Bild: Say my name.
„And every book you take
and you dust off from the shelf
has lines
between lines
between lines
that you read about yourself.
But does a light shine on you?
And when your friends are talking
you hardly hear a word.
You were the first person herе.
And the last man
on the Earth.
But does a light shinе on you?“
(Wolf Alice: The Last Man on Earth. 2021)
„Dein letzter was?“
„Meiheißan.“
„Kannst du wirklich nicht deutlicher?“
„Doch, das tut dann aber mehr weh.“ Der Brillenträger presste den Kühlakku an seine linke Wange.„Müss’n ja nich ewich telefonier’n.“
Das Almänchen brummte zustimmend: „Klar. Wollt nur noch mal sagen: War echt cool am Samstag. Danke nochmal.“
„Danke für’s Mitspielen. Biste nächstes Mal auch wieder mit dabei?“
„Kannste dich drauf verlassen! Muss doch wissen, wie es weitergeht mit, äh, wie hieß es noch mal? Anthrax?“
„Alter! Du musst echt besser mitschreiben. Beim nächsten Mal lachen die Nerds dich aus für sowas. Unwissenheit wird nur bei Anfängern toleriert. Ab Level Zwei sollte man die meisten Gags schon verstehen, sonst weiß man schnell nicht mehr, wovon die alle reden. – Aua, das waren zu viele Worte hintereinander.“
„Ja, schon verstanden. Ich mache meine Hausaufgaben. Kannst mir ja mal ne Liste schicken, damit ich mich wenigstens nicht bei den Klassikern blamiere.“
„Mach ich gern. Aber zumindest einen Film kannst du ja jetzt schon mal nachholen die Tage. Wetter is ja eh dürftig.“
„Den mit Lady Almathea, ja?“
„Ah, doch aufgepasst! Genau den.“
„Und apropos weitermachen, das wollte ich dich eh schon länger mal fragen, dann hören wir auch auf, damit du deine große Klappe ausruhen kannst. Wie läuft eigentlich dein Internetliteratur-dings? Jagst du noch dem Traum von den Bestsellern der Jahre 2030 bis 2039 nach?“
Der Brillenträger zögerte nicht, auch weil er so schnell wie möglich antworten wollte, das Reden machte sich in seinem Kiefer immer bemerkbarer, die Narkose ließ langsam nach, seine Oberlippe begann bereits zu kribbeln: „Bestseller hast du gesagt. Mir würde immer noch der Ruhm der Nachwelt reichen. Läuft aber gut. Schreibe inzwischen etwas entspannter. Haste mal wieder was gelesen?“
„Sporadisch. Ist immer so dicht. Aber ich bleib dran. Also immer noch keinen Bock auf Rampenlicht?“
„Exakt.“
„Und was is mit KI?“
„Wie meinst du das?“
„Na, du könntest doch ganz einfach … “
„Könnte ich nicht.“
„ … lass mich doch mal ausreden! Du könntest doch schon vorschreiben!“
„Hä?“
„Na einfach prompten, dass die KI sich mal Gedanken machen soll, wie eine Episode im nächsten Jahr um diese Zeit aussehen könnte.“
„Klar, ich könnte sie auch einen Roman darüber schreiben lassen, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn es bald gar keine Bücher mehr gibt, zumindest keine von echten Personen geschriebenen.“
„Das Letzte Buch! … Oder wär das als Titel zu platt?“
„Nö. Wenns stimmt? Ich schick dir mal was, was einen super Rahmen dafür abgeben würde, und dann lege ich auf. Ich glaube ich muss mal schauen, wie viel Schmerzmittel ich noch da habe. Bis bald!“
„Mach das! Und mach’s gut!“
