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Ein weiteres Schreibtischsolo

 

 

„Eine Gesellschaft auf dem Gipfel ihres technischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Könnens stürzte. Sie stürzte tiefer als alles bis heute Bekannte. Weil weltanschauliche Fanatiker in eine Regierung eintraten. Wenn wir die Aufstiegsgeschichte der NSDAP wieder klarer sehen, statt sie zu verfälschen, wäre die Weimarer Republik ein einziges Frühwarnsystem gegen derartige Entwicklungen. Damals hat der große Meinungsumbruch in Sachen Nazis zum Knochen- und Wirbelsäulenbruch der Demokratie geführt.“

(Philipp Ruch: Der Rückfall. 2026)

 

 

Nur drei Minuten, nachdem sie der Zukunft ihren nächsten Versuch geschenkt hatten, saß der Brillenträger an seinem Platz hinter den Fenstern. Über den Dächern rund um den Markt strahlte ein schwer blauer Himmel, auf dem sich nur wenige Schlafschafe herumtrieben, und durch die Gassen schlenderten die Touristen als wäre immer noch Sommer; die ersten vergilbten Laubhaufen sammelten sich an den Bordsteinen. Am Vormittag hatten sie ihre zwei Kreuze gemacht und hatten dabei sogar das Wahllokal ausgerechnet mit den dümmsten, bemitleidenswertesten Vertreter*innen der lokalen Faschoszene geteilt. Der Brillenträger wünschte sich den Abend so sehr herbei, dass er bereits begonnen hatte, ständig und überall drei Kreuze hin zu machen. Er hatte die Schnauze so dermaßen voll von diesem Wahlkampf, dass er nur noch froh sein konnte, dass in weniger als drei Stunden (gerade hatte die große Marktglocke drei mal geschlagen) endlich alles vorbei war, und endlich niemand mehr eine Wahl haben musste. Aller guten Dinge sind drei, oder?

Bis dahin hatte er sich vorgenommen, endlich ein bisschen weiter an seiner ersten Rollenspiel-kampagne zu arbeiten. Am kommenden Tag der Deutschen Einheit, also in weniger als einem Monat, wollte die Party, die zwischenzeitlich um zwei Soldaten (Aasimar-Paladin und Ork-Barbar) angewachsen war, erneut ins Multiversum aufbrechen, also möglichst maximal weit weg von allem. Vor allem aber mal wieder weg aus dem Weltkulturerbe, im Harzkreis, in Sachsen-Anhalt. Selbstverständlich nur metaphorisch, und nur für einen Nachmittag, denn alles andere wäre ja Aufgeben gewesen, nicht Hierbleiben, sondern Weglaufen und die Verantwortung sich selbst überlassen. Außerdem hatte er der Wirklichkeit in letzter Zeit ein paar nette Ideen abgeguckt, die er irgendwie noch in das Abenteuer einbauen wollte. Zum Beispiel, dass sie in einem tief verschneiten Glasgow auf einen Wiedergänger von Batman treffen konnten. Oder in einem stürmisch grauen Berlin auf eine Figur, die wie Sandra Hüller aussieht, sich aber als Wolfgang Herrndorf verkleidet hat, Gesinnung: Chronisch Depressiv (hochfunktional). Oder in einer verqualmten Universitätsbibliothek an der US-Ostküste, auf Kelsey Mitchell, die ihnen verrät, warum sie nicht an den momentanen Basketballweltmeisterschaften teilnimmt (sie schreibt an ihrer Abschlussarbeit). Oder die Party müsste im Verlaufe des Abenteuers erkennen, dass die Map, die sie gezeichnet hat, ganz falsche Relationen hat und das deswegen ein ganzer Weltteil beinahe doppelt so groß sein musste. Aber keine dieser Ideen wollte so richtig in die Zeit passen. Dazu waren sie zu gut. Stattdessen überlegte er, ob er das Sonnenblumenhorrorlabyrinth noch einmal in den Schattensaum versetzen konnte, oder ob er sich das lieber für einen späteren Zeitpunkt, vielleicht den ihrer Rückkehr aus dem Multiversum, aufheben sollte. Er schloss diese Entscheidung jedoch nicht ab; eine Wahl zu haben wurde gerade zum kostbaren Gut. Nur die Farbe des kommenden Endgegners, die stand schon seit Monaten fest: Rot. Feuerrot.

