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How long would it take me to walk across the United States, all alone? (S9b:Ep1) (Teil 2)

von | 2023 | 21. Juni | Die Serie, Staffel 9b - Blister

 

Teil 2 – Maps and Legends

 

„The map that you’ve painted
doesn’t seem real.
He just sings whatever he’s seen.

Maybe he’s caught in the legend.
Maybe he’s caught in the mood.
Maybe these maps and legends
have been misunderstood.“

(R.E.M. 1985)

 

 

Es ist halb 9 am Abend,
ich habe keine Ahnung,
wo die Sonne gerade steht,
denn die habe ich den ganzen Tag
nicht einmal gesehen.
Bis auf kurze Pausen hat es nämlich
wie aus Eimern geschüttet.
Vor einer halben Stunde vielleicht hat es aufgehört,
der Himmel aber wird aus grau
demnächst direkt zu schwarz.
So viel zu „vor dem Regen fliehen“.
Bevor ich die Ereignisse
meines ersten Tages in den USA
sorgfältig niederschreibe,
aber erstmal ein erwartbares Zugeständnis:
Alter Falter,
was habe ich das alles unterschätzt!
Der Unterschied zwischen Vorstellung
und Wirklichkeit ist tatsächlich noch riesiger
als ich mir wirklich hätte vorstellen können.
So wie überhaupt alles hier.
Aber sollte das Sprichwort
mit dem Wachsen und den Aufgaben stimmen,
dann habe ich heute allerdings
die 1,80 doch noch geknackt.
Aber der Reihe nach.

Gut los ging es gestern Abend schon:
Bei der Passkontrolle wurde ich gefragt,
was ich denn vorhabe und wie lange ich bleiben will.
Also habe ich brav meinen Plan vorgetragen.
Ich bin mir immer noch nicht sicher,
ob ich den Sarkasmus einfach nur nicht erkannt habe,
aber der Grenzer hat nur mit dem Kopf geschüttelt:
„Okay, when you wanna shoot heroin (Seattle)
or wanna get shot (L.A.) then that’s your journey.“
Zum Schluss,
nachdem er alle zehn meiner Fingerabdrücke genommen hatte,
hat er mir aber wenigstens viel Glück gewünscht.

Heute morgen bin ich dann
nach wenigen, unruhigen Stunden
im Hotel weit vor der Stadt aufgewacht
und habe nicht lange mit dem Frühstück zugebracht.
Den Weg bis zur Anmietstation meines Campers
bin ich gelaufen,
nach 20 Stunden im Flugzeug rumsitzen
eine gute Idee;
das bisschen Regen hat dabei kaum gestört.
Nach einer knappen Stunde konnte ich dann schon aufsatteln
und habe jetzt schon wieder die Hälfte von dem vergessen,
was mir dort erzählt wurde.
Muss ich auf dem ersten Campingplatz
wohl noch mal wen um Hilfe bitten.
Die Fahrt nach Washington rein
hat sich angefühlt wie meine allererste Fahrstunde,
nur ohne neunmalkluge Kommentare vom Beifahrersitz,
die ich jedoch sehr gut hätte gebrauchen können.
Aber, toi toi toi, den ersten Tag
habe ich ohne Blechschaden oder sonstiges überstanden,
nur ein wütender Mittelfinger
und eine rote Ampel stehen zu Buche.
Die Hauptstadt jedenfalls
ist wirklich unvorstellbar groß,
Berlin sieht daneben aus
wie ein Kaff in Brandenburg,
oh wait …
Als ob es sowas wie
normal große Gebäude
gar nicht geben würde;
da will ich gar nicht wissen,
wie New York beim ersten Besuch wirken muss.
Viel los war allerdings nicht,
kein Wunder, denn das Wetter war
wie schon beschrieben.
Lincoln und Luther King
habe ich trotzdem besucht
und nach fast zwei Stunden
war ich jedenfalls fast bis auf die Knochen nass.
Und weil mir das anscheinend noch nicht gereicht hat,
habe ich mich dann unfreiwillig selbst getauft.
Genau, jetzt kommt die Stelle zum Lachen,
you’re welcome:
Zwischen dem großen Pool zu Lincolns Füßen
und dem riesigen World War Two Memorial
war zwischen den ebenso riesigen Pfützen
und weiteren kleinen Pools
einfach nicht mehr zu unterscheiden.
Und was macht also Hans Guck-in-die-Luft?
Genau, direkt reinlaufen.
Bis zur Brust stand ich im Wasser.
Ist aber nur denen aufgefallen,
die direkt Zeuge waren,
und von denen haben die meisten
ebenfalls gelacht;
my pleasure.
Gott sei Dank haben Handy
und Apparat nichts abbekommen.
Den Weg über die Constitution Avenue
bis zum Capitol Hill
konnte ich so aber natürlich unmöglich antreten,
mal davon abgesehen, dass er auch viel zu weit gewesen wäre,
auf der Karte sah das alles viel näher aus…
Also zurück zum Camper,
umziehen und hinfahren.
Am Kongressgebäude war ebenfalls kaum was los,
nur Schulklassen und busy people.
Da, wo ich auf der Karte den Eastern Market vermutet hatte,
habe ich dann die Union Station gefunden,
die größte Bahnhofshalle, die ich ich bis heute gesehen habe.
Und endlich ein Cheesesteak Sandwich!
Und Wi-Fi!
Und dann nur noch weg.
Zwei mal derbe verfahren,
dann zufällig einen Handyshop gefunden,
und damit auch endlich eine SIM-Karte
und somit auch ein Navi.
Das hat mich dann auf die 16th Street geführt,
von der ich bald mitbekam,
dass es eine der Hauptevakuierungsstraßen der Stadt ist,
wie passend.
Deren Ränder jedenfalls sind gesäumt von Kirchen,
eine direkt neben der anderen,
und wahnsinnig vielen, sehr schönen Häusern,
die wahrscheinlich nicht nur in Washington
ein ansehnliches Vermögen kosten werden.
Auf dem Weg zum Walmart in Germantown
habe ich dann das erste Mal das Autoradio angemacht,
und nach nur wenigen Minuten
musste ich zwei Mal hinhören,
aber ja, das war Joy Denalane,
und zwar auf deutsch.
Vom Walmart schreib ich jetzt aber nicht auch noch.
Ja, der ist auch riesig,
ja, da gibt es echt alles,
und nein, zumindest in diesem gab es keine Waffen.