„Schätzungen gehen von bis zu 700.000 betroffenen Titeln in Deutschland aus. Weltweit könnten es mehrere Millionen Bücher sein: Seit einigen Monaten berichten Antiquariate und Buchhändler in Europa von einem neuen Phänomen: Vergriffene Bücher werden in großen Mengen aufgekauft – automatisiert, systematisch und offenbar nach festen Kriterien. Die Bestellungen gehen nachts ein, umfassen teils Hunderte oder Tausende Titel und folgen einem auffälligen Muster. Meist werden ältere Sachbücher, Fachliteratur oder sogenannte Lagerleichen erworben und von jedem Titel nur ein Exemplar. Im Zentrum der Diskussion steht das kanadische Unternehmen Zoom Books. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet sein Vorgehen als reguläres Handels- und Recyclingmodell. Aus Sicht der Antiquare passen die gekauften Mengen, die Auswahl der Titel und die dahinterstehende Logistik nicht zu üblichem Buchhandel. Zudem zeigen Fotos aus Lagerhallen Bücher, die teilweise unsortiert in große Container geworfen werden. Händler gehen daher davon aus, die Bücher könnten digitalisiert und als Trainingsmaterial für KI-Systeme genutzt werden. Als möglicher Hintergrund gilt die zunehmende Knappheit hochwertiger Trainingsdaten. Viele KI-Modelle wurden bereits mit großen Mengen frei verfügbarer Online-Texte trainiert. Gefragt sind daher Inhalte, die online kaum verfügbar sind. Branchenkenner vermuten auch, dass Unternehmen versuchen könnten, ein Schlupfloch im US-Urheberrecht zu nutzen. Die Theorie lautet, dass ein physisch erworbenes Buch eingescannt und anschließend vernichtet wird. Dadurch könnte argumentiert werden, dass keine unrechtmäßige Kopie des Originalwerks mehr existiert und die Nutzung unter das Fair-Use-Prinzip fällt. Kurzfristig profitieren Antiquariate zwar von den zusätzlichen Verkäufen. Langfristig befürchten Händler Auswirkungen auf den Gebrauchtbuchmarkt. Antiquariate sind Teil eines Kreislaufs, in dem Bücher über Jahrzehnte weitergegeben, gesammelt und wiederentdeckt werden. Werden Werke stattdessen digitalisiert und entsorgt, könnten sie aus diesem Kreislauf verschwinden.“
Welches Buch würde in dieser Zukunft wohl das letzte sein, das im Feuer landet? Wer hätte es geschrieben? Wer verlegt? Wer verkauft? Wer eingescannt? Wer verbrannt? Der Brillenträger notierte sich diese Fragen für irgendeine Fortsetzung seiner ersten eigenen D’n’D-Kampagne; warum nur von einem Phänomen das letzte? Warum nicht von allen? Ging die Welt denn etwa doch nicht unter?
Das Almänchen hatte der Brillenträger erst am Freitag vor dem ersten Sommerferiensamstag zur Party eingeladen. Die anderen Gründungsmitglieder*innen hatten sich schon seit Wochen auf den Kampagnenstart gefreut, aber einige hatten erschöpfungsbedingt absagen müssen. Also hatte er dem Almänchen nur einen kurzen Abriss des Spiels gegeben und ansonsten eher Spannungsregenbögen gebaut als wirklich etwas zu verraten oder näher zu erklären. Dabei hätte er am liebsten allen seit Wochen schon erzählt, wer die eigentliche Hauptfigur des Abenteuers werden sollte. Dass es dabei nicht nur um Eskapismus gehen sollte, sondern um idealisierte Realitäten, wo das Gute auch mal gewinnen darf, wo Einhörner immer noch super selten sind, aber wo es wirklich welche gibt, und wo blaue Augen so unheimlich leicht zu lieben sind.
