Gegenwartsliteratur.
Live.
Nur im Internet.
Aus der Provinz.

# Startseite / Die Serie / Almost Heaven (S9b:Ep2)

Lesen

Almost Heaven (S9b:Ep2)

von | 2023 | 22. Juni | Die Serie, Staffel 9b - Blister

 

Ach, wenn jetzt noch
die Sonne scheinen würde!
Aber seitdem ich US-amerikanischen Boden betreten habe,
regnet es in einer Tour,
mal mehr, mal weniger,
und die Sonne
habe ich hier noch gar nicht gesehen.
Sei’s drum.
Im Moment (sieben Uhr abends)
sitze ich am Tisch meines Campers
am Beginn des Skyline Drive
im Shenandoah Nationalpark.
Die Berge sind in dicken Nebel getaucht,
von dem so atemberaubenden Anblick
keine Spur,
und vor meinem Fenster warnt eine Anzeige,
dass auf der Straße vor mir
umgefallene Bäume liegen.
Also versuche ich es morgen nochmal,
den berüchtigten Appalachian Trail zu besuchen.

Wandern war ich allerdings heute Morgen schon.
Um fünf Uhr war die Nacht für mich vorbei,
ich hatte genug geschlafen.
Also habe ich weiches Brot mit Erdnussbutter gefrühstückt,
Kaffee getrunken, meine Regenjacke angezogen
und bin zum Potomac River gelaufen,
die Great Falls klangen zu verlockend.
Nach vielleicht drei Meilen (fast fünf Kilometer)
standen mir bereits das erste Mal
fast Freudentränen in den Augen.
Alles war unbeschreiblich grün,
die Bäume riesig,
die Felsen glitzerten.
Außer mir waren zu dieser frühen Stunde
nur Kraniche, Gänse, Rehe und Kardinäle wach,
alle ohne jede Scheu.
Der Cheasepike & Ohio National Historic Park
wird mir für immer in bester Erinnerung bleiben,
egal wie das Wetter war.
Der Potomac River teilt sich hier
in mindestens fünf Arme.
Einer wilder und berauschender als der andere,
und mittendurch führen kleine Brücken
über die Wasserfälle,
bis hin zum Hauptfluss,
der an dieser Stelle
bestimmt 100 Meter breit ist
und aus unzähligen Stromschnellen besteht,
auf denen zu dieser frühen Stunde
aber niemand sein Leben riskierte.
Die Great Falls Tavern,
ein herrschaftliches Gebäude
aus dem vorletzten Jahrhundert,
wirkte wohl nicht nur verlassen.
Also nahm ich noch einen kleinen Trail,
zu einem Teil auf der Straße,
zu einem anderen mitten durch den Wald.
Die Luft war himmlisch klar,
mich hätte es nicht gewundert,
wenn ich nach unten geschaut
und gesehen hätte,
dass meine Füße die Bodenhaftung verloren haben.

Zurück am Camper
erwarteten mich ebenso unglaubliche Nachrichten
aus der Heimat:
Für den Harz gab es allen Ernstes
eine Tornadowarnung!
War dann aber wohl doch nicht ganz so krass,
die Hagelkörner nur walnussgroß…

Die erste längere Fahrt
führte mich durch weites Farmland.
Hier gibt es nicht wirklich Städte,
nur kilometerlange Aneinanderreihungen
von malerischsten Farmhäusern,
jedes davon hübscher
als in jedem Film über das US-amerikanische Heartland.

Auf dem Weg in die Blue Ridge Mountains
gewöhne ich mich an das Auto,
die Straßenschilder
und an Roadkills (angefahrenes Wild)
am Straßenrand.
Die erste Stadt, in der ich zum Mittag anhalte,
ist Fort Royal:
Eine Main Street,
auf der ich noch nichts gutes zum Anziehen finde,
und ansonsten Häuser, Häuser, Häuser.
Im einzigen Laden, der Postkarten führt,
komme ich mit einer älteren Dame ins Gespräch,
die natürlich Verwandte in Germany hat.
Sie ist sich nicht sicher,
ob Mannheim im Norden liegt,
ich kläre sie freundlich auf,
sie wünscht mir noch eine gute Weiterreise.

Der nächste Halt ist Charlottesville, Virginia.
Die Stadt war vor einigen Jahren
zur traurigem Weltruhm gelangt,
als eine Horde Neonazis
mit Fackeln
gegen den Abriss einer Konfederiertenstatue (Robert E. Lee)
protestiert hatte,
und ein Neonazi die junge Aktivistin Heather Hayer tötete,
als er mit seinem Auto in eine Menschenmenge raste.
Im heutigen Emancipation Park
ist von Robert E. Lee
nicht mal mehr ein Sockel zu finden.
Dafür ist das Universitätsviertel (University of Virginia)
nur so zugepflastert mit Verbindungshäusern.

Am oberen Ende der Straße,
auf der Heather Hayer ihren schweren Verletzungen erlegen war,
entdecke ich einen unscheinbaren Buchladen,
den Dedalus Bookstore,
benannt nach einer Figur von James Joyce.
Dementsprechend sieht der Laden auch aus:
Ich habe noch nie etwas vergleichbares gesehen.
Über drei Etagen,
in Regalen an allen Wänden
und bis unter die Decken
verteilen sich locker hundertausende Bücher,
die meisten gut zerlesen.
Ich frage nach Mark Twains „A Tramp abroad“.
Nach einer viertel Stunde finde ich im Keller
immerhin „The Innocents Abroad“,
der Bibliothekar und ich sind glücklich,
der Klappentext verspricht:
„One of the most famous travel books
ever written about Europe
and the Holy Land
by an American,
The Innocents Abroad
is Mark Twains irrevent and incisive commentary
on the New Barbarians
encounter with the Old World.“
Himmlisch.

Auf dem Weg in den Shenandoah National Park
höre ich dann Autoradio.
Die Musik passt zu den USA-Flaggen vor jedem Haus
und den Kirchen,
die sich auch hier aneinanderreihen
als wären es Tankstellen.
Auf WPER laufen topproduzierte Kirchenrocksongs,
die alle die gleiche Botschaft haben:
If you’re lost you will be found.
Meistens hilft dabei Jesus Christ.
Es ist beinahe aberwitzig.

Am Abend stehe ich dann endlich auf dem Skyline Drive
und genieße die Nichtaussicht:
Der Himmel hat sich auf die Berge gesenkt,
näher kann ich ihm nicht sein.
Und vor meinem Camper
sagt mir ein Kaninchen,
das kurz aus dem Wald rausschaut,
Gute Nacht.

 

„Hallelujah, praise the one who set me free.
Hallelujah, death has lost its grip on me.
You have broken every chain.
There’s salvation in your name.“

(Paul Wickham: Living Hope. 2017)

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert