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Democracy shall burn (Teil 1) (S7:Ep14)

von | 2022 | 14. September | Die Serie, Staffel 7 - Half a world away

Teil 1 – Power to the sheeple

 

Ein paar Tage nach
dem Tod
der Königin des Commonwealth,
nicht wenig davon bildet den heutigen „Westen“,
geistert zwischen den unendlichen Bildern
trauernder Menschen auf traurigen Paraden
eine Frage durch die europäischen Völker:
Ist die christlich-abendländliche Monarchie
vielleicht
auch wieder eine Option?
Wenn die alle so
wie Elizabeth „die Große“
gewesen wären,
wären wir doch schon
deutlich weiter, oder?
Oder warum nicht gleich eine Kaiserin?
Kaiserin Europa die Erste,
nur so zum Beispiel.
Falls sich niemand auf die Schnelle finden sollte,
Quedlinburg hätte da einen im Angebot,
allerdings nur als Faschingskostüm,
sorry, Folklore.
Denn heute ist Neuzeit,
nicht Mittelalter!
Heute wird man nicht beherrscht,
und auch nur sehr ungern regiert.
Denn heute,
nach dem ehemaligen „Ende der Geschichte“,
sogar jetzt, in dieser Sekunde,
herrscht nur noch
die Volksherrschaft!
Regierst du noch, oder herrschst du schon?
Und zwar in ihrem Lieblingskostüm,
der Meinungsfreiheit.
Und wo genau dieses Volk herrscht,
das wissen wir auch,
ein Blick in den Schwarzen Spiegel genügt:
Das Volk herrscht im Internet.
Während draußen die Welt abfackelt.

 

„We don’t need no water.
Let the motherfucker burn!
Burn!
Burn, Motherfucker!
Burn!“

(Bloodhound Gang: Fire Water Burn. 1996.)

 

Man kann das jetzt
irgendwie problematisch finden,
man kann aber auch
einfach mal nachdenken.
Wohin haben uns
die „westlichen Demokratien“,
die „Volksherrschaften“
mit ihren „Volkswirtschaften“
und ihren „Marktwirtschaften“
gebracht?
(Und wer jetzt gerade „Putinversteher?!“ denkt,
der kann auch keine Äpfel
von Birnen unterscheiden.)
Genau, hier hin haben die uns gebracht.
In den September 2022.
Where do we go from here?
Und vor allem:
Wie?
Demokratisch?
Herrschaftlich?
Beherrscht?
Demokratisch vertreten?

Das Problem
am folgenden Problem ist,
dass wir das eigentliche Problem
schon länger kennen,
aber immer noch
keine Lösung gefunden haben,
weder einsam,
noch gemeinsam:

 

„Es gibt eine Tatsache, die das öffentliche Leben Europas in der gegenwärtigen Stunde – sei es zum Guten, sei es zum Bösen – entscheidend bestimmt: das Heraufkommen der Massen zur vollen sozialen Macht. Da die Massen ihrem Wesen nach ihr eigenes Dasein nicht lenken können noch dürfen und noch weniger im Stande sind, die Gemeinschaft zu regieren, ist damit gesagt, dass Europa heute in einer der schwersten Krisen steht, die über Völker, Nationen, Kulturen kommen kann. Eine Krise solcher Art ist mehr als einmal in der Geschichte aufgetreten. Ihre Kennzeichen und Folgen sind bekannt. Sie heißt: der Aufstand der Massen.“

(José Ortega Y Gasset: Der Aufstand der Massen. 1930.)

 

Letzter Halt
vor dem Europäischen Winter 22/23
ist also wie eigentlich ja jedes Jahr,
der Heiße Herbst.
Es stellt sich momentan
nur noch eine Frage:
Wie schnell schlägt
die Stimmung
in Gewalt um?
Und wo knallt es zuerst?
Die Antwort kam prompt:
Vor Gericht.
Am Dienstag
wurde der „Tankstellenmörder“
aus dem letzten Jahr
zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
Keine besondere Schwere der Schuld,
aber immerhin „Heimtücke“ und „Niedertracht“.
15 Jahre Knast
für einmal „ein Zeichen setzen“.
Es bleibt ein seltsam süßlicher Nachgeschmack,
dass der Mord
nicht als „politisch“ eingestuft wurde,
wie es der Täter öffentlich selber getan hat.
So weit kommt’s noch!

