Bild: Ragow, Landkreis Dahme Spreewald, Frühling.
Here Comes The Fuckening!
Aus dem Tagebuch eines Elder Millenials (4)
mittwoch, 15. april 2026:
– 14 uhr:
fazit nach dem ersten check up
meiner zweiten lebenshälfte
(der sich als zweite musterung entpuppt):
alles bestens,
hätte mein arzt nicht gewusst,
dass ich rauche,
meine lunge hätte mich nicht verraten
– 16 uhr:
nachricht vom tod meines vaters über insta-dm,
lungenkrebs,
wie leise schocks doch klingen können,
noch nie so wirklich darüber nachgedacht,
was da jetzt alles draus folgt,
und das auch noch
bei maximaler workload
in den nächsten sechs, sieben Wochen …
Rest In Power,
Manfred Kurt Schück
(geboren am 11. Juli 1942 in Berlin-Neukölln
gestorben am 15. April 2026 in Treuenbrietzen)
So,
und mit diesem Brutalsteinstieg
finden #DieDoppeltenZwanziger
also
zum heiligen Sonntag zurück.
Dass „einer dieser Tage“ in Sniper’s Alley
aber auch genauso gut
andersrum verlaufen kann,
hat dann der folgende
postwendend bewiesen,
aber, sorry, not sorry,
beide Tage
bleiben hiernach
auf meiner Seite des Spiegels.
Denn der derzeit viel beschworene #Vibeshift,
also ein angeblicher „neuer“ Zeitgeist,
scheint mit dem Frühling gemeinsam
zumindest auch
einige viel versprechende
„neue“ Blüten zu treiben.
Auf Deutschland trifft das mal wieder
auf weniger schöne Weise zu,
aber, hey,
Berlin ist zum Glück
nicht der Nabel der Welt.
Und in Barcelona
soll der April ja sowieso
am schönsten sein.
Da haben sich an diesem Wochenende
nämlich ausnahmsweise mal die Guten getroffen.
Pedro Sanchez (Spanien)
und Luiz Inacio Lula da Silva (Brasilien)
versammeln die Köpfe der Neuen Internationalen
und wagen den Versuch,
wenigstens eine multilaterale Welt
noch irgendwie zu retten.
Cyril Ramaphosa (Südafrika)
und Claudia Sheinbaum (Mexiko)
waren ebenfalls in Katalonien.
Und dabei hat der Europäische Frühling
doch auch gerade erst
seine letzte Wunderblume hervorgebracht:
Victor Orban hat nicht mal
bis zum offiziellen Endergebnis gewartet,
bevor er Peter Magyar (Tisza)
zu dessen 2/3-Mehrheit(!) gratuliert.
Ob „Wir haben Ungarn befreit“ (Maygar)
wirklich stimmt,
und was jetzt eigentlich aus den Visegrad-Staaten wird
(wer wird Putins nächstes U-Boot in der EU?),
bleibt noch offen.
Immerhin war eine der ersten Ankündigungen
diese hier:
„The Hungarian government
will no longer use taxpayer money
to fund CPAC or related institutions
(also Trumpismus),
calling the prior practice a crime.“
Und ja,
auch in Berlin
blühen gerade die Kirschbäume.
Das war’s dann aber auch schon wieder
mit Aufbruchstimmung:
Die Koalition streitet über das Krisenmanagement,
wobei sich Finanzministerin Reiche
sogar beim Kanzler unbeliebt macht.
Wer sich seine Gesetzestexte
aber von der Fossillobby schreiben lässt,
braucht sich über solche Gewitter
nicht mehr wundern.
Und während die Lufthansa
(auch angesichts des drohenden Kerosinengpass’)
die ganze Werkwoche streikt,
wird die Mineralölsteuer
um 17 Cent pro Liter gesenkt
(zunächst für zwei Monate),
bezahlt u.a. durch eine vorzeitige Erhöhung der Tabaksteuer;
was immerhin nicht ganz unlogisch ist.