Als das Almänchen ihn an ihren letzten gemeinsamen größeren „Fluchtversuch“ erinnert hatte, hatte der Brillenträger nur schnell eine weitere irrwitzige Geschichte über die „Smithereens aus Quedlinburg“ erfunden (Europa- und anschließende US-Tour, seitdem mit Einreiseverbot in allen Ländern belegt, totale Herrschaft von Facebook bis TikTok, dann der erwartbare Drogenabsturz in Mehrfachdepressionen, Trennung, Wiedervereinigung, Auftritt im Olympiastadion, Karriereende vor 80.000), war dann schnell dazu übergegangen, vom neuen Bandenreffpunkt, einer Wohnung am westlichen Ende der Bockstraße, zu schwärmen (beste Gastgeberin, Spieltisch in Idealgröße, Rauchen am Tisch ebenfalls erlaubt), um dann darüber zu referieren, dass für die anstehende „Wanderung“ kein Tisch groß genug hätte sein können, aber viele viel zu klein. Das Almännchen hatte am Ende nur noch eins sagen können: „Okay, dann lass ich mich mal überraschen.“
Vorgestern dann, am Samstag, waren auch die letzten aufgeheizten Fachwerkhausdachgeschoss-wohnungen wieder auf Normaltemperaturen abgekühlt. Der Sommer hatte dennoch jetzt schon beste Chancen, der heißeste Sommer des gesamten Jahrzehnts (und also des bisherigen Jahrhunderts, und also der bisherigen Zivilisationsgeschichte) zu werden, auch weil nur noch drei Sommer kommen konnten. Seit Mitte Juni gab es jeden Tag 30+°C, meist schon ab dem späten Morgen. Der erste harte Hitzedom des Jahres hatte dann für fünf Tage bis zum Ende des Junis über dem gesamten Land gestanden. Das schwerste aller Unwetter. Gemessen an den Opfern war dagegen jeder Hurrikan harmlos. Es hatte Allzeitrekorde gehagelt, 26. Juni: 41,3°C in Saarbrücken, 27. Juni: 41,5°C in Drewitz, 28. Juni: 41,7°C in Neißemünde; das öffentliche Leben war weitestgehend zum Erliegen gebracht worden. Es war als heißestes deutsches Wochenende überhaupt aber bereits schon wieder Geschichte, und die nächste Hitzewelle war kaum noch eine weitere Woche entfernt. Rekorde aus anderen Teilen der Welt hörten sich gar nicht mehr so weit weg an: Bretagne: 43°C, Nordindien: 45°C, Irak: 51°C, alles gemessen nur zwei Tage nach Sommeranfang. Besonders die Nächte hatten den Menschen zugesetzt, an einem Ort in Sachsen waren die Außentemperaturen bis zu einem frühen Morgen nicht unter 30°C gefallen.
Aber weder die ungezählten Wald- und Feldbrände noch die ungezählten Hitzetoten konnten die Stimmung irgendwie eintrüben: Noch war Deutschland nicht bei der Fußballweltmeisterschaft im Sechszehntelfinale ausgeschieden! Der US-Präsident hatte sich noch nicht zum Vorteil der USA in Schiedsrichterentscheidungen eingemischt. Nein! Hitzefrei an allen Schulen!; Das Klietz, schon kurz davor, das Prinzenbad des Galgenbergkiez’ zu werden, platzte ab dem Mittag aus allen Schweißnähten. Und so hatte auch der Brillenträger leichten Herzens die Fortführung seiner Chronik ein weiteres Mal verschoben, denn auch echte Einhörner lernen das Schwimmen nicht im Winter.