Anscheinend kommt der Heiße Herbst
aber im Moment
nur schwerlich auf Betriebstemperatur,
wahrscheinlich wegen der
„Innenraumtemperaturdikatur“, o.ä.
Dieter Nuhr
hat zu diesem Thema
auch was geschrieben,
nämlich für die Augsburger Allgemeine.
Im Grunde aber nur die alte Leier:
Ich sage,
dass ich nicht mehr sagen darf,
dass ich nichts mehr sagen darf.
Ansonsten trägt er seinen Teil
als Satiriker dazu bei, die Gräben zuzuschütten,
die unser Land so abgrundtief spalten sollen,
und lässt sich
zum Thema linke Identitätspolitik befragen,
ganz so, als wüsste er,
worüber er redet.
Aber darum geht’s ja auch nicht:
Sondern nur wieder um Dieter.
Komisch,
dass der nicht wenigstens auch
mal einen Text zum Rechtspopulismus abliefert,
und sei es auch nur,
um die Hufeisentheorie zu beweisen.
Wahrscheinlicher aber ist,
dass sein nächster Erguss
aus der Jungen Freiheit tropft.
Was ich nicht verstehe:
Warum er das macht.
Weil er’s kann?
Der ist doch nicht doof,
der hat doch sogar mal
Lehramt studiert … oh, wait …

Als Demoeinpeitscher
ist der ARD-Wort-zum-Sonntag-Papst
aber anscheinend nicht geeignet.
Auch am zweiten Demomontag
gab es keine nennenswerten Ereignisse.
Aber noch ist es ja auch warm genug,
der Volkszorn noch auf Sparflamme.
Hier in Sachsen-Anhalt
hat es angeblich aber immerhin schon
für 6.000 in Magdeburg
und „viele“ in Aschersleben gereicht.
Was die genau wollten?
Man weiß nichts genaues,
alle haben so wild durcheinander geredet.
Nazis?
Hat keiner welche gesehen.

Der rechte Rand
wartet derweil nämlich weiter ab.
Man begnügt sich noch mit Grünenhetze,
„Last Generation“-Bashing,
Panikmache wegen der Energie,
endlosen Schuldzuweisungen
und Selbstgerechtigkeit.
Also in den Parlamenten.
Und im Internet.
Auf den Straßen
halten sie die Kläffer noch zurück.
Wahrscheinlich aber nicht mehr lange.
Sogar bis in meine Bubble
sind schon Berichte vorgedrungen
über die akut steigende Zahl
organisierter und vor allem
trainierter „Patrioten“;
dazu braucht heute niemand mehr
den Verfassungsschutz.
Innenministerin Faeser
sollte ihre Kontakte zur Antifa
schon mal wieder aufwärmen,
die Polizei könnte demnächst Hilfe gebrauchen.

Der NDR sucht derweil,
mit Karen Miosga als Zugpferd,
nach Vereinen, die ausnahmsweise mal nicht spalten.
Die sich um die Gemeinschaft verdient machen,
am besten sogar um eine demokratische.
Und wo macht der NDR das?
Auf Facebook!
Wo auch bitte sonst?

In Spanien klappt das Ganze
offensichtlich schon besser,
oder die Leute da meinen es wirklich ernst,
oder beides.
In Barcelona kamen
am letzten Sonntag
150.000+ Menschen zusammen
und erinnerten nochmal daran,
dass die Diskussion
um die katalanische Unabhängigkeit
noch nicht vorbei ist.
Abspaltung,
um näher zusammenzurücken.

Zurück zur Demokratie der Gegenwart.
Die mit den Volksvertretern,
die frei gewählt werden.
Also zur „Wahldemokratie“.
In Schweden
(bekanntermaßen ja auch noch eine Monarchie)
wird gerade ausgeknobelt,
wer denn nun die Parlamentswahlen gewonnen,
und welches Lager dann die Oberhand hat.
Wie überall:
Rechts oder Links?
Im Moment heißt die Antwort,
wie gefühlt fast überall:
Im Zweifel rechts.
Und gerne auch noch etwas
rechter als sonst.
Die „Schwedendemokraten“
sind inzwischen beliebter
als die alten Rechten,
die Konservativen.
Die „Sverigedemokraterna“
gibt es dabei noch gar nicht so lange,
wie ihr Namen vermuten machen soll.
Es folgt ein kurzes Portrait,
um zu erklären,
was mit „rechter als sonst“ gemeint ist.
1988 gegründet,
seit 2010 im Schwedischen Reichstag vertreten.
Unverschämte Rechtspopulisten,
quasi so etwas wie unsere AfD,
nur mit skandinavischem Charme.
Im Grunde geht es schon
mit der Geschichte der Parteigründung los:
Mitte der 8oer des letzten Jahrhunderts
schließt sich eine Nazibewegung
mit einer frisch gegründeten Partei zusammen.
Es folgt ein Personalscharmützel nach dem anderen,
bis sich die heutigen „Schwedendemokraten“
abspalten.
Volksfronten kann es
anscheinend nie genug geben.
Ihre ersten Wahlerfolge
erzielten die Populisten
auf dem Rücken
von Sozialneid,
Fremdenangst
und dem Stellen der Systemfrage.
Dabei vertritt sie lautstark
die „schwedischen Werte“.
Aus der EU wollten sie auch schon mal raus,
haben dann aber die richtigen Schlüsse
aus der Katastrophe im UK gezogen.
Europapolitisch suchen sie
den Schulterschluss mit den anderen Rechtspopulisten,
also auch mit der AfD.
Der derzeitige Vorsitzende
ist ein ehemaliger Student,
also so etwas ähnliches wie ein Akademiker,
seine Fächer waren:
Politik, Philosophie und Recht.
Er gilt als moderat,
fast schon als Reformer:
Er hat ein paar Faschos rausgeworfen
und dafür gesorgt,
dass das Parteilogo geändert wurde;
weniger Mussolini, mehr Heimat.
Das war’s dann mit Distanzierung.
Und das reicht dann schon
für mehr als 20% der Stimmen.
Diese „Schwedendemokraten“
sind jetzt also, aller Wahrscheinlichkeit nach,
bald Teil der nächsten Regierung im Königreich.