Absolut logisch (Kriegslogik)
ist dann jedoch das Treffen
zwischen Merz und Selenskyj
in Berlin,
natürlich an einem Dienstag,
bei dem der deutsche Kanzler betont,
dass Deutschland seit dem Jahr 2026
zum „wichtigsten bilateralen Partner der Ukraine“ geworden sei.
Er spricht offen davon,
dass der ukrainische Präsident wisse,
„dass wir auch wirtschaftliche Interessen haben“.
Die Bundesregierung hofft,
dass Gelder, die die Ukraine über (Kriegs-)Kredite bekommt,
auch in der deutschen (Kriegs-)Industrie investiert werden.
Präsident Selenskyj unterstreicht daher seinerseits:
„Wir müssen alles dafür tun,
dass hier in Europa
die (Kriegs-)Sachen produziert werden können,
die für unsere Verteidigung wichtig sind.
Wir brauchen hier eine technologische Basis,
um die Sicherheit aller Staaten in Europa,
die Verteidigung ihres Lebens,
absichern zu können“.
Merz spricht daraufhin
vom Ziel eines EU-Beitritts der Ukraine,
räumt aber sogleich ein,
dass beiden Seiten klar sei,
dass das nicht kurzfristig gehe,
aber: „Am Ende
muss eine feste Einbindung der Ukraine
in die Europäische Union stehen.
Die Ukraine,
auch(!) die Menschen in der Ukraine
sollen wissen,
ihre Zukunft liegt,
wenn sie es wollen,
in Europa.“
Deutsche Symbolpolitik
since 2022.
Ergänzungen von Martin Sonneborn:
„Zeitgleich mit den USA
stellt sie (Ursula von der Leyen)
die EU auf Kriegsproduktion um,
damit es dann 2030 richtig losgehen kann:
Iran-Front,
Iwan-Front,
Taiwan-Front,
am besten alles gleichzeitig.
Von nun an trifft sie sich,
ohne dass SIE DA DRAUSSEN widersprächen,
schwerpunktmäßig mit Militär-Honks;
mit NATOs,
SACEUR,
den (heimlichen) Freunden der Wehrmacht
und Vertretern sonstiger BUMMS-Vereine.
Und plant nun in der Hauptsache
die Produktion von KRIEGSZEUGS,
die Finanzierung von KRIEGSZEUGS,
die Bereitstellung & Verteilung von KRIEGSZEUGS,
die Logistik für KRIEGSZEUGS,
die „Humanressourcen“ für KRIEGSZEUGS,
die Verschuldung für KRIEGSZEUGS
und das mediale Rechtfertigungsblabla,
warum es ohne all das KRIEGSZEUGS
auf gar keinen Fall mehr gehe.
Und zwar ohne
dass SIE DA DRAUSSEN widersprächen.
Was sie nicht plant,
das sind die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen
ihrer Planung (Krieg 2030), egal.
Die sozialen & asozialen Folgen,
der negative Glückshaushalt der europäischen Gesellschaften,
die Anzahl Überlebender,
scheiß drauf,
Pazifistenpisser.“
Kriegsprotokoll. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 211.
Die Osterwaffenruhe ist vorbei. Montag: Nichts Neues. Dienstag: Grüße von Wolfgang Borchert: Deutschland und die Ukraine unterzeichnen einen massiven Drohnendeal bei den ersten Regierungskonsultationen seit mehr als 20 Jahren. Mittwoch: Am Abend werden die russischen Raketenangriffe fortgesetzt… Donnerstag: …dabei werden mindestens 18 Menschen getötet (u.a. in Kiew). Ukrainische Drohnen schlagen im Süden Russlands ein. Freitag: Mal wieder Nichts Neues. Samstag: In Kiew erschießt ein Geiselnehmer sechs Menschen. Sonntag: Weiter Nichts Neues.
Und damit zu Timmy.
Der Wal nimmt sich Zeit zu sterben.
Von den meisten
schon vor einer Woche für tot erklärt,
läuft im Moment
die dann aber wirklich letzte Rettungsaktion,
im Liveticker der Tagesschau.
Das MS „Robin Hood“
zerrt nochmal am lebenden Kadaver.
