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Und Nietzsche weinte (Teil 2 – Die letzten Tage der Menschheit) (S5:Ep12)

von | 2021 | 21. August | Die Serie, Staffel 5 - How does it feel?

Eine Tragikomödie in 13 Szenen

 

„Die Wahrscheinlichkeit,
etwas Ungewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren,
ist weit größer als die, es zu erleben;
mit anderen Worten:
Im Abstrakten ereignet sich das Wesentlichere,
und das Belanglosere im Wirklichen.“

(Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. 1930.)

 

1. Szene

Unter einem Wasserzerstäuber, gleich neben dem Volksgarten im ersten Wiener Bezirk, herrscht reger Andrang. Gegen zehn Uhr morgens hat es bereits über 30 Grad. Friedrich N., stets auf seine Gesundheit bedacht, meidet die nett gemeinte Abkühlung und ergattert stattdessen die letzte Ausgabe des „Standard“. Nachdem er die ersten Seiten überflogen hat, setzt er sich auf die nächste Bank. Auf den Seiten Zwei, Drei und Vier wird sich vom alten Klima verabschiedet. Anfang der Woche hat der Weltklimarat faktisch das Ende der Welt, wie wir sie kennen, verkündet. Schon 2030 ist es soweit, ein Zurück nicht mehr möglich. Die Zeitung macht mit diesen Titeln auf: „36 Grad, und es wird noch heißer …“ und „Ein Leben mit Extremen“. Friedrich N. fühlt sich bestätigt und betrübt. Er zerknüllt die Zeitung und wirft sie scheinbar achtlos auf den Rasen, auf dem es sich, einige Meter weiter, zwei Bankangestellte für ein zweites Frühstück bequem gemacht haben.

Bankangestellter 1 (wischt sich den Schweiß von der Stirn):
Und was macht‘s deine Klimaanlage?

Bankangestellter 2 (schlürft an seiner Melange to go):
Zu viele Geräusche! Eine neue würd sich scho ganz gut ausgehn.

Bankangestellter 1:
Die sind‘s recht teuer geworden.

Bankangestellter 2:
Des passt scho. Hab ein neues Fondpaket mit Canadian Solar, Tesla und Frontex.

Bankangestellter 1 (hebt seinen Becher mit dem Verlängerten):
Bravo.

Friedrich N. erhebt sich von der Bank, schüttelt auffällig den Kopf, wird aber von den beiden nicht weiter beachtet. Er spannt seinen Sonnenschirm auf und schleicht in Richtung der blühenden Rosen davon.

 

2. Szene

Drei Container, einer davon mit „Gurgelbox“ beschrieben, stehen unweit des Karlsplatzes. Davor stehen in größerer Zahl Schulkinder. Einige verziehen das Gesicht, während sie eine salzige Flüssigkeit in ein Röhrchen spucken. Andere spülen mit Limonade nach. Sie schauen immer wieder auf ihre Handys, einige kommen dazu, andere gehen. Friedrich N. geht langsam und scheinbar fassungslos daran vorbei.

Schulkind 1 (indem es auf Schulkind 2 zugeht, setzt es einen Atemschutz auf):
Sag, warst jetzt scho am Prater?

Schulkind 2:
Können wir wieder hin? Ham‘s die da endlich 3-G?

Schulkind 3 (von der Seite):
Ja sicher. In den Freibädern geht‘s doch auch.

Schulkind 1:
Meint‘s ihr, wir kriegen‘s bald nur noch 2-G?

Schulkind 3 (zeigt auf sein Handy):
Ich brauch bald nur noch 1-G.

Schulkinder 1 und 2 (sehen sich achselzuckend an):
Gurgeln oder nicht gurgeln, das ist doch die Frage.

Friedrich N. bleibt ratlos stehen. Er sucht sichtlich nach Worten, greift dann aber resigniert in seinen Mantel und holt ein Notizbuch hervor. Kurze Zeit starrt er nur auf die Seiten, setzt mehrfach erfolglos zum Schreiben an und packt das Notizbuch dann unbenutzt wieder zurück. Die Schulkinder machen Ghettofäuste, winken sich noch kurz und gehen in Richtung Hofburg davon. Friedrichs Schultern beben kurz, als er tief Luft holt und dann weitergeht.