Aber. Stattdessen musste er schreiben. Er konnte nicht anders. Nicht heute. Nicht an diesem Sonntag, als zu Ende ging, was ab Morgen nicht mehr wieder zu erkennen war. Er musste, weil wollte, was er konnte. Nur über die Art und Weise, wie er darüber schreiben sollte, war er lange nicht mit sich übereingekommen. Dann aber stellte er fest, dass ihm eigentlich nur noch eine Möglichkeit blieb.

 

Endzeiten, again
(Hidden Episode)

So,
ein letztes Mal,
wegen Gründen,
so richtig auskotzen.
Denn dieser Landtagswahlkampf
war ja wohl nichts anderes als
der absolut
abgefuckte
Abgesang
auf die Demokratie
in Sachsen-Anhalt,
so wie wir sie kennen.
Und ich darf dann
ab Morgen
mal wieder erklären,
wie es dazu kommen konnte;
dieses Mal aber immerhin in Echtzeit,
und von Anfang an;
Politische Schönheit,
deine Brille sitzt fest
auf der Nase
irgendeines Provinzlehrers.
Der sogar irgendwann mal
im Paulusviertel,
in Halle
(dazu später noch ein kleines bisschen mehr)
gelernt hat,
wie das mit dem Erklären
und das mit dem Deutsch
eigentlich wirklich funktioniert.
Dieses Paulusviertel
ist übrigens der einzige Wahlkreis
des gesamten Bundeslandes
für den ein grüner Direktsieg
prognostiziert wird.
Weitab davon aber,
also auf sämtlichen Spätsommer-Schützenfesten
in der Fläche des Landes,
ist die Sprache eine andere.
Stammtische und scharfe Waffen,
schon immer eine spitzen Idee.
Von da stammt übrigens auch
die schmissigste Parole,
die sich ein Nazischwurbler überhaupt ausdenken kann:
„Erststimme AfD,
Zweitstimme BSW,
damit
der Umbruch
auch sitzt.“
Schlimm,
ich weiß.
Und so unfassbar deutsch.

Apropos:
Bundeskanzler Friedrich Merz
besucht am Montag
das Auge des Sturms:
Quedlinburg!
hat noch Platz im Buch der Stadt.
Bei einem Auftritt unter Gewitterwolken
wird Merz am Montagabend dann
so deutlich wie er werden kann:
Das Land dürfe nicht
zum „Experimentierfeld von Wutbürgern“
werden.
Super, Fritz,
genau das wollten die
von Dir hören.
Was soll das sein?
Ein Antiwahlkampfauftritt?
Ist er sauer,
dass Siegmund
vor ihm hier gegrinst hat?
Danke, für nichts.

Gar keine,
beziehungsweise nur sehr wenige
deutsche Tassen
hat übrigens auch
der künftige Kultusdiktator Tüllschneider
noch im Schrank.
Für die hübscheste davon,
die mit dem roten Stern,
scheint er sich aber doch irgendwie zu schämen.