Mehr als zynische Witze
fallen auch dem ZMR dazu nicht mehr ein:
„Kleine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion:
Wie ist Timmys Nachname?“
Zu den Faschos aber erst später mehr,
genauso wie zum restlichen
Dunkelfeld der deutschen Provinz;
Berlin ist und bleibt
ein zu groß geratenes Dorf
in Brandenburg.
Neuer Zeitgeist hin oder her,
noch
regiert halt
der alte:
Die ersten Verhandlungen im Dritten Golfkrieg
scheitern erwartungsgemäß,
beziehungsweise weil
J.D. Vance persönlich mit in Islamabad ist,
und damit jetzt also unwiderruflich mit drin steckt.
Der Frisurensohn selbst war verhindert,
die Karten für das UFC-Event hatte er schon länger.
Und als ob er persönlich
so dolle auf die Fresse gekriegt hätte,
dass die Ärzte
von einer chronischen Gehirnerschütterung sprechen müssten,
kündigt er am folgenden Morgen
die Blockade der Straße von Hormuz an.
Genau,
die USA blockieren jetzt ebenfalls.
Sowas kann sich nur Chef-Nahost-Diplomat
und Trumps Schwiegergesicht, Jared Kushner,
ausdenken,
denn seitdem der im Nahen Osten mitmischt, … ,
na ja, seht Ihr selbst.
Immerhin bieten sich einige Nationen an,
bei der Minenräumung
vielleicht mithelfen zu können.
Israel ballert dessen ungeachtet
weiter hart im Libanon.
In den USA wechselt jetzt sogar
das oberste Register des MAGA-Kanons
in eine andere Tonlage;
Blasphemie ist anscheinend
das letzte Tabu.
Tucker Carlson stellt also
endlich mal die richtigen Fragen,
wenn auch auf seine unlustige Art:
„Is Trump a slave to Bibi?“
Trump lenkt von seinem own private war on religion
also wieder mit Krieg ab und warnt den Iran
„that any ‚fast-attack‘ ships
that interfere with blockade
will be ‚eliminated‘.“
Und dann das:
Push-Nachricht vom Guardian:
„Trump deletes
post with him as Jesus.“
Trump macht was?
Er löscht einen kontroversen Post?
Er setzt nicht einfach noch einen drauf?
Oha.
Da müssen aber schon
ein paar „Christen“ zu viel
sauer sein im Moment.
Oder
die haben die gleichen mystischen Eingebungen
wie Bernhard Torsch:
„Ich bin mir nicht sicher,
ob es Trump und seinem Social Media-Team bewusst ist,
aber in dem KI-Bildchen,
das der Trump-Account gestern auf Truth Social postete,
scheint er mir nicht Jesus darzustellen,
sondern dessen endzeitliches Zerrbild,
den Antichrist.
Es ist schon ein paar Jahrhunderte her,
seit ich die Apokalypse des Johannes gelesen habe,
aber da war doch was mit einem Kerl,
der als Messias auftreten wird,
in Wahrheit aber das Tier ist,
und der vier apokalyptische Gestalten im Schlepptau hat,
während die Welt in Krieg und Chaos versinkt.
Genau das sieht man
bei genauer Betrachtung
in dem Bild.
Ich glaube natürlich nicht an den Antichrist,
aber frage mich,
ob es Trump vielleicht tut
und sich einbildet,
er wäre dieser.
Das wäre sehr unschön,
denn gefährlicher noch
als der Gotteskomplex
ist der Satanskomplex.“
Trump erklärt da aber bereits,
er dachte, das Bild würde ihn als einen „Doktor“ zeigen.
Okay.
Am Dienstag beginnt die US-Blockade dann tatsächlich.
Der erste chinesische Tanker
fährt aber schonmal direkt ungehindert durch.
