Browserplugin gibt. Kann ich allen Lesern nur empfehlen!

    Antworten
    • Mathias

      😀 „I’m probably in your pocket now.“ (Biffy Clyro)

      Antworten

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