Worüber er sonst auch hätte schreiben müssen, bot ihm erneut genug nur wieder mehr als genug Anlass, alles andere als traurig darüber zu sein: – Im UK schmeißt der nächste Premierminister hin, sein Nachfolger übernimmt direkt dessen Amtsbonus. – Jens Spahn wird als Mitglied der „Dialog Society“ (Peter Thiels geheimster Arschloch Club) enttarnt. – Nach dem schweren ukrainischen Drohnengroßangriff auf Moskau bleiben die Fronten verhärtet wie eh und je. – Trumps Unterschrift unter einem Memorandum zu Friedensverhandlungen in Versailles (in den USA gerne mit dem OG Versailler Vertrag verglichen) ist kaum getrocknet, als es im Iran, im Libanon, im gesamten Nahen Osten einfach weiter knallt. – 25. Juni: Jahrhunderterdbeben in Venezuela (Caracas betroffen, nach 14 Tagen mehr als 4.000 Tote geborgen) – Abends immer Fußi. – 1. Juli: Skywalkers auf dem Empire State Building; Es geht dann leider doch nur um Personen und nicht um die Message („If the power of love beats the love for power the world will know peace.“). – USA250 (4th of July): – „Der Reflecting Pool ist für die Öffentlichkeit geschlossen. Übergewichtige Nationalgardisten gehen in Gruppen darum herum. Werden sie zu langsam, brüllt ein von einer Künstlichen Dummheit gesteuertes automatisiertes Sicherheitssystem: „Gehen sie weiter! Herumlungern ist illegal!“ Die „Great American State Fair“ ist das perfekte Symbol für den Trumpismus. Wie auch der Reflecting Pool, wurden das Gelände und die „Gebäude“ darauf von der Mafia errichtet. Deswegen ist alles aus billigster Pappe und aus Plastik. Es gibt nichts zu sehen, was man bei jedem besseren amerikanischen Dorffest sonst zu sehen kriegt. Alles wirkt potemkinsch. Der Plastik-Triumphbogen hat Risse und schwitzt Spachtelmasse. MAGA-Wahnsinnige stehen Schlange, um sich vor einem Transparent ablichten zu lassen, das fordert: „Make Trump King!“; Sie tragen MAGA-Hüte und US-Fahnen, hochverräterische Konföderierten-Fahnen und murmeln irgendwas von irgendeiner „Konstituschn“, die sie offensichtlich nie gelesen haben. Große Gruppen maskierter Neonazis treffen gerade in Washington D.C. ein. Ein schwarzer Mitarbeiter der öffentlichen Verkehrsbetriebe muss den weißen Herrenmenschen zeigen, wie man durch ein U-Bahn-Drehkreuz kommt, weil die Landeier noch nie zuvor eines gesehen haben. (Im Anschluss entsteht eines der bekanntesten Memes des Tages: Eine U-Bahn-Waggon voller Neonazis der „Patriot Front“, maskiert mit weißen Sturmhauben. In der Mitte, als einzige sitzend, eine junge schwarze Frau. Rosa Parks zieht im Grab an ihrem verrotteten Haar. Anm. d. A.) Es hat 45 Grad im Schatten und auf dem riesigen Gelände der State Fair sind keine Wasserflaschen erlaubt, ja sogar Sonnenschutz ist verboten. Trump plant, eine stundenlange Rede in der Hitze zu halten.“ (Bernhard Torsch) Dann: Die Parade wird abgesagt! Hurrikanwarnung! „Am Abend gehen in Washington D.C. 850.000 Feuerwerkskörper in die Luft (und das sind „nur“ die, die Regierung zündet). Die Feinstaubbelastung und die Brandgefahr sind riskant hoch.“ Trumps Rede wird verschoben, das Gelände wird vorübergehend evakuiert, er selbst ruft zum Bleiben auf, „Stürme bringen Glück“. „National Guard troops were filmed flipping over picnic tables trying to clear the grounds. Some families gave up and went home furious. Others screamed at Secret Service service and other federal officials.“ Trump würde auch erst nachts um Zwei reden: “If they can storm the beaches on D-Day, I can deliver a speech.” (Except D-Day was delayed a full 24 hours because of bad weather. Eisenhower waited it out.) Trump hat Paradoxien durchgespielt. Die „Patriot Front“ marschiert; Fußvolk bleibt Fußvolk. – Austin Reaves klappt auf dem Golfplatz zusammen, als er erfährt, dass er der höchstbezahlte ungedraftete Spieler der NBA-Geschichte ist; der Captain bleibt in Los Angeles. – Der King geht. – Es kann also doch nur einen geben.