Nicht mal mehr zum Fremdschämen
reicht dann die Schamlosigkeit
der Dauergrinsebacke (mit den süßen Grübchen)
beim letzten TV-Duell
mit Bulldogge Schulze.
Wie man wiederum souverän
mit Druck umgeht,
zeigt gerade niemand beeindruckender
als eine Krankenschwester aus Quedlinburg.
Momentan gehört Suse bundesweit
zu den zehn bekanntesten Gesichtern
ihrer Partei
und ist auf dem besten Wege,
tatsächlich die Demokratie
doch noch retten zu können.
Ihre Präsenz nimmt dabei
(für provinzielle Verhältnisse)
fast surreale Züge an
(aber eigentlich ist sie ja auch aus Berlin):
Cem Özedemir verkündet in der Welt,
sie verstehe,
wie man aus „Nazis“
„gute Bürger“ macht.
Und dann schießt sie den Vogel
im besten Sinne
selber ab:
Im Zeit-Interview
mit niemand anderer
als der wahren Vordenkerin
der „Generation Wendekinder“
(geboren zwischen 1973 und 1984),
Jana Hensel,
stellt sie sich selbst
zu recht
als die größte (Brand-)Gefahr
für Ulrich Siegmund
und die AfD dar.
Und das gilt ab sofort
nicht mehr nur für Sachsen-Anhalt.

In Mecklenburg-Vorpommern
wendet sich das Blatt
aber wohl doch wirklich noch mal rechtzeitig.
Manuela Schwesig heißt dort die Frau,
die den Faschos in den Weg tritt.
So wie es „Marcant“ tut,
entweder live auf den Straßen der Provinz,
oder digital,
manchmal sogar in Klassenräumen
während des Unterrichts,
wegen Gründen.

Dass da übrigens
immer noch nicht so richtig kapiert werden will,
was geistige Verbrecher
wie Hanns-Thomas Tillschneider
gerne kapiert gehabt hätten,
zeigen die Jugendwahlen
in dieser Woche,
von denen es gleich zwei gab:
Bei der „U18-Wahl“
liegt Die Linke
deutlich vor
der AfD.
Wer die Jugend hat …
Die Ergebnisse der Juniorwahl
sind noch nicht veröffentlicht,
aber das Bild dürfte ähnlich,
wenn auch etwas „provinzieller“ ausfallen.

Die allerletzten Zuckungen
dieses Jahrtausendwahlkampfs
fühlen sich dann so an:
Der Spitzenkandidat der AfD
verliert bereits sichtbar an Zustimmung.
Und die viral gehende Geschichte
seines Parteifreundes, Phillipp-Anders Rau,
AfD-Direktkandidat im Jerichower Land,
hilft da auch nicht weiter.
Der ist nämlich vorbestraft
wegen Urkundenfälschung.
Außerdem
klaute er in Hotels
mehr als 100 Handtücher und Bettlaken.
Seine Entschuldigung:
Sorry,
er sei damals
kokainabhängig gewesen.
Darüber hinaus und sicher auch dadurch bedingt,
zeigte er auch besonderen Einsatz
in Pornofilmen.
Seine zentralen Themen im Wahlkampf
sind deswegen auch absolut folgerichtig:
„Sicherheit“ und „Ordnung“.

Und auch in den letzten Winkelgassen des Internets
treiben die halbbewusst rechten Trolle ihr Unwesen:
Der außerhalb seines Luftschlosses
schon lange wieder in Vergessenheit geratene Sagenerzähler
fabuliert am Vorwahlabend
ein neues Märchen zusammen:
Von einem Schelm,
der sich nichts böses dabei denkt.

Uli jedenfalls hat weiterhin gut Grinsen.
Er bedankt sich lautstark
bei Friedrich Merz,
beim Öffentlich Rechtlichen Rundfunk
und, übersymbolisch selbstentlarvend,
beim Spiegel.
Sein wirklich allerletzter Wahlkampfstunt
geht dann im landesweiten Jubel
über mindestens 15.000 AfD-Hasser*innen
auf dem Magdeburger Domplatz unter.

