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Sorrow (S14:Ep11)

von | 2026 | 9. August | Die Serie, Staffel 14 - Flipping The Script

Bild: No Community.

 

 

„I don’t need to be a global citizen,
cause I’m blessed by nationality.“

(Bad Religion: American Jesus. 1993)

 

 

Hamburg-Harburg (Bahnhof),
Sonntag Mittag,
wolkenloser Himmel,
27°C.
Der Abschied von den Sommerferien
beginnt am Meer;
sofern dem Namen
des Fischrestaurants,
die Elbe rauf, an den Landungsbrücken,
denn noch Glauben geschenkt werden kann.
Immer noch summe ich die Melodien
von gestern Abend vor mich hin,
die Erinnerung
an die Gänsehaut im Nacken
hat mich noch fest im Griff,
mein Solarplexus
hat das Ballern der Basedrum
noch lange nicht vergessen.
Aus den Bahnhofslautsprechern
klingt eine deutlich artikulierte Ansage:
Ein Junge mit kompliziertem Doppel-Vornamen
wird dringend gesucht,
er soll sich dringend bei jemandem melden,
der ein DB-Abzeichen trägt.
Derweil stehen
zwei Deutsche,
eine Britin
und ein Österreicher (Helicopter Dad)
in den Türen der Bahnhofstoiletten
und empören sich
über das fehlende Klopapier.
Der Dad spricht’s dann
auch einfach aus:
„Und dafür nehmen die auch noch Geld!“
Züge der Deutschen Bahn
und irgendeiner Konkurrenz
wechseln das Gleis,
kommen zu spät,
stehen zu lange.
Braungebrannte Arbeiter
gehen mit der Motorsense bei;
an ordentlichen Bahsteigen wartet es sich entspannter.
Ein uniformierter Bundi checkt auf seinem Handy irgendwas,
besteigt dann sorgenfrei den nächsten ICE.
Inzwischen sind wir bei 31°C,
und ich freue mich
auf „Hohe Auslastung“.
Beste Grüße!,
aus dem Bauch der Inneren Sicherheit,
hier sind alle anderen Sorgen vergessen.

Und apropos „vergessen“:
Wir müssen nochmal zurück
zum letzten Wochenende,
die Chronik muss wach bleiben.
Die „Flüchtlingssituation“ auf Ceuta
ist nach einer Woche
zwar schon wieder fast vergessen,
aber das war nicht nichts:
60.000 Menschen waren stundenlang
durchs Mittelmeer geschwommen,
um in der Enklave an Land zu gehen.
Nur Stunden später
waren die meisten wieder zurück
über die Grenze geschickt worden,
über die sie ohne den „richtigen“ Pass
nicht gekommen waren.

Da Ceuta aber auch bloß weit genug weg ist,
kann sich Deutschland
in dieser Woche
auch mal wieder seine eigenen Sorgen machen,
am häufigsten geht es dabei,
Peak Deutschland,
um die Rente,
beziehungsweise deren aktuelle Reform.
Rente.
Krass,
dass es die überhaupt noch gibt.

Deutlich weniger aufregend:
Der nächste Drohnenzwischenfall
auf deutschem Boden:
Der Flughafen Halle/Leipzig
steht, gefühlt, drei Tage still.
Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne
wird gerade noch rechtzeitig
in der Nähe einer Antonov gefunden,
die bis unters Dach
mit Munition
für die Ukraine beladen ist.
Steht da einfach so rum,
bei den Zivilflügen.
Um den Krieg
muss sich niemand sorgen.

Denn:
Klima.
Am vergangenen Sonntag
schlagen Dürre und Hitze
auch in der Provinz zu:
Bei Neinstedt verbrennen neun Hektar Fläche,
ein paar Bäume, viel trockenes Stroh.
Mehr als 100 Einsatzkräfte aus dem Stadtgebiet Thale
sowie den Feuerwehren aus
Gernrode,
Quedlinburg
und Ballenstedt
sind gemeinsam
mit den Löschflugzeugen
„Hexe 1″ (welcome back!) und „Hexe 2″,
dem Rettungsdienst
und der Polizei im Einsatz.
Die nächste „Historische Dürre“
ist kein Schreckgespenst mehr.
Anfang der Woche sind auch die letzten Zisternen
in den provinziellsten Vorstadtsiedlungen leer.
Bei Magdeburg geht die Elbe derbe zurück.
Der Rhein ist stellenweise ausgetrocknet,
großflächig nicht mehr beschiffbar.
Über ganz Nordrhein-Westfalen
stehen Rauchwolken,
die Waldbrände in den Niederlanden
lodern bis weit in den Himmel.
Auch vor Wien
steht eine schwarze Wand aus Rauch,
ein Großwaldbrand produziert Bilder,
die an brennende Ölfelder im Nahen Osten erinnern.
Feuerwalzen toben durch Griechenland,
Megara, kurz vor Athen,
wird evakuiert.
Auch der Nordwesten Nordamerikas brennt.
Washington, Oregon
und British Columbia stehen in Flammen,
schwarzer Rauch zieht bis in den Mittleren Westen.
Im Osten, in der russischen Arktis(!),
herrschen 32°C.
In Süd-Korea 40°C,
an fünf Tagen in Folge.