Der Bericht von Human Rights Watch,
der den Einsatz von Weissem Phosphor
über einem Wohngebiet im Libanon
(3. März und 16. März) verifiziert,
schafft es kaum in irgendwelche Schlagzeilen,
denn die Welt schaut gebannt
auf die Meerenge am Persischen Golf:
„In the first 24 hours since the operation began,
at least seven ships have made it through
including four tankers linked to Iran.“
Also schnell wieder wegspiegeln:
Nach den verbalen Angriffen von Donald Trump
gegen Papst Leo XIV.
teilt der US-Präsident als nächstes
gegen Giorgia Meloni aus:
„Sie ist es, die inakzeptabel ist,
weil es ihr egal ist,
ob Iran eine Atomwaffe hat
und Italien in zwei Minuten in die Luft sprengen würde,
wenn er die Möglichkeit dazu hätte“,
sagt Trump der Corriere della Sera.
Klappt aber auch nicht wirklich.
Also noch mehr Grausamkeit
für noch mehr Spiegel:
1.900 Kinder.
Ohne Eltern.
Ohne Vormund.
Untergebracht bei katholischen Nonnen und Priestern in Miami,
seit die ersten kubanischen Flüchtlinge an Floridas Küste kamen.
Sechzig Jahre.
Ein Programm, älter als der Vietnamkrieg.
Diese Woche hat Trump
ihnen den Stecker gezogen.
Elf Millionen Dollar.
Weg. In drei Monaten ist Schluss.
Derweil nennt der israelische Kollege von Katharina Reiche,
Bezalel Smotrich, den deutschen Kanzler „Nazi“.
Weil der nämlich zur Zurückhaltung im Libanon aufruft,
was natürlich ein lupenreiner Nazimove ist
für den obersten Kapitalexperten von Israel;
wer von Kapitalismus redet,
sollte von Nazis schweigen;
außer er hat selber welche
in der Ahnenreihe
(auch dazu später noch mehr,
denn irgendwo ist es immer 15.15 Uhr).
Die USA ziehen erstmal noch weiter an:
Tausende weitere Soldaten werden ins Kriegsgebiet verlegt;
es gibt reichlich Orden und Posten zu verdienen.
Findet auch der Senat
und stimmt mit 52 zu 47
gegen die Forderung,
der Präsident brauche die Zustimmung der Kongressabgeordnet*innen,
um den Iran weiterhin anzugreifen.
Klar, dass er am nächsten Tag
das nächste Jesus-Meme raushaut,
dieses Mal lässt er sich darauf
aber nur von Jesus
eine Hand auf die Schulter legen,
was die andere Hand macht,
verschwindet am unteren Bildrand,
wohin beide, Jesus und Trump,
so fast ein bisschen entrückt schauen.
Am Donnerstag passieren dann diese Dinge gleichzeitig,
und vielleicht kommt Ihr inzwischen selber dahinter,
womit hier warum von was abgelenkt wird:
– Israel und der Libanon wollen sich
auf eine 10-tägige Waffenruhe einigen
(one knows the outcome).
– Stephen Miller sagt live im Fernsehen
auffällig nur fast
„Final solution.“
– Pete Hegseth zitiert den Killervers aus „Pulp Fiction“,
um seinen Krieg zu begründen,
anscheinend hat er eine persönliche Rechnung
mit Tarantinos „Metakino“ offen.
Für J.D. Vance läuft es ebenfalls blendend:
Auf einem Turning Point USA Event
sagt er vor gefühlt drei Leuten:
Der Papst sollte vorsichtig sein,
wenn es um Theologie geht.
Kein großes Wunder,
dass mindestens ein Katholik
sofort auch gegen den Vizepräsidenten
ein Amtsenthebungsverfahren eröffnet.
Und als am Freitag bekannt wird,
dass die globalen Kerosin-Vorräte
nicht mal mehr bis zum Sommer reichen könnten,
verbieten die USA
israelische Bomben
auf den Libanon,
einfach so.
Und der Iran
gibt die Straße von Hormuz
beinahe umgehend wieder frei,
einfach so.
Die Ölpreise „stürzen ab“
als ob jemand darauf gewettet hätte,
ganz einfach so.
Weil aber die USA
die Blockade ihrerseits
nicht aufheben wollen,
will der Iran
am Freitag bereits
ebenfalls wieder blockieren,
woraufhin Trump mit dem Ende der Waffenruhe droht,
der Iran die Straße von Hormuz gestern wieder schließt,
die also jetzt
das erste mal überhaupt
komplett dicht ist
(2 Blockaden).