 

Drei Farben
(Hidden Story)

Vor einer improvisierten Bühne auf einem Kleinlastwagen, die in Hörweite zum Domplatz aufgebaut wurde, stand der Brillenträger als einziger und diskutierte mit dem Redner. Ob er das gerade richtig verstanden hätte, auf dem Domplatz seien Deutschlandfahnen „verboten“? Ja natürlich seien die das, dort stünden ja auch nur schwule Antideutsche. Woher der Redner das denn so überzeugt wisse? Na, man solle doch nur ins Internet schauen. Der Brillenträger zückte sein Handy. Ja, vielleicht nicht wirklich verboten, sondern „nicht erwünscht“. Das wäre ja aber doch ein ziemlicher Unterschied? Nein, wieso denn? Wo solle da ein Unterschied bestehen? Na ja, zum Beispiel bei der Strafbarkeit. Wer würde denn da drüben verhaftet, wenn er eine Deutschlandfahne hissen wollte? Das da drüben? Das sei ja wohl nicht mehr Deutschland! Mindestens ein paar Farben zu viel, und vor allem kein Schwarz! Das wäre ja wohl „Buntland“! Der Brillenträger hielt einen Daumen nach oben: „Gut erkannt!“
Auf dem Domplatz hatten alle Angst. Und deswegen sagten sie sich auch ununterbrochen gegenseitig, dass sie keine hätten. Wut, diese kratzige Kuscheldecke der Angst, konnte immer noch so schöne Gesichter haben. Die wenigen hässlichen, die keine anderen als höhnische Worte dafür finden konnten, übersahen sich leicht. Die Stimmung war gut, sie waren mehr, so viel mehr; Die Alternativdemos rings um den Platz waren spärlich besucht, in ihrer Mickrigkeit und aufgesetzter Ernsthaftigkeit schon fast lachhaft. Die Musik auf dem Platz hielt die Massen bis weit nach Sonnenuntergang.
Der Brillenträger war da aber schon wieder zu Hause, eine Landeshauptstadt, besonders Magdeburg, macht immer schnell wieder Lust auf die eigentliche Heimat. Und statt nach Halle zu fahren, wo sich der 2.000 Menschen große Schwarze Block nach seiner antifaschistischen, und nur antifaschistischen Demo wieder aufgelöst hatte, fuhr er mit dem Bus nach Halberstadt, von wo er mit nach Hause genommen werden würde. Im Bus las er ein kompliziert klingen wollendes Dossier über die komplexe Bevölkerungspsychologie des deutschen Ostens. Zu Wort kamen darin ausschließlich hochprivilegierte Alt-Intellektuelle, die sich ihre Köpfe über den weniger schlauen Rest zerbrachen, wobei sie sich nicht einmal dumm vorzukommen schienen.
Kurz bevor er mit den anderen endlich am Tisch sitzen und essen konnte, versuchte er ein letztes Mal zu begreifen, womit der AfD-Spitzenkandidat seinen Wahlkampf abgeschlossen hatte: Das Video zeigt einen grinsenden Ulrich, der sich darüber empört, dass hinter ihm gerade eine riesige Deutschlandflagge vom Pflaster des Magdeburger Domplatzes geschrubbt wird. Viel dümmer ließ sich den Kartoffeln kaum noch Angst machen vor der eigenen Auslöschung. Politik war mal wieder auf drei Farben reduziert. Für 40% reichte das. In Sachsen-Anhalt. Im September.

 

Und damit schnell,
aber wirklich schnell,
zur Hintergrundmusik;
in weniger als einer Stunde
schließen die Wahlokale.
Der Endzeit-Sound
liest sich heute unter anderem so:

– Die Finanznöte der Pflegeversicherung
spitzen sich angesichts stark steigender Ausgaben weiter zu.
In der ersten Hälfte dieses Jahres
lief ein Defizit von 770 Millionen Euro auf,
wie der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen mitteilte,
der auch die Pflegekassen vertritt.
Verbandschef Oliver Blatt sagte,
die Pflege sei akut in Not:
„Es herrscht Alarmstufe Rot.“
Die Politik müsse nun schnell handeln,
denn in wenigen Monaten sei „das Geld alle“, so Blatt.
Danach ist voraussichtlich
schon im Oktober
der Punkt erreicht,
ab dem die Einnahmen nicht mehr reichen dürften,
um die Pflegeleistungen voll zu finanzieren.
Bis zum Jahresende brauche es dann nochmals 500 Millionen Euro.