Und während der Irankrieg tobt
und Hitzewellen
Menschen und Tieren in Europa
und anderswo
Probleme bereiteten,
haben acht der größten Ölkonzerne
zwischen April und Juni
Gewinne in Höhe von knapp 93 Milliarden Dollar
„erwirtschaftet“.
Sorgen
sind nun mal relativ.

 

Kriegsprotokoll. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 227/228.
Luftalarm. Samstag: Kiew wird von ballistischen Raketen getroffen, mindestens 10 Menschen sterben. Sonntag: Selenskyj bittet die Welt erneut um die Lieferung von Patriot-Raketen. Montag: Mehr als 600 Drohnen schlagen im russischen Hinterland ein. In Odessa wird der andauernde Luftalarm beim Badevergnügen ignoriert. Dienstag: Die gegenseitigen, weitgestreuten Drohnenangriffe halten an, insgesamt sterben heute ein Dutzend Menschen allein dabei. Von der Front schon länger Nichts Neues. Mittwoch: Am Morgen schlagen in Kiew ballistische Raketen ein. Mindestens 17 Menschen sterben bei Angriffen auf Logistikzentren. Die Luftabwehr hat momentan eine Abfangquote von 0%. Donnerstag: Die Ukraine schlägt zurück und trifft ein Wildberries-Lager in Jekaterinenburg. Freitag: Wieder Kiew, heute Morgen sterben vier Menschen beim nächsten Großangriff. Samstag: Selenskyj besucht Belgrad. Sonntag: Stundenlanger Luftalarm in Odessa und Belgorod.

 

Um kurz vor drei
hat der Zug
gerade die Landesgrenze überfahren.
Nächster Halt, Salzwedel.
Scheiße.
Wieder zurück in Sachsen-Anhalt.
Es gibt einfach kein Entkommen.
Vor aber allem nicht für die,
die hier bleiben wollen.
Nicht weil sie es müssen,
sondern weil sie es können.
Die, über die sich in vier Wochen spätestens
alle für ein paar Tage aber mal wieder so richtig
Sorgen machen können.
Wir.
Wegen den anderen.
Wegen den Faschos.
Unser übervorsichtiger Blick nach Rechts
beginnt in dieser Woche im Norden:
„Rund 400 Teilnehmende
zogen beim ersten Auftritt
der neu gegründeten AfD-Jugend „Generation Deutschland“
durch Schwerin
(wo zwei Wochen nach uns gewählt wird).
Mit Parolen wie „Send them back“
und „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“
erinnerte der Aufzug
mehr an die „Identitäre Bewegung“
oder Neonazi-Szene.“
No surprise here.
Gute vier Wochen vor seiner Krönung
muss Siegmundson Ullreich sein hübsches Gesicht
schon wieder in den Gegenwind halten:
Seine Idee,
die „vierte Gewalt“ (die Presse)
abzuschaffen,
finden gar nicht mal so viele Leute cool.
Bevor es also zu spät für Diskurs ist,
gibt Quedlinburgs finest, Suse,
der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (OAZ)
noch ein ausführliches Interview.
Denn wenn nur einige Leser*innen dieses Blattes denken,
mensch, die Suse, die is doch janz in Ordnung
(für so ne woke links-grüne Trulla),
dann kann Jürgen Habermas
doch noch mal ne Pause vorm Dauerroutieren machen.
Für Sieghold Schmulmich kommt es aber sogar noch dicker:
Irgendeine Ratte hat der Presse gesteckt,
dass da irgendwas mit den Angaben
über sein Studium nicht stimmt.
Aber was stimmt,
das macht es auch nicht besser:
Eine Bachelorarbeit,
bewertet mit „Na-Ja“ (2,4)
wäre schon Genugtuung genug,
wäre da nicht das Thema:
„Duftmarketing“,
Studiengang Wirtschaftspsychologie.
Ich wette,
der Mann sieht nicht nur immer blendend aus,
der riecht bestimmt auch wie ne ganze Parfümerie.
Anstreichen war letztes Jahrhundert;
falsche Eindrücke können
immer noch flüchtiger werden.