Aber dass das kein Widerspruch sein muss,
das hat just der neue britische König klar gemacht:
In seiner ersten größeren Rede,
nur wenige Tage nach
dem Tod seiner Mutter,
gab er sich alle Mühe,
sein Volk daran zu erinnern,
wo das Herz der Demokratie nun mal schlage:
Im Parlament.
Das D in Demokratie
steht für Diskurs.
Sowas sagt sich natürlich leichter,
wenn man sein eigenes Reich hat,
aber macht die Aussage
ja nicht verkehrt.

 

„Waiting for your king to disown you.
I’m your fat traitor your majesty (majesty).
Waiting for the king to enthrone you.
I’m your fat traitor your majesty (majesty).

(Colour of fire: A pearl necklace for her majesty. 2004.)

 

Im vermeintlich wichtigsten Parlament allerdings,
dem ganz großen in Straßbourg,
hat heute Ursel, die Bedachte,
stilecht in gelb-blau,
die Lage der Union erklärt:
Das Wort Krieg
schmückt gleich den ersten Satz.
Ein Krieg auch gegen die „europäischen Werte“,
also gegen uns, die „Wertegemeinschaft“.
(btw:
Die Doppelmoral solcher Aussagen
fällt übrigens schon 12jährigen auf.
True Story.)
Sie weiß anscheinend
auch vom „Energiekrieg“,
doch Europa wisse sich zu wehren:
Die Sanktionen wirken,
Russland liegt im Grunde schon am Boden;
da werden Chips aus Spülmaschinen
in Waffen verbaut.
Im hiesigen Handwerk
nennt man diese Art
der Ingenieursimprovisation „russisch“.
Ursel hält auch nicht lange
mit einem konkreten Plan
hinter den Berg:
Fünf Punkte,
damit alle beim Mitschreiben hinterher kommen.
1. Die Ukraine wird in den EU-Binnenmarkt aufgenommen
(ist aber kein Mitglied).
2. (Festhalten!)
Abschöpfung(!)
der Übergewinne(!)
bei Stromerzeugern. (Wow!)
3. Mehr Dänemark (= Windenergie).
Dabei unterstellt sie dem Jahr 2022,
dass es einstmals als „turning point“ begriffen werde.
Ach, hör doch auf!
4. Ankündigung einer EU-Schuldenreform.
Erkenntnis: Das kann sowieso niemand
je wieder zurückzahlen.
Lösung: Wird später bekanntgegeben.
5. China!

Gut, was soll man darauf erwidern?
Die werden schon wissen,
was wichtig und richtig
für alle ist.
Schließlich wurden die ja
demokratisch gewählt.
Aber, auch das ist (noch) Demokratie:
Im Parlament wird geantwortet.
Die beste von allen
hatte, wie nicht anders zu erwarten:
Martin Sonneborn.
Der hatte nur 60 Sekunden,
und in denen hat er, u.a.
das hier gesagt;
nur so als Beispiel für
„man darf ja nichts mehr sagen“
und sehr sicher
frei von aller Satire:

 

„Als Sie (Ursula von der Leyen) Ihren Dienst hier antraten, dachte ich, Sie seien lediglich unfähig und ein bisschen kriminell. Inzwischen weiß ich, dass Sie auch beeindruckend moralfrei sind.“

 

Angesichts der Doppelmoral,
z.B. im Hinblick auf den gerade erst wieder
ausgebrochenen Krieg
zwischen Aserbaidschan und Armenien (Angriffskrieg),
der irgendwie so gar niemanden zu interessieren scheint,
vielleicht auch, weil man dann zugeben müsste,
schon wieder eine Öl-Diktatur zu unterstützen,
kann einem sowas schon mal rausrutschen.
Und da haben wir
über die Doppelstandards bei der „Flüchtlingsfrage“
noch gar nicht gesprochen.
So viel zum Thema „Wertegemeinschaft“.
Die EU:
wo Partikularinteressen (Lobbies)
zu „Volksinteressen“ werden
und vice versa.