Wenn also ein Alman eine Reise plant,
dann plant er zwar wie so ein Amtsschimmel,
wird aber von der Wirklichkeit schnell eines besseren belehrt.
Und dabei hatte ich mir schon solche Mühe gegeben,
nicht alles zu genau zu planen,
habe nur ca. 20 Stunden
alleine mit Kartenstudium zugebracht,
und habe mindestens drei Routen wieder verworfen,
weil sie mir zu kurz waren:
1. Kanada/Neuengland,
2. Im Halbmond von Boston nach Chicago,
3. Highway No.1, komplett.
Ich hatte gedacht,
so kann ich dann auch fast ohne Navi fahren.
Habe ich ja jetzt gesehen,
wie lange ich darauf verzichten konnte.
Das Motto allerdings,
das bleibt nach wie vor,
jetzt erst recht:
Going west
and never looking back.

An dieser Stelle dann
gerne auch mal
ein paar trockene Zahlen,
damit Ihr wisst,
wie größenwahnsinnig der Plan
eigentlich wirklich ist:
43 und ein Paar zerquetschte Tage.
Ca. 7000 Kilometer.
18 Staaten.
Zum Vergleich:
Das ist ungefähr die Strecke
von Teheran,
über Istanbul,
den Balkan,
die Alpen,
nach Brüssel,
dann Cornwall,
dann Porto
und bis Barcelona.
Richtig,
einmal quer und kreuz
durchs Römische Reich.
Zu Fuß würde man dafür
übrigens 37 Tage brauchen,
ohne eine einzige Pause zu machen.
Mit dem Auto braucht man
eine ganzeWoche,
wenn man ganz hart durchballert.

Gut,
was diese Staffel ja auch werden soll,
ist mal wieder ein Realitätscheck.
Was habe ich mir vorgenommen
vs.
Was passiert.
Oder:
Legende
vs.
Wirklichkeit.
Zu diesem Zwecke
folgt hier die Route,
die ich mir in den letzten Monaten
abendelang ausgedacht habe.

 

Woche 1:

Dienstag, 20. Juni:
Berlin → Washington, D.C.