Und wieviel Angst
Trump vor einem Ende des Iran-Kriegs hat,
weil er weiß, was dann wieder auf ihn wartet,
das unterstreicht nur noch
auf wirklich todespeinliche Art und Weise,
der womöglich nahende Rausschmiss
seines obersten Strafverfolgungsverhinderer,
FBI-Chef Kash Patel.
Denn so „hammered“ bis zur Bewusstlosigkeit
wie der sich momentan in seinem Büro einschließt,
so nüchtern dürfte sein Nachfolger
mit den Epstein-Files umgehen.
Und deswegen heute
Trumps Wort zum Sonntag:
„No more mister nice guy!“
Zu mehr Selbstironie
ist er einfach nicht in der Lage.
So weit, so Dritter Weltkrieg.
Kommen wir also
zum Basketball, ne?
Immerhin haben die Playoffs gestern begonnen,
und die Lakers (ohne Luka und Austin)
haben ihr erstes Spiel
gegen die Rockets (ohne KD)
meisterhaft gewonnen.
Und zwar wegen LeBron James, 41.
Nächster Lakers-Rekord:
Die meisten Assists in einem Viertel (8).
Dazu nur noch eine erhellende Zahlenkombination,
falls immer noch jemand GOAT-Argumente braucht:
„LeBron James has recorded
more assists in 23 seasons
than the combined total
of Michael Jordan
and Kobe Bryant
over 35 seasons.“
Krass.
Und damit dann
zurück nach Deutschland,
was eben auch heißt,
zurück zu den Faschos,
auch für die ist nun mal Frühling,
auch wenn ihnen der Herbst
bekanntlich wesensverwandter ist.
Aber nix da Berlin,
so weit sind die noch nicht.
Denn nicht mal in Schwerin
kriegen sie einen Stiefel in die Tür:
Die Brandmauer steht stabil.
In einer größeren Stadt
in Mecklenburg-Vorpommern.
Hier in Sachsen-Anhalt aber
reden schon wieder viel zu viele
über das „Regierungsprogramm“
vom Heilmund und den seine Sippe.
Zumindest halten die Kirchen sich noch nicht wieder raus:
Die katholische und die evangelische
sehen im „AfD-Wahlprogramm“
einen Angriff auf die offene Gesellschaft
und auf den sozialen Frieden.
Und ausgerechnet in Buchenwald
wird zum diesjährigen Gedenktag
mal nicht über die AfD geredet,
sondern über die echte Geschichte.
Hape Kerkelings Rede
ist so verdammt richtig und gut,
dass sie nur im Wortlaut
in dieser Chronik erscheinen kann.
Wenn es einen Schlussstrich geben könnte,
dann diesen:
Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Überlebende,
wenn ich heute durch das Tor von Buchenwald gehe, dann tue ich das nicht als öffentliche Person, sondern als Enkel eines Überlebenden. Ich gehe den Weg, den mein Großvater, Hermann Kerkeling, ab dem 2. Juli 1942 gehen musste. Er war kein Mann der großen Worte, aber ein Mann der Tat. Ein Zimmermann aus Recklinghausen, der zupacken konnte, der Strukturen schuf, der mit seinen Händen arbeitete. Er war ein Mensch, der schlichtweg nicht bereit war, wegzusehen, als die Dunkelheit über Deutschland hereinbrach.
Doch am 2. Juli 1942 wurde er zur Nummer 6177. Ein sogenannter „politischer Häftling“. In den Augen des faschistischen Apparats war er ein „Hochverräter“. Hier wurde er gefoltert, gedemütigt und wurde Zeuge unzähliger Morde. Dass er diesen Wahnsinn überlebt hat, ist ein Wunder.
Für mich steht sein „Hochverrat“ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit.
Mein Opa Hermann hatte unmittelbar nach der Machtergreifung im Jahre 1933 Flugblätter gegen Hitler verteilt. Er hat nicht geschossen, er hat nicht sabotiert – er hat lediglich die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt. Das kostete ihn zwölf Jahre seines Lebens.
Zwölf Jahre! Denken Sie kurz darüber nach.