 

3. Szene

Das Wasser im Becken vor dem Karlsdom hat eine ungesunde Farbe. In das gelbliche Grün hält ein ungepflegter Herr seine ungewaschenen Füße. Friedrich N. nimmt nur unweit von ihm Platz und betrachtet ehrfürchtig die Türme des Doms, die vor ihm aufragen.

Ungepflegter Mann (nuschelt in seinen Bart):
San‘s nicht von da, oder?

Friedrich N. (zögert kurz mit einer Antwort):
Ja, nur zu Besuch. Von weit her.

Ungepflegter Mann (schaut auf):
Sieben Jahr‘ hat‘s gedauert damals. Die Große Pest. 1715 ham‘s dann mit dem Bau an’fangen. Drinnen wacht Borromäus. Soll die Stadt seit dem vor Seuchen bewahren.

Friedrich N.:
Sind noch oft Menschen drin?

Ungepflegter Mann (plätschert mit den Füßen im Wasser):
Ab und an. Was meinen‘s? Wär‘n‘s wieder sieben Jahr‘ ?

Friedrich N. (erhebt sich zum Gehen):
Vielleicht. Und wenn schon.

Ungepflegter Mann (winkt ab):
Na da sag‘n‘s was.

Friedrich N. wünscht kein Lebwohl und kickt im Weitergehen eine Plastikflasche in die nächsten Büsche. Am Laternenpfahl daneben klebt ein Plakat, das zum nächsten weltweiten Kilmastreik in einigen Wochen aufruft. Schulterzuckend läuft er auch daran vorbei.

 

4. Szene

An einer unscheinbaren Hausecke ist ein großes Schild zu lesen: Schilder-Maler. In der Ladentür steht ein älterer Herr und winkt Friedrich N. zu sich. Gerade in diesem Moment kommen vier Menschen aus dem Laden, vielleicht eine Familie, vielleicht Freunde, vielleicht beides. Sie nehmen ihren Atemschutz ab und gehen leise sprechend weiter.

Älterer Herr (lächelt freundlich):
Komm‘s doch auch herein.

Friedrich N. (schaut kurz wehmütig den Menschen hinterher):
Was haben die angeschaut?

Älterer Herr:
Dinge aus der Vergangenheit. Jetzt komm‘s scho rein.

Friedrich N.:
Ich kaufe nichts.

Älterer Herr:
So seh‘n‘s auch aus. Wir ham‘ eh nichts mehr zum Verkaufen. Uns braucht‘s nimmer mehr. Sind nur noch Erinnerungen. Unbezahlbar, sie wissen‘s scho.

Friedrich N. tritt an den älteren Herren heran, legt ihm rücksichtsvoll eine Hand auf die Schulter und betritt mit einem Lächeln den Laden.

 

5. Szene

Am Nachmittag steht das Luegerdenkmal im vollen Sonnenlicht. Auf der untersten Stufe des Sockels sitzt eine junge Frau und liest auf ihrem Handy. Dann steht sie auf und fotografiert die Statue. Friedrich N. steht etwas abseits und studiert eine Schrifttafel, auf der über den einstigen Bürgermeister berichtet wird. Das Handy der jungen Frau klingelt.

Junge Frau (spricht in rasender Geschwindigkeit):
Servus! Ne, ich hab da nix gephotoshopt. Die Graffitis sind echt. … Was? Kein Plan. Außer „Schande“ steht da nix weiter. Sieht aber krass aus, oder? … Ja. Aber hier in Wien? Hab‘s schon in meine Story gepackt. Bis dann mal, ciao!

Friedrich N. (ruft):
Antisemit! Er war Antisemit! Glühender Antisemit!

Junge Frau (geht bereits weiter):
Was? Ja. Whatever.