Dass die Fans von Artikel 37a
der sachsen-anhaltinischen Landesverfassung
aber durchaus auch weniger hinterfotzig
agieren können,
zeigt die lokale Anti-Plakatkampagne
gegen den lokalen AfD-Spitzenkandidaten.
Dennis Möhring (Stadtrat Thale)
liefert allein mit seinem Namen
aber auch mindestens zwei halbe Steilvorlagen,
so viel muss mensch da gar nicht groß übermalen.
Noch vier Wochen.
Keine Sorge.
Ich fahre gerade durch Tangerhütte,
Heimstatt von Siegfried dem Ulrichsten:
Nur ein kleiner Feldbrand
weit vor den Toren der Stadt.
Die Zugabteile bluten zusehends aus,
die Bahnsteige sind leergefegt,
von hier will nicht mal jemand weg.
Worüber könnte man sich hier denn schon noch sorgen?
Na, im Zweifel immer noch
um die anderen.

Unterdessen
können zahlungsfähige Kunden
seit einer Woche
die Truth Social-Posts von Donald J. Trump
per Expresszugang abonnieren.
Bis zu 100.000 US-Dollar pro Monat
ruft der Plattformbetreiber Trump Media & Technology Group
für den Dienst auf.
Für Investor*innen und Börsenhändler*innen
könnte sich das Abo dennoch lohnen.
Die Trump Media & Technology Group erklärt,
zahlende Abonnenten bekämen
„direkte, lizenzierte Echtzeitzugriffe
auf die marktbewegenden Truths“,
eine Wortkombination,
die George Orwell niemals
besser hinbekommen hätte.
Ansonsten sind die Gründe zur Sorge
wie immer die gleichen,
auch in den USA:
Das „historische Abkommen“ zur Entwaffnung der Hamas,
das Anfang der Woche angekündigt wird,
ist bereits wieder Geschichte,
nach tagelangem Schweigen
erklärt der israelische Premier Netanjahu,
er stimmt nicht zu.
Weiter geht’s.
Nur wie lange noch,
dahingehend dürften
die Bedenken des MAGA-Lagers
wieder ein wenig mehr gestiegen sein,
und anscheinend nicht nur dort:
„Seit Mamdanis Wahlsieg
ist im Grunde in der Demokratischen Partei
nichts so wie es vorher war,
und wenn jetzt El-Sayed
noch zum Senatskandidaten für Michigan wird
und vielleicht die Wahlen dann auch noch gewinnt,
dann ist das ein Erdbeben für die Demokratische Partei.“
Na, vielleicht kriegen sie Bernie ja doch noch mal überredet,
denn sogar in Wisconsin
könnte Francesca Hong,
eine vielversprechende Kandidatin des linken Parteiflügels,
ebenfalls Geschichte schreiben.

Unterdessen
bin ich in Magdeburg
das voraussichtlich letzte Mal für heute umgestiegen.
Draußen hat’s 35°C,
die Regionalbahn Richtung Harz
ist jedoch klimatisiert.
Zeit und kühle Luft genug,
um neben dem Schwelgen in Nostalgie
noch schnell an Basketball zu denken.
Die Freiplatzsaison wird
die anstehende Damen-WM sicher noch überdauern,
und danach wird sich dann zeigen,
ob sich das Lakers Mini-Camp in Slowenien
für die weißbrotigste Profimannschaft ever
(including Youngster Cameron Carr!)
auch wirklich bemerkbar macht.

Das Ereignis, das uns in drei Tagen ins Haus steht,
hätte vor wenigen hundert Jahren
noch für Massenpaniken und mehr als genügend Weltuntergangsstimmung gesorgt,
Heutzutage braucht es aber doch schon etwas mehr,
damit sich mal wieder irgendwer so wirklich Sorgen macht:
Sonnenfinsternis!
Gefolgt von peak Perseidenschauern!
Als ob Dr. Doom schon mal übt.

Also bleibt die letzte Sorge
für diese Woche:
Die Sorge vor dem Niedergang
der Sommer-Großfestivals.
Seit der „Coronakrise“
hat sich die Szene anscheinend wirklich nicht mehr erholt,
und nach dem „Melt!“
geht am kommenden Wochenende
auch die Ära „Highfield“ tatsächlich zu Ende.
Betrachtet mensch das dortige Line-Up,
macht mir das allerdings gar nicht so viele Sorgen;
vor nicht mal zwanzig Jahren war noch deutlich mehr Lametta.