Die Faschoneuigkeiten hatte sich der Brillenträger aber für das Spiel aufgespart, das bereits kurz nach dem Mittag beginnen sollte. Als er vor einigen Wochen die ersten Karten für das heutige Abenteuer gezeichnet hatte, war ihm schnell die Idee gekommen, nach der Eröffnungsszene auf dem Quedlinburger Marktplatz eine Runde „Nazis Boxen“ zu spielen. Und dafür eignete sich dieser Samstag, 4. Juli, ebenfalls hervorragend: In der vergangenen Woche hatte ein weiteres juristisches Gutachten (der Gesellschaft für Freiheitsrechte) sehr eindeutig dargelegt, was alles für ein AfD-Verboooo-ho-ho-hot sprach; Spoiler: Zu viel. Außerdem hatten Siegesschwund und der männliche Bundesparteischef in Berlin zum Auftakt des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt astreine Flügel-Reden auswendig gelernt, und besonders erstgenannter hatte dabei kein Blatt mehr vorm Mund. Der „Sexiest Nazi Alive“ forderte, in eine hell cremefarbene, eng anliegende Hose und einen eng anliegenden zartrosafarbenen Hauch von Pulli gekleidet, die Abschiebung von Millionen. Am nächsten Abend sprach er vor Millionen bei Markus Lanz, übte aber eigentlich nur seine Ausreden (Die da oben in Berlin!). Und als Höhepunkt der Geschichtsträchtigkeit fand an diesem Samstag, 4. Juli, auch noch der AfD-Bundesparteitag statt. Exakt einhundert Jahre nach dem ersten NSDAP-Bundesparteitag (nach der Aufhebung des Verbots) in Weimar, und zwar in Erfurt; die beiden Städte liegen eine halbe Bundestraßenstunde voneinander entfernt. Etwa 40.000 Gegendemonstranten versuchten die umliegenden Zufahrtswege zu blockieren, doch die Thüringer Polizei gab den anreisenden Faschos freies Blaulichtgeleit. Worum es denen wirklich geht, machte dann Björn Höcke gleich zum Auftakt in seiner Eröffnungsrede klar: Heilung. Und zwar vom Antifaschismus.
„Und die dürfen wir jetzt so richtig fertigmachen?“ Das Glänzen in den Augen des Riesen am Tisch erhellte die dunkelbraune Karte vor ihnen. Nach zwei Stunden hochlustigem Roleplay-Trouble auf der ersten Karte des Tages (und einer dort bereits enthaupteten Nazi-Figur) stand die Party vor den Treppen des Quedlinburger Rathauses. Sämtliche umliegenden Gebäude waren seltsamerweise geschlossen, sogar die Marktkirche. Ihnen schallten kratzige Klänge aus einer kleinen Blurtooth-Box entgegen: „Antifa! Ihr könnt mich mal! … Nicht besser als Faschisten!“ – Und damit war der Fight auch schon eröffnet. Ohne großes Federlesen lagen eine gute halbe Stunde später fünf monströse Faschos leblos und entehrt auf dem braunen Tonkarton. Die Party kannte kein Erbarmen. Die dadurch verloren gegangenen Erfahrungspunkte (fragwürdige Brutalität der Helden) verschmerzten sie mit einem Schulterzucken, das war es wert gewesen.
Und als sie danach gemeinsam die nächste Karte betraten, wurde das Versprechen ihrer neuen Begleiterin, einem Tieflingsmädchen mit Wolfsohren, umgehend wahr: Der Ausweg aus der Hölle des Zeitgeistes führte durch einen langen und verwinkelten Gang im Schattensaum: Der erste Crawl der Party dauerte fast drei Stunden. Am Ende standen sie gemeinsam am Eingang zur Feenwildnis, hatten den Kampf mit dem ersten Drachen des Abenteuers erfolgreich vermieden, und neben ihnen stand nun die eigentliche Hauptfigur der Kampagne, welche sie während ihrer Flucht wie nebenbei aufgesammelt hatten; nur ein neuer Name fehlte ihr noch (mit ihrem alten hatte der DM andere Pläne..). Das Raten übernahm die Waldläuferin, der Barde war dafür zu müde, der Riese zu jung. Nur der Zauberer konnte noch helfen; eine Party funktioniert nie allein. „Aber ist Artax nicht ein Männername?“ Die anderen schauten den Zauberer verwundert an. „Sach ma, Schemdrik, müsstest du das nicht selbst am besten wissen?“ Und genau in diesem Moment geschah es: Das Einhorn erwachte wirklich zum Leben: „Hallo? Ich bin eine Fantasiefigur in einem Fantasyspiel! Spiel einfach mit!“
Die letzte Karte des Tages besuchten sie danach nur noch kurz, nach neun Stunden waren ihre Gedanken müde geworden. Der nächste NPC, Snoop Dawg, erklärte dem Adler der Waldläuferin zwar noch schnell, wie er sich einen Überblick über die kommende „Wanderung“ verschaffen konnte, aber auch dessen Auffassungsgabe reichte nur noch für einen kurzen Blick in die Zukunft: ein Fluss, der in den Bergen verschwindet, dichter Wald auf beiden Seiten des Tals, eine weite Lichtung, ein tiefer Sumpf.