 

6. Szene

Im Botanischen Garten neben dem Schloss Belvedere finden einige Menschen unter den hohen Bäumen den ersehnten Schatten. Friedrich N. findet auf den vielen Bänken also keinen Platz für sich allein. Auf einer Bank, die zur Hälfte in der Sonne steht, sitzt ein älteres Ehepaar. Sie betrachtet hingebungsvoll die Pflanzen um sie herum, steht ab und zu auf, um einige der Schilder zu studieren. Er liest Zeitung und raucht, neben ihm auf der Bank ein kleiner, goldener Taschenaschenbecher und daneben ein Fotoapparat. Es riecht nach Apfel und Vanille.

Ältere Ehefrau (in der Hocke vor einem Rosenbusch):
Ja ja, tust scho gut daran, die Knippskiste liegen zu lassen. Das hier kann eh niemand festhalten. (sie riecht begierig an den Blumen)

Älterer Ehemann (reagiert mit einem zustimmenden Brummen)

Ältere Ehefrau (ohne den Blick zu ihm zu wenden):
Jetzt leg halt mal die Zeitung weg und komm her zu mir.

Älterer Ehemann (ohne aufzublicken):
Ja, Moment. Nur das hier noch kurz. (er liest laut vor)
„Wir müssen gestern handeln – Der Bundeskanzler glaubt, Technologie wird den Klimawandel rechtzeitig stoppen. Das darf bezweifelt werden.“

Ältere Frau (dreht sich endlich zu ihm, lächelt und klingt verschwörerisch):
Du, das gleiche hab ich vorhin an einer Wand gelesen, nur etwas direkter. „Furz lügt!“

Älterer Ehemann (tut erschrocken):
Werteste! Sie sollten sich unterstehen, so etwas vor Zeugen (er nickt in Richtung des wie gebannt zuhörenden Friedrich N.) laut zu sagen. (spricht noch etwas lauter) „Furz lügt!“ Also wirklich mal!

Friedrich N. (reagiert sofort und ohne Verlegenheit, und ebenfalls mit einem Lächeln, das jedoch mehr traurig als belustigt wirkt):
Ach, sie ham sicher recht: Noch ein Jahrhundert Zeitungen – und alle Worte stinken.

Das ältere Ehepaar nickt nach einem kurzen Blickwechsel synchron. Er faltet die Zeitung ordentlich zusammen, wirft sie in den nächsten Mistkübel und hockt sich neben seine Frau. Friedrich betrachtet dieses Bild noch eine Weile, scheint dann etwas neues zu riechen (Kaffeeduft) und spaziert dann weiter.

 

7. Szene

Kurz nach Sonnenuntergang hat sich eine größere Menge vor dem Volkstheater versammelt. „Outwitting the devil“, choreographiert vom legendären Akram Khan wird auf zahlreichen Plakaten angekündigt. Friedrich N. geht galant durch die Menge und schnappt im Stimmengewirr nur Fetzen auf. Er denkt an das Chaos und an tanzende Sterne.

Die Menge (durcheinander):

Noch ahn Wein bittschö! Ahn weißen bittschö!
Schon lange drauf gefreut.
Endlich.
Zum ersten Mal.
„Impulstanz“ ist das richtige Wort.
Ham‘s an 3-G Nachweis für mich?
Was die Tänzer wohl erzählen werden?
Uruk! Wiege der Menschheit.
Dekandenz. Zerfall. Schicksal.
Schuld, wer spricht denn von Schuld?
Teufelswerk!
Verflucht sind wir scho auch irgendwie.
Sollten den Fluch loswerden.
Aussichtslosigkeit.
Ja genau, aber wie tanzt man das?
Mag‘s noch jemand ahn Wein?
Wir müss‘n‘s dann auch mal rein.
Wir fliehen vor dem Chaos in den Tanz.
Schön hast‘s des g‘sagt.
Noch jemand an Waaaiin?