 

„Erinnere dich!
Was hatte man dir
alles schon erzählt?
Vielleicht fehlt ja deinen Leuten
eine Schulter wie ein Tier.
Warum denn an dir zweifeln?
Sie sind doch alle hier!

Doch es tut gar nicht weh!
Und dann geht auch die Angst.
Manchmal sollte man
nicht glauben,
dass das
alles so gehört.“

(Turbostaat: Tut es doch weh. 2013)

 

 

Festivals Are Not Dead, They Are Just Up For Sale
(Hidden Story)

Die OG Turnbeutel(-vergesser)-Generation, seit Kurzem erst auch bekannt als „Xennials“ (born between 1977 and 1984, oder: Elder Millenials und ihre coolen, bisschen älteren Freunde), bemerkte schon nach der ersten Stunde auf dem Gelände, wie sehr unter sich sie waren. Sie waren wieder ein Jahr älter geworden, viele waren den Fünfzig inzwischen deutlich näher als den Vierzig, einige bestimmt schon noch etwas älter, aber immer noch waren alle genauso hübsch wie mit Achtzehn/Achtundzwanzig/Achtunddreißig. Auf der MS Artville war die alles dominierende Farbe von daher natürlich auch Schwarz. Die Personen, die nicht mindestens ein relevantes Kleidungsstück in diesem Schatten von Ewigkeit trugen, musste mensch schon angestrengt suchen; vielleicht ist das aber auch einfach nur Hamburg wie es schon immer war, spätestens seit den letzten 90ern. T-Shirt-Aufdrucke waren Gespräch genug und es gab ausreichend Bars, damit niemand von den in der Spitze gut sechs bis sieben tausend Menschen zu schnell weniger gute Laune bekommen konnte. Hier wurde „Festival“ endlich noch/wieder ernstgenommen: Musik. Musik. Und noch viel mehr Musik. Musik für alle und von allen, die den Drahtseilakt zwischen Leben und Sorgen seit gut 30 Jahren, oder mehr, jeden Tag aufs Neue bestanden haben, und die wissen, dass Pogen die politischste aller Tanzarten ist, und außerdem die sozialste. Kurzum: der harte Kern dessen, was daaaamals „Alternative“ (Englisch ausgesprochen) genannt wurde. Die, die so aussehen, als würden sie sich tatsächlich noch Sorgen um etwas machen, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren. Die sichtbaren Tätowierungen sprachen eine unmissverständliche Sprache. Zur allgemeinen Entspannung trugen auch die großzügigen Getränkeregeln bei; in jedem Turnbeutel eine potenzielle Mische. Die Running Gags der unzähligen, langjährigen, durch den besseren Musikgeschmack vereinten Freundesgruppen fanden schneller als sonst ihre andauernden Anfänge.

So richtig begann der Samstag natürlich auf der Alternativstage, die auf dem „Amplifire“ von nun an „Butterland“ genannt werden sollte. Arxx, eine auf ein Duo reduzierte, britische Band kämpfte sich durch „technische Probleme“, um zum Ende aber doch allen gezeigt zu haben, wie ernst gemeinte Musik klingt. Deutlich weniger überzeugend dafür dann folgerichtig die erste Band auf der Mainstage („Vorschot“), die ein eigenes Logo auf dem Festivalplakat hatte: Pabst. Aus Berlin. Das war den meisten hier schon Information genug, nach einem Anstandssong wechselten sie zurück. Dahin, wo mensch in diesem Sommer noch US-Rockbands von Kaliber zu sehen und zu hören bekam: The Get Up Kids machten offensichtlich Urlaub, auf der Bühne, und zwar so wie mensch sich so einen richtig guten Urlaub vorstellte: Intro. Strophe. Bridge. (Bridge 2). Refrain. Repeat in Variations. Menschen und Melodien, die sich schon länger als ein halbes Leben kennen.
Frank Turner machte gegen Sonnenuntergang keine langen Versuche, den Anwesenden zu erklären, wie, das und wozu wir alle so alt geworden waren. Wer irgendwas davon aber als Ausrede benutzen wollte, beim nächsten Song nicht zu hüpfen, der durfte sich auch noch fragen, warum eigentlich nicht?
Und bei Biffy Fuckin’ Human Clyro brüllte sie den Menschen dann schonungslos entgegen, die Wahrheit: Alles vergeht. James fehlte. Ohne James klingen die Chöre als ob James fehlen würde. Der Funke blieb in den Bühnenstrahlern hängen. Zu wenige vermissten James. Keine Zugabe. Aber sie machten sich keine Sorgen: Ehrlichkeit währt am längsten. Und Comebacks wurden langsamer alt. Amplifire 2. Und Biffy Clyro als Headliner am Samstag, 100 Minuten, mit James. Jede Legende braucht Höhen und Tiefen. Jedes gute Riff hat mindestens einen Moll Akkord.