„Fortsetzung folgt,“, war der kollektive Gedanke der Party, als sie an diesem Samstag, 4. Juli, ihre Sachen zusammengesucht hatten und um kurz vor Zehn am Abend wieder ihrer Wege gingen. Das Tieflingsmädchen mit den Wolfsohren hatte nicht zu viel versprochen: Der Run Upon the Hill, der sie beim nächsten Treffen erwartete, wenn der Herbst schon wieder so viel näher sein würde, würde, konnte nichts anderes werden als das nächste große Abenteuer. Selbst wenn es auch ihr letzter sein mochte.
Der Brillenträger saß um kurz vor Mitternacht, an diesem 4. Juli, einem Samstag, noch ein letztes Mal am Schreibtisch und träumte, wobei er das Schreiben beendete, von realisierten Idealen, über die mensch nicht schreiben konnte, ohne sie nicht umgehend erneut zu idealisieren; Und das war wirklich das letzte, was der Brillenträger in diesem Augenblick wollte. Denn dass die Realität das eigentliche Phantasien ist, der einzige Ort an dem Träume wirklich Wirklichkeit werden, die idealste aller Welten, das hatte er bereits gestern erlebt: Einhörner gibt es wirklich. Sogar mehr als ein letztes. Sie haben große, strahlende Augen. Sie sind scheu, aber mutig. Sie sind neugierig, aber vorsichtig. Sie sind mitfühlend. Sie fühlen alles. Sie sind gutmütig. Sie sind klug, sie lernen. Und sie lieben, wenn sie einmal lieben, ganz. Mitunter sitzen Einhörner aber auch einfach zusammen an einem großen Tisch, an einem Freitag Abend im Juli, und spielen gemeinsam ein Spiel, das sie noch nicht kennen. Zukunft wird aus Mut gemacht.
Als die Glocken der Marktkirche den neuen Tag, Samstag, 4. Juli, eingeläutet hatten, beendete der Brillenträger seinen Szenenentwurf für eine Serienepisode, die niemals gedreht werden würde, die nur in seinem Kopf existierte und dort ihre ganz eigene Wirklichkeit fand:
Holly und Mrs. Wheeler sitzen gemeinsam an dem großen Tisch in dem Keller, in dem sonst Mike und die Party ihre Abenteuer bestritten hatten. Auf einem aufgeklappten Notebook läuft leise ein Video vom gestrigen Konzert im Finsbury Park in London (Vecna-Darsteller Jamie Campbell Bower singt mit Biffy Clyro „Machines“). Sie sind vertieft in eines dieser innigen Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Über das Abenteuer, das Holly gerade für ihre eigene Party plant. Über die anderen Wheelers und wie es denen gerade geht. Über ihre Pläne für die Sommerferien. Über das Buch, das sie jetzt abends immer lesen. Das mit den langen Sätzen und den vielen neuen Wörtern. Das mit dem Zauberer, mit der Hexe, dem König, dem Prinzen. Das mit dem brennenden Stier; und wie man den besiegt. Immer und immer wieder: Zusammen.
„Turn around!
Look at what you see!
In her face
the mirror of your dreams.
Make believe I’m everywhere,
given in the light,
written on the pages
is the answer
to a neverending story.“
(Limahl. 1984)

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