Bild: Closing The Gap. Kapelle der Versöhnung, April 2026.
Am Samstagnachmittag saß der Brillenträger nach einer seit so langer Zeit mal nicht grundlos schlaflosen Nacht weniger erschöpft als glücklich am Schreibtisch und versuchte, die Ereignisse der letzten Woche so gut es ging zu ordnen: Gruppenfahrt nach Berlin. Mit dem ersten Jahrgang der „Gen Alpha“. Den gestrigen Freitagabend dabei die ganze Zeit vor den immer müder werdenden Augen. Ein Elder Millenial am nächsten Umsteigebahnhof.
Die Räder der Bahn quietschten noch in den wenigen Weichen am Wannsee, die ganze Fahrt über hatte es heftig geregnet, aber als sie den Grunewald durchquert hatten, riss die Wolkendecke über der Hauptstadt auf, und die Sonne beschien den Bahnsteig am Alexanderplatz durch die großen Fenster der Durchgangsbahnofshalle. Mit beinahe vorsichtigen Schritten betraten die Alphas das erste Mal gemeinsam Berliner Beton.
Den Spiegel, den er sich in Magdeburg noch gekauft hatte, ließ er im Mülleimer der Bahn zurück. Zum Einen, weil der seitenlange Artikel über KI in der Schule erstaunlich unkritisch war, und zum Anderen, weil er zu viel von der verschütteten Fanta abbekommen hatte. Seine Kamera hatte es ebenfalls erwischt und so verbrachte der Brillenträger die erste Pause ihrer Fahrt damit, Ersatz zu besorgen.
Als sie dann am späteren Nachmittag ihre Zimmer in der Jugendherberge am Wannsee unerwartet reibungslos bezogen hatten und sich für den ersten Stadtstreifzug versammelten, waren auch die letzten Wolken verschwunden und sie schlenderten in losen Grüppchen bis zum S-Bahnhof Nikolassee. Bis zum Görlitzer Bahnhof mussten sie zwei Mal umsteigen. Dort erwarteten sie dann die ersten leichten Berlinschocks, eine quer über die Straße fliegende Flasche mit Chilisoße, zum Beispiel; Herzlichst Willkommen in Kreuzberg.
Den Weg bis zur Oberbaumbrücke hatte er anscheinend gut und oft genug erklärt, die Alphas kamen von selbst an der East Side Gallery an als die Sonne sich gerade anschickte, die Glasfassaden gegenüber zu entzünden. Schnell stellte er fest, dass die vielen anderen Alphas, die hier genauso an der Geschichte von Eltern und Großeltern vorbeischlurften, einander immer mehr glichen: die gleichen Klamotten, die gleichen Frisuren, das gleiche Make-up, die gleichen Schuhe, und alle die gleichen Schwarzen Spiegel in den Händen. Alle auf der Suche nach dem letzten Abendrot.
Der Dienstag begann unter dem gleichen blauen Himmel, die Brise am Wannsee ließ sich von der Sonne aufwärmen. Die erste Nacht in viel zu schmalen Berliner Betten hatten alle gut überstanden, zum Frühstück fehlte niemand. Kolleg*innen begutachteten andere Kolleg*innen, über ein Nicken ging es nie hinaus, hier urteilte niemand nicht im Geheimen. Bevor sie ein zweites Mal in die Stadt aufbrauchen, überflog der Brillenträger die Nachrichten: Amnesty International gab bekannt: Die USA greifen „systematisch“ die Menschenrechte an. Der Kalte Krieg war seit siebenunddreißig Jahren vorbei.
Das Interesse der Alphas an der Bernauer Straße glich sich dem ihrer unzähligen Peers an: Die Schwarzen Spiegel waren noch spannender. Trotzdem brannten kurz vor dem täglichen Gedenken in der Kapelle der Versöhnung ein paar neue Kerzen.
