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Von einem Land, in dem für immer Früüühling ist

von | 2026 | 6. Mai | Die Kurzgeschichten, Staffel 14 - Flipping The Script, Thalenser Kurzgeschichten

 

Hin und hergerissen zwischen dem Chat seines Lebens und seinem digitalen Notizblock stand der Brillenträger vor dem Gebüsch unterhalb der Nordtreppe des Klubhauses, die schon für mehr Einschulungs- und Hochzeitsfotos herhalten musste als jede der Kirchen der Stadt, auf der auch er seine Zuckertüte in die Kamera gehalten hatte, vor bald 40 Jahren, und musste sich jetzt von einem rechts weit offenen Influencer dabei filmen lassen, wie er versuchte zu erkennen, wer sich da alles oberhalb der Treppe, auf dem kleinen Vorplatz auf dem Dach der Kellerbar, zusammengerottet hatte. Er erkannte die üblichen Verdächtigen, die den Anwesenden innerhalb eines der großen Thalenser Herzen auch heute schales Bier ausschenkte, als gehe es nicht um die Zukunft des gesamten Landes. Daneben standen hauptsächlich ältere weiße Männer in hässlich bedruckten, zu engen T-Shirts an der Balustrade und lachten sich theatralisch über den bunten Haufen da unten unter ihrem Niveau schlapp. Der Brillenträger war auch dabei hin- und hergerissen, nämlich zwischen Lachen und Weinen, oder wie es eine neben ihm stehende Frau sagte: „Ich hab auch ein bisschen Hass.“ Ja, eine gewisse Wut zumindest wollte auch der Brillenträger sich eingestehen zu empfinden; das dämliche Grinsen der Zyniker hinter der Balustrade zog ihn auf unangenehme Weise an. Aber vor den vielen Gästen, die aus dem gesamten Umland zur Gegenkundgebung gekommen waren, wollte er seine gute Kinderstube dann doch nicht vergessen. Außerdem hatte er wenig Lust, zum nächsten Posterboy des Opfermythos der „Partei“ zu werden, die dort oben, hinter den Mauern des Klubhauses, ihre braune Soße über das Parkett schrubbte.
Sein Schwesterherz hatte aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, dass wenigstens weder der Bürgermeister, noch sein Vorgänger, der jetzige Landrat, ebenfalls auf der anderen Seite der Mauer saßen (sie hatten „besseres zu tun“), welche von denen da oben hinter der Balustrade so gerne eingerissen werden wollte. Zum Beispiel von diesem einen Ekelpaket von „Stadtrat“, der die heimliche Bürgermeisterin und ihren „bunten Haufen“ mit dem klassischen Grinsen eines jeden Emporkömmlings auf seiner vermeintlich gelungenen Wahlkampfinszenierung begrüßte. Na hallo! Und wie bunt der war! Bunter als der gesamte Harz in jedem gottverdammten Herbst! Das Who is Who der provinziellen Diversität. Alle mit einer Mischung aus Trotz, Entsetzen, Empörung, ein bisschen Schiss, ganz viel Mut und dem deutlich schöneren, weil Liebe statt Hass-Lächeln. Dazu ein Hauch schwarzer Block, einige gute Reden, mindestens eine Oma gegen Rechts, viel gute Musik, sogar zaghaftes Skandieren und ganz, ganz viel Kopfhochhalten.
Gegen 18 Uhr, die Veranstaltung drinnen sollte bereits 17 Uhr begonnen haben, füllte sich die Balustrade weiter. Jetzt stand, ganz vorn, den Bauch auf dem Gemäuer, einer der Top Drei Saalredner des Abends und hielt eine schlecht performte Gegenrede in den Wind, bei der sein weißer Doppelkinnbart verdächtig wackelte. Es wirkte schon fast zu inszeniert. Aber die Trommelgruppe ballerte seine „Worte“ einfach weg. Und noch bevor der Regen wieder einsetzte, und bevor der Spitzenkandidat der „Partei“ mit „Nazis Raus“ begrüßt wurde, lauschten alle hier unten vor dem Gebüsch noch der schönsten Rede des Tages: Eine junge Frau las einen Text vor, der Angst und Zuversicht perfekt ausbalancierte. Und wie auf Kommando zogen die älteren weißen Männer hinter der Balustrade ihre Bäuche ein und folgten ihrem Führer ins Klubhaus von Thale. Und ja, es hatte im Stadtrat eine Debatte gegeben. Und ja, es war darüber diskutiert worden, die Veranstaltung zu untersagen. Und nein, die Opferrolle sollte diese „Partei“ nicht spielen dürfen. Und ja, es gab in Thale noch gute Menschen. Und ja, es waren nicht sehr viele. Und trotzdem klang das letzte Lied am lautesten: Auf den Jahrhundertfrühlingssong von Soffie folgte eine in die Jahre kommende Neuinterpretation des deutschen Herbstliedes schlechthin. Und fast alle sangen mit: Wehrt Euch! Leistet Widerstand. Gegen den Faschismus hier im Land. Haltet fest zusammen, haltet fest zusammen. Der Brillenträger setzte den Chat seines Lebens auf dem Weg zum Auto im Regen fort; wann, wenn nicht jetzt?

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