– Inflation steigt weiter (2,9)

– VW macht erst eine nebulöse Ankündigung,
und verkündet dann: 50.000 Jobs weg,
vier Werke frei zum Verkauf
(an die Rüstungsindustrie).

– endlich wieder Linksextremismus!
Umspannwerk in Bergheim,
NRW fast explodiert,
Stromleitungen in Jänschwalde attackiert,
oder doch Russland?
(die eine Drohne da, in Leipzig,
die auf jeden Fall!),
Attacke auf Rüstungsunternehmenbaustelle in München,
Sabotageversuch in Dormagen!
Überhaupt: 160 Versuche seit Jahresbeginn!
Ja, warum wird aber auch gerade jetzt
über jeden einzelnen groß und breit berichtet?
Dobrindt stellt klar: „Klimaextremismus“

– Das niederländische
Institute of Mental Health and Addiction (Trimbos Institute),
gibt eine Warnung vor hochgefährlichen Extasy-Varianten heraus:
Die neuen Pillen sind geformt
wie der Kopf des Frisurensohns.

– Trumps Öl Deal mit Venezuela
klappt auch nicht (1/5 an die USA??)

– J.D. Vance verrichtet derweil
„Gods Work,
and if that leads to the End Times, okay.“
Ihr habt richtig gelesen.

– die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan
schließen sich zur „Mekka-Verteidigungsallianz“ zusammen,
in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad soll ein Sekretariat entstehen,
der erste Generalsekretär soll ein pakistanischer Vertreter werden.
Was genau die drei Staaten in ihrem Abkommen,
das die Staats- und Regierungschefs
bereits Anfang August in Mekka unterzeichneten,
vereinbart haben,
ist aber nach wie vor nicht bekannt.

– Laut der sehr unternehmerfreundlichen
Organisation Council of the Americas
liegt die Zustimmung
zum argentinischen Kasper-Präsidenten Javier Milei
bei gerade noch 24 Prozent.
62 Prozent sind mit seiner Politik unzufrieden,
drei Prozent haben keine Meinung dazu.
Nun versucht der „Libertäre“,
der ohne Milliardenhilfe von Donald Trump
Argentinien längst in die Staatspleite getrieben hätte,
mit einer neuen Falkland-Eskalation
von seinen katastrophalen Umfragewerten abzulenken.

– China zieht davon.
Billige Sonnenenergie,
Export der weltweiten Elektroinfrastruktur,
billige extrem leistungsstarke KI.
Das hätten wir sein können.
Stattdessen diskutieren wir
immer weiter das Verbrenner-Aus
und das Kernenergie-Aus.

Und das diskutieren wir
ausgerechnet mit
der AfD.
Willkommen zurück in Sachsen-Anhalt.
Es ist das Jahr 2026.
Es ist der 6. September.
Es ist 18 Uhr.

 

Der Brillenträger war dann doch nicht drumherum gekommen, der Aschenbecher war bereits übervoll, aber um die kommenden Stunden zu überstehen, hatte er nochmal zum Automaten um die Weltkulturerbeecke gehen müssen. Die Touristen saßen in den Lokalen, wandelten über das Kopfsteinplaster, fanden alles so schön wie sie es immer fanden. Als ob der direkt bevorstehende Rückfall sie einfach nichts angehen würde. Begeisterung konnte ebenfalls nur eine Decke sein, der Angst war es egal, womit sie zugedeckt wurde. Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich auch nicht, sie flieht für immer vor ihrem Schatten, und manchmal holt er sie ein.
Punkt 18 Uhr, am 6. September schaltete der Brillenträger den Ton zum Livestream aus Magdeburg dazu. Die letzten Stunden des mdr hatten begonnen.

 

Screen Violence 2.0

So.
Was haben denn nun alle die gesagt,
die bei allen Umfragen
nicht alle gefragt wurden?
Der mdr bringt sofort
die erste Prognose:
Horror.
44+ für die AfD.
CDU deutlich unter 20.
9 für die Grünen.
Das BSW vielleicht drin.
Spannender wird’s nicht.
77% Wahlbeteiligung!
Immerhin.