Friedrich N. setzt sich auf eine Stufe der Theatertreppe und kann seine Tränen kaum noch zurückhalten. Die Umstehenden ignorieren ihn etwas zu augenscheinlich. Nach einigen Augenblicken steht er auf, greift wie im Rausch nach seinem Notizbuch und schreibt für die nächste Stunde ohne Unterlass. Ganz ohne zu weinen.

 

8. Szene

Am nächsten Tag türmen sich gegen Mittag im Süden der Stadt schon große Gewitterwolken am Horizont auf. Im Laaerbergbad ist großer Andrang am Sprungturm. Friedrich N. ist nirgends zu sehen. Die unumstrittenen Stars dieser Szene sind eine strohblonde Grundschülerin und ein pechschwarzhaariger Teenager. Von der ersten Plattform, auf drei Metern, geht alles noch recht unspektakulär zu. Auf fünf Metern dann der erste Höhepunkt. Die strohblonde Grundschülerin braucht drei Anläufe, bis sie sich scheinbar zum ersten Mal aus dieser Höhe zu springen traut. Einige Minuten später holt sie sich unter erneutem Applaus eine weitere Portion Mut ab. Aus sieben Metern Höhe, dann das Finale. Offensichtlich auch zum ersten Mal überwindet sich der pechschwarzhaarige Junge mit breitem Lachen und einem lauten Dankesruf gen Himmel.

Pechschwarzhaariger Junge (kurz nach dem Absprung):
Allaahuuu Akbaar!

Am Beckenrand wird er von seinen Freunden gefeiert. Als nächstes ist die strohblonde Grundschülerin an der Reihe. Sie wartet noch, steigt die Stufen wieder hinab. Vielleicht, bestimmt sogar, beim nächsten Mal.

 

Zwischenspiel

In einer der Messehallen in Graz sind großformatige Fotografien zu bestaunen. Von der Sonne gegerbte Gesichter. Leuchtende Farben. Glühende Augen. In der Mitte der Halle das berühmte Foto von Sharbat Gula, dem „Afghanischen Mädchen“. Auf fünf mal drei Metern. Die Austellungsbesucher denken an den Hindukusch. An das Versprechen des Westens. Sie erinnern sich an die Hoffnung der Flüchtlinge nach dem Krieg. Sie denken an Masar-e Sharif. An Kundus. An die Taliban. Und alle denken heute an Kabul. Sie denken an das Versagen, an den sinnlosen Krieg. An den Rückfall in dunklere Zeiten. Die Besucher reden kaum. Nur abseits der Bilder flüstern zwei Kunstgeschichtsstudent*innen miteinander.

Kunstgeschichtsstudent*in 1:
Nur 3000 Euro für einen echten McCurry! Sogar noch vom Künstler live signiert! Was manche Menschen doch für ein Glück haben!

Kunstgeschichtsstudent*in 2:
Meinst Du, er nutzt das Geld nach heute anders?

Kunstgeschichtsstudent*in 1:
Na hoffentlich! Wenn (gehüstelt) der Markt das schon nicht geregelt kriegt, dann vielleicht ja der Kunstmarkt.

Kunstgeschichtsstudent*in 2:
„Die Kunst ist die freie überschüssige Kraft eines Volkes, die nicht im Existenzkampf vergeudet wird.“ (nach einer bedeutungsschwangeren Pause) … Frag lieber nicht.

Kunstgeschichtsstudent*in 1:
Bansky?

Kunstgeschichtsstudent*in 2:
Quatsch! Da sieht man mal wieder, dass du doch keine Ahnung von Kunst hast. Das ist natürlich von Malevich. Glaub ich.

Vor der Messehalle verschwindet Friedrich N. gerade hinter der nächsten Ecke. An der Wand, vor der er eben noch gestanden haben muss, ist in frisch aufgemalten roten Großbuchstaben zu lesen: „Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen. – Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit!“ Gleich daneben ist ein älteres Graffiti zu entdecken. Ein weinender Smiley.