Nach dem zwanzigsten Massenum- und -aussteigen wurde dem Brillenträger von einem der Alphas vorgeschlagen, sich doch ein Schild umzuhängen, auf dem die Antwort auf die immer gleichen Fragen, Wo müssen wir raus?, Wo steigen wir um?, Bis wohin fahren wir?, Wie weit noch?, Und dann?, Und dann?, Und dann?, Was gibt es da zu essen?, immer wieder beantwortet werden konnten, damit seine Stimmbänder nicht an zu einseitiger Belastung verenden würden, suchten sich die Alphas ihre eigenen Wege, Hauptsache weg vom Tränenpalast. Wie groß die Generationenlücke wirklich war, erfuhr er am Mittag über seinen eigenen Schwarzen Spiegel: Als er gerade im jahrelangen Chat mit dem anderen Brillenträger nach dem Namen des Autors von „Lazar“ suchen wollte, las er in knappen Worten, dass dessen Mutter verstorben war. Was für ein Scheiß Frühling! Anders als mit stillem Gedenken im Schneidersitz vor dem Dussmann konnte er nicht Anteilnehmen.
Während der obligatorischen Foto-Pause am Brandenburger Tor vermissten die Alphas ihre kürzlich eingezogenen Schwarzen Spiegel nur kurz, auch wenn sogar der Brillenträger darüber nachdachte, den heutigen Sänger dort zu filmen, sein Mitleid beherrschte ihn jedoch.
Zwischen den Stehlen des Mahnmals verloren sich die Alphas in den Erinnerungen der älteren Generation, fanden aber genauso schnell zu sich zurück, bevor sie gemeinsam an Bundestag und Kanzleramt vorbeimarschierten; den Gleichschritt unbewusst vermieden.
Das junge Grün der Bäume im Grunewald ließ noch genug Sonnenstrahlen hindurch, damit sie ihren Weg auf den Teufelsberg ohne weiteres und ohne ihre Schwarzen Spiegel fanden. Der Brillenträger wurde nur von einer geschlossenen Kaffebude enttäuscht und musste sich mit Coca Cola begnügen, bevor die Alphas wieder voll ausgerüstet und bei kostenlosem W-Lan auf Bilderjagd gehen konnten; im Osten war der Himmel immer noch blau. Und der einzige verlorene Geldbeutel ließ sich dann auch noch wieder finden, für Mittelgebirgsprovinzler war der „Goonewald“ ein überschaubarer Spaziergang.
Der Wannsee glitzerte am nächsten Morgen auf beiden Seiten der Glienicker Brücke und trotz des frischen Windes lagen alle Boote noch am Steg; Mittwoch in der Berliner Vorstadt. Im letzten Zipfel von Potsdam hatte ebenfalls, außer des Aldis, noch alles geschlossen. Der Brillenträger kletterte mit den Alphas über Zäune, winkte kopfschüttelnden Radfahrern hinterher, wunderte sich über „hupende“ Hundeträger an der Promande, und gemeinsam lungerten sie an Bushaltestellen rum; zählten drei Porsches in fünf Minuten. Sogar der Brillenträger las vor lauter Langeweile Nachrichten: US-Kriegsminister Pete Hegseth und Donald Trump Jr. wetten an der Börse auf den Krieg, der Frisurensohn verlängert die Waffenruhe einseitig, weil niemand mit ihm verhandeln will. Zurück auf der anderen Seite der Brücke verfolgen ihre Blicke die jungen Tauben, die im Bahnhof Wannsee ihre Manöver üben.
Bei wieder frischerem Wind brauchte der Brillenträger eine Weile, bis er erkannt hatte, dass die lange Rezitation am Sowjetischen Ehrenmal nicht auf Russisch gehalten wurde. Vor bald vierzig Studentinnen deklamierte ein bald in Rente gehender Kollege auf Italienisch. Vielleicht sogar aus einer kommunistischen Schrift. Für einige der Alphas war aber viel erstaunlicher, dass es so etwas wie hier im Treptower Park überhaupt in Deutschland geben konnte, und der Brillenträger fragte sich, ob er diese Verwunderung nicht auch gut fand.
„Teledisco“ stand auf der aufgemöbelten Telefonzelle aus den Neunzigern, die vor dem Cinemaxx am Potsdamer Platz einsam auf Besucher wartete. Als sich die Tür von innen öffnete, fielen ein paar Alphas lachend aus dem Disconebel. Andere saßen nach „Jackson“, „Super Mario Galaxy“ und „The Drama“ sichtlich verstört/bewegt/ausgelassen/beigeistert daneben oder kamen gerade von ihrem kurzzeitigen Leben als Mall of Berlin-Rats zurück. Und alle hatten schon wieder Hunger, das gemeisame Abendessen blubberte schon in den indischen Töpfen auf der anderen Seite des Platzes.