Uli darf als erster:
Geschichte geschrieben.
Endlich wieder das eigene Land.
Frontalangriff auf Berlin,
und auf Merz.
Er wirkt nicht mal wie auf Kokain.
Schließt erstmal alles aus,
reicht der CDU aber die Hand,
wenn sie wieder so wie früher werden.
Als die CDU-Generalsekretärin danach gefragt wird,
rudert Uli sofort kopfschüttelnd zurück.
Die CDU stellt klar:
Fällt sowieso aus.
Uli kommentiert:
Deutschland!
Berlin!
Ob Merz jetzt wieder zur Diskussion stehe?
Welche Diskussion?
Es fällt uns höchstens schwer,
die Leute emotional zu erreichen,
das wiederholt Frau Oppermann
ausdrücklich.

Die Linke schüttelt,
an Resignation gewöhnt,
den Kopf.
Ein schwarzer Tag.
Die Umfragen weit verfehlt.
Aber wir stehen weiter zusammen.
Auch mit der CDU,
wegen Demokratie.
Den Seitenhieb
gegen Siegmunds Grinsen
lässt sie sich nicht nehmen.
Auch die Erinnerung an gestern
(Magdeburger Domplatz)
hält sie nochmal hoch.

Die SPD ist erstmal „stabil dabei“,
es wird sich sogar noch getraut
zu klatschen,
für irgendwas zwischen 5 und 10 Prozent.
Die Linke steht noch daneben,
profiliert sich notwendigerweise.
Und alle warten auf Suse.

Trotzdem darf das BSW
erstmal noch Angst haben,
5% ist noch 50:50.

Und dann doch
schon Schulze:
Demokratie!
Gratuliere zum Wahlsieg.
Uns bleibt nichts anderes übrig,
als damit umzugehen.
Wahlkampf war historisch,
historisch scheiße,
weil „Niederlage.“
Aber nix schwarzer Tag,
Demokratie!
Langer Applaus.
Der mdr bleibt lange drauf,
Schulze war sichtlich getroffen.

Jetzt Suse.
Wird von Barnacak gedrückt,
sieht ehrlich überrascht aus.
Spricht aber nicht
als erste beim mdr.
Das macht der Felix.
Bestes Ergebnis ever in Sachsen-Anhalt!
Hörst du das, Suse?
Immerhin wird Suse gelobt,
vom Felix.
Und dankbar isser auch,
für so Leute wie mich,
die ihre Stimme hergegeben haben.

Die Erste Hochrechnung
kommt um halb Sieben:
CDU: 18,5
AfD: 44,5
Linke: 9,4
SPD: 8,2
FDP: wer?
Grüne: 8,9
BSW: 5,0
Und damit hat das Endgame begonnen:
Der Stammtisch könnte regieren (44 Sitze für AfD und BSW).
Oder eine von links tolerierte Minderheit.

Wahrlich, mdr,
das sind spannende Zahlen.
Aus Berlin wird Philipp Amthor zugeschaltet,
der auch persönlich der AfD
entgegentreten möchte.
Über den Kanzler
wird hier aber nicht diskutiert.
Dann dichtet er der AfD
einen Kriegsfuß mit der Demokratie an.
Eine Staatskrise sieht er auch nicht.

Dafür Suse,
vor der Kamera.
Freude oder Schreck?
Schwierig für uns.
Jetzt Hoffnung.
In uns.
Danke Zivilgesellschaft.
Bitte, gern.
Die Grünen bleiben
der Antagonist der Rechtsextremen
im Landtag.
Word.
Als letztes,
das wichtigste:
Das Klima.
Geil,
wenn das noch
so unironisch klingen kann.
AfD-Erfolg auch wegen Personenkult.