Was haben Sie in den letzten zwölf Jahren getan? Sie haben Kinder großgezogen, Karrieren verfolgt, geliebt, gelebt.
Hermann saß in Haft, zunächst in der sogenannten „Hölle von Recklinghausen“, in diversen Zuchthäusern und schließlich hier, auf dem Ettersberg.
Mein Großvater musste hier in der Effektenkammer seine Zwangsarbeit verrichten. Im Maschinenraum der Entmenschlichung. Er musste den Raub an seinen Mitmenschen verwalten. Uhr, Ehering, Brille, Brosche, Gebiss – alles wurde registriert, als handele es sich um bloße Lagerware.
Hier liegt eine der bittersten historischen Lehren… Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss; sie beginnt dort, wo Menschen nur noch Nummern in einer Statistik sind, wo das Mitgefühl der Buchhaltung weicht und das Gewissen der sinnentleerten Gehorsamspflicht.
Als mein Großvater hier heute vor 81 Jahren, 1945, befreit wurde, war er 44 Jahre alt. Körperlich ein gebrochener Mann, geplagt von Krankheiten, die ihn nie wieder verlassen sollten; von einer tiefen Müdigkeit, die keine Nachtruhe der Welt heilen konnte. Eine echte Wiedergutmachung hat er nie erhalten; man hat ihn nach dem Krieg mit ein paar Mark abgespeist.
Und das Bitterste: Die Aufhebung seines Unrechtsurteils wegen „Hochverrats“ hat es zu seinen Lebzeiten nie gegeben. In den Augen der Bürokratie blieb der Verfolgte ein Vorbestrafter.
Aber das Schwerste für uns als Familie war sein bleiernes Schweigen. Dieses dröhnende Schweigen war wie eine Mauer aus Glas, die seine Seele umgab. Wir – seine Familie – konnten ihn sehen, aber wir konnten ihn nur selten erreichen. Vielleicht wollte er uns schützen? Er wollte nicht, dass die grausame Kälte und der blinde Hass dieses Ortes in unsere warme Wohnstube in Recklinghausen kriecht.
Viele der Überlebenden der Nazi-Diktatur haben für sich den Weg des Schweigens gewählt. Das mag uns Erben eine Ahnung vom Horror des Durchlebten geben. Es war und ist unbeschreiblich und unsagbar.
Wir, die Bürger der Bundesrepublik Deutschland, tragen keine Schuld an den Taten von damals. Aber wir tragen die Verantwortung für die Konsequenzen dieser Taten im Hier und Jetzt.
So etwas wie eine „Gnade der späten Geburt“ gibt es nicht, es gibt nur die Pflicht der späten Erkenntnis. Wer heute behauptet, die Geschichte des Faschismus in Deutschland sei ein abgeschlossenes Kapitel, der hat nicht verstanden, dass die bösen Geister von damals nicht in den Ruinen von Buchenwald geblieben sind.
Sie warten darauf, in verunglimpfender Sprache, bösartiger Hetze, im dumpfen Ressentiment und in der alltäglichen Gleichgültigkeit wieder geweckt zu werden.
Wer die Erinnerung an die Opfer als Belastung empfindet, vergisst, dass diese Erinnerung das einzige ist, was uns vor einer Zukunft als Täter schützt.
Immer lauter und dreister werden die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen! Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Artikel 1 des Grundgesetzes ist die direkte, in Stein gemeißelte Antwort auf Buchenwald. Er ist die Antwort auf die Effektenkammer, auf die Selektion, auf die Vernichtung von Menschen.
Am Tor von Buchenwald steht dieser furchtbare Satz: „Jedem das Seine“. Die Nazis meinten damit: Den Häftlingen den Tod, uns die Macht. Aber wir, die Nachfahren, wir deuten das heute um. „Jedem das Seine“ bedeutet für uns: Jedem Menschen seine unveräußerliche Würde. Jedem Menschen seine Freiheit. Jedem Menschen sein Recht, so zu sein, wie er ist – egal, woher er kommt, woran er glaubt oder wen er liebt.