 

9. Szene

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, ist gegen elf Uhr auf dem Wiener Naschmarkt noch verhältnismäßig wenig los. Die wenigen Besucher werden von den Verkäufern zu aufdringlich gefragt, warum sie denn auf dem Naschmarkt seien, wenn sie nicht naschen würden? Dabei halten sie kleine Häppchen Käse, Wurst, Obst oder Gemüse über ihre Theken. Hier scheint es alles zu geben. Spielzeug, Kleidung, Schmuck und Kitsch. Die Stände sind reich gefüllt. Die Waren aus allen Teilen der Welt. Das Essen in den Restaurants und Cafés international. Auf dem Markt gibt es weder Freund noch Feind. Nur Verkäufer und Kunden. Geschäfte kennen keine Grenzen.
Nur Bücher und Zeitungen sucht man vergebens. Auch an den Tischen ist außer den Speisen und Getränken nicht ein einziges Handy zu sehen. Niemand scrollt mehr. Denn alle wissen schon Bescheid.

Alle (gleichzeitig):
Kabul hat kapituliert.
Sie sagen: Der Krieg ist vorbei.
Sie sagen: Die Besatzer sind weg.
Sie haben recht.
Sie sagen: Wir suchen keine Rache.
Sie sagen: Wir haben uns geändert.
Sie lügen.
Alle lügen.
Wir waren nicht vorbereitet.
Wir haben das nicht kommen sehen.
Wir tun, was wir können.
Wir lügen.
Sie gehen inzwischen von Haus zu Haus.
Sie richten die Verräter.
Einen nach dem anderen.
Sie sprengen wieder Denkmäler.
Sie erschießen wieder Flüchtende.
Sie übermalen die Frauenportraits.
Auf den Straßen von Kabul.
Mit schwarzer Farbe.

Friedrich N. findet an den sich inzwischen füllenden Tischen keinen gefälligen Platz und irrt so noch einige Minuten weiter über den Naschmarkt, während die Menschen sich wieder ihrem Mittagessen zuwenden. Einige prosten sich zu.

 

10. Szene

Am Nachmittag ist die Abkühlung nach den Gewittern deutlich zu spüren. Die Menschen tragen Jacken oder Pullover. Vor der „Bilderbox“, laut Schaufenster ein Comicladen, der aber im hinteren Teil alles anbietet, was der moderne Graffitikünstler braucht, stehen zwei junge Männer in Hoodies.

Junger Mann 1 (vergräbt sein Gesicht noch weiter in seiner Kapuze):
Wie viele Farben brauchst du noch?

Junger Mann 2:
Noch einen halben Regenbogen. Den Rest hab ich schon im Rucksack. (er lehnt sich zurück, um anzudeuten, wie schwer dieser bereits ist)

Junger Mann 1:
Und was wird dein erstes großes? Was ernsthaftes?

Junger Mann 2:
Du willst dich nicht überraschen lassen?

Junger Mann 1:
Hallo? Wer steht denn hier bitte Schmiere?

Junger Mann 2 (nach einer kurzen Pause):
Ok. Na gut. Im Hintergrund die Silhouette vom Wiener Wald. Aber in Flammen stehend. Davor der Wiener Prater, bei Nacht. Bunt und voll wie in seinen besten Tagen. Und dann, quer über das alles, einfarbig und schlicht, in großen hektischen Buchstaben: The writing is on the wall.

Junger Mann 1:
Deep! Aber sag mal, wie lange nochmal, hast du gesagt, soll ich dafür Schmiere stehen?

Junger Mann 2:
Lange.

Die beiden wollen den Laden betreten, als Friedrich N. von innen die Tür öffnet und mit einem dicken Comicband unter dem Arm an ihnen vorbei geht. Einige Meter weiter findet er eine freie Bank und beginnt sofort zu lesen. Auf dem Cover des Bandes sind die drei Hauptfiguren aus „The Matrix“ zu erkennen. Nach wenigen Seiten schlägt er das Buch wieder zu und legt es neben sich, um erneut nach seinem Notizblock zu suchen. Als ob er endlich, zum wiederholten und immer sich wiederholenden ersten Mal etwas verstanden hätte, beginnt er wiede zu schreiben, und hört bis zum Abend nicht auf.