Wenn sich am Freitag Abend schon früh die meisten doch noch ihre Kapuzen aufsetzen mussten, um die Erkältung am nächsten Tag abzuwehren, war der Hochsommer am Samstag auch an die Nordsee zurückgekehrt. Sonnenbrillen konnten ungeniert getragen werden, Caps saßen verkehrt herum auf grauer werdenden Haaren, Pullis wurden nicht über der Schulter, sondern in der Hand getragen. Oder eben im Turnbeutel.
Alle Bands zu sehen war auch auf so einem „kleinen“ Festival nicht möglich, das Publikum verteilte sich schnell, Schattenplätze waren wie immer beliebt. Und was ein Bandname ausmachen kann, wenn er passt und dann auch noch bedient wird, durften dann Arson beweisen. Ein Wunder, dass nichts angefangen hat zu brennen. Trotz des einzigen Pyroeffekts des gesamten Wochenendes, einem brennenden Schlagzeugbecken. Auch der Rock kann Minimal. Was der aber auch immer noch kann, und es war ein wahrer Segen, dabei gewesen zu sein: Junge Menschen träumen lassen. Davon, dass es doch klappt, das mit dem Glücklichsein, egal wie viel Horror noch vor ihnen liegt. Overgrown waren aus Schottland/England angereist, keiner der Jungs älter als zwanzig. Wenn so eine Band es schaffte, dass die deutsche Muckerpolizei bereits nach wenigen Minuten ironiefreie Bezüge zu den Deftones durchwinkte, dann war noch mehr drin.
Und was wäre das erste Amplifire ohne Turbostaat gewesen! Hatten sich auch Turbostaat gedacht: Einmal Vormann Leiss bitte, von vorne nach hinten, beide Seiten. Die erste Hälfte funktionierte, verdammt noch mal, Husum!, auch live spitze. Um die zweite als Welle zu nutzen, um bei den ganz großen Brechern anzukommen, reichte die dann aber aus. An dieser Stelle auch die obligatorische Kritik: Sämtliche Melodiegitarren waren einfach mal zu leise. Die Rookies am Mischpult hatten hoffentlich aufgepasst. Dass der Schlagzeugsound für den Abend aber schon mal passte, davon summten viele Zwerchfelle ein Lied. Bevor sich aber der Staub endlich aus dem groben Kies erheben sollte, durften John Coffey noch eine qualvolle Stunde lang das schreiende Pferd des (Post-) Hardcore zu Tode reiten. Vor der Bühne war buchstäblich N.I.C.H.T.S. los; irgendwann ist auch mal gut mit Angeschrienwerden. Direkt vor Bad Religion zu spielen wäre aber auch ohne das, was dann folgte, schwer genug gewesen.
Die Großväter und somit Götter des modernen Intellektuellenpunks sahen nur alt aus. Sie waren es nicht. Sie standen abseits der Zeit und deswegen mittendrin. Snare und Basedrum ballerten, Bass und Gitarren ballerten. Jedes Riff, jeder Refrain ballerte. Und alle ballerten mit. Staub ersetzte den künstlichen Bühnennebel. Becher verloren in hohem Bogen ihr Bier. Unter den Sternen über dem Hafen war die Welt weit und groß. Vielleicht war doch noch nicht alles zu spät. Vielleicht gehörten die Sorgen ja einfach dazu. Vielleicht, aber nur vielleicht, hatte das Hoffen, so sehr es auch in die Jahre gekommen war, doch einen Sinn. Denn auch aus dem tiefsten Moll wurde am Ende immer noch mal Dur. Musik.

 

„When all soldiers
lay their weapons down
or when all kings and all queens
relinquish their crowns
Or when the only true messiah
rescues us from ourselves,
it’s easy to imagine.

But there will be
soooorrow!
Yeah, there will be
soooorrohohow!
And there will be
soooorrohohow
noo mooore!“

(Bad Religion. 2002)

 

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