Die Pünktlichkeit zum Frühstück hatte ihre ersten Risse bekommen, aber die „Aufgabe der Woche“ hatten die meisten schon auf ihren Schwarzen Spiegeln überflogen, bevor der Brillenträger den Plan für den bereits letzten Tag in Berlin noch einmal erklärte: Sonne und Beton, nur eben in der unverdichteten Wirklichkeit.
Doch vorher stärkten sie sich noch bei vermeintlicher Hochkultur. Denn mindestens genauso beeindruckend wie die immer wieder wirkenden Landschaftsmalereien der deutschen Romantik waren die schweren Goldrahmen, die an den Wänden der Alten Nationalgalerie hingen. Sogar der groß angekündigte „Skandal“ fand die Aufmerksamkeit der vermeintlichen Kulturbanausen: Offene Patriarchatskritik im späten deutschen Kaiserreich, und damals wie heute eine sehr moderne Art, daraus auch noch Kapital zu schlagen; Eintritt frei für alle unter 18.
Auf dem Weg nach Marzahn erreichte sie der neueste Kriminalfall. Direkt aus der weit weggerückten Provinz: Banküberfall im Weltkulturerbe! Automat gesprengt, Täter auf der Flucht, ergebnisloser Hubschraubereinsatz. Die anderen schickten, bevor sie an den Gropiuspassagen ausstiegen, noch letzte Grüße: „Keine Sorge, wir haben Julius dabei, der hat Schreckschuss. ;)“
Als er dann kurz darauf durch die frisch sanierten Platten spazierte, erwischte sich der Brillenträger dabei, wie er sich fragte, was wohl so zwei Wohnungen hier wohl so kosten würden, zur Miete natürlich, gerne auch noch ein paar Jahre Penthouse, im 22. Stock, die Balkone waren groß genug und der Beton strahlte so brutal schön in der Sonne.
Nur die Sakura-Blüten im Japanischen Garten waren schon verblüht. Also hatte er genug Zeit, um die 300 Stufen auf den Wolkenhain zu klettern: Ost-Berlin, 360°,und so weit wie der Blick seiner müden Augen noch reichte.
Der letzte Abend endete wie alle letzten Abende auf Gruppenfahrten enden: Geschlossene Zimmertüren, Füße in einem See, das DFB-Pokal Halbfinale auf Schwarzen Spiegeln, Discomusik, Cola und Billard im Partykeller einer Jugendherberge. Die Sonne hatte schon lange Abschied von ihnen genommen als der Brillenträger zum letzten Mal seine Augen in der Großstadt schloss.
Denn am letzten Morgen war das Berliner Grau zurückgekehrt, und das Frühstück machte auch wieder mehr Appetit auf Zuhause. Die eingeplanten Zeitpuffer erwiesen sich als nützlich, sie erreichten ihre Bahn pünktlich, sogar ein letzter Sprint zurück war noch drin; keine Gruppenfahrt, wenn nicht ganz zum Schluss doch noch jemand etwas hat liegen lassen, Elder Millenials nicht ausgenommen. Was wirklich mit „Hoher Auslastung“ gemeint war, standen die meisten von ihnen dann auch noch durch, Rückenschmerzen altersangemessen.
Aber wie müde auch immer seine Augen von all den Eindrücken der Woche gestern dann waren, daran dachte der Brillenträger schon nach wenigen Stunden zu Hause nicht mehr; fast zu schön strahlen Augen, wenn sie kurz davor sind, sich über einem Lächeln nur halb zu schließen. Und Herzen heilen vielleicht doch nur richtig von alleine, oder, Berlin?!
„If I smile and don’t believe,
soon I know I’ll wake from this dream.
Don’t try to fix me,
I’m not broken.“
(Evanescence: Hello. 2003)

EIN HERZ KANN MAN NICHT REPARIEREN.
Danke, Berlin! 🙂