Auftritt Alice Weidel,
die rückt sich den Kragen nochmal zurecht.
Historisch,
sensationell,
Regierungsauftrag.
Uli hat auch klar gesagt,
er hat die Hand draußen
(sah kurz gar nicht so aus).
Szenario:
Die AfD pickt sich einfach
Abgeordnete der CDU raus.
Der Spaltpilz wuchert.
Soll die CDU mal ruhig so weiter machen.
Die Menschen verlieren das Vertrauen.
Die CDU wird niemals wieder
eine Wahl gewinnen!
Der mdr lässt sie ausreden.
Wegen Brandmauer.
Und BSW?
Ist spannend,
interessant.

Und da kommt es auch schon,
in Form der Spitzenkandidatin Wittig:
Inhaltlich werde immer „richtig“ entschieden.
Sowas gefällt der Alice.
Und was ist mit dem Verfassungsschutz?
Rechtsextreme Partei und so?
Wittig findet den Verfassungsschutz
eh nur so mittel.
Weidel wird richtig geil:
Was ist eigentlich der Verfassungsschutz?
Schädigung des politischen Gegners!
Und was ist eigentlich mit der SED?
Sie klingt nach dem einen
halben Glas Weißwein zu viel.
Würde das BSW
den Siegmund wählen?
Ausweichen kann also auch souverän gehen.
Alice schiebt noch mal:
Wir machens mit allen,
die es so machen
wie wir wollen.
Wittig will den Siegmund
jetzt aber doch nicht wählen.
Irgendwas überparteiliches wär doch schön.

Zurück nach Berlin,
der Kanzleramtschef (CDU)
schaut bedrückt.
Seine erste Einordnung:
Wir müssen damit umgehen,
dass die Faschos am Drücker sind.
Aber was ist denn nun so schiefgelaufen?
Die Antwort kennen wir:
Wir haben die Menschen nicht erreicht.
Auch Frei wird auf Merz angesprochen.
Natürlich:
Nein, keine Diskussion bitte.
Wir bleiben stabil.
Ansonsten gucken wir
jetzt erstmal,
woran es denn nu jelejen hat.

Nach einer Stunde schon
ist der Horror dann erstmal vorbei,
das mdr zeigt
Bilder
von der Straße:
„Endlich
bekommt
die Bande da oben
ihren Denkzettel.“
Der Osten hat gewählt.
Die zweite Hochrechnung
bestätigt nur
den nächsten Horror.

 

Zwei Stunden nach Wahlende waren die Ergebnisse aus Halle und Magdeburg noch nicht Teil der Hochrechnungen, die ersten repräsentativeren, weil echten Zwischenergebnisse kamen aus der Fläche, unter anderem aus Aschersleben: 55% für die AfD. Oder eben aus Quedlinburg, genauer gesagt aber zunächst nur aus Weddersleben: 60% für die AfD. Da ging also noch was, würden erst die Ergebnisse aus seinem Kiez dazugezählt. Sagte sich jedenfalls der Brillenträger, den letzten Strohhalm aber eigentlich schon weggeschmissen.
In der Reiche betrauerten gerade die feierwütigen Reste des Demokratischen Widerstands die Wiederauferstehung der Hoffnung, das dafür aber bis spät in die Nacht. Und das obwohl ja morgen erst der wirkliche Kampf beginnen sollte. Am Arbeitsplatz. In den Schulen. In den Werkstätten. In den Vereinen. Auf den Baustellen. In den Ämtern. In den Familien. In den Köpfen. Der Kampf zwischen Zukunft und Vergangenheit. Der Kampf zwischen Versöhnung und Rachsucht. Der Kampf zwischen Hybris und Demut. Zwischen uns selbst. Hals- und Wirbelsäulenbruch! Wie lange sollte es dauern, bis zur ersten Straßenschlacht des aufziehenden Bürgerkriegs, die zweiten Zwanziger in Folge? Blieb ihnen denn noch eine andere Wahl? Der Brillenträger beendete seinen Kampf mit dem Pathos mit einem Blick auf die letzte Hochrechnung; momentan noch nicht. Der Rückfall war da.

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