Ich habe lange gebraucht, um über das Schicksal von Opa Hermann zu sprechen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen. Wir, die Nachfahren der Überlebenden, müssen die Wächter der Erinnerung sein – nicht aus Bitterkeit, sondern aus tiefer Liebe zur Freiheit.
Demokratie ist kein Geschenk, das man einmal erhält und dann besitzt; sie ist ein Versprechen, das jede Generation aufs Neue gegen die Bequemlichkeit des Wegsehens verteidigen muss.
Opa Hermann hat geschwiegen, um seine Familie zu bewahren. Ich spreche heute, um ihn und alle Opfer, die hier litten und starben, zu ehren. Und ich bitte Sie alle: Sprechen auch Sie. Lassen Sie nicht zu, dass das Schweigen wieder die Oberhand gewinnt. Denn die Demokratie lebt nicht vom Wegsehen, sondern vom mutigen Hinsehen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das „Nie wieder“ kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern unser täglicher Kompass ist.
Tja,
und eben dieser Kompass
ist offensichtlich kaputt.
Im ZDF-»Politbarometer«
ist die AfD
deutschlandweit
erstmals
stärkste Kraft.
Wenn heute Bundestagswahl wäre,
käme die CDU/CSU nur noch auf 25 Prozent.
Die AfD läge unverändert bei 26 Prozent.
Die SPD steht nur noch bei zwölf Prozent.
Damit hätte Schwarz-Rot
keine parlamentarische Mehrheit mehr.
Die Grünen könnten mit 14 Prozent rechnen,
die Linke würde auf 11 Prozent zulegen.
Die Brandmauer heißt Kenia
und ist brombeerfarben angemalt.
Womit wir also einen kurzen Blick
in dieses „Regierungsprogramm“
der AfD Sachsen-Anhalt werfen.
Neben einem Haufen anderer antisozialer Scheiße
fordern die Faschos
im Bereich „Bildung“
unter Punkt 28
landeseinheitliche Lehrmaterialien.
Das bedeutet:
Ein Ministerium würde festlegen,
welche Bücher
in welchem Fach und Jahrgang genutzt werden
– und zwar verbindlich für alle Schulen.
Wie war das nochmal mit der „Indoktrination“?
Die angebliche Idee dahinter:
Mehr Vergleichbarkeit,
weniger Unterschiede zwischen Schulen.
Das Problem?
Was passiert dann mit den ganzen anderen Büchern?
Verbrennen?
Und wem das noch nicht herrenmenschlich genug ist,
für den haben die Faschos
noch diesen autoritären Sprachunfall
in der rechten Hinterhand:
„Behinderte“ würden die Klassen „lähmen“.
Noch aber
kann das Landesschulamt seine Arbeit machen.
Und die Themen der diesjährigen Deutschprüfung
für die „Mittlere Reife“
zeugen davon,
dass die Kolleg*innen in Magdeburg
ihren Job noch halbwegs ernst meinen:
Thema 1: Mut,
Thema 2: Fake News.
Feat. Heinrich Heine,
Erich Kästner
und Franz von Moor.
In einer tragischen Nebenrolle
ein Influencer,
der bei einer Mutprobe
in einen Abgrund stürzt.
Wie für den Harzkreis geschrieben.
Die Zweitkorrekturen jedoch,
die müssen noch eine Woche auf mich warten.
Denn ich mache in der kommenden Woche
das einzig nahe liegende:
Berlin!
Berlin!
Wir fahren
nach
Berlin!
114 Stunden Berufung,
ohne Unterbrechung.
Das Weltkulturerbe
zu Besuch in der Welthauptstadt
der gemäßigten Gegenkultur.
Abschiednehmen inbegriffen.
Toi, toi, toi.
Also, Sniper’s Alley,
noch schreibe/atme/lebe ich;
beim Korrigieren
immer noch
eine brennende Zigarette im Aschenbecher.
Lass Dir doch auch mal
was Besseres einfallen.
„It’s these little things,
they can pull you under.
Live your life
filled with joy and thunder.
Yeah, yeah we were altogether
lost in our little lives.“
(R.E.M.: Sweetness Follows. 1992)

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