Und also dann nochmal,
apropos Volksherrschaft:
Mir ist da nämlich noch was aufgefallen,
was wahrscheinlich auch schon anderen aufgefallen ist,
aber das für den Kontext
nicht gerade unerheblich ist:
So ein Volk,
das besteht bekanntlich auch aus Generationen,
die bekanntlich immer miteinander streiten,
auch hier im Hause Europa.
Die Menschheitsfamilie lässt sich damit prima vermessen,
Querschnitt, Längsschnitt, Aufschnitt.
Die Merkmale einer jeden Generation
unterliegen dabei einem ständigen Paradigmenwechsel.
Noch vor wenigen Jahren
war es das Alter
(Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte),
und der Konsens darüber,
was in der Geschichte gerade so lit war,
als man selber noch hip war.
Das neue Paradigma
ist aber seit einiger Zeit
ein mediales.
Zu welcher Generation wir uns zugehörig fühlen,
wird maßgeblich von den Sozialen Plattformen,
beziehungsweise unserer Nutzung dieser bestimmt.
Ihr wisst schon:
Generation SMS.
Generation ICQ.
Generation Twitter.
Generation Facebook.
Generation MySpace.
Generation StudiVZ.
Generation Youtube.
Generation Whatsapp.
Generation Telegram.
Generation Insta.
Generation Dischord.
Generation iPhone.
Generation Netflix.
Generation Twitch.
Generation Snapchat.
Generation TikTok.
Generation Pornhub.
Der ewige Generationenbruch
hat inzwischen so viele Verwerfungslinien,
dass man sich schon dumm fühlt,
wenn man nur eine davon nicht kennt.

 

„Ich bin so dumm,
ich weiß nicht mal wer ich bin.
Ich bin so dumm,
ich krieg‘ das alles nicht mehr hin.
Ich bin so dumm,
ich kann das alles
überhaupt nicht verstehen.
Ich bin froh, dass es dich gibt,
so kannst du mir die Welt erklären.“

(Faber: Generation YouPorn. 2019.)

 

Eines von vielen Problemen
mit dieser neuen Art der Einteilung ist,
dass, nicht so wie sonst,
vielleicht drei bis fünf davon zeitgleich existieren,
sondern, im Unterschied zum letzten Paradigma,
potenziell unendlich viele.
Weil so schnell wegsterben,
wie neue entstehen,
können die Generationen schon lange nicht mehr.
Und jeder kann auch noch
zu vielen verschiedenen dazugehören,
oder sich zumindest so fühlen.
Jedes Insektenvolk
funktioniert da besser;
die sprechen sich am besten ab,
wenn sie sich nicht absprechen,
sondern einfach das Notwendige tun,
anstatt sich ständig zu erklären,
wie man es noch besser,
bzw. schlechter anstellen könnte.

Und wo zu viele durcheinander brabbeln,
da scheint es nur eine Lösung zu geben:
Lautstärke!,
Sichtbarkeit!,
Formation!,
Verantwortung!,
Front!,
Bürgerfront!,
Volksfront!,
Volkssturm!,
Volksversagen!,
Volksschuld!,
Vollkatastrophe.
(Sie lasen eine Kurzgenese des Faschismus.)
… Sorry, so schnell geht’s dann doch nicht.
Aber die verbale Aufrüstung,
die wir alle überall beobachten,
ist kein gutes Zeichen.
Ihr wisst, was ich meine:
Hier im Internet herrscht sie bereits,
die TOTALE DEMOKRATIE.
Der Meinungskrieg der vielen.
Der molekulare Bürgerkrieg,
den wir immernoch
Demokratie nennen.

Und auf den hatte in dieser Woche
dann auch schon
die nächste Überlegende
keinen Bock mehr.
Jean-Luc Godard ist tot.
Freiwillig aus dem Leben geschieden,
per Cocktail in der Schweiz,
und mit dem letzten Wunsch,
dass gerne alle
von dieser letztmöglichen Entscheidung,
einer die wirklich allen offensteht,
erfahren sollen.
Die nächste Runde
in der europäischen Diskurskultur
ist wiedereröffnet:
Wer herrscht über den Tod?
Vielleicht dieses Mal
als Volksentscheid?
Oder wird wieder nur
ein Arthaus-Film daraus?
Als Alternative zum spätabendlichen Schafezählen?

 

 

Teil 2

erscheint in den kommenden Tagen

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