21. Juni:
Manassas/Washington, D.C.
(Auto abholen, Memorials, Capitol Hill, Eastern Market
– „Pageboy“ und/oder „A Tramp Abroad“ kaufen, SIM-Karte!)
→ 50 km zum Potomac River, Great Falls/Maryland)
(über: Bethesda, Rockville (Besorgungen (Verpflegung für eine Woche) machen,
Basketball(?), Klamotten, … )

22. Juni:
→ 200km nach Shenandoah NP/Virginia
(über: Germantown, Frederick/Maryland)

23. Juni:
Shenandoah NP (Dark Hollow Falls)

24. Juni:
→ 300km nach New River NP/West Virginia
(über: Charlottesville/Virgina, Washington u. Jefferson NF, White Sulfur Springs)

Sonntag, 25. Juni:
New River NP

 

Woche 2:

26. Juni:
→ 450km zum Mammoth Cave NP/Kentucky
(über: Charleston (Besorgungen, Gunshop, Church), Huntington, Lexington)

27. Juni:
Mammoth Cave NP

28. Juni:
→ 400km nach St. Louis/Missouri (Gateway Arch NP)
(über: Evansville/Indiana, Mt. Vernon/Illinois)

29. Juni:
-> 200km in die Ozarks/Missouri

30. Juni:
Ozarks

01. Juli:
→ 300km nach Topeka/Kansas

Sonntag, 02. Juli:
→ 200 km nach Omaha/Nebraska
(try to catch „Asteroid City“ or „Oppenheimer“ at some cinema)
(über: Hiawatha, Shenandoah/Iowa)

 

Woche 3:

03. Juli:
→ 600km nach Chadron/Nebraska
(über: Sioux City/Iowa (Besorgungen), Valentine/Nebraska)

04. Juli:
→ 50km nach Wind Cave NP/South Dakota
(über: Buffalo Gap National Grassland)

05. Juli:
Wind Cave NP

06. Juli:
→ 400km nach Bridgerteton NF/Wyoming
(über: Thunder Basin National Grassland, Casper, Riverton, Wolverine Peak)

07. Juli:
→ 200km zum Yellowstone NP/Wyoming (Besorgungen, auch outdoor)

08. Juli:
Yellowstone (Old Faithful)

Sonntag, 09. Juli:
Yellowstone (Yellowstone Falls)

 

Woche 4:

10. Juli:
→ 250km nach Missoula/Montana
(über: Caribou Targhee NF/Idaho)

11. Juli:
Missoula
(Tickets für Jimmy Eat World/Manchester Orchestra/Middle Kids)

12. Juli:
→ 50 km nach Helena NF/Montana (Besorgungen)

13. Juli:
→ 250 km zum Glacier NP/Montana
(über: Great Falls, Shelby)

14. Juli:
Glacier NP

15. Juli:
Glacier NP

Sonntag, 16. Juli:
→ 500km nach Blue Lake/Washington
(über: Kalispell, Libby, Priest River/Idaho, Spokane/Washington)

 

Woche 5:

17. Juli:
→ 300km zum Mount Rainier NP/Washington

18. Juli/19. Juli:
Seattle (Besorgungen, night life, Tätowierung)

20. Juli:
→ 450km nach Florence/Oregon
(über: Portland, Lincoln City)

21. Juli:
→ 350km in die Redwoods NP/Kalifornien

22. Juli:
Redwoods NP

Sonntag, 23. Juli:
→ 400km nach San Francisco
(über: Eureka, Fort Bragg, Fairfax)

 

Woche 6:

24. Juli:
Berkeley (Besorgungen)

25. Juli:
San Francisco

26. Juli:
→ 500km nach Los Angeles
(über: San Jose, Monterey, Santa Barbara, Ventura, Westlake, Malibu)

27. Juli:
→ 250km zum Joshua Tree NP
(über: San Fernando Valley/Encino, Los Angeles, Riverside, Palm Springs) (Besorgungen, Wasser)

28. Juli:
Joshua Tree NP

29./30. Juli:
→ 200km zurück nach Los Angeles (Hollywood, Mulholland Drive, Long Beach)

Sonntag, 31. Juli:
Los Angeles (Santa Monica)
oder: Tijuana/Mexico

 

Woche 7:

01. August:
Los Angeles (New Temple Missionari Baptist Church, Inglewood)
(Austin Reaves Jersey scoren)

02. August: Los Angeles
(Auto abgeben)

03. August: Los Angeles → 04. August: Berlin

 

Und jetzt sitze ich also wirklich hier,
und keine zwei Kilometer entfernt
donnern die Great Falls
zwischen Maryland und Virginia,
während waghalsige Kanuten
darauf im Sturm reiten.
Die gucke ich mir aber erst morgen an.
Und dann folgt der nächste große Schritt:
Die Überquerung des Potomac River
in Richtung Westen.
Wie Washington damals.
Ach nee, das war der Delaware.
Da habe ich mich wohl auf der Karte verguckt.
Wird aber trotzdem legendär.
Alles.

 

 

 

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