 

11. Szene

An der Haltestelle vor dem Burgkino stehen Rettungswagen und Polizei. Möglicherweise ein Unfall. Die Lage scheint unklar, aber ungefährlich. Es regnet. Unter dem Vordach auf der anderen Straßenseite stehen drei junge Menschen, komplett in Second Hand gekleidet, die Haare praktisch frisiert, zwei tragen dünne Brillengläser in blitzenden Metallgestellen. Sie nippen an ihren Mateflaschen. Über ihnen ist der Titel des Films zu lesen, den sie gerade gesehen haben. „Nomadland“. Im Englischen Original. Ohne Untertitel. Den Blaulichtern vor ihnen scheinen sie keine Beachtung zu schenken. Dicht neben ihnen, im Regen und ohne Schirm, steht Friedrich N.

Junger Mensch 1:
Und? Wär das was für euch? So komplett auszusteigen?

Junger Mensch 2:
Und mit Menschen nur zusammen zu sein, wenn man wirklich bereit dazu ist?

Junger Mensch 3:
Bestimmt. Aber erst später. Wenn wir alt sind. Und von der Welt endlich enttäuscht genug.

Friedrich N. räuspert sich hörbar. Die jungen Menschen lächeln entschuldigend. Er geht grußlos an ihnen vorbei, bleibt kurz stehen, ist dabei sich umzuwenden, überlegt es sich aber noch anders und geht in die Nacht davon.

 

12. Szene

Am nächsten Morgen hat sich vor dem Stephansdom eine längere Schlange gebildet. Fast alle Menschen tragen einen Atemschutz, die, die es nicht tun, versuchen Abstand zu den anderen zu halten. Am Eingang steht ein großes Schild, das darauf hinweist, dass innerhalb der Kirche heute von zehn bis fünfzehn Uhr geimpft werde. Friedrich N. steht wie immer abseits. Er hat nur noch Interesse. Er wähnt sich längst jenseits von gut und böse.

Fast alle Menschen (in monotonem Klang):
Hier gibt es Hoffnung.
Für jeden nur eine kleine Dosis.
Woanders gibt es keine.
Woanders stirbt man noch gemeinsam.
Hier nur noch alleine.

Und Friedrich N. weint immer noch nicht.

 

13. Szene

Am vielleicht mal wieder letzten Abend der Menschheit ist der Wiener Prater für einen Dienstag im Sommer leidlich gut gefüllt. Jenseits des Eingangstores trägt niemand einen Atemschutz mehr. Es ist genug Platz. Vor einer Achterbahn steht ein unentschlossenes Paar ins Gespräch vertieft. Ihr Name ist Lulu. Sein Name ist bekannt. Ein Schausteller tritt auf die beiden zu.

Schausteller:
Na ihr beiden? Was is nu mit euch? Wollt ihr noch, oder nich?

Lulu (reißt sich sichtlich gerade noch so zusammen):
Friedrich, jetzt heul doch bitte endlich leiser! Was soll‘s denn noch alles? Ist doch alles gut hier. Die meisten machen’s doch noch so gut sie können. Wieso denn schon wieder aufgeben? Willst du denn den Rest Deines Lebens in Schwermut verbringen?

Friedrich N. (schluchzt herzzerreißend)

Lulu:
Die letzten Tage der Menschheit waren doch schon immer die schwersten. Der Traum ist aus! Ja ja. Na und? Deswegen können wir doch immer noch alles geben, damit er Wirklichkeit wird. Um den Mut zu verlieren, ist es noch viel zu früh.

Friedrich N. (wischt sich die Tränen von den Wangen und lässt sich von Lulu an die Hand nehmen)

Schausteller (in bester Rummelmanier):
Na also! Auf geht‘s! Letzte Fahrt! Letzte Fahrt für heute! Steigen‘s noch ein, bevor‘s zu spät is‘!

Ende

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